Das Leben des Klim Samgin
- Автор: Горький Максим
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Das Leben des Klim Samgin». Краткое содержание книги:
Ja, es war ein ausgesprochen schuldbewußtes Lächeln, das sanfte Lächeln Diomidows. Auch seine Augen waren die gleichen, Saphiraugen, und hätte man ihm das kleine, lichte Bärtchen abrasiert, so wäre es Diomidow selbst gewesen.
Er flog vorüber, begleitet von tausendköpfigem Gebrüll, dasselbe Gebrüll empfing ihn weiter hinten. Andere Equipagen jagten vorbei, Uniformen und Orden blitzten, aber schon war es hörbar, wie die Pferde mit den Hufen aufschlugen und die Räder über die Steine rollten, und alles sank wieder auf den Erdboden herab.
Wieder stellte der Glöckner sich in die Mitte der Straße und schlug mit schweren Bewegungen seiner Hand hinter den Equipagen ein Kreuz. Die Leute machten einen Bogen um ihn wie um einen Pfahl. Ein Mann mit rotem Gesicht bückte sich, hob die Mütze auf und reichte sie dem Glöckner. Der Glöckner schlug sich mit der Mütze aufs Knie und entfernte sich mit schweren Schritten mitten auf dem Fahrdamm.
Klims Augen, die gierig den Zaren verschlungen hatten, sahen noch immer seine blaugraue Figur und das schuldbewußte Lächeln in seinem hübschen Gesicht. Samgin fühlte, daß dieses Lächeln ihm seine Hoffnung geraubt und ihn mit tiefer Trauer erfüllt hatte. Er war dem Weinen nahe. Ihm waren auch vorher schon Tränen in die Augen gekommen, aber das waren Tränen jener Freude gewesen, die ihn und alle erfaßt und über die Erde emporgehoben hatte. Nun aber weinte Klim dem Zaren und dem in der Ferne verhallenden Geschrei Tränen des Kummers und des Schmerzes nach.
Es war unmöglich, sich damit abzufinden, daß der Zar wie Diomidow aussah, unerträglich war das schuldige Lächeln der Verlegenheit in dem Gesicht des Herrschers über ein Hundertmillionenvolk, und unbegreiflich, wodurch dieser jugendliche, hübsche und sanfte Mensch ein so markerschütterndes Gebrüll auszulösen vermochte.
Willenlos und zu Boden gedrückt, bewegte sich Klim Samgin inmitten der Menge, die unvermittelt ausgelassen wurde. Er hörte lebhafte Stimmen:
»In der alten Zeit hätten wir auf die Knie fallen müssen ...«
»He, Jungens, jetzt gehen wir Bier trinken!«
Hinter Klims Rücken begeisterte sich jemand mit heller Stimme:
»Mit welcher Unbekümmertheit sie schlagen!«
»Wen?«
»Alle.«
Eine solide Stimme sagte eindringlich:
»Die Kritiker soll man auch schlagen.«
»Roman, wieviel hast du für die Stiefel gegeben?«
Vom Zaren wurde nicht gesprochen. Nur einen einzigen Satz fing Klim auf:
»Er wird es schwer haben mit uns.«
Dies sagte ein stämmiger Bursche, anscheinend ein Tuchfärber, denn seine Hände waren mit tiefblauer Farbe gefärbt. Er führte einen ordentlich gekleideten Greis am Arm, stieß die Leute rücksichtslos zur Seite und schrie sie an:
»Geh zu!«
Aber auch er hatte am Ende gar nicht den Zaren gemeint.
»Und wie, wenn alle diese Menschen sich ebenfalls betrogen fühlen und es bloß geschickt verbergen?« dachte Klim.
Ein scharfäugiger Mensch sah ihm ins Gesicht und fragte mißtrauisch:
»Was weinen Sie, junger Herr? Was für einen Grund haben Sie, heute zu weinen?«
Samgin wischte sich verlegen die Augen, beschleunigte den Schritt und bog in eine der Straßen des Stadtteils Kunawin ein, die nur aus öffentlichen Häusern bestand. Beinahe aus jedem Fenster sahen, in buntem Wechsel mit Trikoloren, halbentkleidete Frauen heraus, zeigten ihre nackten Schultern und Brüste und tauschten zynische Rufe von Fenster zu Fenster. Abgesehen von den Fahnen bot die Straße einen so gewohnten Anblick, als sei nichts geschehen und der Zar und die Begeisterung des Volkes bloßer Traum.
»Nein, Diomidow hat sich geirrt«, dachte Klim, als er in einer Droschke saß und zur Ausstellung fuhr. »Dieser Zar wird es schwerlich wagen, die Menschen anzuschreien wie das bucklige Mädchen.«
Am Eingang der Ausstellung empfing ihn Inokow.
