Nijura - das Erbe der Elfenkrone
- Автор: Nuyen Jenny-Mai
- Год: 2006
- Язык: немецкий
- Год: cbj Verlag
- ISBN: 978-3-570-13058-2
- Жанр: Фэнтези
Электронная книга - «Nijura - das Erbe der Elfenkrone». Краткое содержание книги:
Das Messer braucht eine Trägerin – und es hat sich dafür Nill erwählt. Schnell wird Nill zum Spielball aller Mächte und Interessen. Gejagt von den Grauen Kriegern und unterstützt nur von einigen wenigen mutigen Gefährten, macht sich Nill auf die gefährliche Reise zum Turm des Königs.
Mit atemberaubender Spannung verstrickt Jenny-Mai Nuyen ihre Leser in eine Fantasy-Welt voller überraschender Wendungen – und in eine bewegende Geschichte über Liebe, Loyalität und Verrat.
Wie vom Donner gerührt blieb Nill sitzen. Bald schloss sich die Haustür hinter der Seherin. Agwin kam zurück, stand eine lange Zeit vor der Küche und starrte auf Nill und das Messer. Sie fuhr sich immer wieder mit den Händen über den Rock, rang sich aber zu keinem Wort durch, bis sie schließlich sagte:
»Du hast die Alte gehört. Du solltest früh schlafen.«
Plötzlich erkannte Nill die Verzweiflung in Agwins Stimme. In dem Gesicht der hageren Frau konnte sie es ablesen: Sie hatte Angst. Aber nicht um Nill. Nein. Sie hatte Angst vor dem Alleinsein, vor einem Leben, in dem sich ihre Verachtung nur noch auf sich selbst richten konnte.
Nill stand auf und schob sich das Messer in die Rocktasche. Es fühlte sich schwerer an als vorher.
Einen Moment stand sie reglos vor Agwin, der einzigen Mutter, die sie je gehabt hatte; dann trat Agwin zur Seite und machte ihr Platz.
Nill stieg in ihr Zimmer hinauf und legte sich angezogen ins Bett. Dort blieb sie lange liegen, ohne die Augen zu schließen oder einen Gedanken fassen zu können. Nur Gefühle überkamen sie immer wieder: Mal Angst, mal Ungläubigkeit, mal eine seltsame Mischung, die sie nicht erklären konnte.
Irgendwann hörte sie unten im Haus Schritte. Leise Stimmen drangen aus der Küche. Etwas später knarrte die Holzstiege, als jemand heraufkam.
Im bleichen Licht, das durch ihr Fenster drang, erkannte sie eine gebeugte Männergestalt auf der Zimmerschwelle. Er konnte sie nicht sehen, das wusste sie, denn ihr Bett stand im Schatten. Trotzdem blieb Grenjo dort stehen, völlig reglos, während Minuten verstrichen. Erst, als Nill Tränen über die Nasenspitze rollten, drehte er sich langsam um und verschwand.
Tatsächlich kamen sie noch vor Sonnenaufgang, um Nill abzuholen. Aber sie war bereit. Sie hatte in der letzten Nacht nur zwei Stunden geschlafen und war erwacht, noch bevor die ersten Vögel zwitscherten.
Nun saß Nill reglos auf ihrem Bett und betrachtete ihr Zimmer mit den schrägen Wänden. Vierzehn Jahre – fast fünfzehn schon – hatte sie hier verbracht.
Hier hatte sie oft geweint und sich mindestens genauso oft in Tagträumen verloren. Zwischen diesen Wänden hatte sie gehofft und gebetet, geflucht und sich gelangweilt; das alles sollte nun mit einem Mal vorbei sein. Jedenfalls für die nächste Zeit – sollte sie von ihrer Reise jemals wiederkehren. Für einen kurzen Moment machte dieser Gedanke ihr Angst. Was, wenn sie tatsächlich zurückkam und alles wäre wie früher? Sie wusste nicht, ob diese Vorstellung sie tröstete oder abschreckte, und es war wohl auch zu früh, um sich über diese Gefühle klar zu werden.
Unten klopfte es an der Tür. Nill stand sofort auf.
Sie war fertig angezogen und hatte ihre Habseligkeiten in einem alten Lederbeutel verstaut: einen Wasserschlauch, Nahrung, eine dünne Wolldecke, Kleidung und einen flachen Stein, den sie einmal im Fluss gefunden und seitdem als Glücksbringer behalten hatte.
Rasch kletterte sie die Stiege hinab.
Unten vor der Haustür warteten bereits Celdwyn, der Stammesfürst und einige hoch angesehene Jäger des Dorfes. Die Männer trugen graue Gesichter zur Schau. Allein die alte Seherin schien ein wenig fröhlicher, was Nill nicht unbedingt aufmunterte.
Der Dorfoberste räusperte sich, kam steif auf Nill zu und hielt ihr einen Quersack entgegen.
»Sei gegrüßt, Nill. Wir sind stolz auf dich. Für deine Reise haben wir dir einen Proviantbeutel zusammengestellt. Hier drinnen ist genügend Fladenbrot und Dörrfleisch für ein paar Wochen und auch sechs Silberlinge, solltest du etwas kaufen müssen, außerdem ein Jagdmesser und eine Angelschnur, falls du damit umgehen kannst ...« Letzteres fügte der Fürst murmelnd hinzu.
