Das Werk der Artamonows
- Автор: Горький Максим
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Das Werk der Artamonows». Краткое содержание книги:
»Was willst du?« fragte der Vater freundlich, – und der Sohn fragte, ihm in die Augen blickend:
»Hast du Sinaïda abgeknutscht oder nicht?«
Es kam Ilja vor, als erschrecke der Vater. Das wunderte ihn nicht, er hielt den Vater für einen schüchternen Menschen, der sich vor allen fürchtete und deshalb schweigsam war. Er fühlte oft, daß der Vater sich auch vor ihm fürchtete, wie zum Beispiel jetzt. Und um dem erschrockenen Menschen Mut zu machen, sagte er:
»Ich glaube es nicht. Ich frage ja nur.«
Der Vater stieß ihn durch den Flur und dann durch den Korridor in sein Zimmer hinein, schloß fest die Tür hinter sich und begann schnaufend aus einer Ecke in die andere zu schreiten, was er zu tun pflegte, wenn er erzürnt war.
»Komm mal her«, sagte Pjotr Artamonow, beim Tisch stehenbleibend. Ilja trat näher.
»Was hast du gesagt?«
»Das hat Pawel gesagt. Ich glaube es aber nicht.«
»Du glaubst es nicht? So.«
Pjotr schüttelte den Zorn von sich ab und betrachtete scharf den breitstirnigen Kopf des Sohnes und sein ernstes, unfreundliches Gesicht. Er zupfte sich am Ohr und überlegte, ob es gut oder schlecht sei, daß der Sohn dem dummen Geschwätz eines gleichaltrigen Knaben nicht glaubte und ihn durch diesen Unglauben sichtlich trösten wollte? Ihm fiel nichts ein, was er dem Sohn sagen sollte, und er hatte durchaus nicht den Wunsch, Ilja zu schlagen. Es mußte aber etwas geschehen, und er entschied, es sei am einfachsten und verständlichsten, zu schlagen. Da hob er schwer die nicht allzu willige Hand und versenkte die Finger in die etwas harten Haarbüschel des Sohnes, er riß daran und murmelte:
»Hör' nicht auf Dummköpfe!«
Dann stieß er ihn weg und befahclass="underline"
»Geh' in deine Stube und bleibe dort. Jawohl.«
Der Sohn ging zur Tür und neigte den Kopf, den er wie etwas ihm Fremdes trug, zur Seite. Der Vater tröstete sich aber bei seinem Anblick:
»Er weint nicht. Ich habe ihm nicht weh getan.«
Er versuchte zu zürnen:
»Da sieh mal einer an! Du glaubst es nicht! Jetzt habe ich es dir gezeigt.«
Das erstickte jedoch nicht das Gefühl des Mitleids mit dem Sohn, des Gekränktseins für ihn, und den Ärger über sich selbst.
»Ich habe ihn heute zum erstenmal geschlagen«, dachte er, seine rote, haarige Hand feindselig betrachtend. »Mich hat man bis zu meinem zehnten Jahre sicherlich hundertmal geschlagen.«
Doch auch dies tröstete ihn nicht. Er blickte durchs Fenster auf die an einen Fettropfen in trübem Wasser erinnernde Sonne, lauschte dem lockenden Lärm in der Siedlung und ging widerwillig, sich das Fest anzusehen. Unterwegs sagte er leise zu Nikonow:
»Dein Stiefsohn bringt meinem Ilja Dummheiten bei ...«
»So. Ich werd' ihn mal durchprügeln«, schlug der Kontorist mit voller Bereitwilligkeit und scheinbar sogar mit Vergnügen vor.
»Halte ihm die Zunge fest«, fügte Pjotr hinzu, blickte von der Seite in Nikonows leeres Gesicht und dachte erleichtert:
»Wie einfach das ist.«
Die Siedlung empfing den Prinzipal geräuschvoll und wohlwollend mit strahlendem, halb betrunkenem Lächeln und mit dick aufgetragener Schmeichelei. Serafim stampfte mit den Füßen in neuen Bastschuhen und in weißen Fußlappen, die auf mordwinische Art mit roten Riemen umwickelt waren, drehte sich vor Artamonow herum und sang »Hosiannah«:
»Oh, wer ist's, der da kommt?
Der Herr selbst ist's, der da kommt!
Und wen denn bringt er?
Sich selber bringt er!«
Der graubärtige, langhaarige Iwan Morosow, der aussah wie ein Geistlicher, sagte mit einer Baßstimme:
»Wir sind mit dir zufrieden. Wir sind zufrieden.«
Ein anderer Greis, Mamajew, schrie begeistert:
»Die Artamonows sorgen herrschaftlich für die Leute!«
Und Nikonow sagte zu Koptew so, daß alle es hörten:
»Ein dankbares Volk, es versteht seine Wohltäter zu schätzen!«
»Mama, die stoßen mich!« jammerte Jakow, der ein rosa Seidenhemd trug und wie eine Kugel aussah. Die Mutter hielt ihn an der Hand, lächelte herablassend den Frauen zu und beschwichtigte ihn:
»Sieh mal, wie der Alte tanzt ...«
Der blaue Schreiner drehte sich unermüdlich, sprang herum und überschüttete alle mit Scherzworten:
»Heda, drehe dich im Nu,
Dreh dich wie ein Rädchen!
