Der Erbe des Radscha
- Автор: Guben Berndt
- Серия: der pfeifer #3
- Язык: немецкий
- Жанр: Исторические приключения
Электронная книга - «Der Erbe des Radscha». Краткое содержание книги:
Auf Grund seines Firman war es eine Kleinigkeit für ihn gewesen, alle Dinge, die er benötigte, von den untergeordneten Stellen, dem Fourieramt und den Munitionsmeistereien zu erhalten. Dreimal brachte die Eselskarawane frische Vorräte heran.
Als der Muezzin zum Abendgebet rief, war die Arbeit getan. Kein Mensch hatte sich über die plötzliche Beladung des Seeräuberschiffs gewundert. Nur der Vorarbeiter schüttelte den Kopf. Er wußte aus bester Quelle, daß am Kurban-Bairam die Gefangenen auf dem Schiff gehenkt werden sollten. Er konnte sich nicht recht erklären, weshalb man das Volk um diese Freude bringen wollte. Nun, vielleicht war das mit dem Hängen an Bord tatsächlich nichts als ein wildes Gerücht, das der überhitzten Phantasie eines ganz besonderen Eiferers entsprungen war. Maalisch, was ging es ihn an? Er zuckte die Achseln und ging nach Hause. Michel schickte die Kompanie in die Quartiere und behielt nur dreißig Mann bei sich, die sich vorerst auf dem Schiff niederlassen durften, um sich auszuruhen. Sie hatten brummige Gesichter. Sie wären auch lieber zurück ins Lager marschiert.
12
Die Sonne war vollends gesunken, und die Dämmerung ging schon in die Nacht über, als Michel seine dreißig Soldaten antreten ließ und sich mit ihnen in Richtung auf das Hafengefängnis in Marsch setzte.
Sie marschierten mit nach vorn angewinkelten Gewehren, wie es der türkische Paradeschritt vorschrieb. Es war der gleiche Schritt, mit dem sie normalerweise zur Wachablösung aufzogen. Vor dem Gefängnis hielt die Abteilung an.
Michel ging hinein, was auf Grund seines Ausweises nicht schwer war. Der Offizier, der das Gefängnis bewachte, erstarrte fast vor Ehrfurcht, als ihm der rote Firman unter die Nase gehalten wurde.
»O großmächtiger Kapudan, was kann ich für dich tun?«
»Halt ein«, sagte Michel, »ich bin kein großmächtiger Kapudan. Wie kannst du es wagen, den Beinamen des Sultans einem seiner Diener zu geben?«
Der Gefängnisoffizier erbleichte. Michel hatte in strengem Ton gesprochen. Auch das übliche Schimpfen ließ er weg. Und das knappe, warnende Wort übte mehr Wirkung, als hätte er ein ganzes Lexikon orientalischer Flüche auswendig hergesagt.
Michel brauchte die Atmosphäre der Furcht, um seinen Plan durchzuführen.
»Wir sind gekommen«, sagte er, »um die spanischen Seeräuber abzuholen und nach Istanbul hinüberzubringen.«
Der Offizier streckte abwehrend beide Hände aus.
»Unmöglich, Effendim, unmöglich! Allein der Admiral hat die Verfügungsgewalt über sie.« »Du Esel, schau hinaus, von welcher Truppe meine Soldaten sind! Ich komme vom Oberbefehlshaber der Marine. Außerdem weißt du so gut wie ich, daß auch dieser dem Serdariekrem untersteht. Aber wenn du widerspenstig bist, so werfe ich dich in den Kerker. Das vereinfacht die Sache wesentlich.«
Er drehte sich um und tat, als wolle er sich entfernen, um seinen draußen wartenden Soldaten, die keine Ahnung hatten, was los war, den Befehl zu geben, den Gefängnisoffizier zu verhaften. »Warte, Effendim«, sagte der jetzt ängstlich; denn der Respekt vor dem roten Firman, jener zweithöchsten Legitimation im Reich der Hohen Pforte, machte ihn unsicher. »Wenn du mir ein Papier unterschreibst, daß ich sie ordnungsgemäß ausgeliefert habe, kannst du sie mitnehmen. Werden sie am Kurban-Bairamfest hängen?«
»Ja. — Nun beeil dich. Sie sollen heute nacht noch vors Gericht der Hohen Pforte.« —
Kapitän Porquez ging mit unruhigen Schritten in der großen, stinkenden Zelle auf und ab. Er konnte seine Erregung kaum meistern.
