Das Werk der Artamonows
- Автор: Горький Максим
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Das Werk der Artamonows». Краткое содержание книги:
Ein Jahr nach dem Sterbetag des Vaters versammelte sich die ganze Familie nach der Totenmesse auf dem Kirchhof in Alexejs hübschem, hellem Zimmer, und er sagte erregt:
»Es war der letzte Wille des Vaters, daß wir einig bleiben; so soll es auch sein, – denn wir sind hier wie in der Gefangenschaft.«
Nikita bemerkte, daß die neben ihm sitzende Natalia den Schwager erstaunt anblickte und zusammenzuckte. Der fuhr aber sehr sanft fort:
»Wir dürfen einander bei aller Freundschaft nicht stören. Die Arbeit ist die gleiche für alle, jeder von uns hat aber sein eigenes Leben. Stimmt das?«
»Was weiter?« fragte Pjotr vorsichtig und blickte über den Kopf des Bruders hinweg.
»Ihr alle wißt, daß die junge Orlowa meine Geliebte ist. Jetzt will ich mich mit ihr trauen lassen. Weißt du noch, Nikita, – sie war die einzige, die Mitleid mit dir hatte, als du ins Wasser fielst?«
Nikita nickte. Er saß fast zum erstenmal so nahe bei Natalia, und das war so schön, daß er weder sich bewegen, noch sprechen und das, was die andern sprachen, anhören wollte. Und als Natalia aus irgendeinem Gründe zusammenfuhr und ihn leise mit dem Ellenbogen anstieß, lächelte er und blickte unter den Tisch auf ihre Knie.
»Ich glaube, sie ist mir vom Schicksal bestimmt«, sagte Alexej. »Ich kann mit ihr ja anders leben. Ich will sie nicht ins Haus bringen, ich fürchte, ihr würdet euch mit ihr nicht vertragen.«
Uljana Bajmakowa hob die gesenkten, von schwerer Trauer erfüllten Augen und half Alexej:
»Ich kenne sie gut! Sie kann so schöne Handarbeiten machen wie selten jemand. Sie liest und schreibt. Sie hat ihren Vater, den Trunkenbold, und sich selbst von kleinauf erhalten. Aber sie ist von besonderer Art: Natalia würde sich mit ihr vielleicht nicht vertragen.«
»Ich vertrage mich mit allen Menschen«, bemerkte Natalia beleidigt. Pjotr blickte sie von der Seite an und sagte zu Alexej:
»Das ist wirklich nur deine Sache.«
Alexej wandte sich an die Bajmakowa mit dem Vorschlag, ihm ihr Haus zu verkaufen.
»Wozu brauchst du es?«
Pjotr unterstützte ihn:
»Du mußt bei uns wohnen.«
»Nun, ich will gehen und Olga alles mitteilen«, sagte Alexej.
Als er fort war, schlug Pjotr Nikita auf die Schulter und fragte:
»Was hast du, schläfst du? Worüber denkst du nach?«
»Alexej handelt richtig ...«
»Glaubst du? Wir wollen sehen. Und was meinst du, Mütterchen?«
»Es ist sicher gut, daß sie sich trauen lassen, wer weiß aber, wie sie leben werden. Sie hat etwas Besonderes an sich. Wie eine Närrin.«
»Ich bedanke mich für solche Verwandtschaft«, sagte Pjotr lächelnd.
»Vielleicht ist das, was ich sage, nicht richtig«, meinte Uljana und schien ins Dunkel zu blicken, wo alles wirr schwankte und vom Auge nicht erfaßt werden konnte. »Sie ist schlau, ihr Vater besaß viele Sachen, die hat sie bei mir versteckt, damit der Vater sie nicht vertrinken konnte. Aljoscha schleppte sie des Nachts zu mir und dann tat ich so, als ob ich sie ihm schenkte. Alles, was der hat, gehört ihr, es ist ihre Mitgift. Es sind teure Sachen darunter. Ich mag Olga nicht besonders, und doch ist sie eigenartig.«
Pjotr wandte der Schwiegermutter den Rücken und sah aus dem Fenster. Im Garten plapperten die Stare und ahmten alles Erdenkliche nach. Ihm fielen Tichons Worte ein:
»Ich mag die Stare nicht, sie erinnern an Teufel.« – Dieser Tichon ist ein dummer Mensch, er fällt nur darum auf, weil er so dumm ist.
