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Der Erbe des Radscha

Электронная книга - «Der Erbe des Radscha». Краткое содержание книги:

Indien heißt das neue Ziel der Abenteurer. Hier treten sie in die Dienste der berüchtigten Ostindien-Kompanie und geraten mitten in die politischen Wirren des hart heimgesuchten Landes. Tscham, ein junger Eingeborener, will den unterdrückten Bauern helfen: sein Mordpfeil gilt dem reichen Radscha von Bihar. Doch dann erfährt er am eigenen Leibe, wer die eigentlichen Unterdrücker im Lande sind und daß es gegen sie kein Aufkommen gibt. Zusammen mit seinem Freund, dem Pfeifer, flieht er aus dem brennenden Palast, mit dem die Freiheit Bihars in Schutt und Asche versinkt.
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»Fox wird morgen wieder nach dem Tribut fragen, Hoheit. Was soll ich ihm antworten?« »Halte ihn hin, Sahu Khan, bis wir wissen, was wir unternehmen werden.« Der Radscha verließ würdigen Schritts den Saal.

»Hinhalten«, sagte Sahu zu Daulat, »wie er sich das vorstellt! Die Sipoys werden kommen und kurzen Prozeß machen. Sie haben es mit vielen anderen Fürstentümern in Indien bewiesen.« Daulat sagte nur:

»Er wird alt. Und er hat keinen Nachfolger. Er sollte endlich jemanden adoptieren. Wenn kein Erbe da ist, hat die Kompanie sowieso leichtes Spiel. Die Herren in Kalkutta haben es gelernt, auf ihre Stunde zu warten.«

Die anderen nickten Zustimmung. Ihre Köpfe waren voll schwerer Gedanken.

21

Nacht lag über Bihar, undurchdringliche Nacht. Die heiligen Bo-Bäume nickten im Rauschen des Windes mit ihren Kronen, die wie große Köpfe aussahen. Es war, als ob selbst die Pflanzen und Tiere in schweigender Trauer um die einstige Größe Indiens verharrten. An der Mauer des Palastes huschte ein Schatten entlang, dessen hastige Beweglichkeit nicht so recht in den Rahmen der friedlichen Nacht passen wollte. Die Gestalt, der dieser Schatten gehörte, duckte sich jetzt hinter ein Gebüsch; denn aus der Nacht klang der Schritt eines Postens auf.

Als nach wenigen Minuten wieder Ruhe war, huschte die Gestalt weiter und erreichte ungesehen das Bronzegitter, das die Mauer hier unterbrach. Das Gitter schloß nachts den Eingang zum Park des Palastes ab.

Mit flinken Bewegungen erklomm die Gestalt das durchbrochene Bronzetor und sprang auf der anderen Seite weichfedernd auf den Boden. Von den Bäumen des Parkes gedeckt, schlich sie sich in die Nähe des englischen Pavillons, in dem der Radscha zu schlafen pflegte. Der Schein flackernder Kerzen verriet dem Eindringling, daß hinter den Fenstern noch Leben war. Er zog sich am Gesims empor und stand kurz darauf auf der Balustrade, die unter den Fenstern entlanglief. Er spähte durch die Scheiben. Sein Blick fiel zuerst auf einen schmiedeeisernen Leuchter, dessen fünfzehn Kerzen alle brannten. Dann blieb er auf einer Gestalt haften, die in langsamen Schritten sinnend auf und ab ging.

Alles deutete darauf hin, daß der alte Mann dort mit dem weißen Turban, der über der Stirn von einer blutroten Rubinagraffe zusammengehalten wurde, der Radscha von Bihar war. Der Späher am Fenster nahm einen großen Sandelholzbogen vom Rücken, langte einen Pfeil aus dem Köcher und setzte den Bogen an. Ein rascher Stoß zertrümmerte die Scheibe. Im nächsten Augenblick sprang der Pfeil von der Sehne und bohrte sich, wie es den Anschein hatte, in den Kopf des Radscha.

Der Radscha stand wie erstarrt im Raum. Jetzt müßte er eigentlich zusammensinken.

Mit Schrecken sah der Eindringling, wie statt dessen seine Hand zum Kopf fuhr und den Turban herunterriß. Der Pfeil hatte sich nur in das Tuch gebohrt. Der Herr von Bihar war unverletzt. Mit einer raschen Bewegung, die man dem alten Mann gar nicht zugetraut hätte, brachte er sich aus der Schußrichtung und schlug mit kräftiger Hand mehrmals auf ein dumpfklingendes Tamburin.

