Der Erbe des Radscha
- Автор: Guben Berndt
- Серия: der pfeifer #3
- Язык: немецкий
- Жанр: Исторические приключения
Электронная книга - «Der Erbe des Radscha». Краткое содержание книги:
Ojo nahm sich ein paar Helfer und stieg in die Tiefen der »Mapeika«. Als er die Luke hob, durch die man in den Kielraum gelangte, fuhr er entsetzt zurück. Ein fürchterlicher Gestank schlug ihm entgegen.
Schwache, kaum wahrnehmbare Stimmen drangen aus der Tiefe herauf. »Geduld, companeros, wir holen euch heraus.«
Sie ließen ein Seil hinunter. Ojo brannte eine Fackel an und kletterte hinab.
Dort lagen, in faulige, stinkende Lumpen gehüllt, elf zum Skelett abgemagerte Menschen, deren Barte bis weit über die Brust hinunter reichten.
»Santa Maria, Madre de Dios«, sagte Ojo erschüttert. »Welch eine Schweinerei! Na, das werden wir dem Mustapha und seinen Kreaturen heimzahlen.«
17
Kapitän Grearson und Lord Hawbury saßen in der Kapitänskajüte zusammen.
»So, so, hm«, sagte Hawbury gedehnt. »Es ist also ein bekannter Pirat. Ja, was soll man dazu sagen?«
Grearson zuckte die Achseln.
»Zu sagen wäre, daß man den Befehl der Admiralität ausführen und das Schiff versenken müßte, mit allem, was sich an Bord befindet. Aber es ist uns überlegen, weit überlegen. Und die Mannschaft ist kampferprobt, so daß sie es gut und gern mit der dreifachen Übermacht aufnehmen würde.«
Lord Hawbury wiegte den Kopf und sagte nichts. Das Leben schien neuerdings täglich Zwiespältigkeiten hervorzubringen. Dinge und Entscheidungen, mit denen sich ein General des Königs niemals auseinanderzusetzenbrauchte. Aber jetzt war er General der Kompanie. Und der uneingestandene Wappenspruch der Kompanie war: Recht ist, was uns nützt. »Man könnte die Angelegenheit an sich auf sehr einfache Weise bereinigen, General«, nahm Grearson seine Betrachtungen wieder auf. »Man könnte zum Beispiel heimlich ein paar Pulverfässer an der Ankerkette befestigen und brauchte es gar nicht erst zu einem offenen Kampf kommen zu lassen. Sicherlich feiern die Piraten ihren Sieg. Und einer von unseren Leuten könnte das Schiff in die Luft jagen, während sich die prominenten Seeräuber, wie etwa der Pfeifer oder jene Gräfin, auf unserem Schiff befinden.«
»Würdet Ihr diesen Plan ausführen, wenn die Entscheidung bei Euch läge, Grearson?« »Well, die Entscheidung liegt nicht bei mir. Erlaubt, daß ich diese Frage unbeantwortet lasse.« »Denkt Ihr eigentlich daran, daß sie uns das Leben gerettet haben?« Der General war sehr ernst. »Ja. Deshalb bat ich Euch ja auch, meine Ansicht für mich behalten zu dürfen.« »Das heißt mit anderen Worten, daß Ihr aus eigener Initiative nichts gegen die Piraten unternehmen würdet?« »Ganz recht.«
Des alten Hawburys Miene klärte sich auf.
»Nun, dann gehen wir einig. Ich brächte es niemals übers Herz, meine Lebensretter zu vernichten, nicht einmal für den König.«
»Und was wird aus dem geschlagenen Türken? Sollen wir ihn als Prise verlangen?« »Ist es nach dem geltenden Seerecht möglich?«
»Wenn wir den Piraten als Piraten betrachten, ja. Doch dann müßten wir auch die anderen Konsequenzen ziehen.«
»Ihr bewegt Euch im Kreise, Captain Grearson.«
»Entschuldigt, General, ich bin noch nie in einer solchen Lage gewesen.«
»Die wenigsten werden je in eine solche Lage kommen. Ich bin dafür, wir tun so, als sei die »Trueno« das Kriegsschiff einer befreundeten Nation.«
»Well, dann können wir wohl in die Messe gehen; denn ich schätze, daß sich unsere Gäste bald einfinden werden.« —
Marina hatte ihre Seeräubertracht abgelegt und erschien in einem phantastischen Gewand, das sie aus einem Ballen loser türkischer Seide wie ein großes Abendkleid drapiert und gesteckt hatte.