»Danke.« Mit zitternden Fingern nahm Nill den Quersack an sich und schlang ihn über ihre Schulter. »Und hier«, fiel dem Dorfobersten noch ein, wobei er die andere Hand vorstreckte und Nill einen dunklen Umhang hinhielt. »In den Nächten könnte es kalt werden.«
Dann gingen sie los.
Sie verließen den Hof und mit jedem Schritt hatte Nill das Gefühl, ein Stück mehr von sich zu verlieren. Als sie das Haus mit dem Strohdach schon fast hinter sich gelassen hatten, drehte Nill sich noch einmal um. Im geöffneten Küchenfenster war Agwin zu sehen. Als Nills Blick sie traf, verschwand sie rasch.
Nill drehte sich um. Sie atmete tief aus und konzentrierte sich ausschließlich darauf, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Unter ihren Schuhen knirschten die Kieselsteine der schmalen Straße, die an den anderen Häusern mit ihren Höfen und Wiesen vorbeiführte. Auf dieser Straße war sie jeden Tag ihres Lebens entlanggelaufen, in allen Sommern und Wintern, bei Regen und Schnee und Sonne; sie hatte auf ihr gewartet, dass Grenjo vom Holzfällen, von der Jagd oder vom Fischen heimkommen würde. Er war immer zwischen den hohen Bäumen erschienen, die bei der Straßenbiegung im Wind rauschten ...
Nill wandte sich noch einmal um. Neben ihrem Haus, das inzwischen fast im Wald verschwunden war, stand jemand und blickte ihr nach. Nill spürte, wie ihr erneut Tränen in die Augen steigen wollten, aber sie zwang sie zurück. So schwer war es gar nicht. Grenjo stand dort und sie wusste, dass er noch stehen bleiben würde, wenn sie verschwunden war.
Aber es war zu spät. Er würde nicht mehr die Möglichkeit haben, ihr zu erzählen, wonach sie sich immer gesehnt hatte: dass sein Kummer ein Geheimnis war, das er mit ihr teilen wollte, dass er sie besser verstand als irgendein Mensch sonst, und vielleicht sogar, dass sie ihr ganzes Leben lang bei ihrem Vater verbracht und er ihre Mutter so sehr geliebt hatte wie seine einzige Tochter.
Nill wandte sich ab und die hohen Bäume verschluckten das Haus und die Straße und die ferne, gebeugte Gestalt.
An einem breiten Fluss, der die einzige verlässliche Straße durch die Dunklen Wälder war, machten Nill und ihre Begleiter Halt. Eine schmale Barke war am Ufer festgebunden und sollte Nill den Fluss stromabwärts bringen, fort aus den Dunklen Wäldern und direkt hinein in die Marschen von Korr. Dort würde Nill auf sich selbst gestellt sein. Sie fragte sich verzweifelt, ob der Dorfoberste oder die Seherin selbst wussten, was sie dann tun sollte – denn Nill hatte den Verdacht, dass sie ebenso ratlos waren wie sie. Aber ihnen konnte das schließlich egal sein. Nill war es, die die Gefahren überstehen musste, in die sie ohne Erklärung oder Vorbereitung geschickt wurde ... Es war vollkommen verrückt! Ihr Leben wurde ganz einfach verspielt, ohne dass man nach ihrer Meinung fragte. Mit wachsender Fassungslosigkeit kletterte Nill in die Barke. Wahrscheinlich, dachte sie bitter, versuchte man sie ganz einfach loszuwerden. Sie war dem Dorf doch ihr ganzes Leben lang ein Dorn im Auge gewesen. Teilnahmslos ergriff sie das Ruder und legte es sich auf den Schoß, während einer der Männer des Dorfes das Seil löste, mit dem die Barke am Ufer festgemacht war. Die Seherin trat direkt neben ihn und beobachtete Nill mit einem rätselhaften Lächeln.
»Warte noch«, befahl sie dem Mann, ohne Nill aus den Augen zu lassen. »Gib mir das Seil.«
Der Mann legte ihr den Strick in die ausgestreckte Hand und ging zurück zum Rest der Gruppe, die etwas abseits bei der Uferböschung stand.
»Hast du noch eine letzte Frage?« Die Alte lächelte.
War das ihr Ernst? Nill hatte einen ganzen Haufen von Fragen – man hatte ihr schließlich gar nichts erklärt! »Ja, allerdings«, erwiderte Nill trotzig. »Wieso bin ich die Auserwählte? Weil ich meinen – meinen Heldenmut schon so oft bewiesen habe? Oder weil man mir so vertraut, mir, dem Elfenblut?«
Celdwyn lächelte noch immer. Plötzlich war sie näher gekommen – stand sie mit den Füßen im Wasser? Der Blick ihrer alten Augen brannte sich in Nill hinein. »In dir schlummern große Kräfte, Nill Dornenmädchen. Die Macht, die in deinem Innern liegt, ist tief wie ein Wald und wird die Zukunft prägen nach dem Willen der Götter! Doch noch schweigt der Wald deines Herzens. Wann beginnen seine Bäume wohl zu flüstern?«