Der Mörder wollte noch einen zweiten Schuß anbringen, kam aber nicht mehr zur Ausführung seines Vorhabens; denn er sah, wie von allen Seiten die Krieger des Radscha auf den Pavillon zuliefen und diesen umstellten. Zwei Mann gingen hinein, kamen kurz darauf wieder heraus und deuteten auf die Balustrade, auf der der Attentäter kauerte.

Für ihn war keine Flucht mehr möglich. Als er das erkannte, richtete er sich hoch auf, legte den Bogen an und rief mit lauter, heller Stimme:

»Hier steht Tscham. Ich gebe mich gefangen, wenn ihr mir versprecht, daß ihr mich weder prügeln noch fesseln werdet. Tscham läßt sich nicht von den Knechten eines Fürsten schlagen.« »Tscham?« dröhnte die Stimme eines der Offiziere,»wer ist Tscham? Bist du ein so berühmter Mann, daß du als Mörder eine bevorzugte Behandlung verlangst? Komm herab von der Balustrade. Sonst schießen wir dich herunter.« »Schießt immerhin, ihr Knechte, ihr Söldlinge, ihr Ratten, die sich nicht scheuen, gegen das eigene Volk zu kämpfen. Schießt, aber der erste, der seine Flinte gegen mich erhebt, wird, von meinem Pfeil getroffen, ins Reich des Todes gehen.« Die Stimme des Offiziers kam wieder. »Schießt den Eindringling herunter!«

Mehrere Krieger legten die alten Flinten an und zielten lange und sorgfältig auf Tscham. Aber ehe noch ein Schuß gefallen war, stürzten zwei von ihnen tot zu Boden. Die Pfeile des Jungen waren schneller.

Jetzt knatterte eine Reihe von Schüssen auf. Aber Tscham lag flach hinter dem Steinwulst des Gesimses. Die Kugeln schlugen wirkungslos in die weißen Wände des Pavillons. Wieder sauste ein Pfeil durch die Luft, und wieder sank ein Mann stöhnend zusammen. Das furchtbare Spiel von Tod und Leben dauerte an.

Da ertönte noch einmal das dumpfe Trommeln des Tamburins. Einer der Offiziere eilte zum Radscha. Als er zurückkam, rief er:

»Höre, Tscham, Seine Hoheit, der Radscha von Bihar, läßt dich der Ehre teilhaftig werden, vor sein Antlitz zu treten, ungefesselt und frei. Du darfst also herunterkommen und sicher sein, daß wir nicht schießen werden, aber der Radscha verlangt, daß du dich nachher seiner Entscheidung beugst.«

Tschams sehnige Jünglingsfigur wuchs an der Mauer empor.

»Ich beuge mich dem Willen des Fürsten. Da ich Bihar schon nicht von ihm befreien konnte, so will ich jedenfalls die Gelegenheit nutzen, um ihm zu sagen, was sein Volk über ihn denkt.« Mit einem katzenhaften Sprung stand er vor den Söldnern. Die Offiziere nahmen ihn zwischen sich und führten ihn in den Pavillon. Dort stand der Radscha und hatte seine Hände auf dem Rücken gefaltet.

Tscham sagte weder ein Wort der Begrüßung, noch machte er die übliche Verbeugung. Er stand einfach da und blickte dem alten Fürsten mit trotzigen Augen ins Gesicht. Wie verhaßt muß ich doch sein, dachte der Radscha, wenn so junge Männer schon ihr Leben wagen, um mich zu töten! Laut sagte er:

»Du bist tapfer, Tscham; aber du wendest deine Tapferkeit an falscher Stelle an. Weshalb wolltest du mich töten?«

Tscham ballte die Fäuste und trat einen Schritt vor. Mit glühenden Augen und zornigen Falten in seinem jugendlichen Gesicht sagte er:

»Du bist ein Tyrann. Deine Söldner saugen die Bauern aus, damit du in Reichtum leben kannst. Das war zwar schon immer so mit den Fürsten Indiens. Du aber gehst weiter. Du mordest den Geist Indiens und läßt die Stätten der Weisheit zertrümmern und die Träger der hindustanischen Philosophie in deinen Kerkern schmachten. Das hat noch nie ein hindustanischer Fürst getan.« Der Radscha schaute den Jungen verwundert an. Es war ihm neu, daß ein Halbwüchsiger sich zum Verteidiger des Geistes aufschwang. Es war ihm so neu, daß er überrascht ausrief: »Du bist es, ja, du bist der Richtige!« »Ich verstehe dich nicht«, sagte Tscham. »Bist du gekommen, um Sadharan zu rächen?«

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