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Nijura - das Erbe der Elfenkrone

Электронная книга - «Nijura - das Erbe der Elfenkrone». Краткое содержание книги:

Als die junge Halbelfe Nill im Wald ein rätselhaftes Messer findet, ahnt sie nicht, dass sie damit zur Schlüsselfigur in einem alles bedrohenden Konflikt geworden ist. Ein unglaubliches Verbrechen hat den Frieden der Welt erschüttert: Elrysjar, die magische Halbkrone der Moorelfen, wurde von einem Menschen gestohlen! Als ihr Träger ist er unverwundbar und erlangt die blinde Ergebenheit aller Moorelfen. Verführt von seiner neuen Macht, hat der geheimnisvolle Menschenkönig bereits eine Armee Grauer Krieger um sich geschart, um die Welt mit seiner Schreckensherrschaft zu überziehen. Nur eine Waffe kann ihm Einhalt gebieten – geschmiedet aus der zauberkräftigen Halbkrone der Freien Elfen, die dem neuen König noch nicht Untertan sind.
Das Messer braucht eine Trägerin – und es hat sich dafür Nill erwählt. Schnell wird Nill zum Spielball aller Mächte und Interessen. Gejagt von den Grauen Kriegern und unterstützt nur von einigen wenigen mutigen Gefährten, macht sich Nill auf die gefährliche Reise zum Turm des Königs.
Mit atemberaubender Spannung verstrickt Jenny-Mai Nuyen ihre Leser in eine Fantasy-Welt voller überraschender Wendungen – und in eine bewegende Geschichte über Liebe, Loyalität und Verrat.
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Agwin ergriff mit Daumen und Zeigefinger Nills Ohr und zog sie zu sich heran. »Da, Grenjo, siehst du’s? Sie werden immer spitzer.«

Grenjo sah Nill nachdenklich an, bis Agwin ihr Ohr losließ.

»Wie alt bist du denn jetzt, Nill?«, fragte er.

Sie warf ihm einen zögernden Blick zu. »Vierzehn Winter und fünfzehn Sommer.«

Plötzlich breitete sich ein Lächeln auf Grenjos Gesicht aus. Es war ein Gesicht voller Furchen, und doch ließen Augen und Mund erahnen, dass er einmal schön gewesen war. Vielleicht war das gar nicht lange her. Ein paar Tage und Nächte der Traurigkeit reichten schon, um alt zu werden.

»So alt schon«, murmelte er. »Ich erinnere mich noch an das kleine Mädchen, das früher hier herumgetappt ist und stundenlang die Bäume im Wind beobachtet hat.«

»Sie war ein unerträgliches Nervenbündel«, fügte Agwin hinzu. »Als Kind hat sie mir alle Kraft abverlangt und jetzt macht mir ihre Selbstsucht graue Strähnen.«

Nill wandte sich zur Tür. Unbemerkt hatte sie sich die Haare wieder über die Ohren gestrichen – das war schon eine Angewohnheit geworden. Sie versteckte alles, was an ihr elfisch war, so sorgfältig wie möglich. »Ich gehe schlafen.«

Agwin hielt im Suppeschlürfen inne. »Morgen gehst du und verkaufst meine Kohlköpfe auf dem Markt. Und sieh zu, dass man dich nicht vollends übers Ohr haut.«

Nill blickte verstohlen zu Agwin zurück, ehe sie die Küche verließ. Sie war noch nie übers Ohr gehauen worden. Aber das spielte in Agwins Augen keine Rolle. Sie hätte Nill genauso ungerührt beschuldigt, die Bäume in den Hof gefällt zu haben, die ein Sturm aus der Erde gerissen hatte.

Nill kletterte eine Stiege hinauf zum Dachboden, wo ihr Zimmer lag. Aus Gewohnheit konnte sie sich in der Dunkelheit bewegen, ohne gegen etwas zu stoßen, bis sie das schmale Strohbett erreichte. Ihr Zimmer war klein und hatte schräge Wände. Ein einziges Fenster, wie ein Guckloch, war über ihrem Bett. Sie öffnete das Binsengeflecht, das das Fenster im Sommer abdeckte, und blickte hinaus.

Der Wind strich zu ihr herein und kitzelte kühl und duftend auf ihrer Haut. Sie sah die mächtigen Baumwipfel, die sich vor dem Nachthimmel abzeichneten. Blass schimmerte die Mondsichel durch das Geäst. Grillen zirpten und aus der Ferne klang das Heulen der Wölfe.

Nill streifte die Kleider ab, ohne den Blick vom Mond und den Bäumen und dem Himmel zu wenden. Wie viele Menschen vor ihr schon denselben Mond und denselben Himmel gesehen haben mochten! Helden hatten zu den gleichen Sternen aufgeblickt wie sie nun. Und Helden würden in tausend Jahren noch denselben Nachtwind flüstern hören. Nill lächelte matt, denn in Momenten wie diesem war sie der Welt, dem Leben, sich selbst so nah, dass sie sich wie von unsichtbaren Geistern umarmt glaubte.

Als ihr Rock zu Boden glitt, spürte sie etwas Hartes. Ihr Herz zog sich zusammen.

Der steinerne Dorn! Nill hatte ihn vollkommen vergessen.

Sie zog ihn aus der Rocktasche und hielt ihn eine Weile in den Händen. Er lag kalt und geschmeidig in ihren Fingern und namenlose Furcht überkam Nill.

