Der Erbe des Radscha
- Автор: Guben Berndt
- Серия: der pfeifer #3
- Язык: немецкий
- Жанр: Исторические приключения
Электронная книга - «Der Erbe des Radscha». Краткое содержание книги:
»Wir werden gar nicht entern. Wir werden sie außer Gefecht setzen und ihnen nach Möglichkeit die Ruderblätter zerschießen, damit sie in ihrer Manövrierfähigkeit behindert werden, so daß wir sie am kommenden Morgen in aller Ruhe beaugenscheinigen können.« Marinas Gesicht spiegelte Enttäuschung wider.
»Kein Kampf«, sagte sie, »kein Entern, keine Degen über feindliche Köpfe? Das behagt mir gar nicht. Ich brauche den Kampf.«
Michel wandte ihr langsam sein Gesicht zu und sah sie voll an.
»Ich werde nie aus Euch klug werden, Marina. Ihr habt Geist, Ihr habt Charme, wozu braucht Ihr auch noch dieses blutige Handwerk? Wißt Ihr nichts Besseres, um Eure Begabung zu entfalten?« Marina schwieg eine Weile. Dann bohrten sich ihre brennenden Blicke in seine ruhigen Augen. »Ihr—Ihr—Ihr braucht nichts außer Euch selbst«, sagte sie leidenschaftlich. »Ich weiß das. Ihr braucht keinen andern Menschen, um Euch bestätigt zu finden. Es sind drei Jahre her, seit wir nebeneinander herleben. Drei Jahre, in denen ich gehofft hatte, daß ein einzigesmal nur jener Funke überspränge, auf den jede Frau wartet. Aber nichts, gar nichts, keine Erfüllung, keine Erwiderung meiner Liebe. Ihr seid wie Stein. — Und deshalb brauche ich den Kampf.« Michel hatte ein feines Lächeln auf den Lippen. Er legte der bebenden Frau mit der Geste eines großen, wohlwollenden Bruders seine rechte Hand auf die Schulter. Seine Stimme war dunkel und beruhigend, als er sagte:
»Ihr müßtet eigentlich gemerkt haben, daß ich mehr für Euch empfinde als nur Kameradschaft. Aber zu meiner Lebensauffassung paßt Euer Wesen nicht. Ich mag keine vorübergehenden Liebesabenteuer, ich möchte eine Frau, die ich mit ruhiger Hand leiten und führen kann. Sie soll nicht meinem Willen Untertan sein; aber sie darf auch nicht versuchen, mich zu unterwerfen. Euch aber fehlt all das, was der Mann zum Ausgleich seiner Spannungen braucht. Ihr seid selbst Spannung in höchster Form. Deshalb bin ich Euch trotzdem sehr zugetan. Das wißt Ihr. Oder glaubt Ihr, ich hätte all die Gefahren und Anstrengungen zu Eurer Befreiung auf mich genommen, wenn Ihr mir gleichgültig wärt.«
Sein Arm lag noch immer auf ihrer Schulter. Aber er blieb gestreckt und verhinderte so, daß Marina ihm zu nahe kam. Er bannte sie auf den Fleck, auf dem sie stand. Aber die Flammen, die
über ihr zusammenschlugen, hatten die Gewalt eines Vulkans. Eine unbeschreibliche Seligkeit war über sie gekommen.
Sie stieß seinen Arm hoch und taumelte zu ihm. Sie riß seinen Kopf zu sich herab und preßte ihre Lippen auf die seinen wie ein Mensch, der verdurstend seinen Mund in die kühle Fontäne einer sprudelnden Quelle hält. Alles in ihr war Aufruhr.
Michel wurde von der Ursprünglichkeit ihrer Liebe überwältigt. Er wehrte sich nicht; aber er konnte und durfte auch nicht seinen Verstand verlieren. Er war dem Augenblick preisgegeben und hätte sich fast an die unerhörte Frau verloren, wenn nicht in diesem Augenblick die Stimme Jardins dieser Szene ein schnelles Ende bereitet hätte.
»Senorita Capitan, Senor Baum, wir haben jetzt Richtung auf das südliche der beiden Schiffe.« Die beiden Menschen lösten sich mit einem Ruck voneinander. »Wir kommen«, erwiderte Michel.
