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Der Erbe des Radscha

Электронная книга - «Der Erbe des Radscha». Краткое содержание книги:

Indien heißt das neue Ziel der Abenteurer. Hier treten sie in die Dienste der berüchtigten Ostindien-Kompanie und geraten mitten in die politischen Wirren des hart heimgesuchten Landes. Tscham, ein junger Eingeborener, will den unterdrückten Bauern helfen: sein Mordpfeil gilt dem reichen Radscha von Bihar. Doch dann erfährt er am eigenen Leibe, wer die eigentlichen Unterdrücker im Lande sind und daß es gegen sie kein Aufkommen gibt. Zusammen mit seinem Freund, dem Pfeifer, flieht er aus dem brennenden Palast, mit dem die Freiheit Bihars in Schutt und Asche versinkt.
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»Du weißt also, wessen du schuldig bist, alter Mann«, sagte Tscham ohne großen Respekt. Der Radscha gab den Offizieren einen Wink, den Raum zu verlassen. Als sie allein waren, meinte er:

»Setz dich dorthin, Tscham, wir wollen uns unterhalten.« »Hast du keine Angst, daß ich dich erwürgen könnte, Tyrann?« wunderte sich Tscham.

»Nein, mein Leben währt sowieso nicht mehr lange. Und ich glaube nicht, daß du ein Stück Indien ermorden würdest. Du bist sehr klug für dein Alter. Wie alt bist du?«

»Siebzehn. Ein Jahrzehnt war ich in der Lehre des großen, weisen Mannes, den mir deine Knechte geraubt haben. Die Erbitterung im Volk ist sehr groß; denn die Höhe der Abgaben hat sich im vergangenen Jahr dreimal gesteigert. Deine Steuereinnehmer lassen den Raijaten keinen Anna mehr, damit sie im Winter getrocknete Früchte kaufen können.«

»Ich weiß, daß du recht hast, Tscham, aber ich weiß nicht, wie anders ich meinen Vertrag mit der Ostindien-Kompanie einhalten soll.«

»Was ist das: Ostindien-Kompanie?«

Der Radscha hielt dem Knaben einen langen Vortrag, der bis tief in die Nacht hinein dauerte. Viele Zusammenhänge wurden Tscham klar. Er konnte nun die Tragik Indiens aus einem neuen Gesichtswinkel betrachten.

»Dennoch werde ich mich an dir rächen. Die Ostindien-Kompanie kann nicht schuld daran sein, daß sich deine Söldner an den Trägern indischen Geistes vergreifen.«

»Ich war so entsetzt wie du, als ich heute nachmittag davon erfuhr. Ich werde morgen feststellen lassen, was mit Sadharan geschehen ist. Vielleicht kann ich ihn dir wiedergeben. — Bist du jetzt müde? Willst du schlafen? Dann bette deinen Kopf dort auf die Kissen.« »Was soll weiter geschehen?« fragte Tscham. »Wann wirst du mich bestrafen lassen?« »Ich werde dich nicht bestrafen«, lächelte der alte Radscha, »denn für dein Vergehen gäbe es nur die Todesstrafe. Und ich kann nicht mit dir ein Stück des jungen Hindustan vernichten. Wir brauchen Menschen wie dich. Wir brauchen Knaben, die einst die Nachfolge Sadharans antreten. Ich habe etwas mit dir vor, worüber ich aber jetzt noch nicht sprechen will. Nun geh schlafen, du wirst müde sein.«

22

Am Morgen erwachte Tscham dadurch, daß eine Hand über sein Haar strich. Als er die Augen aufschlug, blickte er in ein altes, vertrautes Antlitz. Sadharan stand vor ihm und lächelte.

Mit einem Satz war Tscham auf den Füßen und warf sich seinem Lehrer an die Brust. Dicke Tränen rollten aus seinen Augen, Tränen der Freude.

»Du lebst, weiser Mann, du bist nicht tot, sie haben dich nicht erschlagen oder gefoltert?« »Ich lebe«, sagte Sadharan, »frage nicht weiter. Wir müssen vergessen, was war. Neue Aufgaben stehen uns bevor. Ich habe von der Zeit, da die Sonne aufging, bis eben ein langes Gespräch mit dem Radscha gehabt. Vieles, was wir auf den Dörfern nicht wußten, was auch nicht zu meinem Wissensgebiet gehört, nämlich die Politik, kannten wir nicht. Wir haben gedacht, alles sei vom reinen Geist gelenkt. Aber es gibt so wenig Menschen, die überhaupt an den Geist glauben. Es gibt Abarten des Geistes, die den Geist verderben. Und eine davon ist die Politik. Sie zwingt zur Lüge und zwingt zur Gewalt, wenn sich ein Politiker gegen den anderen behaupten will. Die ganze Geschichte der Welt ist nicht Geist, sondern Politik. Das müssen wir lernen, die reinen Wege mit den Schleichwegen zu verbinden und uns so gegen die Politik der anderen zu behaupten.«

Tscham starrte ihn ungläubig an.

