Der Erbe des Radscha
- Автор: Guben Berndt
- Серия: der pfeifer #3
- Язык: немецкий
- Жанр: Исторические приключения
Электронная книга - «Der Erbe des Radscha». Краткое содержание книги:
»Durchsucht die Hütten!« schrie der Steuereinnehmer seinen Leuten zu. »Und wo ihr nichts findet, steckt sie in Brand!«
»Halt!« rief der Brahmane und hob die Hand. »Tut es nicht, ihr Kriegsknechte! Ihr versündigt euch an Schiwa. Der Fluch Bhowanees, der Göttin des Todes, wird euch treffen!« »Verdammter Bücherwurm«, schrie der Beamte wütend, »jetzt habe ich genug. Vorwärts, Leute, tut, was ich gesagt habe, und zwei kommen her und geben dem Altenfünfzig Hiebe, damit er sich nicht mehr gegen die Gesetze seines Radscha auflehnt!«
Lautes Wehklagen hob an, als die Kriegsknechte in die Hütten drangen und die ersten Flammen aus dem trockenen Bambusrohr in den Himmel loderten.
Zwei Männer hatten Sadharan, den Weisen, über einen Baumstamm geworfen und hielten ihn fest. Der Steuereinnehmer ließ ein schweres Hanfseil durch die Luft wirbeln und auf den Rücken des Alten niedersausen.
Aber er kam nicht mehr zum zweiten Schlag. Er stieß einen Schrei des Entsetzens aus, griff sich an die Brust, aus der der Schaft eines gefiederten Giftpfeils ragte, brach mit verdrehten Augen zusammen und war tot.
Mit irren Blicken starrten die beiden Knechte ihren Herrn an. Sie ließen den Brahmanen los und stießen Schreckensschreie aus. Sadharan schickte einen prüfenden Blick zu jenem Bö-Baum hinüber, auf dem Tscham saß. Ein verstehendes Lächeln lag auf seinen Zügen. Die Söldner hielten in ihrem Zerstörungswerk inne und kamen auf den Dorfplatz gerannt. Sadharan deutete auf die Leiche des Steuereinnehmers und hob die andere Hand beschwörend zum Himmel auf.
»Das war die Rache Bhowanees«, sagte er mit grollender Stimme. Die Söldner sahen einander erschrocken an und waren kurze Zeit darauf verschwunden. Die armen Raijaten machten sich eiligst daran, die züngelnden Flammen, die die Brandstifter gelegt hatten, zu löschen oder wenigstens soweit einzudämmen, daß sie nicht auf die anderen Bambushütten übergreifen konnten. —
Der Brahmane saß in seinem Lehmhaus, dessen Räume innen mit blauer Seide ausgelegt waren, und studierte längst wieder in einem seiner vielen Bücher, als sich die Tür vorsichtig öffnete, und Tscham mit schleichenden Schritt eintrat.
»Bist du beschäftigt, weiser Mann?« fragte der Knabe ehrfurchtsvoll.
Sadharan wandte sich langsam zu ihm um und blickte ihn mit ernsten Augen an.
»Du hast in dem großen Bo-Baum gesessen, Tscham?« fragte er.
Tscham sah verlegen zu Boden. Doch dann richtete er seinen Blick fest auf seinen Lehrer und antwortete:
»Ja. Ich habe gejagt und mich im Bogenschießen geübt, als der Steuereinnehmer mit seiner Meute erschien. Schiwa legte den Pfeil, der ihn tötete, selbst in meine Hand.« »Schiwa, Tscham? Du solltest nicht die Schuld am Tode des Steuereinnehmers auf Schiwa abwälzen. Das Gewissen und die Seele eines jeden müssen tragen, was die Hände getan haben.« »Willst du mich schelten, weiser Mann, weil ich die Kreatur der Gewalt getötet habe?« Sadharans Lippen umspielte ein feines Lächeln.
»Schelten? Nein, wie könnte ich dich schelten, da doch dein Pfeil mich vor der Schande des Geschlagenwerdens bewahrt hat. Ich möchte dir danken, Tscham. Aber ich glaube, daß du später einmal an die Stunde dieses Schusses zurückdenken wirst.«
»Ich verstehe dich nicht, weiser Mann. Ich bin im Gegenteil der Überzeugung, daß ich noch mehr solcher Steuereinnehmer töten werde, wenn sie die Raijaten so hart bedrängen. Meine
Pflegeeltern sind schließlich auch Raijaten.«Der Brahmane erhob sich und schritt gesenkten Hauptes im Raum auf und ab. Plötzlich blieb er vor Tscham stehen und legte ihm eine Hand väterlich wohlwollend auf die Schulter.
»Ich weiß nicht, weshalb ich daran glaube, daß du über diese Tötung später einmal wie über eine kindliche Dummheit den Kopf schütteln wirst. Aber eine innere Stimme sagt mir, daß du eines Tages selbst an einer Stelle sitzen wirst, von der aus du dann deine Steuerbeamten auf die Dörfer schickst.«
Tscham trat einen Schritt zurück und warf den Kopf empört in den Nacken.
»Ich werde das niemals tun! Niemals. Ich glaube auch nicht, daß ich jemals ein Samindar[14]
werden könnte; denn ich bin doch selbst nur ein Raijat.«
»Die Wege des Schicksals sind oft wunderbar und verschlungen. Ich sage dir nur, daß die Zeit nicht mehr fern ist, wo dein Dasein als Raijat ein Ende hat.«
Die beiden sahen einander plötzlich erschrocken an, Aus der Ferne klang Hufgetrappel an ihre Ohren. Zahlreiche Reiter mußten es sein, die dieses Geräusch verursachten. »Die Reiter des Radscha!« stieß Tscham hervor.
»Ja, du magst recht haben. Sie werden kommen, um den Tod des Eintreibers zu rächen. Fliehe, Tscham! Flieh in die Wälder und warte, bis Gras über die Sache gewachsen ist. Komm abends an die Rückwand meines Hauses. Dort wirst du stets Speise und Trank finden. Aber sei vorsichtig, falls man auch mein Haus beobachtet.«
Tscham warf sich einen Köcher mit Pfeilen über den Rücken, hängte sich den Bogen um, und als er gehen wollte, drückte ihm Sadharan ein handgroßes gebundenes Buch in die Hand. Es waren die Upanischaden[15].
»Lies darin, Tscham, und vergiß über der Jagd und dem Leben in den Wäldern nicht die Schulung des Geistes; denn der Geist ist es, der uns trägt. Der Geist ist alles, wenn du mit ihm deinen Körper beherrschen kannst.«
Es kam Tscham vor, als klängen diese Worte wie ein Abschied für immer. Als er das Haus verließ, erfüllte ihn Wehmut.
Aber der näher kommende Hufschlag verscheuchte diese Gedanken und trieb ihn zu schnellem Lauf, bis er im Wald verschwunden war. — Zwei Tage waren vergangen.
Tscham war durch die Wälder gestreift, hatte gejagt, geschlafen und eingedenk der Worte seines Lehrers, auch den Geist nicht zu kurz kommen lassen.
Nun aber zog es ihn mächtig zurück in das Dorf der Bambushütten. Er war überzeugt, daß die Reiter des Radscha ziemlich wild gehaust hatten und daß seine Hilfe bei der Tilgung der Schäden vielleicht von Nutzen sein konnte.
So wanderte er auf verschlungenen Pfaden zurück und stand zur Zeit des aufbrechenden Mondes wieder vor dem Haus des Brahmanen. Vor dem Haus?
Ein eisiger Schreck durchzuckte ihn. Dort, wo das Haus gestanden hatte, gab es nur einen einzigen Trümmerhaufen, aus dem verkohlte Balkenenden ragten. Tscham stand fassungslos vor der Ruine, die ein Jahrzehnt lang die Schule seines Geistes gewesen war.
Plötzlich rannen Tränen über seine bronzefarbenen Wangen. Von Schmerz gebeugt, sank er nieder und senkte seinen Kopf zwischen die Knie.
Als er eine Stunde so gekauert hatte, sprang er auf und schlich sich zu jener Hütte, in der seine Pflegeeltern wohnten. Ganz leise trat er ein. Der Bauer und seine Frau saßen sinnend vor dem kleinen Herdfeuer. Der kleine Junge, sein Pflegebruder, schlief auf einer Bastmatte. Die verhärmten Gesichter der beiden wandten sich ihm zu. Zuerst war freudiges Erstaunen in ihnen. Aber dann zuckte ein jäher Schreck über das Antlitz des Mannes. Die gebeugte Gestalt sprang auf.
14
Grundherr
15
Sanskrittexte mit Betrachtungen über Weltseele u. dgl. (sanskr.: ,vertraul. Sitzung, Geheimlehre)