Er lief die Treppe hinab und rannte zum Bug. Marina folgte ihm.
Drei Gläser richteten sich auf die schattenhaften Umrisse des Schiffes, dessen Salven alle paar Minuten nach Osten dröhnten.
»Meint Ihr, daß wir dicht genug heran sind?« fragte Michel Jardin.
»In der Nacht läßt sich der wahre Abstand nur schwer einschätzen. Es gibt nur einen, dessen Augen in der Dunkelheit das richtige Maß treffen. Das ist Ojo.« »So holt ihn.«
Ojo kam und nahm eins der Gläser. Lange spähte er hindurch. Dann meinte er: »Ich kann nicht mit absoluter Sicherheit versprechen,
daß die erste Salve gleich richtig sitzen wird. Aber laßt mich nur machen. Ich werde das Beste herausholen.«
»Bueno, Diaz. Wir verlassen uns auf dich. Übernimm das Kommando. Sieh zu, daß den Burschen da drüben der Schrecken in die Glieder fährt.«
Ojo ging von Kanone zu Kanone. Hinter jedem Geschütz hockten die vor Erregung zitternden Kanoniere. Mit scharfen Augen starrten sie in die Dunkelheit und wägten die Möglichkeiten ab.
Jedesmal, wenn ein Kampf bevorstand, kam das alte Piratenfieber über sie. Es war wie bei einem Wilddieb, dem ein kapitaler Bock vor die Flinte läuft.
»Meint ihr, daß es klappen wird?« fragte Ojo flüsternd jeden einzelnen.
Sie nickten eifrig.
»Dann paßt auf. Ich gebe mit lauter Stimme mein Kommando. Seht zu, daß ihr die Burschen nicht leck schießt. Vielleicht können wir mit einer Flotte von fünf Schiffen in Kalkutta einlaufen!«
Niemand sprach mehr ein Wort. Es herrschte eine Stille, daß man die Herzen pochen hören konnte. Ojo hatte das Fernrohr angesetzt, setzte es wieder ab, setzte es wieder an. Er wollte erkennen und abschätzen. Dann war es so weit. Er glaubte die richtige Entfernung für eine sichere Salve zu haben.
Plötzlich zerriß sein donnernder Baß die lastende Stille. »Buggeschütze — Feuer!«
Hei, wie die Kanonen brüllten, wie sie zurückrollten.
Mit der Präzision und der Geschwindigkeit einer Maschine luden die Kanoniere nach. Fünfundzwanzig Sekunden brauchten sie nur. Was sie vollbrachten, war ein Kunststück, um das
sie jeder Admiral einer Kriegsflotte beneidet hätte.»Feuer frei zur zweiten Salve. — Achtung — Feuer!«
Die Geschütze des Gegners schwiegen. Als sich der Pulverdampf verzogen hatte, gewahrte man drüben einen sich rasch vergrößernden Lichtschein. Michel, der das Glas nicht abgesetzt hatte, rief:
»Teufel, companeros, ihr müßt ein Pulverfaß getroffen haben. Sie brennen!« Auf dem nördlichen Schiff war man aufmerksam geworden. Die Salven, mit denen man bisher die »Mapeika« und die »Unicorn« beschossen hatte, verstummten. Das Blitzen der Mündungsfeuer hörte auf.
»Aha«, sagte Marina, »sie haben gemerkt, daß bei ihren Genossen etwas nicht stimmt.« »Ich kann das zweite Schiff nicht erkennen«, sagte Michel verzweifelt. »Was nun, wenn sie abdrehen und sich davonmachen?«
»Seht, seht«, rief Ojo, »auf der »Mapeika« schwenkt jemand die Signallaternen.«
Ojo verfolgte die Kreise und Striche, die drüben der Signalgast vollführte.
»Sie wollen, daß wir direkt Kurs auf sie nehmen. Dabei würden wir auf den anderen Gegner stoßen.«
Virgen hatte von seinem Steuer die Zeichen ebenfalls gesehen und gelesen. Die »Trueno« war bereits wieder in voller Fahrt. —