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Das Leben des Klim Samgin

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Das Leben des Klim Samgin
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»Wer, glaubst du, hat recht?«

Fieberhaft kratzte er sich mit dem Fingernagel die linke Augenbraue und knurrte:

»Zum Teufel nochmal, studieren muß man. Mit den Bettelpfennigen des Gymnasiums kommt man nicht weit.«

Auch Makarow befriedigten die hitzigen Wortgefechte bei Katin nicht.

»Sie wissen viel und verstehen es anzubringen, und das alles ist auch wichtig, aber es leuchtet nur und wärmt nicht. Und ist nicht die Hauptsache.«

Dronow fragte schnelclass="underline"

»Was ist denn die Hauptsache?«

»Du fragst dumm, Iwan«, antwortete Makarow voll Ärger. »Wüßte ich es, wäre ich der Weiseste der Weisen.«

Spät nachts, nach der langen Redeschlacht, begleiteten sie zu dritt Tomilin. Dronow hielt ihm seine Frage entgegen:

»Wer hat recht?«

Tomilin schritt langsam aus und blickte mit seinen porzellanen Augen in die Sterne. Widerwillig begann er:

»Diese Frage ist nicht am Platz, Iwan. Es handelt sich um den unvermeidlichen Zusammenprall zweier Gewohnheiten, über die Welt nachzudenken. Diese Gewohnheiten begleiten uns von Urzeit her. Sie sind unversöhnbar und werden immer die Menschen in Idealisten und Materialisten scheiden. Wer recht hat? Der Materialismus ist einfacher, praktischer und zuversichtlicher. Der Idealismus ist schön, aber unfruchtbar. Er ist aristokratisch, stellt höhere Ansprüche an den Menschen. Alle Systeme der Welterklärung enthalten, mehr oder weniger kunstvoll verborgen, Elemente des Pessimismus. Im Idealismus gibt es davon mehr als in dem ihm entgegengesetzten System.«

Nach einigem Schweigen verlangsamte er noch mehr seinen trägen Schritt und sagte:

»Ich bin kein Materialist, aber auch kein Idealist. Alle diese Leute aber ...« Er deutete mit der Hand über seine Schulter hinweg. »Sie wissen wenig, darum sind sie Gläubige. Plump und ungeschickt wiederholen sie uralte Gedanken. Natürlich, jeder Gedanke hat seinen unstreitigen Wert. Richtig aufgefaßt, kann er, selbst wenn er falsch ausgesprochen wird, Erwecker einer Menge neuer Gedanken sein, wie ein Stern, der seine Strahlen nach allen Seiten verstreut. Aber der absolute, reine Wert eines Gedankens verschwindet mit dem Prozeß seiner praktischen Verwertung. Hüte, Schirme, Schlafmützen, Brillen und Klistiere, das sind die Dinge, zu denen der reine Gedanke kraft unserer Sehnsucht nach Ruhe, Ordnung und Gleichgewicht verarbeitet wird.«

Er blieb stehen und zeigte mit der Hand über seine Schulter hinweg:

»Byron schrieb zwar Gedichte, doch begegnet man nicht selten auch tiefen Gedanken bei ihm. Hier ist einer: ›Der Denkende ist weniger wirklich als sein Gedanke.‹ Die dort – wissen das nicht.«

Mürrisch, unwirsch schloß er:

»Der Mensch ist das denkende Organ der Natur, eine andere Bedeutung kommt ihm nicht zu. Durch den Menschen strebt die Natur zur Erkenntnis ihrer selbst. Darin liegt alles.«

Als sie Tomilin bis zu seiner Wohnung geleitet und sich von ihm verabschiedet hatten, sagte Dronow:

»Er fängt an, wichtig zu tun, als hätten sie ihn zum Erzpriester geweiht. Und an den Hosen sind Flicken.«

Alle diese Gedanken, Worte und Eindrücke drangen durch jenes Andere, Beherrschende in Klims Bewußtsein, Sein Gedächtnis, gleichsam bestrebt, sich von der unnützen Last eintöniger Bilder zu befreien, weckte sie hartnäckig zum Leben, als wäre es mit geheimnisvoller Kraft zu einem Busch herangewachsen, der Blüten trug, die zu schauen ein wenig beschämend, aber sehr interessant und sehr angenehm war. Ihn wunderte, wieviel er von jenen Dingen sah, die als unanständig und schamlos gelten. Er brauchte nur einen Augenblick die Augen zu schließen, und er sah die schlanken Beine Alina Telepnews, wenn sie beim Eislauf hinfiel, sah die nackten melonenförmigen Brüste des schläfrigen Dienstmädchens, die Mutter auf Warawkas Schoß und den Schriftsteller Katin, wie er die dicken Knie seiner halb entkleideten Frau küßte, die auf dem Tisch saß.

