Nijura - das Erbe der Elfenkrone
- Автор: Nuyen Jenny-Mai
- Год: 2006
- Язык: немецкий
- Год: cbj Verlag
- ISBN: 978-3-570-13058-2
- Жанр: Фэнтези
Электронная книга - «Nijura - das Erbe der Elfenkrone». Краткое содержание книги:
Das Messer braucht eine Trägerin – und es hat sich dafür Nill erwählt. Schnell wird Nill zum Spielball aller Mächte und Interessen. Gejagt von den Grauen Kriegern und unterstützt nur von einigen wenigen mutigen Gefährten, macht sich Nill auf die gefährliche Reise zum Turm des Königs.
Mit atemberaubender Spannung verstrickt Jenny-Mai Nuyen ihre Leser in eine Fantasy-Welt voller überraschender Wendungen – und in eine bewegende Geschichte über Liebe, Loyalität und Verrat.
Als sie die Seherin erblickte, erschrak Nill so sehr, dass sie sofort wieder zurücktrat.
Nun war sie hier. Den ganzen Tag über hatte Nill gebangt und gefürchtet, was wegen des Steindorns mit ihr geschehen würde. Sie hatte schließlich geahnt, dass es ein bedeutender Gegenstand war, vielleicht sogar ein gefährlicher. Ausgerechnet die Seherin hatte ihn entdeckt, die bestimmt wusste, was es damit auf sich hatte. Und jetzt war sie gekommen, um Nill zur Rede zu stellen!
Celdwyn trat in die Küche. Angesichts der erschrockenen Nill musste Celdwyn lächeln und entblößte dabei eine Reihe blau gefärbter Zähne. »Guten Abend, Nill. Das ist doch dein Name?«
Nill nickte. Inzwischen war Agwin hinter der Seherin aufgetaucht. Fragend sah sie Nill an. »Was stehst du an der Wand herum? Hast du dich in einen Besen verwandelt?«
Celdwyn lachte auf und drehte sich zu Agwin um.
Die schien gar nicht zu wissen, wie sie mit der beschwingten Fröhlichkeit der Alten umgehen sollte.
Verdattert wanderte ihr Blick zwischen Celdwyn und Nill hin und her. Dann nahm die Seherin, noch immer kichernd, am Tisch Platz und legte ihren Leinenbeutel vor sich hin.
»Nill, setze dich bitte zu mir«, sagte sie.
Nill zögerte. Erst auf einen erwartungsvollen Blick Agwins hin löste sie sich von der Wand und näherte sich der Seherin.
Bevor Agwin es ihr gleichtun konnte, bat Celdwyn sie: »Agwin, wärst du so gut und machst uns einen Tee? Ich bin alt, wie ihr wisst, und die Kälte ergreift mich immer wieder. Dann werden meine Gelenke und Glieder steif und ich habe doch noch einen Heimweg vor mir. Etwas Warmes wäre sehr schön.«
Wortlos machte sich Agwin daran, den Wunsch der Seherin zu erfüllen, beobachtete aber aus den Augenwinkeln, wie sie sich näher zu Nill vorbeugte.
Eine Weile sagte Celwyn gar nichts. Ihre alten, versunkenen Augen waren auf Nills Gesicht gerichtet, und ihr Blick schien jeden ihrer Gedanken abzutasten ... vorsichtig, bedacht, wie mit rauen, behutsamen Händen. Celdwyn musterte Nills Augen, die halb hinter ihrem strubbeligem Haar verschwanden; an ihnen war leicht abzulesen, dass das Mädchen kein gewöhnlicher Mensch war. Und doch, überlegte die Alte, war in ihnen dieselbe menschliche Furcht wie in allen anderen Augen.
»Ahnst du, wieso ich hier bin?«, fragte Celdwyn schließlich.
Nill warf einen ängstlichen Blick zu Agwin, die unablässig zu ihr herüberschielte, und schluckte schwer.
»Wegen des Dorns«, murmelte sie.
Celdwyn schien ein wenig zu lächeln – aber ihr Gesicht war so runzlig, dass man es kaum erkennen konnte. »Du hast gesagt, du weißt nicht, was der Dorn ist. Aber ich sehe dir sehr wohl an, dass du etwas von seiner Bedeutsamkeit verstehst. Und tatsächlich, mein Kind: Er wird bedeutsam für dich sein. Sehr sogar.«
Celdwyns Blick schien plötzlich verschwommen und fern. Erst als Agwin eine dampfende Tasse vor sie hinstellte, fuhr die Seherin kaum merklich auf.
Agwin setzte sich neben sie, faltete die Hände im Schoß und beobachtete sie gebannt. Nur kurz glitt ihr Blick zu Nill herüber, bereits mit einem unheilvollen Funkeln, das eine Strafe oder mindestens eine ordentliche Standpauke prophezeite.
»Weißt du, Nill«, erklärte Celdwyn, nachdem sie an ihrem Tee genippt hatte, »ich will dich nicht lange mit Ungewissheit quälen. Der Dorn ist ein magisches Messer, gefertigt von Elfenhand, um den König von Korr zu töten. Im Rat der versammelten Hykadenstämme wurdest du dazu auserwählt, den König zu schützen und ihm das unheilvolle Messer zu überbringen.«
»Ich?«, entfuhr es Nill.