Lord Hawbury und Kapitän Grearson sprangen wie elektrisiert auf und empfingen die Spanierin mit ausgesuchter Höflichkeit.
Lord Hawbury war ein Verehrer schöner Frauen. Und er mußte sich eingestehen, daß er eine solche Schönheit bisher in keinem Londoner Salon angetroffen hatte. Steve und Isolde starrten Marina an. Steve stotterte vor Überraschung. Mit neuer Glut schoß die Flamme seiner Liebe zu Marina empor.
Man nahm an der köstlich gedeckten Tafel Platz und plauderte in unverbindlichem Ton.
Ein wenig später — Michel war noch nicht da — fragte Hawbury:
»Habt Ihr Euch bereits entschieden, meine Gnädigste, was Ihr nun tun werdet?«
»Am liebsten wäre es mir, wenn wir mit euch nach Kalkutta segelten, um das erbeutete Schiff dem indischen Gouverneur anzubieten.«
»Das wäre eine ausgezeichnete Lösung. Was hindert Euch daran, so zu verfahren?«Marina lächelte.
»Ich bin nicht in der Lage, meine Herren, meine Entscheidung selbständig zu fällen.« »Pardon, ich glaubte, Ihr wärt der Kapitän der »Trueno«?« Marinas Lächeln verstärkte sich.
»Das ist richtig und auch wieder nicht richtig. Ich bin der Kapitän, den die Mannschaft will. Senor Porquez, der mit den übrigen Herren gleich erscheinen wird, ist nach dem Seerecht Kapitän. Der eigentliche Herr des Schiffes aber, dessen Meinung wiederum für uns alle maßgeblich ist, ist Senor Baum.«
Des Generals Gesicht machte einen leicht verwirrten Eindruck. Dann klang die helle Stimme Isoldes herüber:
»Papa, Mr. Baum ist jener Pfeifer, der mich zuerst aus dem Harem und später aus den Verließen des Daj von Algier befreit hat.«
»Oh, wie interessant! Ich werde mich freuen, ihm für die Rettung meiner Tochter danken zu können.«
In diesem Augenblick öffnete sich die Tür, und Kapitän Porquez, Jardin und Senor Virgen traten ein.
»Senor Baum«, sagte Porquez bei der Begrüßung, »läßt sich entschuldigen. Er hat noch auf dem Schiff zu tun; denn es sind im Kielraum der »Mapeika« soeben elf spanische Sklaven entdeckt worden. Die Bedauernswerten befinden sich in einem erbärmlichen Zustand. Und da Senor Baum Arzt ist, will er sie zuerst versorgen.«
Als Michel nach einer halben Stunde eintrat, gab Kapitän Grearson Anweisung, Speisen und Wein aufzutragen.
»Weshalb habt Ihr Ojo nicht mitgebracht?« fragte Isolde.
»Er wollte nicht. Er ist dabei, die Türken in den Kielraum zu sperren, aus dem wir die Spanier befreien konnten.«
Die Gäste, die gute europäische Küche lange genug entbehrt hatten, hielten sich kräftig daran. Der Wein beflügelte ihre Sinne. Die Stimmung hob sich zusehends.
»Habt Ihr Euch nun entschlossen, was Ihr tun werdet?« fragte Kapitän Grearson den Pfeifer. Die Augen der Spanier richteten sich erwartungsvoll auf Michel. Dieser führte langsam das Weinglas zum Munde und trank bedächtig. Dann sagte er: