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Das Leben des Klim Samgin

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Das Leben des Klim Samgin
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»Der Millionär Nikolai Bugrow«, erläuterte Inokow. »Man nennt ihn den Lehnsfürsten von Nishni Nowgorod. Und das ist Sawwa Mamontow.«

Aus dem Nordland-Pavillon trat mit raschen Schritten ein vierschrötiges kahlköpfiges Männchen mit weißem Bärtchen und vergnügtem, rosigem Gesicht. Im Gehen wehrte er lachend den »erklärenden Herrn« ab, den mit der ausgeprägten Stirn und den langen Haaren.

»Bagatellen, Wertester, die reinsten Bagatellen«, sagte er so laut, daß der Gouverneur Baranow strenge zu ihm hinsah. Alle »ordentlichen Leute« beehrten ihn gleichfalls mit ihrer Aufmerksamkeit. Auch der Zar richtete seine Blicke mit immer dem gleichen schuldigen Lächeln auf ihn, während Woronzow-Daschkow ihn zu Klims Entrüstung noch immer am Ärmel zupfte.

»Adaschew«, mußte er denken und wünschte dem Minister von ganzem Herzen das Los dieses Erziehers Iwans des Schrecklichen.

Die Ausstellung lag still und verlassen, wie an regnerischen Tagen. Werktäglich pfiffen die Lokomotiven im Waggonhof, knirschten die Geleise in den Weichen, dröhnten die Puffer, und eintönig sangen die Sirenen des Weichenstellers.

Der Tag, der klar begonnen hatte, wurde gleichfalls trübselig. Der Himmel bedeckte sich mit einer glatten Schicht grauer, fadenscheiniger Wolken. Die Sonne, von ihnen überzogen, wurde glanzlos-weiß wie im Winter. Ihr verstreutes Licht ermüdete die Augen. Die Buntheit der Bauten verblaßte, steif und entfärbt hingen die zahllosen Flaggen herab. Die »ordentlichen Leute« bewegten sich schlaff. Die blaugraue, bescheidene Figur des Zaren wurde dunkel und noch weniger bemerkbar auf dem Grunde der großen, soliden Männer, die schwarz gekleidet waren oder goldbestickte ordengeschmückte Uniformen trugen.

Der Zar schritt an der Spitze dieser Männer langsam auf den Marine-Pavillon zu. Es schien, als ob sie ihn vorwärts stießen. Jetzt bückte der Gouverneur Baranow sich geschmeidig, hob etwas vor den Füßen des Zaren vom Boden auf und schleuderte es beiseite.

»Haben Sie genug?« fragte Inokow grinsend.

Samgin nickte stumm.

Er fühlte sich physisch erschöpft, hatte Hunger und war traurig. Eine solche Traurigkeit hatte er als Kind empfunden, wenn man ihm vom Weihnachtsbaum nicht den Gegenstand schenkte, den er haben wollte.

»Wissen Sie, wem der Zar ähnlich sieht?« fragte Inokow.

Klim blickte ihm, auf eine Grobheit gefaßt, wortlos ins Gesicht. Aber Inokow sagte nachdenklich:

»Cherubino, als Offizier verkleidet.«

»Isaak«, murmelte Samgin.

»Was?«

»Isaak«, wiederholte Klim lauter und mit einem Ärger, den er nicht zurückhalten konnte.

»Ach ja, der aus der Bibel«, erinnerte sich Inokow. »Ja, aber wer ist dann Abraham?«

»Ich weiß es nicht.«

»Merkwürdiger Vergleich«, grinste Inokow, seufzte dann und sagte:

»Meine Korrespondenzen werden nicht gedruckt. Der Redakteur, ein alter Wallach, schreibt, ich unterstreiche zu sehr die negativen Seiten, und dies mißfalle dem Zensor. Er schulmeistert: jede Kritik müsse von einer allgemeinen Idee ausgehen und sich auf sie stützen. Aber der Teufel soll wissen, wo sie steckt, diese allgemeine Idee!«

Klim hörte auf, seinem übelgelaunten Geschimpfe zu folgen. Er war mit den Gedanken bei dem jungen Mann in der blaugrauen Uniform, bei seinem verlegenen Lächeln. Was würde dieser Mensch sagen, wenn man ihm einen Kutusow, einen Diakon, einen Ljutow gegenüberstellte? Ja, wie stark konnten die Worte sein, die er diesen Leuten zu sagen vermochte? Und Klim erinnerte sich – nicht spöttisch wie sonst, sondern mit Bitterkeit – seines alten Spruchs:

»Ja, war denn ein Junge da? Vielleicht war gar kein Junge da?«

Aber überlastet mit Eindrücken, hatte er es, wie ihm schien, verlernt zu denken. Die Spinne, die das Gewebe der Gedanken spann, war erstarrt. Er sehnte sich danach, heimzufahren, in die Sommerfrische, und auszuruhen.

