Der Erbe des Radscha
- Автор: Guben Berndt
- Серия: der pfeifer #3
- Язык: немецкий
- Жанр: Исторические приключения
Электронная книга - «Der Erbe des Radscha». Краткое содержание книги:
»Ich habe eine Lösung«, sagte er. »Wie wäre es, wenn sidi die »Trueno« nach all ihren Untaten nun einmal einen Namen erwürbe, mit dem sie Staat machen kann?«
Michel stürmte auf die Kommandobrücke, ergriff ein Sprachrohr und rief:
»Leute, wer jetzt irgendwie seinen Posten verlassenkann, komme an die Kommandobrücke! Ich habe euch etwas mitzuteilen und möchte wissen, was ihr zu meinem Vorschlag meint.«
Alles, was frei war, kam eilig an dem bezeichneten Platz zusammen. Marina und Porquez folgten kopfschüttelnd. Über Taurollen und Teerfässer sprangen auch Jardin und Ojo herbei, die am Heck nach dem Rechten gesehen hatten. Senor Virgen stieß die Tür des Steuerhauses auf; denn auch er wollte hören, was der Pfeifer zu sagen hatte.
Alle warteten gespannt.
»Ihr wißt«, hob Michel an, »daß es so nicht weitergeht. Wenn wir nichts unternehmen, schwimmen wir bald als Geisterschiff mit verhungerten Matrosen durch die Meere.« Murmeln erhob sich im Kreis. Die Zuhörer wußten nur zu gut, wie recht der Pfeifer hatte. »Macht einen Vorschlag, wie wir das ändern können, Don Silbador!« rief einer der Piraten. »Augenblick, ich bin schon dabei. Aber vierteilt mich nicht, wenn er euch nicht gefällt. Wir sind auf Nahrung angewiesen wie jeder Mensch. Solange ich an Bord bin, werde ich das wilde Kapern friedlicher Schiffe nicht zulassen. Aber wir können uns auch in keinem Hafen sehen lassen und sind nicht einmal in der Lage, Lebensmittel zu kaufen, weil uns niemand etwas gibt, weder für Geld noch für gute Worte.«
Die Matrosen sahen sich kopfschüttelnd an. Kapern sollten sie nicht, und auf ehrliche Weise war auch nichts zu bekommen. Was dachte sich der Mann da oben, der so widersinniges Zeug redete?
»Also doch ein Geisterschiff!« rief der Sprecher von vorhin.
»Nein, wir werden dem Fliegenden Holländer keine Konkurrenz machen. Es schwimmen genug Schiffe auf den Weltmeeren herum, bei denen wir Beute holen können, ohne uns gegen die Gesetze der christlichen Seefahrt zu vergehen. Ja, wir können zu Ruhm und Ehre gelangen, wenn wir unsere Kanonen dazu gebrauchen, andere Piraten zu bekämpfen und von diesen die lebensnotwendigen Güter erbeuten. Was haltet ihr davon?« Zunächst herrschte tiefes Schweigen.
Dann kamen vereinzelte zustimmende Rufe. Auf einmal stürmte Marina mit glühenden Augen die Treppe zur Kommandobrücke empor und stellte sich an des Pfeifers Seite.
»Bei Gott, amigos«, rief sie, »der Silbador hat recht! Wir können unser ganzes Leben ändern und trotzdem herrlich und in Freuden leben; denn ein Piratenschiff hat im allgemeinen mehr Schätze an Bord als zehn Kauffahrer. Ich stimme für den Vorschlag!«
Jardin warf seinen Hut in die Luft und schrie begeistert :
»Arriba, El Silbador! Arriba! Arriba!«
Und dann flogen alle Kopfbedeckungen in die Luft, und ein brausendes »Arriba« stieg zum Himmel empor.
