Nijura - das Erbe der Elfenkrone
- Автор: Nuyen Jenny-Mai
- Год: 2006
- Язык: немецкий
- Год: cbj Verlag
- ISBN: 978-3-570-13058-2
- Жанр: Фэнтези
Электронная книга - «Nijura - das Erbe der Elfenkrone». Краткое содержание книги:
Das Messer braucht eine Trägerin – und es hat sich dafür Nill erwählt. Schnell wird Nill zum Spielball aller Mächte und Interessen. Gejagt von den Grauen Kriegern und unterstützt nur von einigen wenigen mutigen Gefährten, macht sich Nill auf die gefährliche Reise zum Turm des Königs.
Mit atemberaubender Spannung verstrickt Jenny-Mai Nuyen ihre Leser in eine Fantasy-Welt voller überraschender Wendungen – und in eine bewegende Geschichte über Liebe, Loyalität und Verrat.
»Ich hatte auch einen Traum!« Scapa schwenkte die Arme. »Deshalb renne ich aber nicht gleich zu den Grauen Kriegern!«
»Du hast Träume, Scapa. Ich habe Visionen«, sagte Arane.
Die Straßen kamen ihnen wie ausgestorben vor.
Leer und kahl wirkte alles ohne die magischen Elfenzauberer, die Musiker, die rauchenden Händler!
Wie sehr hatte Kesselstadt sich binnen weniger Wochen verändert ...
Arane und Scapa blieben an einer Hausecke vor dem Wachhaus stehen. Es war ein viereckiger, schmuddeliger Klotz, aber im Vergleich zu den anderen Häusern war es wahrscheinlich das einzige solide Gebäude der Stadt – das einzige, das nicht früher oder später zusammenbrechen würde.
Arane drehte sich zu Scapa um. Ihr Blick glitt einen Moment über sein Gesicht, als wolle sie es sich noch einmal besonders gut einprägen. Bei diesem Gedanken wurde Scapa nur noch unruhiger.
»Warte hier«, sagte sie. »Ich komme bald zurück. Und dann sind wir wirklich die Herrscher Kesselstadts.«
Sie lächelte, Scapa gelang nur ein knappes Mundzucken. Dann drehte sie sich um – und Scapa hielt sie noch einmal am Handgelenk zurück. »Hattest du wirklich eine Vision?« Sie sah ihn lange an. Dann beugte sie sich mit einem eindringlichen Blick zu ihm vor. »Ohne Visionen wäre ich längst tot«, flüsterte sie. Entschlossen machte sie sich von ihm los. »Bis dann. Und warte auf mich!«
Mit einem flauen Gefühl beobachtete Scapa, wie Arane über die Straße ging, vor den Wächtern des Hauses stehen blieb und eingelassen wurde. Das hohe Eisengitter schloss sich hinter ihr. Scapa lehnte sich gegen die Hauswand, verschränkte die Arme und wartete.
Es war brütend heiß. Ausgerechnet hier gab es kein Fleckchen Schatten, in dem Scapa sich hätte niedersetzen können. Das flimmernde Sonnenlicht brannte ihm auf Schultern und Nacken. Sein dunkles Haar begann zu glühen, Scapa zerstrubbelte es sich mit den Händen. Verfluchte Hitze!
Allmählich wurde er durstig. Er kannte einen Brunnen nicht weit von hier, wo er etwas trinken und außerdem den Kopf ins kalte Wasser tauchen konnte – aber er geduldete sich noch eine Weile. Vielleicht kam Arane bald zurück und dann konnten sie gemeinsam zum Brunnen gehen.
Arane kam nicht. Menschen liefen an Scapa vorbei: ein Händler mit einem Ziehkarren, drei alte, gemütlich bummelnde Frauen, eine Schar Kinder.
Scapa warf einen Blick zum Wachhaus hinüber.
Wo blieb Arane? Zweifel und dunkle Ahnungen überfielen ihn. Und das nicht nur, weil Wachhäuser und Gittertüren ohnehin eine beklemmende Wirkung auf ihn hatten. Ja, immer deutlicher erkannte er, dass sie einen Fehler gemacht hatten. Den Grauen Kriegern konnte man nicht über den Weg trauen und jetzt war Arane ihnen schutzlos ausgeliefert! Scapa fuhr sich nervös mit den Händen über das Gesicht. Ihm war schummrig vor Hitze.
Bald hielt er es nicht mehr aus. Er lief zum Brunnen, und sobald sein Durst gelöscht war, hetzte er wieder zurück. Die Haare kitzelten ihn angenehm kalt im Nacken, denn er hatte den Kopf tatsächlich in einen Wassereimer gesteckt. Wenn er jetzt noch einmal Durst bekam, würde er einfach das Wasser aus einer Haarsträhne saugen.
Arane war noch nicht zurückgekommen. Wie spät mochte es sein? Scapa blieb gegen die Hauswand gelehnt stehen. Als seine Füße zu schmerzen begannen, ließ er sich auf den Boden sinken.
Sein Hunger machte sich bald bemerkbar. Aber Arane konnte schließlich jeden Augenblick wiederkommen – es sei denn, ihre Vision war eine Stunden umfassende Geschichte. Und das schien Scapa, während die Zeit verging, immer wahrscheinlicher.
Der Himmel begann sich rot zu färben. Scapa hockte matt auf dem Boden. Seine Haare waren inzwischen wieder getrocknet. Ein zerbröckelter Ziegelstein begann neben ihm längere Schatten zu werfen.