»Man kann durch!« sagte er hastig. »Schade, Sie sind zu spät gekommen.«
Inokow hatte sich die Haare scheren, die Wangen rasieren lassen, seinen Umhang mit einem billigen, mausgrauen Anzug vertauscht und sah jetzt so unauffällig aus, wie jeder andere ordentliche Mensch. Nur die Sommersprossen traten noch stärker in seinem Gesicht hervor. Im übrigen unterschied er sich durch nichts von den anderen, ein wenig gleichförmig gekleideten Leuten. Es waren ihrer nicht viele. Sie interessierten sich vornehmlich für die Architektur der Bauten, musterten die Dächer, guckten in die Fenster und hinter die Ecken der Pavillons und lächelten einander liebenswürdig zu.
»Ochrana?« fragte Klim flüsternd.
»Wahrscheinlich nicht alle!« antwortete Inokow ärgerlich und grundlos laut. Er hielt beim Gehen den Hut in der Hand und sah stirnrunzelnd zu Boden.
»Man hat hier bereits eine Posse aufgeführt«, sagte er. »Am Eingang zum Zarenpavillon empfing den Zaren eine Leibwache, wissen Sie, solche wohlgebildeten russischen Jünglinge in weißen, silbergestickten Röcken, hohen Mützen und Äxten in der Hand. Man sagt, der Literat Dmitri Grigorowitsch habe sie sich ausgedacht. Sie bildeten Spalier, und der Zar fragt den einen: ›Ihr Name?‹: ›Nabgolz‹, den zweiten: ›Eluchen‹, den dritten: ›Ditmar‹. Der vierte hieß Schulze. Der Zar lächelte und ging an den nächsten schweigend vorüber. Da sieht er, wie so eine stupsnäsige Visage ihn anschmachtet. Er lächelt der Visage zu: ›Ihr Name?‹ Da krächzt die Visage ihm im Baß entgegen: ›Antor!‹ Die Sache war die, daß die Visage ihre Wirtshausrechnung in dieser abgekürzten Form unterschrieb. Ihr richtiger Name lautete Andrej Torsujew.«
Inokow erzählte dies mit leiser Stimme, man merkte ihm an, daß er es unlustig tat und mit anderen Dingen beschäftigt war.
»Ist das wahr?« fragte Samgin ungläubig.
»Na, natürlich. Wenn was dumm ist, so heißt das, es ist wahr.«
Klim schwieg, da er sich an den Feuerwehrmann und den Tänzer erinnerte, die er für Arbeiter gehalten hatte.
Die ordentlichen Leute erstarrten plötzlich mit den abgezogenen Hüten in der Hand. Aus dem Pavillon der chemischen Industrie trat der Zar heraus, gefolgt von den drei Ministern: Woronzow-Daschkow, Wannowski und Witte. Der Zar ging langsam, spielte mit seinem Handschuh und hörte sich an, was ihm sein Hofminister sagte, wobei er ihn sanft am Ärmel zupfte und auf den Weinbau-Pavillon deutete, einen niedrigen, von Rasenflächen eingefaßten Hügel. Aus der Ferne und zu Fuß erschien der Zar Klim noch kleiner als in der Equipage. Offensichtlich hatte er keine Lust, zum Pavillon hinabzusteigen, in den Woronzow ihn haben wollte. Er wandte sein Gesicht ab und sagte mit verlegenem Lächeln etwas zum Kriegsminister, der in Zivil war und einen Spazierstock in der Hand hielt.
Diese drei berührten sich fast mit den Körpern, während der breitschultrige Witte von der Höhe seiner wuchtigen Statur auf sie herabsah. In seine Schultern war ohne Sorgfalt und gleichsam nur für den ersten dringenden Bedarf ein kleiner Kopf mit einem kaum wahrnehmbaren Näschen und einem dünnen, mordwinischen Bärtchen eingepflanzt. Er sah mit besorgt hängenden Lippen und tief hinter den Vorsprüngen der Brauen versteckten Augen bald auf den – an ihm gemessen – kleinen Zaren und die gleichfalls schmächtigen Minister, bald auf die goldene Uhr, die in seiner Hand zu schmelzen schien. Samgin fiel besonders in die Augen, wie fest und kräftig Witte die langen und breiten Sohlen seiner schweren Füße auf den Boden setzte.
Einige Schritte von dieser Gruppe entfernt warteten in ehrfurchtsvoller Haltung der schneidige, dünne und eckige Gouverneur Baranow und der graubärtige Kommissar der Kunstgewerbeabteilung, Grigorowitsch, der mit der Hand weite Kreise in der Luft zog, und die Finger in einer Weise bewegte, als salze er den Erdboden oder streue Samen aus. In dichter, stummer Gruppe standen die Abteilungskommissare, solide, ordenbehängte Herren, sowie ein großer Mann in goldgesticktem Kaftanrock mit dem Gesicht eines einfältigen Bauern.