Das Werk der Artamonows
- Автор: Горький Максим
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Das Werk der Artamonows». Краткое содержание книги:
»Ich habe es vorher gesehen, daß er ihn hauen wollte; er schlich sich heran, kam näher und holte dann von hinten aus!«
Als Artamonow aus dem Fenster blickte, sah er, daß sein Sohn, mit der Faust fuchtelnd, erregt mit dem nichtsnutzigen Pawel Nikonow sprach. Er rief Jakow zu sich, verbot ihm die Freundschaft mit Nikonow und wollte ihm etwas Belehrendes sagen. Als er aber in die fliederfarbenen Augäpfel mit den sehr hellen Pupillen sah, stieß er mit einem Seufzer den Sohn weg:
»Geh, du mit deinen leeren Augen ...«
Jakow ging vorsichtig wie über Glatteis und hielt die Ellbogen an die Seite gepreßt und die Handflächen vorgestreckt, als trage er etwas Unbequemes und Schweres.
»Er ist unbeholfen. Auch etwas dumm«, entschied der Vater.
Auch an der großen, wenig gesprächigen Tochter war etwas Langweiliges, das sie mit Jakow gemeinsam hatte. Sie las gern liegend, aß zum Tee viel Eingemachtes, beim Mittagessen bröckelte sie wählerisch mit zwei Fingern Brotstückchen ab, fuhr mit dem Löffel im Teller herum, als fange sie in der Suppe Fliegen; sie preßte die blutstrotzenden, sehr roten Lippen zusammen und sagte häufig in einem für ein halbwüchsiges Mädchen unpassenden Ton zur Mutter:
»Das wird jetzt nicht mehr so gemacht. Das ist aus der Mode gekommen.«
Als der Vater zu ihr sagte: »Du bist ja so gelehrt, warum siehst du dir nicht mal an, wie man das Leinen für deine Hemden webt?« antwortete sie:
»Bitte.«
Sie zog ihr Feiertagskleid an, nahm den Schirm, ein Geschenk des Onkels Alexej, und folgte gehorsam dem Vater, wobei sie aufmerksam darauf bedacht war, mit dem Kleid nicht irgendwo hängen zu bleiben. Sie nieste ein paarmal, und als die Arbeiter ihr Gesundheit wünschten, errötete sie und nickte ihnen schweigend mit dem Kopf zu, ohne das hochmütig aufgeblasene Gesicht zu einem Lächeln zu verziehen. Der Vater erzählte ihr von der Arbeit; da er aber bald merkte, daß sie statt auf die Webstühle auf ihre Füße sah, verstummte er, durch die Gleichgültigkeit der Tochter seinem mühevollen Tun gegenüber gekränkt. Als er aus der Weberei auf den Hof trat, fragte er aber doch:
»Nun, wie findest du es?«
»Es ist sehr staubig«, sagte sie, ihr Kleid betrachtend.
»Du hast nicht viel gesehen«, sagte Pjotr lächelnd und schrie ärgerlich:
»Was hebst du denn in einemfort den Kleidersaum auf ? Der Hof ist rein und der Rock ist ohnedies kurz.«
Sie zog erschrocken die beiden Finger fort, mit denen sie den Rock festhielt, und sagte mit schuldbewußter Miene:
»Es riecht sehr nach Maschinenöl.«
Diese beiden Finger reizten Artamonow am meisten und er brummte:
»Paß' auf, mit den zwei Fingern wirst du nicht allzuviel fassen!«
Als sie an einem regnerischen Tage lesend auf dem Sofa lag, setzte sich der Vater zu ihr und fragte, was sie lese.
»Über einen Doktor.«
»So. Das ist also wissenschaftlich?«
Als er aber ins Buch hineinsah, war er empört.
»Warum lügst du denn? Das sind Verse. Wird denn Wissenschaftliches in Versen geschrieben?«
Sie erzählte ihm eilig und verworren irgendein Märchen: Gott hatte dem Satan erlaubt, einen deutschen Doktor zu verführen, und Satan schickte einen Teufel zu dem Doktor. Artamonow zupfte sich am Ohr und bemühte sich gewissenhaft, den Sinn dieses Märchens zu erfassen; doch war es lächerlich und ärgerlich zu hören, daß die Tochter in belehrendem Ton sprach, es hinderte ihn daran, in die Sache einzudringen.