Alfonso Jardin redete ununterbrochen auf jeden ein, der gerade in seiner Nähe stand. Er hatte sich in eine hektische Aufregung gesteigert.
Don Escamillo war eisern beherrscht. Er schlug mit der linken Hand stundenlang in die Luft, um die erschlafften Armmuskeln zu stählen. Der Stumpf der rechten Hand war sorgfältig in ein dickes Tuch gewickelt, damit er bei einem etwaigen Ausbruch geschützt war.
Die Piraten gestikulierten wild, stiegen einander auf die Schultern, um durch den Mauerausbruch in die Dunkelheit zu stieren. Allen schlug das Herz bis zum Halse, Plötzlich standen sie wie erstarrt.
Draußen wurde der Riegel zurückgeschoben.
Dann trat ein Offizier ein. Es war der Gefängnisoffizier. Ihm folgte ein anderer, der jetzt in spanischer Sprache das Wort ergriff:
»Verbergt eure Überraschung, companeros, wenn ihr mich erkennen solltet. Offiziell werdet ihr jetzt nach Skutari gebracht, um vor Gericht gestellt zu werden. Die Soldaten, die euch bewachen, wissen nichts davon, daß ihr befreit werden sollt. Wenn ihr einen meiner bekannten Pfiffe vernehmt, so schlagt sie nieder und nehmt ihnen die Waffen ab. Aber schont ihr Leben. Tut nur, was ich euch jeweils sage. Ich muß jetzt aufhören zu reden, sonst wird man mißtrauisch.« Er hatte sie in drohendem Ton angebrüllt, so daß der Gefängnisoffizier nicht den leisesten Verdacht schöpfte. Die Worte des Kapudan klangen wie ferner Donner, der sich gleich in heftigen Blitzen entladen mußte.
Die Gefangenen ließen die Köpfe hängen. Viele atmeten tief durch, um ruhiger zu erscheinen. Dann ordneten sie sich im Gänsemarsch. Draußen wurden sie von den dreißig gut bewaffneten Marinesoldaten eskortiert. Michel bestätigte dem Gefängnisoffizier den Empfang der Todeskandidaten. Dann setzte sich der schweigende Zug in Bewegung.
Die Soldaten waren wegen des Nachtdienstes äußerst mißmutig. Nun sollten sie auch noch nach Istanbul übersetzen. Das paßte ihnen gar nicht.
Durch die Reihen der Piraten ging plötzlich ein erregtes Murmeln. Dort, dort lag die »Trueno« im Dock. Den Leuten flatterten die Hände. Sie konnten sich kaum noch beherrschen. Die Soldaten wunderten sich, daß sie zum Dock geführt wurden anstatt zur Mole, wo die Nachen lagen.Aber es waren altgediente Leute, die sich keine Gedanken darüber machten. Sie führten die Befehle aus, und damit erfüllten sie ihre Pflicht. Das war alles. Aus dem Dunkel trat ein Mann auf Michel zu. »Wie geht's weiter?« fragte er auf spanisch.
»Bleib unten stehen, Diaz, und kapp die Haltetaue, sowie unsere Freunde an Bord sind. Marina und Horuk sollen in meiner Nähe bleiben«, flüsterte Michel zurück, Dann kommandierte er: »Halt!«
Als erster kletterte er selbst an Bord des leeren Schiffes. In diesem Augenblick kam der Mond durch die Wolken und tauchte den ganzen Hafen in silbernes Lick Michel spähte nach allen Seiten. Die Gegend war still. Das einzig Lebende waren die fünfzig Piraten, die inmitten der drohend auf sie gerichteten Gewehre standen.