Das Werk der Artamonows
- Автор: Горький Максим
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Das Werk der Artamonows». Краткое содержание книги:
»In diesem Jahr kommen die Mücken früh zur Welt«, fuhr er ruhig fort. »Ja, die Mücke lebt, aber ...«
Der Bucklige ließ ihn aus irgendeiner Angst heraus nicht zu Ende sprechen und erinnerte ihn ärgerlich:
»Du hast ja die Mücke getötet!«
Und er verließ eilig den Hausknecht. Da er aber nicht wußte, wohin er sollte, erschien er nach einigen Minuten wieder im Zimmer des Vaters, löste die Nonne ab und begann zu lesen. Seine Trauer ergoß sich in die Worte der Psalmen, er hörte Natalia nicht hereinkommen, und plötzlich ertönte hinter seinem Rücken ihre leise Stimme. Er fühlte stets, wenn sie in seiner Nähe war, er könnte etwas Ungewöhnliches und vielleicht Furchtbares sagen oder tun, und er fürchtete selbst in dieser Stunde, es könnte ihm gegen seinen Willen etwas entschlüpfen. Mit geneigtem Kopf und erhobenem Buckel senkte er die versagende Stimme, und jetzt strömten zugleich mit den Versen des neunten Psalterabschnitts die von zwei schluchzenden Stimmen gesprochenen Worte hin:
»Ich habe ihm das Kreuz vom Körper abgenommen, ich werde es tragen.«
»Liebe Mutter, auch ich bin ja einsam!«
Nikita erhob wieder die Stimme, um dieses hintropfende Geflüster zu übertönen und es nicht zu hören; er lauschte aber trotzdem.
»Der Herr hat die Sünde nicht dulden wollen ...«
»Ich bin allein im fremden Nest ...«
»Wohin wandle ich vor deinem Antlitz und wohin fliehe ich vor deinem Zorn?« sang Nikita gewissenhaft den Aufschrei der Furcht und der Verzweiflung, während sein Gedächtnis ihm einen traurigen Spruch zuflüsterte:
»Ohne Liebe leidest du sehr, doch mit Liebe um so mehr.« Und er fühlte verlegen, daß Natalias Kummer für ihn ein Hoffnungsstrahl des Glückes war.
Des Morgens kamen in einer Droschke Barski und der Bürgermeister Jakow Shitejkin, ein Mensch mit leeren Augen, der den Spitznamen »der nicht Gargebackene« trug; er war rundlich und schien tatsächlich aus rohem Teig verfertigt zu sein. Sie traten vor den Verstorbenen, verneigten sich vor ihm, und jeder von ihnen blickte ängstlich und mißtrauisch in das dunkle Antlitz. Auch sie waren durch Artamonows Tod sichtlich erschüttert. Darauf sprach Shitejkin mit scharfer, beißender Stimme zu Pjotr:
»Man sagt, daß Sie den Vater auf Ihrem eigenen Kirchhof bestatten wollen. Ist es so oder nicht? Pjotr Iljitsch, das wäre für uns, für die Stadt, eine Kränkung, als ob Sie mit uns nicht verkehren und nicht Freundschaft pflegen wollten. Ist es so oder nicht?«
Alexej flüsterte dem Bruder zähneknirschend zu:
»Jag' sie hinaus!«
»Gevatterin«, ließ Barski seine Stimme ertönen und bedrängte Uljana. »Das geht doch nicht? Es wäre eine Beleidigung!«
Shitejkin fragte Pjotr aus:
»Hat Ihnen nicht der Pope Gleb dazu geraten? Nein, ändern Sie das ab! Ihr Vater war der erste Fabrikant des Umkreises, der Gründer eines neuen Werkes, eine Persönlichkeit und eine Zierde der Stadt. Sogar der Isprawnik wundert sich und hat gefragt, ob Sie rechtgläubig sind?«
Er sprach unaufhörlich und ohne Pjotrs Versuche, seine Rede zu unterbrechen, zu beachten, doch als Pjotr endlich darauf hinwies, es wäre der Wille des Vaters, beruhigte Shitejkin sich auf einmal.
