Das Werk der Artamonows
- Автор: Горький Максим
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Das Werk der Artamonows». Краткое содержание книги:
»Nein ... Was sagst du? O Gott ...«
»Sie hat also gelogen«, entschied Pjotr. Sie zuckte aber mit dem Kopf, als hätte jemand sie auf die Stirne geschlagen und flüsterte, zornig aufschluchzend:
»Was soll nun werden? Väterchens Tod hat uns ein wenig von der Nachrede der Leute erlöst, jetzt wird man wieder über uns herfallen! Ach Gott, wofür kommt das über uns? Der eine Bruder hängt sich auf, der zweite heiratet, man weiß nicht recht wen, eine Geliebte ... Was ist das alles nur? Ach, Nikita Iljitsch! Was ist das bloß für eine Schamlosigkeit? Nun, ich danke! Der Unbarmherzige hat uns einen schönen Gefallen erwiesen ...«
Er seufzte erleichtert auf und streichelte zärtlich Natalias Schulter.
»Hab' keine Angst, niemand soll etwas erfahren. Tichon wird nichts sagen, – er ist mit ihm befreundet und fühlt sich bei uns wohl. Nikita will ins Kloster gehen ...«
»Wann?«
»Ich weiß nicht.«
»Ach, wenn es doch bald wäre! Wie soll ich denn jetzt zu ihm sein?«
Pjotr schlug nach einem Schweigen vor:
»Geh' zu ihm, sieh nach ...«
Doch die Frau sprang, wie von einer Tarantel gestochen, auf und schrie beinahe:
»Ach, schick' mich nicht hin! Ich will nicht zu ihm! Ich will nicht, ich fürchte mich ...«
»Wovor?« fragte Pjotr rasch.
»Vor dem Selbstmörder. Ich gehe nicht, du kannst anfangen, was du willst! Ich fürchte mich.«
»Nun, komm schlafen!« sagte Artamonow und erhob sich auf seinen starken Beinen. »Wir haben uns heute genug gequält.«
Langsam neben der Frau hinschreitend, fühlte er, daß dieser Tag ihm zugleich mit dem Bösen auch etwas Gutes geschenkt hatte, und daß er, Pjotr Artamonow, ein Mensch war, als welchen er sich bis zum heutigen Tage nicht gekannt hatte, – er war klug und sehr schlau und hatte soeben sehr geschickt jemanden betrogen, der seine Seele in zudringlicher Weise durch dunkle Gedanken beunruhigt hatte.
»Natürlich stehst du mir am allernächsten«, sagte er zu seiner Frau. »Wer ist mir denn näher? Vergiß also nicht: du stehst mir am nächsten. Dann wird alles gut.«
Am zwölften Tage nach dieser Nacht schritt Nikita Artamonow beim Morgenrot durch den lockeren Sand eines vor Tau dunkel schimmernden Fußpfades. Er hatte einen Stock in der Hand und einen Ledersack auf dem Buckel, er ging schnell, als wollte er, so bald wie möglich, den Erinnerungen an den Abschied von den Verwandten entfliehen. Sie waren alle nicht ausgeschlafen und hatten sich im Eßzimmer neben der Küche versammelt, man saß steif da, sprach zurückhaltend, und es war klar, daß niemand von ihnen auch nur ein einziges herzliches Wort für ihn übrig hatte. Pjotr war freundlich und beinahe heiter, wie ein Mensch, der ein vorteilhaftes Geschäft abgeschlossen hat. Er sagte ein paarmaclass="underline"
»Jetzt haben wir also in der Familie einen eigenen Fürbitter für unsere Sünden ...«
Natalia schenkte gleichgültig und sehr aufmerksam Tee ein, ihre kleinen Mausohren brannten wahrnehmbar und sahen verdrückt aus; sie runzelte die Stirn und ging oft aus dem Zimmer. Ihre Mutter schwieg nachdenklich und glättete sich mit angefeuchtetem Finger die grauen Haare an den Schläfen. Nur Alexej zeigte eine an ihm ungewöhnliche Erregung und fragte, mit den Schultern zuckend:
»Wieso hast du dich dazu entschlossen, Nikita? So plötzlich? Das ist mir unverständlich.«
Neben ihm saß die kleine, spitznasige Orlowa, hob die dunklen Brauen und betrachtete ungeniert alle mit Augen, die Nikita mißfielen, – sie waren für ihr Gesicht unverhältnismäßig groß, unmädchenhaft scharf und blinzelten zu oft.
