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Nijura - das Erbe der Elfenkrone

Электронная книга - «Nijura - das Erbe der Elfenkrone». Краткое содержание книги:

Als die junge Halbelfe Nill im Wald ein rätselhaftes Messer findet, ahnt sie nicht, dass sie damit zur Schlüsselfigur in einem alles bedrohenden Konflikt geworden ist. Ein unglaubliches Verbrechen hat den Frieden der Welt erschüttert: Elrysjar, die magische Halbkrone der Moorelfen, wurde von einem Menschen gestohlen! Als ihr Träger ist er unverwundbar und erlangt die blinde Ergebenheit aller Moorelfen. Verführt von seiner neuen Macht, hat der geheimnisvolle Menschenkönig bereits eine Armee Grauer Krieger um sich geschart, um die Welt mit seiner Schreckensherrschaft zu überziehen. Nur eine Waffe kann ihm Einhalt gebieten – geschmiedet aus der zauberkräftigen Halbkrone der Freien Elfen, die dem neuen König noch nicht Untertan sind.
Das Messer braucht eine Trägerin – und es hat sich dafür Nill erwählt. Schnell wird Nill zum Spielball aller Mächte und Interessen. Gejagt von den Grauen Kriegern und unterstützt nur von einigen wenigen mutigen Gefährten, macht sich Nill auf die gefährliche Reise zum Turm des Königs.
Mit atemberaubender Spannung verstrickt Jenny-Mai Nuyen ihre Leser in eine Fantasy-Welt voller überraschender Wendungen – und in eine bewegende Geschichte über Liebe, Loyalität und Verrat.
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Es war nichts geschehen. Sie hatte nur geträumt.

Nill schwang sich kurzentschlossen aus ihrem Bett und zog den seltsamen Stein unter der Matratze hervor. Eine Weile betrachtete sie ihn gedankenverloren. Er war ungeschliffen und sogar ein bisschen krumm, und doch ... Nill konnte unmöglich glauben, dass er auf natürliche Weise zu seiner Form gefunden hatte. Er lag ihr perfekt in der Hand, so wie ein Dolch oder ein Messer. Außerdem war er schön. Sie konnte jetzt, da sein Anblick ihr vertrauter war, kaum die Augen von ihm wenden. Die Schwärze des Dorns war so tief und samtig wie eine mondlose Nacht. Doch an seinen Kanten und Ecken umgab ihn ein Schillern von undefinierbarer Farbe. Was für ein Stein mochte das sein? Sie konnte sich nicht daran erinnern, je einen ähnlichen Gegenstand gesehen zu haben. Die Furcht, die der Dorn gestern in ihr wachgerufen hatte, kribbelte ihr noch ein bisschen im Bauch – aber jetzt gewann die Neugier die Oberhand, was für ein Geheimnis ihn wohl umgab.

Schließlich stand Nill auf und zog sich an. Wie die meisten Frauen und Mädchen im Dorf trug sie ein Kleid aus grobem Leinen, das ihr ausgefranst um die Waden tanzte. Darüber zog sie eine dunkelgrün gefärbte Tunika, die Agwin abgelegt hatte, und band einen Gürtel um die Taille. Als sie in ihre knöchelhohen Schuhe geschlüpft war, steckte sie sich den Dorn in die Rocktasche und strich verstohlen die Tunika darüber glatt. Es war bestimmt besser, wenn sie ihn bei sich behielt.

Nill verließ ihr Zimmer und ging in Richtung Hof, wo die Kohlköpfe bereits auf sie warteten.

Das Reich der Dunklen Wälder war unendlich. Es erstreckte sich in alle Himmelsrichtungen, umfasste die tiefen Waldgebiete, in die sich selten Wanderer und Sonnenstrahlen verirrten, die weiten Länder der Birken und Buchen, deren Stämme so mächtig waren, dass drei Menschen sie nicht umfassen konnten, und Berge: gigantische Berge, deren weiße Gipfel die Bäuche der Wolken durchbohrten. Unzählige Völker und Wesen lebten im Dunklen Waldreich – viele von ihnen waren einander nicht einmal bekannt, denn sie waren sich nie begegnet.

Auch die Menschen hatten sich in ihrem Eifer, die gesamte Welt zu besiedeln, in den Dunklen Wäldern niedergelassen. Man nannte ihre Dörfer, die sich von den nördlichen Gebirgslandschaften bis hin zu den westlichen Tiefwäldern ausdehnten, die Dörfer der Hykaden. Dieser Begriff kam aus der Sprache des Elfenvolkes: Hykaed bedeutete Barbar. Aber da selbst die Menschen jenseits der Dunklen Wälder die Hykadenstämme barbarisch fanden, hatte sich der Name durchgesetzt. Im Verlauf der Zeit hatten die Hykaden wohl vergessen, was ihr Name bedeutete, oder sie erachteten es nicht als Schande, von Elfen – die in ihren Augen nichts als Wilde waren – für barbarisch gehalten zu werden. Die Missverständnisse zwischen den beiden Völkern reichten so weit zurück wie die Geschichte ihrer Stämme. Nie hatten Menschen und Elfen in Einklang miteinander gelebt, denn solange es Land, Wasser und Luft gab, konnte die Welt nur einem der Völker gehören.