Wo blieb Arane bloß?
Scapas Befürchtungen reiften zur Gewissheit heran. Er war sich jetzt sicher, dass etwas nicht stimmte. Als die Sonne unterging, stand er auf und lief zum Haus. Er verlangte Einlass, aber die Wache haltenden Moorelfen beachteten ihn überhaupt nicht; ihre Blicke schienen durch ihn hindurch zu gehen. Scapa schrie sie laut an. Aber erst, als er an dem Eisengitter zu rütteln begann und Aranes Namen rief, zerrten die Grauen Krieger ihn zurück und schubsten ihn auf die Straße.
Jetzt wusste Scapa, dass etwas nicht stimmte. Panik brach in ihm aus.
»Arane!«, schrie er. »Arane!«
Er lief wieder auf das Wachhaus zu, schlug nach den Kriegern und versuchte über das Tor zu klettern – aber alles blieb vergebens. Als einer der beiden Moorelfen ihm einen Faustschlag ins Gesicht versetzte, fiel Scapa zu Boden und blieb reglos liegen.
Der Schmerz des Schlags pochte in seinem Wangenknochen. Bittere Tränen rollten ihm die Nasenspitze herab, aber es waren keine Schmerzenstränen.
Er weinte, weil er es jetzt wusste: Man würde Arane nicht wieder gehen lassen. Arane würde nicht zurückkehren.
Er hatte sie gehen lassen, hatte sie direkt in die Fänge der Grauen Krieger laufen lassen. Es war so absurd, so unvorstellbar, dass er sie tatsächlich verloren hatte – aber doch spürte er, dass es stimmte. Was hatte sie nur getan? Was hatte sie sich gedacht! Nur aus Ehrgeiz und wegen einer unüberlegten Idee hatte sie ihr Leben verwirkt! Und Scapas gleich dazu ...
Die Sonne ging unter. Blutrot schimmerten einzelne Wolkenfetzen am Himmel, Der Geräusche der Stadt wurden lauter und klangen dabei so fremd wie nie zuvor. Jahre schienen vergangen zu sein; Jahre schien Scapa im gelben Staub zu liegen, am Straßenrand vor dem Wachhaus.
Schließlich kam er wieder auf die Beine. Unruhig lief er vor dem groben Hausklotz auf und ab, beobachtete die reglosen Wachen und rief immer wieder nach Arane.
Es dämmerte, als die Tore sich endlich öffneten.
Scapa spürte, wie ihm das Herz sank.
»Arane!«
Sie schritt inmitten eines Elfentrupps. Mindestens acht Graue Krieger gingen neben, vor und hinter ihr und umschlossen sie wie lebendige Mauern. Scapa rannte dem Trupp entgegen und erhaschte einen Blick von Arane. Tränen glänzten in ihren Augen.
Scapa blieb ruckartig stehen. Arane hob die Hände, um ihm zu zeigen, dass sie gefesselt war.
Nein, dachte er. Nein, nein, nein. Das war das einzige Wort, das er finden konnte. »NEIN!« Er stürzte auf sie zu. Die Wachen stellten sich ihm in den Weg, doch nun brauchte es mehr, um Scapa aufzuhalten.
Drei der Grauen Krieger, die neben Arane geschritten waren, warfen sich auf ihn und packten ihn wie mit eisernen Klauen.
»Scapa!« Er hörte Arane im Hintergrund schreien.
Er versuchte sich loszureißen, trat und biss und boxte um sich, aber die Wachen rangen ihn nieder.
»Scapa! Tu es nicht! Versuche es nicht – versuche es nicht!« Schließlich schlug ihm eine Faust in den Magen.
Eine zweite traf ihn auf die Wange.
»Scapa! Lasst ihn in Ruhe! Nein!«
Scapa schwanden die Sinne. Der Schmerz der Schläge und Tritte ließ nach, als er auf den Boden fiel. Aber die Verzweiflung ... Die Verzweiflung folgte ihm bis in die Bewusstlosigkeit. Arane war fort.
Für immer.
Das Ende der Legende
Scapa erwachte in irgendeiner abgelegenen Gasse, als die Nacht fast vorüber war. An seinen Handgelenken waren blaue und grüne Abdrücke von den Kriegern, die ihn hergeschleift hatten. Er schmeckte Blut im Mund. Langsam stand er auf. Sandstaub rieselte ihm aus den Haaren. Zwischen den engen Häusern war vom Himmel nur ein Spalt zu sehen. Die Sterne leuchteten blass in der dünner werdenden Dunkelheit.
Scapa ging. Er wusste nicht, wohin seine Füße ihn trugen. Er schlich durch die stille, schlafende Stadt und erreichte den Fuchsbau, als das erste Morgenlicht auf die Ruinen fiel. Er betrat seine Zimmer, aber sie waren alle leer. Wie stumme Gesichter sahen sie ihn an, wie Bilder aus der Vergangenheit, die sich nicht bewegen konnten. Alles lag so unberührt vor ihm, als habe ohne ihn die Zeit im Fuchsbau stillgestanden. Arane war nicht da. Sie war auch nicht vor dem Wachhaus, als Scapa erneut hinüberschlich. Unbewegt hockte das klotzige Gebäude da, während der Tag aufzog, und stierte ihn aus seinen Fensterschlitzen an. Es war, als sei hier nie etwas geschehen, nur der staubige Boden zeigte noch die Fußspuren von gestern. Nichts deutete darauf hin, dass Arane verschleppt worden war. Nichts darauf, dass sie je existiert hatte.