Nijura - das Erbe der Elfenkrone
- Автор: Nuyen Jenny-Mai
- Год: 2006
- Язык: немецкий
- Год: cbj Verlag
- ISBN: 978-3-570-13058-2
- Жанр: Фэнтези
Электронная книга - «Nijura - das Erbe der Elfenkrone». Краткое содержание книги:
Das Messer braucht eine Trägerin – und es hat sich dafür Nill erwählt. Schnell wird Nill zum Spielball aller Mächte und Interessen. Gejagt von den Grauen Kriegern und unterstützt nur von einigen wenigen mutigen Gefährten, macht sich Nill auf die gefährliche Reise zum Turm des Königs.
Mit atemberaubender Spannung verstrickt Jenny-Mai Nuyen ihre Leser in eine Fantasy-Welt voller überraschender Wendungen – und in eine bewegende Geschichte über Liebe, Loyalität und Verrat.
»Es ist schon dunkel, du dummes Ding!« Agwin kniff die schmalen Lippen zusammen und blinzelte Nill an, wie sie es immer tat, wenn sie wütend war.
»Du bist zu nichts fähig! Du – du faules Stück treibst dich im verwunschenen Wald rum, wie es dir gerade passt!«
Nill hob die Eimer hoch und wandte sich in Richtung Haus. »Ich setze das Wasser auf.«
»Das ist das verfluchte Elfenblut«, zischte Agwin und trat unruhig von einem Fuß auf den anderen.
Nill erwiderte nichts darauf. Sie hatte es nur einmal getan, vor Jahren; da hatte Agwin wegen einer Nichtigkeit mit ihr geschimpft und sie ein verfluchtes Elfenblut genannt. Nill hatte sich nicht zurückhalten können – sie war aufgesprungen und hatte gesagt:
»Mir scheint, nicht das Elfenblut, sondern das Menschenblut hat mich verdorben!« Daraufhin hatte Agwin ihr zwei kräftige Ohrfeigen gegeben. Seitdem ließ Nill Agwin schimpfen, wie sie wollte. Schließlich war sie nicht die Einzige, die sie grob behandelte.
Nill schob die schwere Hintertür auf und betrat eine Stube. Das Haus war einstöckig, wenn man von der kleinen Dachstiege absah, und stützte sich auf seine Holzbalken wie ein Greis auf seine Krücken.
Trotzdem hatte es mit seinem Strohdach und dem schiefen Kamin etwas Friedliches und Einladendes.
Die Fenster waren sehr klein, darum lagen die Zimmer in dämmriger Dunkelheit.
In der Küche, die der größte Raum des Hauses war, stellte Nill die Eimer ab und machte sich daran, das Herdfeuer zu entfachen. Während sie die Holzscheite aufstapelte, hörte sie, wie die Dielen knarrten.
Agwin trat ein. Sie setzte sich an den Tisch und begann, das Huhn zu rupfen. Nill drehte sich nicht zu ihr um, obgleich sie Agwins Blick im Rücken spürte.
Agwin beobachtete sie so oft es ging bei der Arbeit, um irgendwelche Fehler zu entdecken – dann schimpfte sie furchtbar, bis sie verbissen den Mund zusammenkniff und sich selbst bedauerte.
Die Bitterkeit war es, die Agwin älter erscheinen ließ, als ihre Jahre zählten. Sie hatte gelernt, alle Ungerechtigkeiten des Lebens mit der Gewissheit ihrer eigenen Unschuld zu ertragen: dass die Götter ihr nie ein Kind geschenkt hatten, dass ihr das Bastardmädchen aufgehalst worden war, dass sie einen Mann ohne Ehre geheiratet hatte ... All dies erduldete sie mit tiefer Selbstzufriedenheit. Opfer eines Unrechts zu werden, gab ihr beinahe Bestätigung, denn sie genoss ihre heimliche, süße Unschuld. Und weil sie die Einzige war, die von der Größe ihres eigenen Opfers zu wissen schien, sammelte sich jeder zurückgehaltene Zorn in ihrem Inneren zu einem harten, festen Knoten.
Nill hatte das Feuer angemacht. Fröhlich fraßen sich die Flammen am Holz entlang und züngelten schon bald am Kessel empor, in den Nill das Wasser goss.
»Putze die Karotten und dann schneide sie ins Wasser«, befahl Agwin.
Nill tat, wie ihr geheißen wurde, und setzte sich gegenüber von Agwin an den Tisch. Die Federn tanzten um Agwins verbissenes Gesicht, während ihre Hand riss und rupfte, als führe sie einen stummen Kampf mit dem Gefieder aus. Nill ergriff ein plötzliches Bedauern für das Huhn – sie hatte es heute Morgen bestimmt noch gefüttert – und für jede einzelne Feder, die Agwin so mitleidslos herausriss.
Soweit Nill sich erinnern konnte, hatte sie sich nie für Agwins leibliche Tochter gehalten. Ihr war lange nicht in den Sinn gekommen, dass sie eine Mutter haben musste, und später, als ihr dieser Gedanke doch kam, hatte man ihr erklärt, dass ihre wahre Mutter eine Wilde gewesen sei, die sie vor den Toren des Dorfes zurückgelassen hatte.
Aber einen Vater zu haben, hatte Nill lange geglaubt. Im Nachhinein machte es natürlich keinen Sinn, da er doch mit Agwin verheiratet war. Trotzdem hatte Nill in ihm stets das Gesicht ihres Vaters gesehen.