Die Bajmakowa erzählte leise, ungerne und sichtlich mit anderen Gedanken beschäftigt, wie Olga Orlowas Mutter, eine liederliche Gutsbesitzerin, mit Orlow noch zu Lebzeiten ihres Mannes in Beziehungen getreten war und etwa fünf Jahre mit ihm gelebt hatte.
»Er ist ein geschickter Mensch, er hat Möbel gemacht und Uhren repariert, er hat Holzfiguren geschnitzt. Eine davon habe ich aufgehoben, eine nackte Frau, – Olga hält sie für das Porträt ihrer Mutter. Sie haben beide getrunken. Und als ihr Mann starb, ließen sie sich trauen. Sie ertrank noch im selben Jahr beim Baden, weil sie betrunken war ...«
»So können also Menschen lieben«, sagte plötzlich Natalia. Diese unpassenden Worte veranlaßten Uljana, die Tochter vorwurfsvoll anzublicken. Pjotr bemerkte aber lächelnd:
»Es war nicht von der Liebe, sondern vom Trinken die Rede ...«
Alle schwiegen. Nikita, der Natalia beobachtete, sah, daß die Worte der Mutter sie aufregten; sie zupfte krampfhaft mit den Fingern an den Tischtuchfransen, und ihr schlichtes, gutes Gesicht errötete und wurde fremd und zornig.
Als Nikita nach dem Abendbrot im Fliederdickicht des Gartens unter dem Fenster von Natalias Zimmer saß, hörte er über seinem Kopfe Pjotr nachdenklich sagen:
»Alexej ist geschickt. Er ist klug.«
Und sogleich ertönte Natalias Aufschrei, der ins Herz schnitt:
»Ihr seid alle klug. Nur ich bin dumm. Er hat richtig gesagt: wir sind in der Gefangenschaft! Ich bin es, die bei euch in der Gefangenschaft lebt ...«
Nikita erstarrte vor Angst und vor Mitleid. Er hielt sich mit beiden Händen an der Bank fest, eine ihm unbekannte Macht hob ihn und stieß ihn irgendwohin, und dort, über ihm, ertönte immer lauter die Stimme der geliebten Frau und erregte in ihm heiße Hoffnungen.
Natalia flocht sich den Zopf, als Pjotrs Worte in ihr plötzlich ein böses Feuer entzündeten. Sie lehnte sich an die Wand und preßte mit dem Rücken die Hände fest, die schlagen und etwas zerreißen wollten; sie erstickte an ihren Worten, schluchzte kurz auf und sprach, ohne sich selbst und die Zwischenrufe des erstaunten Mannes zu hören, – sie sprach davon, daß sie im Hause fremd sei, daß niemand sie liebe, daß sie lebe wie ein Dienstbote.
»Du liebst mich nicht, du sprichst mit mir über gar nichts, du stürzst dich nur wie ein Stein auf mich, das ist alles! Warum liebst du mich nicht? Bin ich denn nicht dein Weib? Sag, was ist an mir schlecht! Hast du nicht gesehen, wie meine Mutter deinen Vater geliebt hat? Mein Herz wollte mir manchmal vor Neid aus dem Leibe springen ...«
»Liebe mich doch ebenso«, entgegnete Pjotr. Er saß auf dem Fensterbrett und betrachtete das verzerrte Gesicht seiner Frau im Dunkel der Ecke. Er fand ihre Worte dumm, er fühlte und begriff aber mit Staunen, daß ihr Kummer berechtigt und vernünftig sei. Und das Ärgste an diesem Kummer war, daß er die Gefahr eines anhaltenden Wirrwarrs, neue Sorgen und Aufregungen heraufbeschwor, es gab aber ohnedies genug Sorgen.