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Das Leben des Klim Samgin

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Das Leben des Klim Samgin
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»Nicht eine einzige aufrichtige Zärtlichkeit hatte sie für mich«, dachte Klim und erinnerte sich mit Empörung daran, daß Lidas Liebkosungen ihr nur als Stoff für Untersuchungen dienten.

»Nietzsche hat recht: dem Weibe kann man sich nur mit der Peitsche in der Hand nähern. Man müßte hinzufügen: und mit Konfekt in der anderen.«

Allmählich ruhiger werdend, sagte er sich, daß das Verhältnis mit ihr, schon jetzt beunruhigend genug, weiterhin einfach zu einer unerträglichen und verhaßten Fessel geworden wäre. Wahrscheinlich würde Lida ihm auf ihrer unsinnigen Suche nach dem, was angeblich hinter der Physiologie des Geschlechtslebens verborgen war, untreu werden.

»Makarow sagt, Don Juan sei kein Romantiker, sondern ein Sucher unbekannter, unerforschter Empfindungen und an derselben Leidenschaft des Suchens nach dem Unerforschten krankten viele Frauen, zum Beispiel George Sand«, grübelte Klim. »Makarow nannte übrigens diese Leidenschaft nicht eine Krankheit. Turobojew bezeichnete sie als ›geistigen Vampirismus‹. Makarow sagt, die Frau strebe halb unbewußt danach, den Mann bis zum letzten Zug zu erkennen, um den Ursprung seiner Herrschaft über sie, dasjenige, womit er sie in der Urzeit bezwungen hat, zu ergründen.«

Klim Samgin schloß fest die Augen und beschimpfte Makarow in Gedanken.

»Idiot. Was kann es Dümmeres geben als einen Romantiker, der Gynäkologie studiert? Um wieviel einfacher und natürlicher ist doch Kutusow, der Dmitri so leicht und rasch Marina weggenommen hat, oder Inokow, der sich von der Somow in dem Augenblick losgesagt hat, als er sich mit ihr langweilte!«

Samgins Gedanken nahmen einen immer kriegerischeren Charakter an. Er verdoppelte sein Bemühen, sie zuzuspitzen, denn hinter diesen Gedanken meldete sich das trübe Bewußtsein eines verlorenen großen Spiels. Und nicht nur Lida war verspielt und verloren, sondern noch etwas für ihn viel Wichtigeres. Aber daran wollte er nicht denken, und sobald er hörte, daß sie nach Hause gekommen war, ging er entschlossen hinauf, um eine Entscheidung herbeizuführen. Wenn sie schon auf einer Trennung bestand, dann sollte sie sich als den schuldigen Teil bekennen und um Verzeihung bitten.

Lida saß in ihrem kleinen Zimmer am Tisch und schrieb einen Brief. Sie sah schweigend über die Schulter weg zu Klim hin und zog fragend ihre sehr dichten, aber feinen Brauen hinauf.

»Wir müssen miteinander reden«, sagte Klim und setzte sich an den Tisch.

Sie legte die Feder hin, erhob die Arme über ihren Kopf, straffte sich und fragte:

»Worüber?«

»Es ist notwendig«, sagte Klim, bemüht, ihr mit strengem Blick ins Gesicht zu schauen.

Heute ähnelte sie besonders auffallend einer Zigeunerin, Das volle, krause Haar, das sie niemals glatt kämmen konnte, das magere, bräunliche Gesicht mit dem brennenden Blick der dunklen Augen und den langen, geschweiften Wimpern, die feine Nase, die biegsame Figur im bordeauxroten Rock, die schmalen, in dem orangefarbenen, blaugeblümten Schal gehüllten Schultern.

Ehe Klim genügend gewichtige Worte für den Anfang seiner Rede finden konnte, begann Lida ruhig und ernst:

»Wir haben soviel geredet ...«

»Erlaube! Man darf einen Menschen nicht so behandeln, wie du mich behandelst«, sagte Samgin eindringlich. »Was bedeutet dieser plötzliche Entschluß, nach Paris zu reisen?«

Aber sie überhörte seine Frage und fuhr in einem Ton fort, als sei sie dreißig Jahre alt.

»Außerdem habe ich mich mit dir unterhalten, wenn ich dich verließ und mit dir allein war. Ich habe dich redlich sprechen lassen, redlicher als du selbst sprechen konntest. Ja, glaube mir! Du bist ja nicht sehr ... mutig. Darum sagtest du auch, man müsse ›schweigend lieben‹. Ich aber will reden. Will schreien, erkennen. Du hast mir geraten, das ›Lehrbuch der Geburtshilfe‹ zu lesen ...«

»Sei doch nicht nachtragend«, bat Klim.