Aber er durfte nicht abreisen. Ein Telegramm Warawkas bat ihn, seine Ankunft abzuwarten.

Und während Klim Samgin auf Warawka wartete, erblickte er einen wirklichen Herrn.

Es war ein Mann von mittlerem Wuchs, gekleidet in weite, lange Gewänder von jener unergründlichen Farbe, die die Blätter der Bäume im Spätherbst annehmen, wenn sie schon den sengenden Hauch des Frostes verspürt haben. Diese schattenhaft leichten Gewänder umhüllten den dürren, knochigen Leib eines alten Mannes mit zweifarbigem Gesicht. Durch die stumpf-gelbe Gesichtshaut traten die braunen Flecke eines uralten Rostes. Das steinerne Gesicht wurde durch ein graues Bärtchen verlängert, dessen Haare man zählen konnte. Büschel desselben grauen Haares sprossen aus den Mundwinkeln hervor und bogen sich nach unten zu. Die Unterlippe, gleichfalls rostfarben, hing verachtungsvoll herab, über ihr starrte eine ungerade Reihe bernsteingelber Zähne. Seine Augen zogen sich schräg zu den Schläfen hinauf, die Ohren, spitz wie bei einem Raubtier, waren fest an den Schädel gedrückt, auf dem ein Hut mit Kugeln und Schnüren thronte. Der Hut gab dem Menschen das Aussehen des Priesters einer unbekannten Religion. Es schien, daß die Pupillen seiner schmalen Augen nicht rund und glatt seien wie bei gewöhnlichen Menschen, sondern geformt aus feinen, spitzen Kristallen. Und wie aus einem von Meisterhand gemalten Bildnis folgten diese Augen Klim unverwandt, von welcher Seite er auch auf dieses uralte, zum Leben erwachte Bildnis schauen mochte. Die stumpfen, samtenen Schaftstiefel mit unförmig dicken Sohlen mußten sehr schwer sein, aber der Mensch bewegte sich lautlos. Seine Füße glitten, ohne sich vom Erdboden zu lösen, über ihn hin wie über Öl oder Glas.

Ihm folgte respektvoll eine Gruppe Menschen, unter denen man vier Chinesen in Nationaltracht bemerkte. Gelangweilt schritt der schneidige Gouverneur Baranow an der Seite des Generals Fabrizius, des Kommissars des Zarenpavillons, in dem die Schätze der Minen von Nertschinsk und des Altai, Edelsteine und gediegenes Gold ausgestellt waren. Auch Leute mit und ohne Orden befanden sich, dicht aneinander gedrängt, im Gefolge des seltsamen Besuchers.

In seinem gleitenden Gang wanderte dieser würdevolle Mensch von einem Gebäude zu andern. Sein steinernes Gesicht blieb unbewegt, kaum merklich bebten die breiten Nüstern seiner mongolischen Nase und verkürzte sich die verachtungsvolle Lippe, deren Bewegung nur deshalb zu sehen war, weil die grauen Haare in den Mundwinkeln sich sträubten.

»Li Hung Tschang«,Chinesischer Kanzler unter der Monarchie, bereiste 1896 Europa, unterzeichnete nach dem Boxeraufstand den Vertrag mit den Mächten. D. Ü. flüsterten die Leute einander zu, »Li Hung Tschang!«

Und sie traten ehrfürchtig grüßend zurück. Die Leute würdigte der berühmte Chinese keines Blickes. Die Gegenstände betrachtete er mit geringschätziger Flüchtigkeit, und nur vor wenigen verweilte er Sekunden, eine Minute lang, blähte die Nüstern und bewegte den Schnurrbart.

Seine Hände ruhten, in den weiten Ärmeln geborgen, auf dem Bauch. Zuweilen jedoch erriet einer der Chinesen ihren unsichtbaren Wink oder beugte sich einem nicht wahrnehmbaren Zeichen und begann leise mit dem Abteilungskommissar zu reden, um dann mit gesenktem Kopf, ohne aufzublicken, noch verhaltenere Worte an Li Hung Tschang zu richten.

In der Marineabteilung sprach er ihm von einer Kanone. Der alte Chinese, der ihr in unbeweglicher Haltung seine Seite zuwandte, sah sie sekundenlang aus den Augenwinkeln an und – glitt weiter.

General Fabrizius strich seinen Kosakenschnurrbart glatt, eilte dem hohen Gast vorauf und deutete mit der Geste eines Befehlshabers auf den Zarenpavillon.

Li Hung Tschang blieb stehen. Sein chinesischer Dolmetscher entfaltete eine emsige Geschäftigkeit, verneigte sich und flüsterte lächelnd und mit ausgebreiteten Armen.

»Man darf nicht vor ihm gehen?« fragte laut ein stattlicher Mann mit einer Menge Orden auf der Brust und lächelte ironisch. »Nun, aber neben ihm darf man? Wie, auch das darf man nicht? Niemand?«

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