Grenjo war ein stiller, großer, gebeugter Mann mit den Augen eines erlegten Bären, in denen selbst nach dem Tod noch die Traurigkeit eines ganzen Lebens schwimmt. Dachte Nill an Grenjo, so kamen ihr zuerst seine Hände in den Sinn, wie er sie im Schoß zu falten pflegte, nachdenklich und bedacht, zwei schwielige Pranken voller Risse. Sie musste an einen warmen Tag im Herbst denken, an dem sie neben ihm vor dem Haus gesessen und das Dorf im Sturm der bunten Ahornblätter beobachtet hatte. Damals hatte sie schon gewusst, dass er nicht ihr Vater sein konnte. Und trotzdem schien er ihr so ähnlich, so verwandt, dass es wehtat!
»Ich wünschte«, hatte Nill mit klopfendem Herzen gesagt, »ich wüsste wenigstens, wie meine Mutter gewesen ist. War sie wirklich nur eine Wilde, die ihr eigenes Kind verstoßen hat?« Sie schielte zu Grenjo hinüber und versuchte eine Regung in seinem Gesicht zu erkennen. Aber es blieb im warmen Schein der Sonne so traurig wie immer.
»Ich glaube«, sagte er nach einer Weile, »dass sie nicht nur wild war. Ich glaube, dass sie eine Frau gewesen ist, die einen Mann unseres Dorfes geliebt hat – trotz des Hasses zwischen unseren Völkern. Ich glaube ... sie hatte grüne Haare wie du. Sie haben im Sonnenlicht geleuchtet wie das Laub der Buchen im Frühling, so wie bei dir. Bestimmt war ihr Lachen warm und schön. Ich glaube, dass sie sehr schön war.«
Nill hatte Tränen in den Augen gehabt. In diesem Moment war sie sich sicher gewesen, dass Grenjo ihr Vater war, der Mann, der ihre Mutter geliebt hatte – ganz gleich, was Agwin sagte – ganz gleich, ob er verheiratet war! Aber Nill traute sich nie, ihn wirklich zu fragen. Und wenn sie es getan hätte, das wusste sie, hätte Grenjo sie nur angesehen, so gedankenversunken und verloren wie immer, und kaum merklich den Kopf geschüttelt.
Entdeckt
Der Mond stand bereits am Himmel, als sie von draußen schwere Schritte hörten. Die Tür öffnete sich und eine große Männergestalt erschien in der Küche.
Agwin, die gerade am Herdfeuer gestanden und die Hühnersuppe probiert hatte, drehte sich um und betrachtete ihren Mann einen Augenblick von oben bis unten.
»Wo warst du?«, fragte sie spitz.
»Holzhacken«, murmelte Grenjo. Er kam immer erst nach Hause, wenn es bereits dunkel war.
Manchmal roch er nach dem Schnaps, den es in der Schänke des Dorfes gab. Manchmal schienen seine Augen feucht.
»Holzhacken?«, wiederholte Agwin scharf und runzelte die Stirn. »Es ist schon Nacht. Du willst mir doch nicht erzählen, dass du in tiefer Finsternis Bäume fällst? Nun setz dich.«
Grenjo ließ sich auf seinen Stuhl am Tischende sinken. Agwin schöpfte mit einer Holzkelle aus dem leise dahinköchelnden Kessel und goss die Suppe in eine Schale. Dann stellte sie die Schale vor Grenjo und setzte sich mit auf dem Schoß verschränkten Händen neben ihn.
»Nill, hol meinem Mann Wasser.«
Sie nannte ihn immer »mein Mann«, wenn sie mit Nill sprach. Etwas Verächtliches lag in diesen Worten, so als mache sie sich über ihn lustig. Nill goss Wasser in einen Holzbecher und gab ihn Grenjo. Nur für einen kurzen Moment blickte er zu ihr auf und dankte ihr mit dem stillen Lächeln seiner Augen.
»Du solltest wieder auf die Jagd gehen«, sagte Agwin. Ihre Stirn blieb gerunzelt, fast als sei Grenjos bloße Gegenwart eine Beleidigung. »Ich könnte wieder Hirschfleisch einsalzen und zum Trocknen legen. Die anderen Familien haben größere Vorräte als wir, habe ich gehört. Und du bringst immer nur Fisch, Fisch, Fisch – ich kann es nicht mehr sehen, Grenjo.«
Bevor Grenjo etwas dazu sagen konnte, wandte sich Agwin an Nilclass="underline" »Willst du nur herumstehen, oder gibst du mir auch etwas zu essen und zu trinken? Soll ich etwa alles selbst tun?« Mit einem starren Lächeln drehte sie sich wieder zu Grenjo. »Dieses Mädchen!«, sagte sie und lachte. »Heute ist sie wieder für Stunden fort geblieben, als ich sie zum Wasserholen schickte. Und als sie wiederkam, hatte sie den einen Eimer schon verschüttet. Sie treibt sich in den finsteren Wäldern herum wie ein wildes Tier!« Mit glühenden Augen lehnte Agwin sich vor und nahm Nill den Löffel aus der Hand, den sie ihr mit der Suppenschale entgegenhielt. »Das ist das Elfenblut, jawohl, sie wird immer mehr eine Elfe! Kein Mensch würde sich so in den Wäldern herumtreiben wie sie. Guck dir ihre Ohren an – da, guck!«