»Ja. Du.«
Kreidebleich starrte Nill die Seherin an. Mehrere Herzschläge lang konnte sie weder einen Gedanken fassen, noch etwas erwidern. Nicht einmal Agwin, die sie wie ein verblüfftes Huhn anstierte, brachte Nill zur Besinnung.
Andächtig schlürfte Celdwyn von ihrem Tee und schürzte die Lippen. »Fürchte dich nicht, mein Kind. Jetzt ist sowieso nichts mehr daran zu ändern. Deine Zukunft steht fest, Nill, und nichts wird sie mehr umschreiben können.«
Nach mehreren Augenblicken fand Nill ihre Stimme endlich wieder. »Wieso ich?«
Celdwyn legte eine Hand auf die ihre. Die langen, blau bemalten Fingernägel schlossen sich um Nills Handrücken wie Klauen. »Oh, Kind, es war eine Entscheidung der Götter, glaube mir. Und außerdem warst du diejenige, die das Messer gefunden hat. Das Messer hat also schon längst selbst entschieden, in wessen Hand es gehört.«
Celdwyn schlug den Leinenbeutel auf und legte behutsam das Messer vor Nill. Wie ein schwarzer Knochen sah es jetzt aus. Nill spürte, wie ihr vor Furcht und Aufregung ganz übel wurde. Aber sie war auch froh, es wieder zu sehen – auf eine sonderbare und unheimliche Weise. »Wie soll ich denn in die Marschen von Korr kommen?«, fragte Nill erstickt.
»Du wirst alleine reisen – so ist es am sichersten für das Messer und für dich. Folge den Flüssen immer stromaufwärts nach Osten, dann gelangst du wie von selbst in die Marschen. Dort gibt es Straßen und Wege, die beschriftet sind.«
Nill sah die Seherin an. »Ich kann nicht lesen.«
»Nun ... dann wirst du die Menschen nach deinem Weg fragen müssen. Vielleicht geleiten dich die Grauen Krieger des Königs bis zu ihm. Aber wenn du schon verzagst, bevor du deine Aufgabe auch nur begonnen hast, dann bringst du den Göttern nicht genügend Vertrauen entgegen!«
Nills Mundwinkel zuckten. Den Göttern vertraute sie gerne – sie selbst war es, an der sie zweifelte!
Und an den Menschen, die sie für diese irrsinnige Reise bestimmt hatten.
»Auf deinem Weg gib Acht, dass niemand vom Sinn und Zweck deiner Reise erfährt. Verrate keiner Seele von dem Messer, dass du bei dir trägst! Dein Leben und das Leben des Königs hängen davon ab, dass du das Geheimnis für dich behältst.«
Wie betäubt nickte Nill. Sie spürte kaum, wie Celdwyn ihr noch einmal zuversichtlich auf die Schulter klopfte. Dann wandte die Seherin sich an Agwin, die mindestens genauso überrumpelt war wie Nill.
»Ich hoffe, du verzeihst mir, was ich dir antue, Agwin. Das Mädchen bedeutet dir sehr viel, habe ich gehört. Du hast sie wie deine eigene Tochter großgezogen. Und nun nehme ich sie dir weg und schicke sie in Gefahren, die kein Mädchen ihres Alters bestehen sollte.«
»Mein ganzes Herz hängt an ihr!«, stammelte Agwin. Sie hatte Tränen in den Augen und blickte verzweifelt von Nill zu Celdwyn. »Was – was tue ich denn ohne sie? Ich meine, sie war eine Last und ihr störrisches Wesen hat mich die Kraft meiner Jahre gekostet, ich bin an ihr verzweifelt und hatte stets mit dem bösen Blut ihrer elfischen Herkunft zu kämpfen, um sie zu einem halbwegs guten Menschen zu erziehen –«
»Ich weiß«, erwiderte Celdwyn sanft. »Ich weiß.«
»Ich habe mich aufgeopfert für ihre Erziehung! Wie eine Mutter habe ich sie aufgenommen, hier an meiner Brust habe ich sie als Baby gewärmt, ich habe mich darum gesorgt, dass sie nicht krank wird, und – und – dass sie nicht in den Wald ausbricht wie ein wildes Tier, ich habe sie großgezogen wie eine gut genährte Pflanze, während ich selbst alt und kraftlos geworden bin.«
»Ich habe nur eine Frage an dich, Agwin«, unterbrach Celdwyn sie leise, aber fest. »Nill gehört dir, wie ein Kind seiner Mutter gehört. Gibst du sie frei, um den Willen der Götter zu erfüllen?«
Agwin schloss und öffnete ihre Fäuste. »Was soll ich denn sonst tun? Ich bin ja machtlos angesichts der Mächte, von denen du sprichst. Was kann ich schon tun als zu erdulden, was das Leben mir an Narben zufügt?«
»Ich danke dir, Agwin. Mein Mitgefühl gehört dir.«
Celdwyn erhob sich und sah noch einmal auf Nill herab: Ganz unbemerkt hatte Nill die Hand um das Steinmesser geschlossen. Als sie den Blick der Seherin bemerkte, zog sie rasch die Finger zurück und starrte wieder so erschrocken zu ihr auf wie vorher.
»Schlafe gut, Nill. Morgen, noch bevor die Sonne aufgeht, werden wir dich abholen und bis zum Fluss begleiten, wo unser Weg endet ... und der deine beginnt.«