Das Werk der Artamonows
- Автор: Горький Максим
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Das Werk der Artamonows». Краткое содержание книги:
»Gibt es denn nach deiner Ansicht keine Schuldigen?« fragte Pjotr spöttisch, sie antwortete:
»Es gibt wohl Schuldige, ich verurteile aber nicht gern.«
Pjotr glaubte ihr nicht.
Ihren Mann behandelte sie so, als wäre sie älter und hielte sich für klüger. Alexej nahm ihr das nicht übel, nannte sie Tante und sagte nur ab und zu etwas geärgert:
»Hör' auf, Tante, ich habe es satt! Ich bin ein kranker Mensch, es wäre angebracht, mich ein wenig zu pflegen.«
»Du bist schon genug gepflegt worden, jetzt hast du nichts mehr zu erwarten!«
Sie wandte sich an ihren Mann mit einem Lächeln, das Pjotr gern auf dem Gesicht seiner Frau gesehen hätte. Natalia war eine musterhafte Gattin und sehr geschickte Hausfrau, sie legte ausgezeichnet Gurken ein, marinierte Pilze, bereitete Eingemachtes; die Dienstboten im Hause arbeiteten mit der Genauigkeit von Uhrwerkrädern. Natalia liebte ihren Mann unermüdlich, mit einer ruhigen Liebe, die an abgestandene Sahne gemahnte. Sie war sehr sparsam.
»Wieviel haben wir jetzt auf der Bank?« fragte sie und wurde ängstlich: »Paß ja auf, ob die Bank verläßlich ist, und ob es zu keinem Krach kommt!«
Wenn sie Geld in die Hand nahm, wurde ihr hübsches Gesicht ernst; ihre himbeerfarbenen Lippen preßten sich fest aufeinander, und in den Augen erschien etwas Öliges, Scharfes. Beim Zählen berührte sie die bunten, schmutzigen Scheine so vorsichtig mit den rundlichen Fingern, als fürchtete sie, sie könnten ihren Händen wie Fliegen entschweben.
»Wie teilst du mit Alexej den Gewinn?« fragte sie im Bett Pjotr, als sie ihn mit ihren Liebkosungen befriedigt hatte. »Übervorteilt er dich nicht? Er ist geschickt! Er und seine Frau sind habgierig. Sie raffen alles zusammen!«
Sie fühlte sich von Spitzbuben umringt und sagte:
»Ich traue niemandem außer Tichon.«
»Du traust also einem Dummkopf«,murmelte Pjotr müde.
»Er ist dumm, hat aber ein Gewissen.«
Als Pjotr mit ihr zum erstenmal die Messe von Nishni-Nowgorod besuchte und über den gigantischen Schwung dieses allrussischen Jahrmarkts erstaunt war, fragte er seine Frau:
»Nun, wie findest du das?«
»Sehr schön«, antwortete sie. »Es ist von allem viel da, und alles ist billiger als bei uns.«
Darauf begann sie aufzuzählen, was sie kaufen müßten:
»Zwei Pud Seife, eine Kiste Kerzen, einen Sack Zucker und Raffinade ...«
Im Zirkus schloß sie die Augen, wenn die Artisten die Arena betraten.
»Ach, dieses schamlose nackte Gesindel! Ach, ist es eigentlich richtig, daß ich so was sehe? Schadet das auch dem Kinde nicht? Du solltest mich nicht zu so schrecklichen Dingen mitnehmen! Vielleicht bin ich mit einem Knaben schwanger?«
In solchen Augenblicken fühlte Pjotr Artamonow, daß an ihm eine Langeweile würgte, die an den dicken und grünlichen Schlamm des Flusses Watarakscha erinnerte, in dem nur ein einziger Fisch, die fette, dumme Schleie lebte.
Natalia betete noch immer viel und gründlich. Nach dem Gebet sank sie aufs Bett und regte ihren Mann eifrig zum Genuß ihres üppigen Körpers an. Ihre Haut roch nach der Speisekammer, in der Töpfe mit gesalzenen und marinierten Vorräten, Räucherfische und Schinken aufbewahrt wurden. Pjotr fühlte immer häufiger, daß seine Frau zu heiß war, daß ihre Liebkosungen ihn erschöpften.
»Laß mich, ich bin müde«, sagte er.
»Nun, so schlafe mit Gott«, antwortete sie gehorsam und schlief rasch ein. Sie hob die Brauen und lächelte, als betrachtete sie mit geschlossenen Augen etwas sehr Schönes und von ihr noch nie Gesehenes.