Nachdem Ruhe eingetreten war, ergriff Michel abermals das Wort:
»Und noch eins, Freunde, wir ziehen jetzt die Fahne ein und hissen sie erst, wenn es zur ersten Schlacht kommt. Sie soll der Schrecken jedes Piratenschiffes sein. Von heute an wollen wir wie der Donner über die Seeräuber herfallen. »Donner« heißt unser Schiff. Und der Blitz dazu sind die Mündungsfeuer unserer Kanonen!«
Die Begeisterung kannte keine Grenzen. Michel verstand es nun einmal, mit Leuten dieses Schlages umzugehen. Sie waren die Fäuste, die sein Hirn dirigierte. So schlug er zwei Fliegen mit einem Schlag.
Als der Abend kam, sank die Flagge vom Mast und wurde feierlich zusammengerollt.
Eins wußte Michel allerdings nicht: was sollte werden, wenn er das Schiff verlassen hatte und sich der Kapitän und die Gräfin weiter um die Führung stritten? Aber bis dahin hatte es noch gute Weile. Man mußte versuchen, den Augenblick richtig auszunutzen und zu meistern. -
Die »Trueno« gelangte sieben Tage später ohne Zwischenfälle in die Nähe Gibraltars. Der Wind stand äußerst günstig. Eine Ostbrise blähte kräftig die Segel. Im letzten Dämmerlicht erscholl Ojos Stimme vom Ausguck:
»Der Felsen in Sicht! — Schiffe an der Ostseite!«
Michel, Porquez und Marina standen voll fiebernder Spannung auf der Kommandobrücke. Bedauerlich war, daß sie in Istanbul keine Fernrohre erbeutet hatten und deshalb auf die Sicht mit bloßem Auge angewiesen waren. Noch war es hell genug, daß sie selbst mit Gläsern von anderen Schiffen beobachtet werden konnten, wenn sie sich zu weit in deren Nähe wagten. »Refft das Großsegel!« befahl Porquez. »Halbe Fahrt voraus! Senor Virgen, geht auf genauen Kurs zwischen Felsen und Ceuta!«
Die »Trueno« richtete ihren Bug einige Striche weiter nach Süd. Langsam, mit sparsamsten Segeln, durchschnitt sie die sanften Wellen. Immer tiefer senkte sich die Nacht über das Meer. »Wir müssen den Felsen hinter uns haben, bevor der Mond aufgeht«, sagte Porquez. Marina und Michel nickten schweigend.
In der Ferne konnte man die Bordlichter der englischen Kriegsschiffe erkennen. Jetzt war es so dunkel, daß man die Hand kaum noch vor Augen sehen konnte.
»Wir haben Glück«, flüsterte Marina, »die Dunkelheit hat uns ein guter Geist geschickt.«
Auch die Piraten verständigten sich nur im Flüsterton, als befürchteten sie, daß der Schall ihrer Worte bis an den Felsen getragen würde.
Es gab nicht einen unter ihnen, den nicht die Spannung bis zum äußersten gepackt hätte. Da donnerte die Stimme des Kapitäns durch das Megaphon: »Setzt alle Segel! Geht in den Wind! Volle Fahrt voraus!«
Die Segel stiegen an den Masten. Die Männer drehten sie in den Wind. Die immer stärker werdende Brise blies hinein und riß das Schiff wie einen Pfeil vorwärts.
Auf den Felsen und auf den englischen Schiffen rührte sich nichts.
Nur das heisere Geschrei der Affen auf den Felsen von Gibraltar war zu vernehmen.
Die Kanoniere standen an den geladenen Kanonen, um jederzeit verteidigungsbereit zu sein.
Dann endlich ging ein tiefes Aufatmen durch die Reihen. Sie hatten es geschafft. Ungehindert waren sie an der stärksten Seefestung der Welt vorbeigefahren.
15
Es war drei Tage später. Der Pfeifer, der Kapitän und die Gräfin standen gemeinsam im Vorratsraum und betrachteten mit kritischen Blicken die wenigen Säcke mit Datteln, Maismehl und Reis.
»Soweit ich es überblicken kann, ist es in acht Tagen vorbei mit der Herrlichkeit«, meinte Porquez bedrückt.