Stiefel schwerer sind als Schuh',
Süßer Frau als Mädchen!«
Artamonow hörte nicht zum erstenmal sein Lob singen, er hatte allen Grund, die Aufrichtigkeit dieses Lobes zu bezweifeln, und doch stimmte es ihn milder; er sagte schmunzelnd:
»Nun gut, ich danke! Es ist schön, wir sind in gutem Einvernehmen.«
Und dabei dachte er:
»Schade, daß Ilja nicht sieht, wie man seinen Vater ehrt.«
Er empfand das Bedürfnis, etwas Gutes zu tun und den Leuten eine Freude zu machen; nach einigem Überlegen zupfte er sich am Ohr und sagte:
»Das Kinderkrankenhaus muß noch einmal so groß werden.«
Serafim sprang mit weit ausgebreiteten Armen von ihm weg.
»Habt ihr gehört? Los – ein Hurra für den Prinzipal!«
Die Leute brüllten nicht gleichzeitig, aber sehr laut hurra. Die gerührte, von den Frauen umringte Natalia sagte näselnd und singend:
»Frauen, geht und holt noch drei Fäßchen Bier, Tichon wird sie euch ausfolgen, geht nur!«
Das erhöhte noch mehr das Entzücken der Weiber. Nikonow sagte aber, ergriffen den Kopf wiegend:
»Ein erzbischöflicher Empfang ...«
»Ma–ama, mir ist so heiß«, blökte Jakow.
Die Freude wurde ein wenig dadurch herabgemindert und unterbrochen, daß der Heizer Wolkow, ein Mann mit einem schwarzen Bart und mit riesigen, pflaumengroßen Augen auf Natalia zusprang; er ließ über den linken Arm ungeschickt ein mageres, vor Hitze ermattetes Kind, mit Geschwüren auf der bläulichen Haut, herabhängen und schrie hysterisch:
»Was soll ich anfangen? Meine Frau ist gestorben. Sie ist von der Hitze gestorben! Hier ist dieser Zuwachs geblieben, was soll ich anfangen?«
Aus seinen wahnsinnigen Augen rannen seltsame, gelbe Tränen; die Frauen stießen den Heizer von Natalia fort und sagten, wie um sich zu entschuldigen:
»Höre nicht auf ihn! Er ist, wie du siehst, nicht bei Verstand. Seine Frau war liederlich. Eine Schwindsüchtige. Er selber ist auch krank.«
»Nehmt ihm doch das Kind weg«, riet Artamonow ärgerlich, und sogleich streckten sich zu dem erschlafften kleinen Kinderkörper einige Frauenhände hin. Wolkow schimpfte aber heftig und lief fort.
Im allgemeinen war aber alles schön, bunt und lustig, wie es sich für ein Fest gehörte. Artamonow fielen die Gesichter neuer Arbeiter auf, und er dachte beinahe mit Stolz:
»Die Zahl der Leute wächst. Wenn der Vater das sehen könnte ...«
»Du hast Ilja zu ungelegener Zeit bestraft, er sieht jetzt nicht die allgemeine Liebe zu dir«, bedauerte plötzlich seine Frau.
Artamonow schwieg darauf und blickte mit krauser Stirn Sinaïda an. Sie ging an der Spitze von etwa zehn Mädchen und sang mit unangenehmer, tiefer Stimme:
»Er geht vorbei,
Er sieht mich an,
Mir scheint, er will
Mich lieben, ach!«
»Ein liederliches Weib«, dachte er. »Und auch das Lied ist häßlich.«
Er zog die Uhr, sah hin und log aus irgendeinem Grunde:
»Ich will nach Hause gehen, es ist vielleicht ein Telegramm von Alexej gekommen.«
Er ging rasch und überlegte unterwegs, was er dem Sohne sagen wollte. Er dachte sich etwas sehr Strenges und doch gleichzeitig Freundliches aus; doch als er die Tür zu Iljas Zimmer öffnete, hatte er alles vergessen. Der Sohn kniete auf einem Stuhl, stützte sich mit den Ellbogen auf das Fensterbrett und blickte in den dunstigen, roten Himmel; das Halbdunkel füllte das kleine Zimmer mit braunem Staub; an der Wand rumorte in einem großen Käfig eine Drosseclass="underline" sie machte Anstalten zum Schlafengehen und putzte ihren gelben Schnabel.