»Ist es dein Ernst, weiser Mann, daß du jenen Pfad verlassen willst, den du mich zehn Jahre lang gelehrt hast zu gehen?

»Nicht verlassen, Tscham. Nur verbergen. Es stehen Mächte gegen uns, von denen wir nichts wußten. Es gibt andere Völker und andere Rassen, die niemals den Weg der Gewaltlosigkeit zu gehen vermögen, da sie ihn gar nicht kennen. Und dem müssen wir Rechnung tragen. Jetzt gehe mit mir. Der Radscha erwartet uns.«

Sie kamen in den Thronsaal des Palastes. Zu ihrem Erstaunen waren die Räte und Khans des Fürstentums vollzählig versammelt.

Als die Blicke der Anwesenden Tscham erfaßten, erhob sich ein überraschtes Raunen im Saal. Tscham blieb verlegen stehen; aber der Radscha winkte ihn heran. Als er mit seinem Lehrer vor den Stufen stand, die zum Thron hinaufführten, erhob der Radscha seine Stimme: »Ihr Ratgeber von Bihar, ihr Weisen aus dem Reich des Großmoguls, seit Jahren sprecht ihr davon, daß ich einen Sohn adoptieren soll. Ihr verwundertet euch ob meines Zögerns. Ich kannte niemanden, dem ich nach meinem Tode die Geschicke Bihars anvertrauen wollte. Heute nacht sandte mir Lakschmi, die Göttin des Glücks, Tscham, der hier vor euch steht. In ihm erkannte ich jenen, dem ich das Land nach meinem Tode anvertrauen kann. Er ist kühn und kennt die Wege des großen indischen Geistes. Er ist erfahren in der Philosophie und in den Lehren der Upanischaden. Es bleibt uns nur, ihn nun noch über die Wege der Politik zu unterrichten. Ich ernenne Sadharan zu seinem Lehrer und Führer und bitte euch, die Einsippung nach altem hindustanischem Brauch vorzubereiten.«

Aus dem Murmeln der Versammlung wurde freudiges Zustimmen. Die Würdenträger von Bihar beglückwünschten sich gegenseitig. Endlich war es so weit. Der Erbe war da. Bihar würde ein indisches Fürstentum bleiben.

Als der Radscha mit Tscham und Sadharan den Saal verließ, beugten die Ehrwürdigen ergriffen das Haupt.

23

Sie hatten das Kap umschifft. Sie waren durch das Arabische Meer gefahren und hatten auch die Südspitze Indiens hinter sich gebracht. Jetzt segelten sie an der ostindischen Küste nach Norden. Eigentlich hatten sie damit gerechnet, daß sie in der Gegend von Ceylon von Piraten belästigt werden würden. Aber sie waren in vollkommener Ruhe durch die Palkstraße gefahren und befanden sich jetzt auf der Höhe von Masulipatam.Noch sechshundert Seemeilen, und dann würden sie Diamond Harbour, den Hafen von Kalkutta, erreichen.

Die Schiffe fuhren in Kiellinie. Zuerst die »Trueno«, dann die »Mapeika«. Den Abschluß bildete die »Unicorn«. Die Mannschaft der »Mapeika« hatte man aus zwanzig Engländern von der »Unicorn«, zehn Spaniern von der »Trueno« und den zwölf spanischen Sklaven, die aus dem Kielraum der »Mapeika« befreit worden waren, gebildet. Nach langen Überredungskünsten Marinas und Jardins hatte Kapitän Porquez sich bereit erklärt, die »Mapeika« vorläufig zu übernehmen. Sein Steuermann war Don Hidalgo. Und Porquez bereute nicht, daß er sich dazu verstanden hatte. Es verband ihn bald Freundschaft mit dem weißbärtigen Spanier, dessen Humor eine unversiegliche Quelle guter Laune schuf. Die befreiten Spanier waren dankbar und froh, und die im Kielraum schmachtenden Türken hatten nichts zu lachen. Der Pfeifer hatte zwar durchgesetzt, daß sie anständig verpflegt wurden, stieß aber jedesmal, wenn er davon sprach, sie irgendwo an Land zu setzen, auf den erbitterten Widerstand von Marina und Don Hidalgos Spaniern.

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