Das Leben des Klim Samgin
- Автор: Горький Максим
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Das Leben des Klim Samgin». Краткое содержание книги:
Und sie trocknete hastig ihre Augen. Besorgt, daß er ihr etwas Unpassendes sagen könnte, küßte auch Klim hastig ihre trockene, heiße Hand.
Später, als er in seinem Zimmer auf und ab wandelte, überlegte er:
»Im Grunde ist sie ein unglückliches Wesen. Eine taube Blüte. Seelenlos ist sie. Vernünftelt, ohne zu fühlen ...«
Er blieb mitten im Zimmer stehen, nahm die Brille ab, vollführte mit ihr eine schaukelnde Bewegung und dachte, während er sich umblickte:
»Aber wie schnell ist alles zu Ende gegangen! Wirklich, als wären Hobelspäne heruntergebrannt.«
Er stand den Dingen hilflos gegenüber, fühlte aber gleichzeitig, daß für ihn Tage der Ruhe gekommen seien, deren er bereits bedurfte.
Wenige Tage später und Klim Samgin saß im Zuge, der sich Nishni Nowgorod näherte. Drei Werst vor dem Bahnhof glitt der gedrängt volle Zug langsam durch die Landschaft, als wollte der Lokomotivführer, daß die Reisenden sich die buntscheckige Anhäufung manierierter neuer Gebäude, die sich mitten im öden Feld, zwischen kahlen, gelben Sandflächen und schmutzig grünen Riedinseln erhoben, genau ansehen sollten.
Neben den Schienen, etwas tiefer gelegen als die Böschung, strahlte der Maschinenpavillon blendend grell gegen die Sonne. Er war aus Stahl und Glas erbaut und hatte die Form eines ungeheuren, mit dem Boden nach oben gestülpten Waschzubers. Durch die Scheiben konnte man sehen, wie im Innern des Gebäudes sich eine Schar Metallgiganten träge regte, gefangene Bestien aus Eisen sich drängten. Der einstöckige landwirtschaftliche Pavillon war in einem geschweiften Halbbogen angelegt und mit Holzschnitzereien in jenem originalrussischen Stil verziert, den der Deutsche Ropet erfunden hatte. In beklemmender Enge erhoben sich noch eine große Zahl eigenwillig angeordneter Bauwerke von ungewöhnlicher Architektur. Einige erinnerten an die sympathischen Schöpfungen eines Konditors. Wie ein gigantisches Stück Zucker ragte aus ihrer bunten Menge die weiße Villa der Kunstabteilung hervor. Auf dem Gipfel des Zarenpavillons, der im Türmchen- und Zinnenstil der Märchen errichtet war, funkelte im Sonnenlicht der doppelköpfige goldene Adler und breitete die Schwingen aus. Über dem goldenen Adler blähte sich in der blauen Luft, an einem langen Seil befestigt, die graue Blase eines Ballons.
Die ruhige Bewegung des Zuges versetzte dieses Städtchen in langsame Drehung. Es schien, als ob alle diese wunderlichen Gebäude um einen unsichtbaren Mittelpunkt kreisten, ihre Plätze vertauschten, einander verdeckten und über die sandbestreuten Wege und kleinen Plätze glitten. Dieser Eindruck eines wirren Reigens, eines trägen, aber machtvollen Gedränges, wurde noch verstärkt durch die winzigen Figürchen der Menschen, die ängstlich, auf gewundenen Pfaden, zwischen den Bauten hin und her trippelten. Sie waren nicht zahlreich, und nur wenige von ihnen strebten eilig in verschiedene Richtungen. Die meisten machten den Eindruck von Verirrten und Suchenden. Die Menschen erschienen weniger beweglich als die Gebäude, die sie bald zeigten, bald hinter ihren Vorsprüngen versteckten.
Dieser halb märchenhafte Eindruck eines stillen, aber machtvollen Reigens erhielt sich in Klim für die ganze Dauer seines Aufenthalts in dieser seltsamen Stadt am Rande eines unfruchtbaren, traurigen Ödlandes, das in der Ferne von dem bläulichen Stachelpelz eines Fichtenwaldes – des »Sawelowschen Waldrückens« – und jenseits der unsichtbaren Oka von den »Spechtsbergen« eingeschlossen war. In deren Schoß, im Grün der Gärten versteckt, ruhten die Häuschen und Kirchen Nishni Nowgorods.
Samgin stieg in einem jener hölzernen, rasch gezimmerten Hotels ab, in denen alles knarrte und ächzte und bei dem leisesten Geräusch zu beben schien, wusch sich rasch, zog sich um, trank ein Glas heißen Tee und begab sich sofort auf die Ausstellung. Er hatte dorthin nicht mehr als dreihundert Schritte.
Erst abends kehrte er zurück, geblendet, betäubt und wie nach einem Ausflug in ein fernes, unbekanntes Land. Aber dieses Gefühl der Sättigung bedrückte Klim nicht, sondern machte ihn weiter, strebte mit Macht nach Gestaltung und versprach, ihn mit einer großen Freude zu beschenken, die er bereits dunkel ahnte.