In den Stunden, da Pjotr besonders deutlich und wehmütig empfand, daß Natalia nicht die von ihm Ersehnte war, zwang er sich, sie in seiner Erinnerung so wieder erstehen zu lassen, wie sie an dem qualvollen Tage der Geburt ihres ersten Sohnes gewesen war. Die neunzehnte Stunde ihrer Leiden zog sich voll Marter in die Länge, als die angsterfüllte, in Tränen gebadete Schwiegermutter ihn in die von einer besonderen Schwüle erfüllte Stube führte. Natalia wand sich auf dem zerwühlten Bett, ihre von rasendem Schmerz entstellten Augen waren aus den Höhlen getreten, sie war zerzaust, in Schweiß gebadet, war nicht wiederzuerkennen und empfing ihn mit fast tierischem Geheuclass="underline"
»Petja, leb' wohl, ich sterbe. Es ist sicher ein Junge ... Pjotr, verzeih!«
Ihre zerbissenen, verschwollenen Lippen bewegten sich kaum, ihre Worte schienen nicht aus der Kehle, sondern aus dem auf die Beine fallenden, unförmlich, bis zum Platzen aufgedunsenen Leib zu kommen. Auch das bläuliche Gesicht war aufgedunsen; sie atmete wie ein müder Hund und zeigte ihre verschwollene, zerkaute Zunge; sie griff an ihre Haare, zog und riß daran, heulte und brüllte immerzu, als wollte sie jemanden, der ihr nicht nachgeben mochte und konnte, überzeugen und überwinden.
»Einen J–jungen ...«
Es war ein stürmischer Tag; vor dem Fenster schüttelte sich und rauschte ein Faulbaum, über die Scheiben huschten Schatten. Pjotr sah ihr Zittern, hörte das Rascheln und schrie wie wahnsinnig auf: »Verhängt das Fenster! Seht ihr denn nicht?«
Und er lief entsetzt fort, von dem Jammern seiner Frau geleitet:
»I-i-i ... U-u-u ...«
Nach anderthalb Stunden führte ihn die vor Glück und Ermüdung stumme Schwiegermutter wieder an das Bett seiner Frau. Natalia empfing ihn mit dem in einem unerträglichen Glänze strahlenden Blick einer Märtyrerin und sprach mit kraftloser Zunge, als wäre sie trunken:
»Ein Junge! Ein Sohn!«
Er beugte sich herab, schmiegte die Wange an ihre Schulter und murmelte:
»Ach, Mutter, das werde ich dir bis zum Grabe nicht vergessen, merke dir das! Ich danke dir ...«
Er hatte sie zum erstenmal Mutter genannt und hatte in dieses Wort all seine Furcht und seine ganze Freude hineingelegt. Sie streichelte ihm, die Augen schließend, mit der schweren, kraftlosen Hand den Kopf.
»Ein Riese«, sagte die pockennarbige, großnasige Hebamme, das Kind mit einem solchen Stolz zeigend, als hätte sie es selbst zur Welt gebracht. Doch Pjotr sah seinen Sohn nicht, alles wurde durch das tote Gesicht der Frau mit den dunklen Höhlen an Stelle der Augen in den Hintergrund gerückt.
»Wird sie am Leben bleiben?«
»Aber gewiß«, sagte die pockennarbige Hebamme laut und fröhlich. »Wenn man daran sterben müßte, würde es gar keine Hebammen mehr geben.«
Jetzt stand der »Riese« im neunten Lebensjahr. Es war ein großer, gesunder Junge; aus seinem stumpfnasigen Gesicht mit der hohen Stirne leuchteten ernst die großen, tiefblauen Augen, – ebensolche Augen hatten Alexejs Mutter und Nikita. Nach einem Jahr kam ein zweiter Sohn, Jakow, zur Welt, doch war der breitstirnige Ilja schon mit fünf Jahren die Hauptperson im Hause. Er wurde von allen verwöhnt, gehorchte niemandem und führte ein unabhängiges Leben, wobei er mit verblüffender Beharrlichkeit in die ungeeignetsten und gefährlichsten Situationen geriet. Seine Streiche waren fast immer von etwas ungewöhnlicher Art, was bei dem Vater ein an Stolz erinnerndes Gefühl auslöste.
Einmal traf Pjotr den Sohn im Stall an, der Knabe bemühte sich, an einem alten Trog ein Karrenrad zu befestigen.
»Was wird das?«
»Ein Dampfer.«
»Der kann ja nicht fahren.«
»Bei mir wird er schon fahren«, sagte der Sohn, in dem hitzigen Tonfall des Großvaters. Pjotr konnte ihn nicht von der Vergeblichkeit seines Vorhabens überzeugen, er dachte aber während des Gesprächs:
»Er hat den Charakter des Großvaters.«
Ilja war in der Verfolgung seiner Ziele unerschütterlich, und doch gelang es ihm nicht, aus dem Trog und den beiden Karrenrädern einen Dampfer zu bauen. Da zeichnete er mit Kohle Räder auf die Seiten des Troges, schleppte ihn zum Fluß, ließ ihn ins Wasser gleiten und blieb dabei selbst im Schlamm stecken. Er erschrak indessen nicht, sondern rief sogleich den die Wäsche spülenden Frauen zu: