Das Werk der Artamonows
- Автор: Горький Максим
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Das Werk der Artamonows». Краткое содержание книги:
Schon in den ersten Tagen nach der Ankunft des Sohnes forderte der Vater ihn auf:
»Nun, berichte mal, wie du so lebst? Ich habe dir vieles erzählt, jetzt bist du an der Reihe.«
Ilja erzählte kurz und hastig etwas Uninteressantes darüber, wie die Knaben die Lehrer neckten.
»Weshalb tun sie das?«
»Sie lassen uns nicht in Ruhe«, sagte Ilja.
»So. Das scheint nicht in Ordnung zu sein. Ist es schwer zu lernen?«
»Nein, sehr leicht sogar.«
»Lügst du auch nicht?«
»Sieh dir doch meine Zensuren an«, sagte Ilja achselzuckend, während seine Augen scharf in den Garten und nach dem Himmel spähten. Der Vater fragte:
»Was siehst du da?«
»Einen Habicht.«
Pjotr seufzte:
»Nun, laufe und spiele! Du scheinst dich bei mir zu langweilen.«
Als er allein war, erinnerte er sich, daß auch er sich in seiner Kindheit fast immer gelangweilt oder gefürchtet hatte, wenn sein Vater mit ihm sprach.
»Er neckt die Lehrer. Mir wäre so etwas nie eingefallen, – damals, als der Küster mich immer mit der Riemenpeitsche bearbeitete. Für die Kinder scheint das Leben weniger hart geworden zu sein.«
Vor der Abreise in die Stadt bat Ilja – und das war seine einzige Bitte:
»Papa, bitte erlauben Sie Pawel, auf dem Badehausboden Tauben zu halten ...«
Ohne etwas zu versprechen, sagte der Vater:
»Man kann nicht allen helfen, denen es schlecht geht.«
»Er darf also!« stellte der Sohn fest. »Ich will es ihm sagen, er wird sich freuen.«
Pjotr Artamonow fühlte sich verletzt, weil sein Sohn für die Freuden irgendeines nichtsnutzigen Jungen sorgte, aber nicht darauf bedacht war und es auch nicht verstand, das Leben des Vaters durch etwas Freude zu erhellen. Und nach der Abreise des Sohnes fühlte er noch stärker seinen Haß gegen den Stiefsohn des Kontoristen. Jetzt kam es soweit, daß, wenn Artamonow zu Hause, in der Fabrik oder in der Stadt sich über irgendetwas ärgerte, der zerlumpte, schmutzige Junge in den Mittelpunkt all seines Ärgers trat und ihn geradezu aufzufordern schien, auf sein schwaches Wesen alle bösen Gedanken, alle schlechten Gefühle zu übertragen. Dieser Knabe wuchs tatsächlich wie Schimmel, wie ein Abendschatten, huschte wie ein diebischer Kobold vorüber und kam ihm immer öfter unter die Augen.
An einem heiteren Altweibersommertag ging Artamonow müde und verärgert in den Garten. Der Abend kam näher, auf dem grünlichen, vom Wind reingefegten Himmel schmolz, ohne zu wärmen, die ermüdete Herbstsonne dahin. In einer Gartenecke war Tichon Wialow damit beschäftigt, die abgefallenen Blätter mit einem Rechen zusammenzuscharren; das sanfte, traurige Geräusch schwebte durch den Garten; hinter den Bäumen brummte die Fabrik, der graue Rauch beschmutzte träge die durchsichtige Luft. Um Tichon nicht sehen und nicht mit ihm sprechen zu müssen, ging Pjotr in die entgegengesetzte Gartenecke zum Badehaus hin, dessen Tür nicht geschlossen war.
»Da ist ja der!«
Er sah vorsichtig in den Vorraum hinein und erblickte im Dunkel einer Ecke, auf der Bank ausgestreckt, die kleine Gestalt seines Feindes – mit gesenktem Kopf, die Beine weit auseinandergespreizt lag Pawel da und gab sich einem jugendlichen Laster hin. Artamonow freute sich im ersten Augenblick geradezu über den Anblick – sofort aber mußte er an Jakow und Ilja denken und zischte angeekelt los:
»Was machst du da, du Lausejunge?«
Pawels Hand zuckte nicht mehr und griff nach oben; er löste sich seltsam von der Bank, öffnete leise aufkreischend den Mund, rollte sich zu einem Klumpen zusammen und warf sich vor die Füße des großen Mannes. Artamonow trat ihm mit Genuß mit dem rechten Fuß gegen die Brust und hielt dann inne; im Körper des Knaben knackte etwas, er ächzte schwach und sank auf die Seite ...
Einen Augenblick lang schien es Artamonow, als hätte er mit diesem Fußtritt seine Seele von irgendwelchen schmutzigen Lumpen und einer ihm verdrießlichen Last befreit. In der nächsten Minute sah er aber in den Garten, lauschte, schloß die Tür, beugte sich herab und sagte halblaut:
»Nun – steh' auf, komm!«
Der Knabe lag da, die eine Hand vorgestreckt, während die zweite unter das Knie gepreßt war; das eine Bein wirkte viel kürzer als das andere, er schien unmerklich an Pjotr heranzukriechen, und der ausgestreckte Arm sah unnatürlich und erschreckend lang aus. Artamonow faßte wankend mit der Hand nach dem Türpfosten, nahm die Mütze ab und wischte sich mit dem Futter die plötzlich in Schweiß gebadete Stirne.
»Steh' auf, ich will es niemandem sagen«, flüsterte er und war sich schon bewußt, daß er den Knaben getötet hatte, als er sah, daß sich unter der an den Fußboden geschmiegten Wange ein dunkles Blutband hervorschlängelte.
»Ich habe getötet«, sprach Pjotr im Geiste. Das einfache, kurze Wort betäubte ihn. Er steckte seine Mütze in die Rocktasche und bekreuzte sich mit einem stumpfen Blick auf den kleinen, kläglich zusammengekrampften Körper. In ihm zuckte ängstlich der einfache Gedanke auf:
»Ich werde sagen – es ist zufällig geschehen. Ich hätte ihn mit der Tür gestoßen. Die Tür ist so schwer.«
Er drehte sich um und ließ sich mit seinem ganzen Gewicht auf die Bank sinken, – da stand Tichon mit einem Besen in der Hand hinter ihm, blickte Pawel mit den farblosen Augen an und kratzte sich nachdenklich seine steinartigen Backenknochen.
»Da ...« begann Artamonow laut, sich mit den Händen am Bankrand festhaltend, aber Tichon unterbrach ihn kopfschüttelnd:
»Ein schwacher, ungeschickter Junge. Wie oft habe ich ihm gesagt: steige nicht da hinauf!«
»Warum?« fragte Pjotr erschrocken, aber mit einer Hoffnung.
»Du wirst mal abstürzen, sagte ich. Und auch du hast es vorausgesagt, Pjotr Iljitsch, weißt du noch? Jede Jagd erfordert Geschicklichkeit. Ist er ohnmächtig?«
Tichon kauerte sich nieder, betastete Pawels Arm und Hals, berührte die Wange, wischte den Finger an der Schürze ab, rieb ihn, als zünde er ein Streichholz an und sagte:
»Vielleicht ist er schon tot ... Er war schwächlich, – da gehört nicht viel dazu!«
Tichon sprach ruhig, bewegte sich langsam und war in allem so wie immer, Pjotr traute ihm aber nicht und wartete auf strenge, verurteilende Worte. Tichon sah aber auf das in die Decke des Raumes eingeschnittene Viereck, lauschte dem Girren der Tauben und begann wieder ruhig und einfach zu sprechen:
»Er ist auf die Tür gekrochen, hat einen Fuß auf die Bank gestellt, und den andern erst auf den Türriegel und dann oben auf die Tür, von dort packte er mit den Händen den Rand und zog sich so hinauf. Seine Hände sind aber kraftlos, – da ist er abgestürzt und ist wohl mit dem Herzen gegen die Türkante gefallen.«
»Ich hab' es nicht gesehen«, sagte Pjotr. Der Selbsterhaltungstrieb flüsterte ihm eilig Vermutungen zu:
»Lügt er? Heuchelt er? Stellt er mir eine Falle und will mich in seine Gewalt kriegen? Oder kommt der Dummkopf wirklich nicht darauf?«
Das letztere war wahrscheinlicher. Tichon benahm sich dumm; er neigte den Kopf so, als stoße er jemanden mit der Stirne und seufzte:
»Ach, so ein Staubkörnchen! Wozu gibt es nur so etwas? Ich will es der Mutter sagen. Der Stiefvater wird wohl nicht allzu sehr trauern; der Junge war ihm nur im Wege.«
Artamonow lauschte sehr mißtrauisch den Worten Tichons und war bemüht, etwas Falsches herauszuhören; aber Tichon sprach wie immer, in dem Tone eines Menschen, dem jede Neugierde fremd ist.
»Halt!« sagte er, die Brauen bewegend und lauschend. Irgendwo auf dem Hofe schrie zornig eine Frau:
»Paschka! Pasch–ka!«
Tichon strich sich über die Backenknochen.