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Das Leben des Klim Samgin

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Das Leben des Klim Samgin
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Diese Menschen waren von so großer Bescheidenheit, daß man einige von ihnen vorrücken, nach vorn stoßen mußte, was auch bestens von einem riesigen schnauzbärtigen Polizeibeamten mit goldener Brille und einem beweglichen Menschen mit dünnen Waden und einem mit einem dreifarbigen Band dekorierten Strohhut besorgt wurde. Sie schritten langsam die beiden Menschenmauern ab und ließen abwechselnd sanfte Zurufe erklingen.

»Der Glatzkopf dort, vorrücken!«

»Du, Riese, was versteckst du dich? Stell dich hierhin!«

»Der mit dem Ohrring, hierher!«

Der bewegliche Mensch maß Klim mit einem Blick und tippte ihm mit dem Handschuh auf die Schulter.

»Ein wenig zurücktreten, junger Mann!«

Ein Bursche mit einem silbernen Reif im Ohr schob Klim mit dem Rammbock seiner Schulter spielend hinter sich und sagte halblaut mit heiserer Stimme:

»Mit der Brille kannst du auch von hier sehen.«

Aber hinter seinem breiten Rücken war jede Aussicht versperrt.

Samgin machte den Versuch, sich zwischen ihn und einen bärtigen Kahlkopf zu schieben, doch der Bursche stemmte seinen unerbittlichen Ellenbogen vor und fragte:

»Wohin?«

Und empfahl dringend:

»Bleib auf deinem Platz!«

Klim fügte sich.

»Ja«, dachte er, »dieser kann jeden an seinen Platz befördern.«

Er fragte ihn:

»Woher sind Sie?«

Der Mann mit dem Ohrring drehte seinen straffen Hals und neigte sein rotes Gesicht mit dem schwarzen Schnurrbart.

»Aus dem zweiten Bezirk.«

»Arbeiter?«

»Feuerwehrmann.«

Samgin schwieg, überlegte und fragte von neuem:

»Weshalb tragen Sie nicht Uniform?«

Der Mann mit dem Ohrring gab ihm keine Antwort. Statt seiner erteilte sein Nebenmann, ein schlanker, schöner Mensch in einem gelben Seidenhemd, redselig Auskunft:

»Er geht als Arbeiter. Man soll nicht zeigen, daß man zu den Handwerkern gehört. Diese Ausstellung ist nichts für sie. Wenn so ein Handwerker nicht arbeitet, ist er betrunken, und es ist überflüssig, dem Zaren Betrunkene zu zeigen.«

»Richtig«, sagte jemand sehr laut. »Unsere Liederlichkeit interessiert ihn nicht.«

Der kahlköpfige Riese mischte sich zornig ein:

»Man muß unterscheiden, ob einer Arbeiter ist oder Handwerker. Ich zum Beispiel bin Arbeiter bei Wukol Morosow, wir sind hier neunzig Mann. Auch aus der Nikolsker Manufaktur sind welche hier.«

Es entspann sich ein gemächliches Geplauder, und bald erfuhr Klim, daß der Mann im gelben Hemd Tänzer und Sänger war und dem Chor Snitkins, der an der ganzen Wolga bekannt war, angehörte. Der Nachbar des Tänzers war ein Bärenjäger und Waldhüter aus den kaiserlichen Forsten. Er war knorrig von Gestalt, hatte einen schwarzen Bart und die runden Augen eines Uhus.

Samgin, dem das Geschwätz dieser zufälligen Menschen auf die Nerven fiel, wollte den Platz wechseln und versuchte von der Seite her zwischen dem Tänzer und dem Feuerwehrmann hindurchzuschlüpfen. Aber der Feuerwehrmann packte ihn an der Schulter, stieß ihn in die Reihe zurück und sagte unhöflich:

»Es wird nicht herumgelaufen. Du siehst doch, alle stehen.«

Der Tänzer sah Klim mit einem spöttischen Lächeln an und erläuterte:

»Heute wird das Publikum nicht beachtet.«

»Achtung, er kommt!«

Eine Kommandostimme rief:

»Treskin, daß die Leute sich nicht unterstehen, auf die Dächer zu klettern!«

Alle verstummten, strafften sich und hefteten ihren Blick horchend auf die Oka, einen Streifen, wo zwei Linien puppenhaft winziger Menschen mit den dünnen Armen fuchtelten und sich die Köpfe von den Schultern zu reißen und spielerisch emporzuwerfen schienen. Man hörte Glockengeläute, Besonders tief schallte die Glocke der Kremlkathedrale. Gleichzeitig mit dem metallischen Getöse stieg ein anderes, brüllendes an und rollte immer näher. Klim war Zeuge gewesen, wie ganz Moskau zum Empfang des Zaren Hurra brüllte. Aber damals hatte dieses Brüllen ihn, den man auf demütigende Weise zusammen mit Betrunkenen und Taschendieben in einen Hof gejagt hatte, nicht erregt. Heute dagegen fühlte er, daß er vor innerer Bewegung taumelte und es ihm dunkel vor den Augen wurde.

Aus der dichten Menschenwand auf der gegenüberliegenden Seite der Straße, hinter der dicken Kruppe eines Pferdes hervor, kroch schwerfällig der Glöckner von der Ausstellung und erreichte in drei Schritten die Mitte des Fahrdamms. Sogleich liefen zwei Männer ihm nach und riefen komisch erschrocken:

»Wohin steuerst du, Satan? Wohin, du Fratze?«

Aber der Glöckner stieß die Leute mit dem Arm zur Seite, hob seine wilden Augen zum Himmel empor und bekreuzigte mit einer weit ausholenden Geste der rechten Hand dreimal die Straße.

»Du bist einer«, rief wohlwollend ein Weber aus.

Man stieß den Glöckner eilig in die Menge zurück. Seine gefütterte Mütze blieb auf dem Straßenpflaster liegen.

Samgin schien es, als verfinstere sich die Luft, zusammengepreßt von dem machtvollen Geheul der Tausende, einem Geheul, das heranrückte wie eine unsichtbare Wolke, auf seinem Wege alle Geräusche auswischte und das Glockenläuten und die Schreie der Posaunen der Militärkapelle auf dem Platz vor dem Meßpalast verschluckte. Als dieses Heulen und Brüllen bis zu Klim herangerollt war, betäubte es ihn, hob ihn empor und ließ auch ihn mit vollen Lungen brüllen:

»Hurra!«

Das Volk sprang empor, schwenkte die Arme, schleuderte Mützen und Hüte in die Luft. Es schrie so tosend, daß man nicht hören konnte, wie das feurige Gespann des Gouverneurs Baranow mit den Hufen gegen das Pflaster schlug. Der Gouverneur hatte ein Knie auf den Sitz der Equipage gestellt, blickte rückwärts und schwenkte seine Mütze. Er war ganz stahlgrau, verwegen und heroisch. Die goldenen Blättchen der Orden glänzten auf seiner gewölbten Brust.

In einiger Entfernung hinter ihm jagte in vollem Galopp ein Dreigespann weißer Rosse. Von ihren silbernen Zäumen stoben weiße Funken. Die Pferde traten lautlos auf, unhörbar rollte die breite Equipage. Es war ein seltsamer Anblick, wie die zwölf Beine der Pferde durcheinanderwechselten, so daß es schien, als glitte die Equipage des Zaren durch die Luft, von der Erde losgerissen durch den gewaltigen Schrei der Begeisterung.

Klim Samgin fühlte, wie sich für einen Augenblick alles ringsum und er selbst von der Erde losriß und im Wirbel des orkanartigen Gebrülls durch die Luft flog.

Der Zar, schmächtig, kleiner als der Gouverneur, in blaugrauer Uniform, federte auf dem Polsterrand der Equipage. Mit der einen Hand stützte er sich auf das Knie, die andere hob er mechanisch an die Mütze. Gleichmäßig nach rechts und links nickend, blickte er lächelnd in die zahllosen, kreisrund geöffneten, zähnestarrenden Münder, in die von Natur roten Gesichter. Er war sehr jung, gepflegt, hatte ein schönes, sanftes Gesicht und lächelte schuldbewußt.

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