Der Erbe des Radscha
- Автор: Guben Berndt
- Серия: der pfeifer #3
- Язык: немецкий
- Жанр: Исторические приключения
Электронная книга - «Der Erbe des Radscha». Краткое содержание книги:
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Die Gruppe, zu der Sahu gehörte, begab sich in den Palast und wandelte gemessenen Schrittes dem Ratssaal zu. Diener mit weißen Turbanen öffneten die großen Flügeltüren und ließen die Ratgeber eintreten.
Der Ratssaal war kostbar ausgestattet. An seinem Kopfende gab es eine thronartige Erhöhung, über die ein beweglicher Baldachin gespannt war. Dieser Baldachin diente nicht zur Verschönerung, sondern konnte wie ein Fächer bewegt werden, so daß der darunter Sitzende stets von einem kühlenden Luftzug umgeben war.
Wieder öffneten sich die Flügeltüren, und der Radscha von Bihar betrat, gefolgt von zwei Vertrauten und zwei Dienern, den Saal.
Die Wartenden legten die Handflächen flach zusammen, führten sie zur Stirn und verbeugten sich, wie es die indische Sitte verlangte.
Der alte, weißbärtige Herr nickte leicht und schritt dem Sitz unter dem Baldachin zu. Die Diener setzten den Riesenfächer in Bewegung. Die zwei Vertrauten nahmen zu Füßen des Fürsten ihren Platz ein.
»Nun, ihr Edlen«, begann der Fürst, »weshalb habt ihr mich gebeten, mit euch zu Rate zu sitzen? Was gibt es Außergewöhnliches in Bihar?« Sahu trat vor, verbeugte sich abermals und sagte:
»Ich, dein alleruntertänigster Diener, habe Wichtiges vorzutragen, Hoheit. Gestern morgen erreichte mich die Kunde, daß das Volk von Bihar nicht mehr nur gegen die hohen Steuern murrt, sondern daß es sich an verschiedenen Orten bereits in offenem Aufstand befindet. Die Raijaten können oder wollen nichts mehr zahlen; denn die Ernte war schlecht, eine Hungersnot droht.«
»In offenem Aufstand?« fragte der Fürst. »Wie soll ich das verstehen? Rücken sie auf Bihar vor?«
»So weit ist es noch nicht. Vorerst haben sie einen unserer Steuereinnehmer hinterrücks mit einem vergifteten Pfeil erschossen. Der Mörder konnte nicht ge-funden werden. Aber deine Söldner haben den vermutlichen Urheber des Aufstands gefangen und in den Schlangenturm geworfen. Sie haben sein Haus zerstört und seine Besitztümer vernichtet. Das Volk, Hoheit, ist darüber äußerst erbittert.«
Der Radscha starrte nachdenklich vor sich hin. Dann senkte er sein Haupt und fragte mit leiser Stimme:
»Wer ist der Urheber des Aufstandes, kenne ich ihn? Ist er ein Mann von Bedeutung?«
»Ja, Hoheit.« Die Ratgeber sahen einander unschlüssig an. Sollten sie dem Fürsten den Namen sagen? Sahu fuhr fort: »Es ist der weithin bekannte und geliebte Brahmane Sadharan, einer der Weisesten und Gütigsten deines Volkes, Hoheit.«
Der Radscha sah auf. Unmutsfalten standen auf seiner hohen Stirn.
»Sadharan?« fragte er, und Bestürzung war in seiner Stimme, »Sadharan soll einen Aufstand angezettelt haben? Das ist kaum zu glauben, ja unfaßlich. Habt ihr Beweise dafür?« »Unmittelbare Beweise gibt es nicht; denn das Volk läßt sich lieber foltern, als daß es etwas aussagt. Dennoch war die Empörung so groß, daß einige deiner Söldner von den wütenden Bauern erschlagen wurden. Sadharan hat offen gegen deinen Steuereinnehmer gesprochen. Und als dieser ihn dafür züchtigen lassen wollte, traf ihn der Giftpfeil, der, wie die Bauern glauben und wie der Brahmane behauptete, von Schiwas Bogen stammte.« Es herrschte Schweigen im Ratssaal. Nach einer Weile fragte der Radscha:
»Auf welche Summe beläuft sich der Fehlbetrag in deiner Kasse, Sahu Khan?« »Auf hundertzwanzigtausend Rupien, Hoheit. Und soeben war Fox bei mir und drängte auf Zahlung unseres Tributs an die Kompanie.« Des Radschas Stirn umwölkte sich.
»Die Kompanie, immer diese Engländer! Meinst du nicht, daß sie uns den Tribut stunden könnten?«
»Solange Fox die Gesellschaft vertritt, werden sie uns keinen Anna stunden.« »Wie wäre es, wenn wir ohne Wissen von Fox einen geeigneten Botschafter nach Kalkutta schicken, damit er dem Generalgouverneur unsere Sorgen unmittelbar vorträgt?« Die Ratgeber warfen einander fragende Blicke zu. Sahu kannte die Engländer der Kompanie zu gut, um sich einer so trügerischen Hoffnung hinzugeben. Aber weshalb sollte man dem alten Radscha von vornherein jede Hoffnung nehmen? Vielleicht brachte es ein geschickter Unterhändler fertig, menschliche Saiten, die unzweifelhaft auch bei den Leuten der Kompanie vorhanden waren, zum Klingen zu bringen.
»Wir können es immerhin versuchen, Hoheit. Ich zweifle zwar am Erfolg einer solchen Mission. Aber es wird uns nichts anderes übrigbleiben.«
»Oh, Sahu Khan«, warf einer der Ratgeber ein, jener, der die Truppen des Radscha befehligte, »es gibt eine Möglichkeit, das Geld schnellstens herbeizuschaffen.« »Und die wäre?« fragte Sahu.
»Wir würden alle Krieger Seiner Hoheit aufbieten und mit dieser verhältnismäßig großen Streitmacht von Dorf zu Dorf ziehen, um die Bauern zu züchtigen und ihnen alle Annas zu entreißen, die sie irgendwo vergraben haben. Wenn das nicht ausreicht, könnten wir die Kompanie bitten, uns ein Bataillon Sipoys zur Verfügung zustellen, was uns der Generalgouverneur sicherlich nicht abschlagen würde.«
Der Radscha vergaß seine Würde. Er sprang auf und streckte die geballte Faust gegen den Kommandeur seiner Truppen aus.
»Wie kannst du mir einen solchen Vorschlag machen, Daulat Khan! Meine Seele empört sich bei dem Gedanken, daß Inder auf solche Weise gegen Inder vorgehen könnten! Es ist der Gott der Finsternis, der dir solche Gedanken eingibt.«
Daulats Gesicht spiegelte Verlegenheit, gepaart mit Verschlagenheit. Er sagte ruhig: »Die Raijaten sind Verderbte, sind Unreine. Seit Jahrhunderten empören sie sich immer wieder gegen den Zehnten, den sie ihren angestammten Fürsten schuldig sind. Wenn man ihnen nicht die Zähne zeigt, werden sie eines Tages dahin kommen, daß sie freiwillig überhaupt nichts mehr hergeben.«
»Du machst einen Denkfehler, Daulat Khan. Sind wir von Schiwa eingesetzt, um unsere Untergebenen zu knechten oder um ihnen Schutz und Hort der Friedlichkeit zu sein? Die Religion der Hindus gebietet Gewaltlosigkeit. Wenn unsere Truppen und unsere Steuereinnehmer schon nicht mehr vor den Trägern des indischen Geistes haltmachen, wo soll Indien denn da noch hinkommen?« Daulat zuckte die Achseln.
»Ich weiß nichts anderes, um die Kasse Sahu Khans wieder aufzufüllen, Hoheit.«
Der Radscha setzte sich wieder. Er grübelte eine Weile. Und dann ging ein Aufleuchten über seine Züge.
»Wie wäre es, wenn wir den Vertrag mit der Ostindien-Kompanie kündigten?« Die Gesichter der Ratgeber nahmen zuerst einen verblüfften Ausdruck an. Einer sagte: »Du selbst hast diesen Vertrag gewollt, Hoheit.« Der Radscha winkte ab.
»Was heißt gewollt. Gewollt hat ihn Fox. Und ich bin auf seine Reden hereingefallen. Wer sollte schon unser kleines Fürstentum erobern wollen? Es gibt nur einen, der versuchen wird, es zu schlucken: das ist die Kompanie. Wenn wir keinen Tribut mehr entrichten, dann können wir die Steuergelder dazu benutzen, Waffen zu kaufen und eine eigene Streitmacht aufzustellen. Nun, über meinen Vorschlag braucht jetzt nicht beschlossen zu werden. Wir werden es uns überlegen. Ich erkläre die Ratssitzung für geschlossen.« Er wollte gehen, aber Sahus Stimme hielt ihn zurück.