Der Erbe des Radscha
- Автор: Guben Berndt
- Серия: der pfeifer #3
- Язык: немецкий
- Жанр: Исторические приключения
Электронная книга - «Der Erbe des Radscha». Краткое содержание книги:
»Tscham«, rief er halblaut, »um Gottes willen, Tscham, was treibt dich ins Dorf?«
»Ich wollte meinen weisen Lehrer wiedersehen. Und ich fand nur die Trümmer seines Hauses.
Was ist mit ihm?«
»O Tscham, geh schnell wieder in die Wälder! Die Bauern hassen dich; denn sie wissen, daß du den Steuereinnehmer erschossen hast. Die Reiter des Radscha sind wiedergekommen und haben den Brahmanen gefoltert. Als er trotz aller Qualen nichts sagen wollte, nahmen sie ihn mit. Er war der gute Geist des Dorfes, und die Bauern geben dir die Schuld, daß man ihn uns genommen hat.«
Tscham starrte seinen Pflegevater entsetzt an. Aber dann wurden seine Augen hart.
»Lebt wohl und Dank für alles, was ihr mir gegeben habt. Ich gehe zurück in die Wälder. Und ich sage dir, der Tag wird kommen, an dem ich Sadharan rächen werde.«
19
Mr. Stanley Fox saß, weit in seinen Liegesessel zurückgelehnt, auf der Veranda seines Bungalows. Von Zeit zu Zeit griff seine Hand nach dem mit Whisky gefüllten Glas. Schluck um Schluck schüttete er das scharfe, unverdünnte Getränk die Kehle hinunter.
Riesige Bartstoppeln standen in seinem Gesicht. Er war zu faul, sich zu rasieren. Sauberkeit hielt er hierzulande, zwischen den dreckigen Hindus, wie er die Einwohner von Bihar geringschätzig nannte, für völlig überflüssig. Seine Kleidung, einstmals weiß, starrte vor Schmutz. Aber Mr. Fox schien sich dennoch wohlzufühlen. Er war der Handelsattache der Ostindischen Kompanie am Hof des Radscha von Bihar. Wenigstens war Handelsattache seine offizielle Bezeichnung. In Wirklichkeit hatte er die Aufgabe, herauszubringen, wie man das kleine Fürstentum am besten in den Herrschaftsbereich der Kompanie einfügen konnte. Der Radscha von Bihar war ein betagter Herr, der nicht mehr allzu viele Jahre zu leben haben würde. Er war der Zivilisation des Abendlandes gegenüber sehr aufgeschlossen, hielt sich englische Pferde, englische Karossen, hatte im Park seines Palastes einen englischen Pavillon errichten lassen und baute mit englischen Ingenieuren Straßen nach britischem Muster. Der Radscha von Bihar war nicht arm. Er hätte alle diese Dinge in bar bezahlen können. Aber daran lag der Ostindien-Kompanie gar nichts. Der Generalgouverneur in Kalkutta hatte ein Konto für ihn errichtet, auf dem der Radscha hoch in der Kreide stand. Das schlimmste dabei war, daß der alte Fürst keine Ahnung von seinen beträchtlichen Schulden hatte. Er vermeinte, daß die vierteljährlichen Tribute, die er an Mr. Fox bezahlte, einmal dazu dienten, seine Schulden zu begleichen, und zweitens, von den Truppen der Kompanie gegen Übergriffe anderer Maharatten1 geschützt zu sein. Wie schon erwähnt, war sein Fürstentum klein und die Bevölkerung arm, so daß er sich eine eigene Schutzarmee nicht halten konnte. Aus eigenen Mitteln bestritt er lediglich die Kosten für seine Palastgarde, eine Einheit von noch nicht fünfhundert Mann Stärke.
Mr. Stanley Fox war vor fünf Jahren in dieses friedliche Ländchen gekommen und hatte die Segnungen der Zivilisation hauptsächlich in Form von nie ausgehenden Whiskyflaschenbatterien auf seinem Elefanten mitgeführt.