»Ob es so ist oder nicht, wir kommen jedenfalls zur Beerdigung.«
Und es wurde allen klar, daß das von ihm Vorgebrachte gar nicht der Grund seines Kommens war. Er begab sich in die Zimmerecke, wo Barski Uljana an die Wand gedrängt hatte und ihr etwas zuflüsterte. Doch bevor Shitejkin herangekommen war, rief Uljana:
»Du bist ein Dummkopf, Gevatter, geh!«
Ihr zitterten die Lippen und Augenbrauen, und sie sagte mit hochmütig erhobenem Kopf zu Pjotr:
»Diese beiden und dann noch Pomialow und Woroponow bitten mich, euch Brüdern zuzureden, daß ihr ihnen das Werk verkauft. Sie bieten mir für meine Hilfe Geld an ...«
»Geht hinaus, meine Herrschaften!« sagte Alexej und wies auf die Tür.
Shitejkin schob hüstelnd und lächelnd Barski zur Türe und stieß ihn am Ellbogen, während die Bajmakowa sich weinend und klagend auf den Koffer sinken ließ.
»Sie wollen die Erinnerung an den Mann auslöschen ...«
Alexej sagte feierlich und böse, mit einem Blick auf Artamonows Gesicht.
»Ich will lieber schlechter sein als diese da, aber nur nicht so leben wie sie! Eher renne ich mir den Schädel ein.«
»Sie haben sich für die Unterhandlungen die richtige Zeit ausgesucht«, brummte Pjotr und schielte auch nach dem Vater hin.
Natalia kam auf Nikita zu und fragte ihn leise:
»Und warum schweigst du?«
Er war gerührt, daß man seiner gedacht hatte und erfreut, daß es Natalia war. Er sagte leise, ohne ein freudiges Lächeln zu unterdrücken:
»Was soll ich denn anfangen? ... Wir beide ...«
Doch sie hatte sich sinnend von ihm abgewandt.
Bei Ilja Artamonows Leichenbegängnis erschienen fast alle angesehenen Leute der Stadt, auch der Isprawnik kam, ein großer, magerer Mensch, mit nacktem Kinn und grauem Backenbart; er schritt, majestätisch hinkend, neben Pjotr durch den Sand und sagte zu ihm zweimal die gleichen Worte:
»Der Verstorbene war mir von seiner Erlaucht, dem Fürsten Georgi Ratski, warm empfohlen worden und hat diese Empfehlung vollkommen gerechtfertigt.«
Bald darauf erklärte er Pjotr:
»Es ist schwer, Leichen bergauf zu tragen!«
Mit diesem Worte drängte er sich seitlich aus der Menge hinaus, pflanzte sich mit fest aufeinandergepreßten rasierten Lippen im Schatten einer Fichte auf und ließ den Haufen der Städter und Arbeiter, wie Soldaten bei einer Parade, an sich vorbeiziehen.