Es war bedrückend, unter diesen Menschen zu sitzen, und er dachte ängstlich:
»Und wie, wenn Pjotr es doch allen sagt? Wenn man mich nur bald fortließe ...«
Pjotr verabschiedete sich als erster; er näherte sich ihm, umarmte ihn und sagte sehr laut, mit bebender Stimme:
»Nun, teurer Bruder, lebe wohl ...«
Die Bajmakowa unterbrach ihn:
»Was fällt dir ein? Wir müssen erst eine Weile sitzen und schweigen, erst dann, nach einem Gebet, dürfen wir uns verabschieden.«
Das alles wurde sehr rasch ausgeführt. Pjotr trat wieder herzu und sagte:
»Verzeihe uns! Schreibe uns über die Schenkung, wir schicken dir das Geld sofort. Nimm kein zu schweres Noviziat auf dich! Lebe wohl! Bete recht viel für uns!«
Die Bajmakowa bekreuzte ihn, küßte ihn dreimal auf Stirn und Wangen und weinte. Alexej umarmte ihn fest, sah ihm in die Augen und sagte:
»Nun, geh mit Gott! Jeder hat seinen Weg. Und doch verstehe ich nicht, weshalb du dich so plötzlich entschlossen hast ...«
Natalia kam als letzte: sie trat aber nicht dicht an ihn heran, sondern preßte ihre Hand an die Brust, verneigte sich tief und sagte leise:
»Leb' wohl, Nikita Iljitsch ...«
Ihre Brüste waren noch immer hoch und mädchenhaft, obwohl sie schon drei Kinder genährt hatte.
Das war alles. Dann kam noch die Orlowa: sie streckte ihm ihre kleine, heiße Hand hin, die hart wie Holz war, – in der Nähe war ihr Gesicht noch unangenehmer. Sie fragte einfältig:
»Wollen Sie sich wirklich einkleiden lassen?«
Auf dem Hof verabschiedeten sich etwa dreißig Weber von ihm. Der uralte, taube Boris Morosow schrie, mit dem Kopf wackelnd:
»Der Soldat und der Mönch sind die ersten Diener der Welt, so ist es!«
Nikita ging auf den Kirchhof, um vom Grabe des Vaters Abschied zu nehmen. Er kniete davor nieder und sann, ohne zu beten, darüber nach, welche Wendung sein Leben genommen hatte. Als hinter seinem Rücken die Sonne aufging und auf den taubenetzten Rasen des Grabes ein breiter, eckiger Schatten fiel, der durch seine Umrisse an die Hütte des bösen Hundes Tulun erinnerte, sagte Nikita, sich bis zur Erde verneigend:
»Leb' wohl, Väterchen.«
In der wachen Stille des Morgens klang seine Stimme dumpf und heiser. Nach einer Pause wiederholte der Bucklige lauter:
»Leb' wohl, Väterchen.«
Er weinte bitterlich, nach Frauenart schluchzend, der Verlust seiner früheren hellen und klaren Stimme schmerzte ihn unerträglich.
Als Nikita eine Werst vom Friedhof entfernt war, erblickte er plötzlich den Hausknecht Tichon; den Spaten auf der Schulter, die Axt im Gürtel, stand er wie eine Schildwache im Gesträuch an der Landstraße.
»Du gehst?« fragte er.
»Ich gehe. Was machst du da?«
»Ich will eine Eberesche ausgraben und sie ans Fenster, neben meinem Wächterhaus, pflanzen.«
Sie standen eine Weile da und sahen einander schweigend an, worauf Tichon seine feuchten Augen abwandte.
»Schreite nur aus, ich begleite dich ein wenig.«
Sie gingen schweigend. Tichon begann als erster:
»Wieviel Tau fällt! Er ist schädlich und kündigt Dürre und Mißernte an.«
»Gott verhüte es.«
Tichon Wialow sagte etwas Unverständliches.
»Wie?« fragte Nikita, ein wenig erschrocken. Er erwartete von diesem Menschen immer irgendwelche besondere Worte, die die Seele reizten.
»Vielleicht verhütet er es, sage ich.« Aber Nikita war überzeugt, der Erdarbeiter hätte etwas gesagt, was er nicht zu wiederholen wünschte.
»Wie, glaubst du etwa nicht an die göttliche Gnade?« fragte Nikita vorwurfsvoll.
»Warum?« erwiderte Tichon ruhig. »Wir brauchen jetzt Regen. Dieser Tau schadet auch den Pilzen. Bei einem guten Wirt kommt aber alles zur rechten Zeit.«
Nikita schüttelte seufzend den Kopf.
»Du denkst wohl falsch, Tichon ...«
»Nein, ich denke richtig. Ich denke nicht mit den Augen.«
Sie legten schweigend etwa fünfzig Schritte zurück. Nikita schaute auf den breiten Schatten vor seinen Füßen; Wialow schlug im Takt zu seinen Schritten mit dem Finger auf den Holzschaft der Axt.
»Nikita Iljitsch, ich komme in einem Jahr, um nach dir zu sehen. Ist's dir recht?«