Er war es, der den Radscha zu den Tributen zu überreden versuchte. Und der Radscha, dessen Fürstentum gerade zu jenem Zeitpunkt dauernd von mehr oder weniger gut ausgerüsteten Räuberbanden belästigt wurde, hatte in den Schutzvertrag eingewilligt. Der Vertrag enthielt die Klausel, daß sich sein Erbe genau wie er von der Kompanie als beschützt betrachten durfte. Sein Erbe?
Mr. Fox war erstaunt. Er wußte nichts von einem Sohn des Radscha. Der Radscha aber meinte mit diesem Erben einen Adoptivsohn, der nach indischem Recht und Brauch einem leiblichen Erben gleichgestellt war.
Mr. Stanley Fox setzte das Whiskyglas wieder auf den Tisch. Es war leer. Er rekelte sich für einige Sekunden in seinem Sessel, erhob sich dann und ging in das Innere des luftigen Hauses.
' Mischvolk aus Drawida und Ariera im südlichen Vorderindien
Ein Blick auf den Kalender zeigte ihm, daß heute der Tribut entrichtet werden mußte. Fox wußte aus Erfahrung, daß sich die Sahibs des Hofes nicht sonderlich eilten, die hunderttausend Rupien zu zahlen.
Er strich sich über das unrasierte Kinn und angelte sich dann den Tropenhelm vom Haken. Mit beiden Händen in den Taschen schlenderte er hinüber zum Palast. Er würde wieder einmal mahnen müssen.
Auf den Wegen des herrlich angelegten Parkes traf er eine Gruppe bärtiger, würdiger Inder. Respektlos trat er an sie heran und sagte in nachlässigem Ton: »Hallo, Mr. Sahu, kann ich Euch eine Sekunde sprechen?«
Sahu war der Finanzverwalter des Radscha. Fox hatte englisch gesprochen. Er dachte gar nicht daran, das Hindustani zu erlernen. Die Inder sollten gefälligst Englisch lernen, wenn sie sich mit einem Briten unterhalten wollten.
Sahu verhielt den Schritt, murmelte seinen Begleitern etwas zu und löste sich von der Gruppe, die Fox überhaupt keine Beachtung schenkte, sondern in tiefem Gespräch weiterging. »Ihr wünscht, Mr. Fox?« fragte Sahu in gutem Englisch.
»Well, mein Bester, heute ist der Tribut fällig. Wie steht es mit der Bezahlung? Der Tag ist schon fast vorbei.« Sahu lächelte verbindlich.
»Oh, macht Euch keine Sorgen, Mr. Fox. Ihr bekommt den Tribut schon. Oder habt Ihr je Grund zur Klage über Nichteinhaltung unserer Abmachungen gehabt?«
»Über Nichteinhaltung nicht«, erwiderte Fox frech. »Aber über die Unpünktlichkeit. Letzten Endes schützenwir ja das Fürstentum Bihar Tag und Nacht und können auch nicht zögern, wie es uns paßt. Ihr wißt, daß man in Kalkutta an pünktliche Zahlungen gewöhnt ist.« Der Inder kannte Fox lange genug, um zu wissen, daß er keine Lebensart hatte, daß er ungezogen war und nichts außer sich selbst respektierte. Man konnte mit so einem Kerl nur fertig werden, wenn man ebenfalls die Höflichkeit beiseite legte.
»Steht es so schlecht um Euer Unternehmen, daß Eure Handelsgesellschaft Bankrott macht, wenn sie die hunderttausend Rupien morgen bekommt statt heute?«
Fox biß sich auf die Lippen. So ein unverschämter Kerl, dachte er. Unbeherrscht gab er zur Antwort:
»Macht Euch um die Liquidität der Ostindien-Kompanie keine Sorgen, Mr. Sahu. Sie wird noch zahlungsfähig sein, wenn Eure Asche längst im Ganges schwimmt.« Der Inder lächelte ironisch.
»Na also«, meinte er. »Dann kommt es tatsächlich nicht darauf an, ob Ihr heute oder morgen Euer Geld erhaltet. Ich werde morgen einen Boten zu Euch schicken, wenn es bereitliegt.« Er ging grußlos davon, der Gruppe nach, von der er sich vorhin getrennt hatte.