Mit einem Mal hatte sie das drängende Bedürfnis, den Dorn aus dem Fenster zu werfen; aber gleichzeitig wusste sie, dass das nicht weit genug wäre. Sie müsste ihn ganz fortbringen, bis zu der hohlen Birke.

Nur wenn sich der Baum wieder schloss, erkannte Nill, würde sie vor dem Stein sicher sein.

»Unsinn«, murmelte sie und schüttelte diese Gedanken ab. »Es ist nur ein Stein.«

Sie schob ihn unter ihre Strohpritsche. Dann schlüpfte sie unter ihre dünne Wolldecke und zog sie sich bis zum Kinn hoch. Der Himmel über ihr, der Mond, das Windflüstern in den Bäumen – alles schwebte in ihrem Kopf herum. Himmel, Mond, Windflüstern ... Steindorn ... der Steindorn ...

Nach einer Weile war Nill eingeschlafen.

Nill hatte oft denselben Traum. Er spielte sich immer gleich ab und ließ sie jedes Mal mit demselben bitteren Geschmack und dem Gefühl einer unheimlichen Leere erwachen. Es war der einzige Traum – und die einzige Vorstellung überhaupt –, die Nill von ihrer Mutter hatte.

Die Frau wanderte schweren Schrittes durch den Wald. Die Dämmerung kroch herauf. Die wehenden Fichten und Tannen blickten anklagend auf sie herab.

Der Wind pfiff aus allen Winkeln der Finsternis; er schien zu schreien, zu toben, zu verfluchen. Böse Geister schwebten um die Frau, die so schwerfällig durch das Unterholz wanderte wie ein trächtiges Reh.

Im Arm trug sie einen Korb.

Bald schälten sich die Häuser der Hykaden aus dem trüben Dämmerlicht. Die Fenster blickten ihr entgegen wie die Augenhöhlen von Totenköpfen.

Furcht und Abscheu keimten in der Frau – und Nill spürte ihre Gefühle so stark, als seien sie ihre eigenen.

Augenblicke später ragte das Dorftor vor ihr auf.

Die Frau warf einen letzten widerwilligen Blick in ihren Korb, den sie vor ihren Füßen abstellte, und Nill überfiel das Bedürfnis, nur noch zu weinen. Denn was die Frau da von sich stieß, war die hilflose Kreatur, die in dem Korb lag. Ein Kind.

Die Frau hatte es nicht haben wollen, denn es war ein Bastard, ein feindliches Blut, und noch dazu weckte es in der Frau brennende Schuldgefühle. Sie lief davon, ohne sich umzudrehen. Sie lief davon, um das Kind zu vergessen, um wieder glücklich zu sein, um schön zu sein, frei und unschuldig. Das Kind blieb in dem Korb zurück. Wolkenfetzen trieben über den Himmel hinweg. Die ganze Welt schien erfüllt von dem herzzerreißenden Schluchzen der erbärmlichen Kreatur.

Oft war Nill sehr ruhig aus diesem Traum erwacht und hatte eine Weile weinend im Bett gelegen, ohne sich zu rühren. Sie wollte sich nicht bewegen und dabei spüren, dass sie selbst das plumpe Geschöpf war, das nur Abscheu in jener Frau hervorgerufen hatte. In der Frau, die Nill mehr als alles, mehr als irgendjemanden sonst lieben wollte.

Doch in dieser Nacht träumte Nill nicht von ihrer Mutter. Heute suchten sie ganz andere, viel seltsamere Bilder und Gefühle heim ...

Sie ist allein in den Tiefen der Dunklen Wälder.

Nein, nicht allein: Um sie flüstern und raunen die Geister der Bäume und des Windes. In ihrer Hand liegt, wohlgeformt und schwer, der schwarze Dorn.

Sie muss ihn loswerden. Sie muss ihn zerstören.

Doch gleichzeitig ist sie an ihn gebunden, er ist Teil ihres Schicksals geworden. Nill beginnt zu rennen.

Schatten und Lichter der Wälder greifen nach ihr. Ihr Herz pocht vor Angst, bis sie etwas neben sich spürt: Da rennt jemand an ihrer Seite. Ein Mensch.

Er ist ein warmer, vertrauter Schatten, den sie fürchtet und gleichzeitig liebt. Nun fühlt sie sich sicherer.

Die Bäume lichten sich, ein tiefer Abgrund öffnet sich direkt vor ihnen im Boden. Einen Augenblick lang sieht Nill einen gigantischen schwarzen Turm aus der Tiefe ragen, der dem steinernen Dorn erschreckend ähnlich sieht. Sie wendet sich an ihren Begleiter und erkennt plötzlich sein Gesicht; erkennt jedes Detail, sieht seine Lippen, die Nase, die tiefen, finsteren Augen – er packt ihre Hand und Nill schreit auf. Er hat ihr den schwarzen Dorn in die Brust gebohrt. Schmerz, Entsetzen und ein verwirrendes Gefühl der Liebe vereinen sich zu einer Flut, die durch jede Zelle ihres Körpers rauscht –

Mit einem Luftschnappen fuhr Nill auf. Einen Herzschlag lang flirrten die Bilder des Traumes vor ihr; dann umgab sie wieder ihr vertrautes Zimmer.

Staub schwebte im Licht, das die Sonne durch ihr Fenster warf.

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