Die stumme, katzenhaft, sanfte Gattin des Schriftstellers goß an den Abenden ohne Pause den Tee in die Gläser. Sie war jedes Jahr schwanger. Früher hatte dies Klim abgestoßen, weil es ihm ein Gefühl des Abscheus erregte. Er teilte Lidas Ansicht, die brüsk bemerkte, schwangere Frauen hätten etwas Schmutziges. Doch nun, seit er ihre nackten Knie und ihr von Freude trunkenes Gesicht gesehen hatte, weckte diese Frau, die allen gleichmäßig freundlich zulächelte, in ihm eine Neugier, in der für Ekel kein Raum mehr war.

Selbst ihre fade Schwester, die um die Gäste bemüht war wie eine Magd, die sich etwas hat zuschulden kommen lassen und um jeden Preis die Zufriedenheit der Herrschaft erringen muß, – selbst dieses Mädchen, unscheinbar wie Tanja Kulikow, zog Klims Blicke durch ihren Busen, der eng in ein buntes Zitzjäckchen gepreßt war, an. Klim hörte, wie Katin sie anschrie:

»Bin ich schuld, daß die Natur junge Mädchen auf die Welt bringt, die nicht einmal Pilze marinieren können ...«

Damals kam Klim dieser Hahnenschrei nur lächerlich vor, doch jetzt erschien ihm das langnäsige Mädchen mit dem pickligen Gesicht ungerecht beleidigt und sympathisch und das nicht nur, weil stille, unscheinbare Menschen überhaupt sympathisch sind, da sie nach nichts fragen und nichts verlangen.

Eines Abends brachte Klim dem Schriftsteller das neue Heft einer Zeitschrift. Katin empfing ihn, einen zerknüllten Brief schwenkend, und rief freudig erregt:

»Wissen Sie auch, Jüngling, daß in zwei oder drei Wochen Ihr Onkel aus der Verbannung zurückkommt? So nach und nach sammeln sich die alten Adler wieder!«

An der Wand platzten mit krachendem Geräusch die Tapeten. Durch den Spalt der angelehnten Tür steckte die Schwägerin ihr erschrockenes Gesicht.

»Es fängt an!« sagte sie und verschwand sogleich wieder.

»Meine Frau kommt nieder, warten Sie, bei ihr geht das rasch!« murmelte hastig Katin, nahm eine billige Bronzelampe vom Tisch und verschwand durch die schmale Tapetentür. Klim blieb in der Gesellschaft eines halben Dutzends Wiener Stühle am Tisch, der mit Büchern und Zeitungen beladen war, zurück. Ein weiterer Tisch nahm die ganze Mitte des Zimmers ein, auf ihm ragte ein erloschener Samowar, stand ungewaschenes Geschirr und waren die Teile einer auseinandergenommenen doppelläufigen Flinte verstreut. An der Wand lehnte das schwarze Sofa mit den heraushängenden Bastfetzen, darüber hingen Bildnisse Tschernyschewskis und Nekrassows. In einem goldenen Rahmen saß mit übergeschlagenen Beinen der fette Herzen. Neben ihm das finstere Gesicht Saltykows. Aus all diesem wehte Klim eine trübselige Armut an, nicht jene Armut, die den Schriftsteller hinderte, pünktlich seine Miete zu bezahlen, sondern eine andere, unheilbare, ängstigende und zugleich ergreifende.

Zehn Minuten später sprang der Schriftsteller aus der Wand heraus, hockte sich auf die Tischkante und prahlte:

»Erstaunlich leicht gebärt sie, die Kinder aber – wollen nicht leben.«

Er beugte sich zu ihm herab, stützte die Arme auf den Tisch und sprach hastig mit leiser Stimme:

»Jakow Samgin ist einer jener Matrosen auf dem Schiff der russischen Geschichte, die seine Segel mit ihrer Energie aufblähen, um seinen Lauf zu den Gestaden der Freiheit und Gerechtigkeit zu beschleunigen.«

Nacheinander titulierte er Jakow Samgin Steuermann, Schmied und Apostel, wiederholte aufgeregt: »Sie sammeln sich wieder, die Adler!« und verschwand hinter der Tür, von wo immer lauteres Stöhnen hereindrang. Klim entfernte sich eilig. Er befürchtete der Schriftsteller würde ihn über seine in der Zeitschrift veröffentlichte Erzählung ausfragen. Sie taugte nicht mehr als die übrigen Erzeugnisse Katins. In ihr gab es kindlich gutherzige Bauern, die, wie üblich, auf das Erscheinen der göttlichen Wahrheit warteten. Diese verhieß ihnen der Dorflehrer, ein redlich denkender Mensch, den zwei Bösewichte, der erbarmungslose Dorfreiche und der schlaue Pope, mit ihrem Haß verfolgten.

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