Es war ein strahlender Tag, die Sonne beleuchtete gütig inmitten saftiger gelber und grüner Flecken die bunte Menschenmenge; die kroch langsam zwischen zwei Sandhügeln auf einen dritten hinauf, der schon mit mehr als einem Dutzend von in den blauen Himmel ragenden Kreuzen geschmückt war, die von den breiten Tatzen einer krummen, alten Fichte beschirmt wurden. Der Sand funkelte wie Diamantensplitter und knirschte unter den Füßen der Menschen; über ihren Köpfen schwebte der tiefe Gesang der Popen, hinter allen andern ging stolpernd und springend der Narr Antonuschka; er sah mit runden Augen ohne Brauen vor seine Füße, bückte sich, las dünne Zweige von der Straße auf, schob sie sich hinter den Brustlatz und sang durchdringend:
»Chiristus ist erstanden, ist erstanden,
Der Reisewagen hat ein Rad verloren ...«
Die frommen Leute schlugen ihn und verboten ihm das zu singen, und jetzt drohte der Isprawnik ihm mit dem Finger und rief:
»Ruhig, Narr ...«
Antonuschka war in der Stadt nicht beliebt, er war ein Mordwine oder Tschuwasche, und man glaubte nicht recht daran, daß er durch den Willen Christi blödsinnig sei, doch fürchtete man ihn, da man ihn für einen Unglücksverkünder hielt, und als er während der Leichenfeier auf Artamonows Hof erschien, zwischen den Tischen herumging und sinnlose Worte ausstieß:
»Kujatyr, kujatyr, der Teufel ist auf dem Glockenturm ei, ei, es wird regnen, es wird naß sein, Kajamas weint und ist schwarz!« flüsterten manche scharfsinnigen Gäste einander zu:
»Nun, das bedeutet, daß die Artamonows kein Glück haben werden!«
Pjotr fing dieses Flüstern auf. Nach einer Weile sah er, daß Tichon Wialow den Narren in einer Hofecke festhielt, und er hörte die ruhigen, aber forschenden Fragen des Hausknechts:
»Was heißt das: Kajamas? Du weißt nicht? So. Geh fort! Nun, geh nur ...«
Rasch wie ein bergab rasender, trüber, herbstlicher Strom glitt ein Jahr vorbei; es ereignete sich nichts Besonderes, nur wurde Uljana Bajmakowa ganz grau, und das Alter meißelte in ihre Schläfen seine traurigen, feinen Strahlen ein. Alexej hatte sich merklich verändert, er war sanfter und freundlicher geworden, zugleich hatte sich in ihm aber eine unangenehme Hastigkeit entwickelt, es war, als peitschte er alle mit seinen lustigen Scherzen und scharfen Worten, am meisten beunruhigte jedoch Pjotr sein pietätloses Verhältnis zur Arbeit: er schien mit dem Werk ebenso zu spielen, wie er mit dem Bären gespielt hatte, den er nachher selbst tötete. Auch hatte er eine seltsame Vorliebe für herrschaftliche Gebrauchsgegenstände: außer der von der Bajmakowa geschenkten Uhr tauchten in seinem Zimmer allerlei unnötige, aber hübsche Dinge auf, und an der Wand hing ein mit Perlen gesticktes Bild – ein Mädchenreigen. Alexej war sparsam, – weshalb gab er also Geld für unnötige Dinge aus? Er begann sich auch modern und kostspielig zu kleiden. Er pflegte seinen dunklen Spitzbart, rasierte sich die Wangen und verlor immer mehr das Einfache und Bäurische. Pjotr fühlte in seinem Vetter etwas Fremdes, Unklares; er beobachtete ihn unmerklich mit immer wachsendem Mißtrauen. Pjotrs Verhältnis zum Werk war ebenso vorsichtig und ängstlich, wie das zu den Menschen. Er hatte sich einen langsamen Gang angewöhnt und schlich sich mit zusammengekniffenen Bärenaugen an die Arbeit heran, als erwartete er, sie könnte ihm entschlüpfen. Von den geschäftlichen Sorgen ermüdet, fühlte er sich manchmal von einer besonderen, unruhigen Mißstimmung wie von einer kalten Wolke umfangen, und in diesen Stunden erschien ihm das Werk als ein steinernes, aber lebendiges Tier, das auf der Erde kauert und sie mit seinen Schatten wie mit Flügeln umfängt. Es hebt seinen Schwanz und hat eine stumpfe, furchtbare Schnauze; bei Tag schimmern die Fenster wie Zähne, an den Winterabenden sind sie aus Eisen und glühen rot vor Wut. Und es scheint ihm, daß das eigentliche, verborgene Bestreben des Werkes nicht darin besteht, werstweise Leinwand zu weben, sondern in etwas anderem, das Pjotr Artamonow feindselig ist.