Vor allem in den tiefen Wäldern des Südens, wo der Boden fruchtbarer war als irgendwo sonst, die breiten Flüsse Lachse und Krebse im Überfluss boten und die gigantischen Bäume so weit in den Himmel ragten wie Riesen, war die Feindschaft zwischen Hykadenstämmen und Elfenvolk seit Urzeiten unerbittlich. Die Menschen unternahmen Hetzjagden auf die Tiere des Nebels, die die Elfen als heilig erachteten, und holzten die von Dunstschwaden und Zauberkraft durchtränkten Haine ab. Und die Elfen schossen das Wild, auf das die Menschen so angewiesen waren, und waren mit den Wölfen im Bunde, die die Schafe und Hühner der Dörfer rissen. Außerdem beschuldigten die Hykaden die Elfen, immer wieder Menschen mit geheimnisvollen Bannsprüchen und Zaubern in die Tiefen der Wälder zu locken. Denn ganz anders als die Elfen fürchteten die Menschen den Wald, sobald sie alleine und ohne ihr schützendes Feuer waren.

So war es nicht verwunderlich, dass es in den gesamten Tiefwäldern des Westens nur ein einziges Kind zu geben schien, in dem das Blut beider Völker floss. Nill wusste von keinem ähnlichen Fall, und wenn es doch mehr Kinder gemischten Geblüts gab, so verschwieg man sie ebenso, wie Nill verschwiegen wurde.

Trotz ihrer elfischen Abstammung fühlte sich Nill wie ein Mensch. Sie kannte ja nur die Menschen – und von den Elfen erzählte man sich so finstere Geschichten, dass Nill sich unmöglich vorstellen konnte, eine von ihnen zu sein. Manchmal war sie sogar dankbar, von ihrer Mutter verstoßen worden zu sein, damit sie nicht zu dem wilden, blutrünstigen Volk gehören musste, das man in ihrem Dorf so hasste und fürchtete. Nein, hätte man Nill nicht ständig daran erinnert, anders zu sein, wäre sie ein gewöhnlicher Mensch gewesen. Nur ein paar Kleinigkeiten verrieten, dass sie etwas Fremdes, etwas Elfisches in sich hatte: Nill sah nachts besser als die restlichen Dorfbewohner.

Das Mondlicht konnte für sie so manches in der Dunkelheit erstrahlen lassen, was Menschenaugen nicht erfassten. Ihre Haut bräunte sich in der Sonne nicht, so lange sie auch in den Gemüsebeeten arbeitete, und blieb stets bläulich blass. Und Nill fürchtete sich nicht vor dem Wald. Im Gegenteil, sie fühlte sich von den hohen Bäumen, dem tiefen, weichen Moos, dem undurchdringlichen und ewig tanzenden Grün des Waldes geradezu gerufen. Das Rauschen der Buchen und Weiden lockte sie fort in stille Tiefen, in denen es nichts außer Sonnenlicht und Schatten und den Echos winziger Geräusche gab. Die Angst, sich zu verlaufen oder von den Geschöpfen des Waldes entdeckt zu werden, war Nill völlig unbekannt.

Und manchmal, da hatte Nill sogar das merkwürdige Gefühl, die Bäume flüstern zu hören. Wenn sie genau in die Stille des Waldes horchte, wenn sie sich auf das Schweigen der uralten Eichen konzentrierte, das wie ein angehaltener Atem in der Luft hing, dann kamen ihr merkwürdige Eingebungen, so als hauche ihr etwas eine Botschaft ein. So wusste Nill oft aus unerklärlichem Grund, wann ein Gewitter heraufziehen würde, ob ein entwurzelter Baum den Hühnerstall zerschlagen oder wann die aufschäumenden Fluten des Flusses über das Ufer treten und die Felder überschwemmen würden.

Als Nill nun, den schweren Korb mit den Kohlköpfen auf dem Rücken, die kleinen Straßen des Dorfes entlangging, folgten ihr die Blicke der anderen Bewohner. Zwei Mädchen tuschelten hinter vorgehaltenen Händen und kicherten. Nill ging schneller. Ich hätte mir, dachte sie, noch einmal die Haare kämmen sollen. Bestimmt machten sich die beiden Mädchen darüber lustig, dass sie wie eine Vogelscheuche aussah.

Auf dem Platz, der in der Mitte des Dorfes und direkt vor dem Haus des Obersten lag, wurde ein Markt abgehalten. Hühnergackern, Stimmengewirr und Münzengeklimper mischten sich zu dem gewöhnlichen Marktlärm, der in Nill so manche dunkle Erinnerung weckte. Sie mochte es nicht, unter Leuten zu sein.

Stumm und mit gesenktem Kopf baute sie ihre Kohlköpfe auf. Die Schatten der Vorbeigehenden tanzten über sie hinweg und das Lachen von Kindern näherte sich ihr. Plötzlich griffen mehrere Hände nach ihren Kohlköpfen. Erschrocken blickte Nill auf: Eine Schar Jungen und Mädchen, bestimmt nicht älter als zehn, hatte sich lachend um sie versammelt und sprang um sie herum. Im Chor sangen sie:

»Schmuddelmädchen, Strubbelkind, kamst aus dem Sturm, kamst in den Wind, fielst in die Dornen, auf die Erd’, Dornenmädchen, bist nichts wert!«

»Gebt mir mein Gemüse zurück!« Nill griff nach den Kohlköpfen, die die Kinder sich gegenseitig zuwarfen, doch sobald sie einen packte, hatten die Kinder bereits einen neuen genommen. »Hört auf! Verschwindet!«

Noch immer sangen sie das Lied vom Dornenmädchen. Sobald Nill einen Schritt auf sie zumachte, kreischten sie vor Freude.

»Dreckige Elfe! Das Dornenmädchen will mich holen!«

Dornenmädchen – das war sie also immer noch.

Ein Junge zog sie so fest an den Haaren, dass sie gegen die aufgestapelten Kohlköpfe fiel. Polternd brach der kleine Turm in sich zusammen und Nill stürzte genau in die Mitte des rollenden Gemüses.

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