»War es denn Bosheit, daß du mir die ›Hygiene der Ehe‹ empfohlen hast? Aber ich habe dieses Buch nicht gelesen, denn darin wird doch gewiß nicht erklärt, weshalb du gerade mich für deine Liebe brauchst? Das ist eine dumme Frage? Ich habe noch dümmere. Wahrscheinlich hast du recht: ich bin degeneriert, eine Dekadente, und tauge nicht für einen gesunden, ausgeglichenen Mann. Ich hoffte, in dir einen Menschen zu finden, der mir helfen würde ... Übrigens weiß ich nicht, was ich von dir erwartet habe ...«

Sie stand auf, reckte sich und sah aus dem Fenster, auf die Wolken, die grau wie schmutziges Eis waren. Samgin sagte zornig:

»Auch ich habe ja geglaubt, du würdest mir ein guter Freund sein ...«

Sie betrachtete ihn sinnend und fuhr gedämpfter fort:

»Sieh nur, wie das alles rasch verfliegt ... als wenn ein Hobelspan in Feuer aufgegangen wäre! Ein Aufflammen, und schon ist nichts mehr da.«

Ihr bräunliches Gesicht wurde dunkel, sie wandte den Blick von Klims Gesicht ab, stand auf, straffte sich.

Auch Klim erhob sich, gefaßt auf Worte, die ihn verwundeten.

»Es lebt sich nicht froh, wenn man nichts begreifen kann, in einem Nebel, in dem nur selten für einen Augenblick ein versengendes Licht aufflammt.«

»Du weißt zu wenig«, sagte er mit einem Seufzen und schlug sich mit den Fingern aufs Knie. Nein, Lida erlaubte es nicht, sich von ihr beleidigt zu fühlen, ihr harte Worte zu sagen.

»Was muß man denn wissen?« fragte sie. »Man muß lernen.«

»Muß man das? Sich sein Leben lang als Schülerin fühlen?«

Sie lachte bitter und blickte durchs Fenster in den buntscheckigen Himmel.

»Mir scheint, alles, was ich bisher weiß, braucht man nicht zu wissen. Aber ich werde trotzdem versuchen zu lernen«, hörte er ihre nachdenkliche Stimme. »Nicht in dem unruhigen Moskau, aber vielleicht in Petersburg. Nach Paris muß ich, denn Alina ist dort, und es geht ihr schlecht. Du weißt ja, daß ich sie liebe ...«

»Warum?« wollte Klim fragen, aber das Mädchen kam herein und bat Lida, zu Warawka hinunterzukommen.

Schweigend und Seite an Seite stiegen sie die Treppe hinab. Klim verweilte im Vorzimmer und sah leer auf die verschiedenen Mäntel, die sich an der Wand entlang hinzogen, Sie hatten etwas, das ihn an einen Bettlerhaufen auf den Stufen einer Kirche, an Bettler ohne Kopf erinnerte.

»Nein, es darf so nicht bleiben, so unausgesprochen«, entschied er, und setzte sich, sobald er in seinem Zimmer war, hin, um Lida einen Brief zu schreiben. Er schrieb lange. Als er aber die beschriebenen Seiten überlas, fand er, daß sein Schreiben zwei Menschen verfaßt hatten, die ihm gleichermaßen unähnlich waren: der eine ließ dumm und roh an Lida seinen Spott aus, der andere versuchte unbeholfen und kläglich, sich zu rechtfertigen.

»Aber ich habe mir ja ihr gegenüber nichts vorzuwerfen«, empörte er sich, zerriß den Brief und faßte auf der Stelle den Entschluß, nach Nishni Nowgorod zur Allrussischen Ausstellung zu fahren. Er würde überraschend abreisen wie Lida, und noch bevor sie ins Ausland fuhr. Auf diese Weise würde sie begreifen, daß die Trennung ihn nicht schmerzte, Aber vielleicht würde sie erkennen, daß er litt, ihren Entschluß ändern und mit ihm fahren?

Doch als er Lida mitteilte, daß er morgen abreise, bemerkte sie sehr gleichgültig:

»Wie gut, daß es bei uns ohne dramatische Auftritte abgelaufen ist. Ich habe ja befürchtet, es würde Szenen geben.«

Sie umarmte ihn und küßte ihn fest auf den Mund.

»Wir scheiden als Freunde? Und wenn wir uns später wiedersehen, werden wir klüger sein, ja? Und werden einander vielleicht mit anderen Augen ansehen?«

Klim war über ihre Worte und die Tränen in ihren Augenwinkeln ein wenig gerührt oder erstaunt. Er sagte leise, bittend:

»Wäre es nicht besser, du kämst mit mir?«

»Nein«, sagte sie entschlossen. »Nein, ich will nicht! Du würdest mich stören.«

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