»War der Doktor ein Trunkenbold?«
Er sah, daß seine Frage Jelena in Verlegenheit brachte und sagte zornig, ohne auf ihre Erklärung zu hören:
»Das ist ja verworrenes Zeug. Ein Märchen. Doktoren glauben nicht an Teufel. Woher hast du das Buch?«
»Der Mechaniker hat es mir gegeben.«
Pjotr erinnerte sich, daß Jelena zuweilen mit ihren grauen Katzenaugen sinnend vor sich hinsah und hielt es für nötig, die Tochter zu warnen:
»Koptew paßt nicht zu dir, kichere nicht zu viel mit ihm.«
Ja, sowohl Jelena wie Jakow waren langweiliger und farbloser als Ilja, das sah er immer klarer. Und er merkte nicht, wie an Stelle der Liebe zu seinem Sohn in ihm allmählich Haß gegen Pawel Nikonow aufkeimte. Wenn er dem schwächlichen Knaben begegnete, dachte er:
»Wegen eines so räudigen Kerls... «
Der Knabe war ihm physisch widerwärtig. Nikonow ging mit gebücktem Rücken, sein Kopf drehte sich unruhig auf dem dünnen Hals herum, und wenn der Knabe lief, schien es Artamonow, daß er sich wie ein feiger Spitzbube heranschlich. Er arbeitete viel, er putzte Stiefel und Kleider des Stiefvaters, hackte und schleppte Holz, brachte Wasser, trug aus der Küche Eimer mit Spülicht hinaus und wusch im Fluß die Windeln seines Bruders. Er war geschäftig wie ein Spatz, schmutzig und zerlumpt und grinste alle mit einem unterwürfigen, hündischen Lächeln an; wenn er aber Artamonow sah, grüßte er ihn schon aus der Ferne, wobei er seinen Gänsehals niederbog und den Kopf auf die Brust sinken ließ. Es freute Artamonow beinahe, den Knaben im Herbstregen oder im Winter zu sehen, wie er sich beim Holzhacken die erfrorenen Finger mit dem Atem wärmte, dabei wie eine Gans auf einem Fuß stand und den zweiten, von dem der zertretene, durchlöcherte Stiefel herabrutschte, hochzog. Er hustete, faßte sich mit den blauen Pfötchen an die Brust und wand sich wie ein Korkzieher. Als Artamonow in Erfahrung brachte, daß der Junge auf dem Dachboden des Badehauses zwei Taubenpaare untergebracht hatte, befahl er Tichon, die Vögel frei zu lassen und aufzupassen, daß der Knabe nicht auf den Boden stieg.
»Er kann vom Dach fallen und sich verletzen. Es ist ja durch und durch morsch.«
Als er eines Abends ins Kontor kam, sah er, wie der Knabe auf dem Fußboden vergossene Tinte mit dem Messer abschabte und mit einem Scheuertuch wegwusch.
»Wer hat das verschüttet ?«
»Der Vater.«
»Und nicht du?«
»Bei Gott, nicht ich!«
»Und warum ist deine Visage so verheult?«
Pawel hielt knieend den Kopf hin, wie um einen Streich zu empfangen, er antwortete nicht; da zermalmte ihn Artamonow mit einem Blick und sagte befriedigt:
»Es geschieht dir schon recht.«
Plötzlich sah er aber für einen Augenblick wieder klar, lächelte sich in den Bart und fühlte, wie kindisch und komisch seine Feindseligkeit einem nichtigen Jungen gegenüber war.
»Was tue ich da eigentlich?« dachte er nachsichtig und warf eine schwere Kupfermünze von fünf Kopeken auf die Erde.
»Da, kauf dir Honigkuchen!«
Der Knabe streckte seine schmutzigen, knochigen Finger so vorsichtig nach der Münze aus, als fürchtete er, das Kupfer würde ihn verbrennen.
»Schlägt dich der Stiefvater?«
»Ja.«
»Nun, was ist dabei? Man schlägt alle«, tröstete Artamonow. Nach einigen Tagen klagte aber Jakow, Pawel hätte ihm etwas getan, und Pjotr, der dem Sohne doch gar nicht glaubte, ersuchte schon gewohnheitsmäßig den Kontoristen:
»Hau mal deinen Stiefsohn durch!«
»Das tue ich ja so schon«, versicherte Nikonow ehrerbietig.
Im Sommer kam Ilja zu den Ferien. Er war fremdartig gekleidet, glatt geschoren und noch breitstirniger. Artamonows Feindseligkeit Pawel gegenüber steigerte sich noch mehr, als er sah, daß der Sohn die Freundschaft mit diesem zerlumpten Schwächling fortsetzte. Ilja selbst war unangenehm höflich geworden, nannte Vater und Mutter »Sie«, hielt beim Gehen die Hände in den Taschen, benahm sich im Hause wie ein Gast, neckte den Bruder, den er zu Anfällen von Verzweiflung trieb und weinen machte, reizte die Schwester so, daß sie mit Büchern nach ihm warf und führte sich überhaupt wie ein Galgenstrick auf.
»Ich hab' es gesagt!« klagte Natalia ihrem Mann. »Alle sagen es: das Lernen macht frech!«
Artamonow beobachtete schweigend und unruhig den Sohn. Ihm schien, daß Ilja zwar viel Unfug trieb, es aber unfroh und wie mit Absicht tat. Auf dem Dach des Badehauses erschienen wieder Tauben, die girrend auf dem Dachfirst herumspazierten, während Ilja und Pawel beim Schornstein saßen und stundenlang lebhaft über etwas plauderten, wenn sie nicht ihre Tauben fliegen ließen.