Sie gewann erst nach einiger Zeit deutliche Gestalt, an einem regnerischen Tag des nicht sehr freundlichen Sommers. Klim lag im Bett. Er hatte sich in die leichte Decke gewickelt und seinen Mantel darüber gebreitet. Ein zorniger Regen peitschte die Dächer, krachender Donner erschütterte das Hotelgebäude, durch die Fensterritzen pfiff und schnob ein feuchter Wind. An drei Stellen fielen in gleichem Takt schwere Wassertropfen von der Decke herab und verbreiteten einen Geruch von Leimfarbe und Morast.
Klim sah vor sich das Panorama eines ungeheuren, phantastisch reichen Landes, von dessen Dasein er keine Ahnung gehabt hatte. Ein Land des vielfältigsten Arbeitsfleißes. Es hatte seine Erzeugnisse gesammelt und zeigte sie wie auf der flachen Hand voll Stolz sich selbst. Man mochte glauben, die hübschen Bauten seien in bewußter Absicht auf dem traurigen Feld errichtet, Seite an Seite neben einem ärmlichen und schmutzigen Dorf, dessen ausdruckslose Wohnstätten in trauriger Eintönigkeit über den von Wolga und Oka angeschwemmten Sand verstreut waren, der an stürmischen Tagen, wenn von der Wolga der heiße Steppenwind blies, Wolken grauen, stechenden Staubes herüberschickte.
Diese Nachbarschaft der Schätze des Landes und der Armut irgendwelcher kleinen Leute schien selbstgefällig andeuten zu wollen:
»Wir leben zwar schlecht, aber seht nur, wie gut wir arbeiten!«
Nicht so protzig und ruhmredig, aber um so eindrucksvoller bezeugte die Messe den Reichtum des Landes. Die niederen, eintönig gelben Reihen ihrer steinernen Läden hatten die weiten Rachen ihrer Türen geöffnet und zeigten im Grottenzwielicht Berge mannigfaltig bearbeiteter Metalle, Berge von Tuch, Zitz und Wollstoffen. Da glänzte farbenprächtiges Porzellan, blitzte Spiegelglas, das alles aufnahm, was an ihm vorüberzog. Dicht neben den Verkaufsständen mit Kirchengeräten wurde kunstvoll geschliffenes Glas feilgeboten, und gegenüber den gewaltigen, mit Pokalen und Weingläsern reich besetzten Vitrinen leuchtete das blanke Steingut der Toiletteneinrichtungen. In diesem Nebeneinander des Kirchlichen und Profanen konstatierte Klim die Schamlosigkeit des Handels.
Die Messe war belebter als die Ausstellung. Die Leute trugen ein freieres, geräuschvolleres Benehmen zur Schau, und alle schienen mit Begeisterung dem Geschäft obzuliegen. Das bunte Gemisch von Volkstypen, die Fülle von Ausländern, Asiaten, schwer gekleideten Orientalen setzte in Erstaunen. Das Ohr fing fremde Laute, das Auge bizarre Figuren und Gesichter auf. Unter den Russen begegnete man häufig langbärtigen Gestalten, die Samgin unangenehm an den Diakon erinnerten, und dann dachte Klim jedesmal für Augenblicke und mit Beklemmung daran, daß dieses mächtige Land nach dem Wunsch von Leuten mit drei Fingern, aus dem geistlichen Stand ausgestoßenen Diakonen, hysterischen Säufern und übermütigen Studenten vom Schlage Marakujews umgestaltet werden sollte. Pojarkow, den Klim ausdruckslos fand, und der elegante, solide Preis, der gewiß einmal Professor wurde, – diese beiden beunruhigten Klim nicht. Der selbstbewußte, zahlenbegeisterte Kutusow war in seiner Erinnerung verblaßt, und Klim liebte es auch nicht, sich seiner zu erinnern.
Er schaute zur hölzernen, aus Schiffsplanken gezimmerten Decke empor und verfolgte aufmerksam, wie das Wasser durch die Ritzen leckte, schwere Glastropfen bildete und, auf dem Fußboden aufprallend, zu Pfützen auseinanderlief.
Noch einmal sah er den Glanz der Stahlwaffen aus Slatoust, die Messer, Gabeln, Scheren und Schlösser aus Pawlow, Watsch und Worsma. Im mit Gewehrpatronen, Säbeln und Bajonnetten ausgeschmückten Pavillon der Kriegsmarine zeigte man eine langläufige, blankgeputzte Kanone aus den Werkstätten von Motiwilicha, blitzend und kalt wie ein Fisch. Ein stämmiger, gleichsam aus Bronze gegossener Matrose erklärte, während er sein bläuliches Kinn streichelte und seinen schwarzen Schnurrbart zwirbelte, dem Publikum herablassend und mit komischer Unbeholfenheit: