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Das Leben des Klim Samgin

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Das Leben des Klim Samgin
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»Im Vergleich mit ihr ist alles andere Plunder!«

Er packte Klim am Ärmel seiner Jacke und fuhr fort:

»Erinnern Sie sich der ›Mütter‹ im zweiten Teil des ›Faust‹? Aber die phantasieren wie im Fieber, während diese Frau ... Nein, Sie müssen mitkommen!«

Klim sah Inokow zum erstenmal in einer solchen Gemütsverfassung. Neugierig, ihre Ursache kennenzulernen, folgte er ihm in einen Saal, wo Lektionen und Vorträge gehalten wurden, und wo Glawatsch vortrefflich auf der Orgel spielte.

Ein hochgewachsener, bärtiger Mann in einem langen, wie aus Eisenblech zusammengenieteten Rock trat auf die Estrade heraus. Er begann mit schallender Stimme in der Weise zu sprechen, wie Leute, die dressierte Affen oder Seehunde vorführen.

»Ich!« sagte er. »Ich, ich, ich«, wiederholte er immer häufiger und machte dabei mit den Armen Schwimmbewegungen. »Ich habe das Vorwort geschrieben. Das Buch ist am Eingang zu haben. Sie ist Analphabetin. Kennt dreißigtausend Verse auswendig ... Ich ... Mehr als die Ilias hat. Professor Shdanow ... Als ich ... Professor Barsow ...«

»Das hat nichts zu bedeuten«, beruhigte ihn Inokow. »Dieser Mann ist stets dumm.«

Auf die Estrade trippelte mit wiegendem Gang ein schiefgewachsenes Mütterchen, angetan mit einem dunklen Zitzkleid und einem abgetragenen, buntgeblümten Kopftuch. Eine komische, gute, alte, aus Runzeln und Falten geknetete Hexe mit einem runden Stoffgesicht und lächelnden Kinderaugen.

Klim warf einen zornigen Blick auf Inokow, überzeugt, daß er wieder wie vor der Kanone Gelegenheit haben werde, sich als dummer August vorzukommen. Aber Inokows Gesicht leuchtete in trunkener Seligkeit, er klatschte stürmisch in die Hände und murmelte:

»Ach, du Liebe ...«

Es war ein komischer Anblick. Samgin wurde weicher. Er beschloß, was auch kommen möge, zehn Minuten auszuhalten, zog seine Uhr hervor, beugte den Kopf und – warf ihn sofort empor: Von der Bühne ergoß sich eine außergewöhnlich melodische Stimme. Uralte, schwere Worte ertönten. Es war die Stimme eines Bauernweibes, aber trotzdem konnte man nicht glauben, daß die Alte diese Verse sprach. Es war nicht nur die echte Schönheit der gesprochenen Worte, diese Stimme hatte etwas unmenschlich Zärtliches und Weises. Eine magische Kraft, die Klim mit der Uhr in der Hand erstarren ließ Er hätte sich sehr gerne umgeblickt, um zu sehen, mit welchem Ausdruck die anderen Leute dem krummhüftigen Mütterchen lauschten. Aber er konnte seinen Blick nicht losreißen von dem Spiel der Fältchen in dem zerknitterten, guten Gesicht, von dem wunderbaren Glanz der Kinderaugen, die jeden Vers beredt ergänzten und den verschollenen Worten ein lebendiges Leuchten und einen bestrickend weichen Klang verliehen.

Während sie mit ihrem Watteärmchen eintönige Bewegungen ausführte, erzählte diese alte Frau aus dem Olonetzker Gebiet, die wie eine plump zurechtgeschneiderte Zeugpuppe aussah, wie die Mutter des Recken Dobrynja ihn aussandte, um Heldentaten zu bestehen und von ihm Abschied nahm, Samgin sah diese hochgewachsene Mutter, hörte ihre harten Worte, aus denen dennoch Furcht und Trauer sprachen, sah den breitschultrigen Recken Dobrynja vor sich, wie er niederkniete, das Schwert in den ausgestreckten Händen hielt und mit gehorsamen Augen zur Mutter emporblickte.

Augenblicke lang schien es Klim, als sei er allein in dem Saal, auch diese gute Hexe sei am Ende gar nicht da, sondern durch die Geräusche hinter den Wänden des Saals dringe aus verschollenen Jahrhunderten auf wahrhaft wunderbare Weise die zum Leben erwachte Stimme des heroischen Altertums zu ihm.

»Nun, was?« fragte feierlich Inokow. Sein durch ein seliges Lächeln geweitetes Gesicht hatte etwas Betäubtes. Die Augen waren naß.

»Erstaunlich!« antwortete Klim.

»Es kommt noch viel schöner! Beachten Sie: sie ist keine Schauspielerin, sie spielt nicht Menschen, sondern spielt mit den Menschen!«

Diese seltsamen Worte verstand Klim nicht, aber er erinnerte sich ihrer, als die Fedossow von dem Streit des Rjasaner Bauern Ilja Muromez mit dem Kiewer Fürsten Wladimir zu erzählen begann. Samgin starrte, von neuem magisch gebannt, von dem sanften Leuchten der unverlöschlichen Augen gestreichelt, in das mit allen Runzeln sprechende Zauberinnengesicht. Sein Verstand sagte ihm zwar, daß der gewaltige Recke aus dem Dorfe Karatscharow, von dem launenhaften Fürsten aus seiner Heimat vertrieben, nicht mit dieser Stimme sprechen, und daß in seinen scharfen Steppenaugen natürlich nicht ein so spitzes, ironisches Lächeln sitzen konnte, das entfernt an die listigen und weisen Fünkchen in den Augen des Historikers Kljutschewski erinnerte.

Doch sobald ihm der unerbittliche Gelehrte in Erinnerung kam, war Klim plötzlich nicht mit dem Verstand, sondern mit seinem ganzen Wesen von der Gewißheit erfüllt, daß gerade dieses elend zurechtgeschneiderte Zitzpüppchen die wirkliche Geschichte der Wahrheit des Guten und der Wahrheit des Bösen sei, die nur in dem Ton der schiefgewachsenen Olonetzker Alten von der Vergangenheit berichten mußte und konnte, gleich liebevoll und weise von Zorn und Zärtlichkeit, von dem unerschöpflichen Leid der Mütter und den Heldenträumen der Kinder, von allem, was das Leben ausmacht. Und ebenso melodisch die Menschen liebkosend, mit ebenso bezaubernder Stimme, ob sie nun von Wahrheit sprach oder von Legende, würde dereinst vielleicht die Geschichte auch davon berichten, wie der Mensch Klim Samgin auf Erden wandelte.

Weiter fühlte Samgin, daß er niemals so gut, so klug und beinahe bis zu Tränen unglücklich gewesen war, wie in dieser seltsamen Stunde, unter Menschen, die stumm dasaßen, verzaubert von der alten, lieben Hexe, die aus uralten Märchen in eine prahlerisch aus dem Boden gestampfte und trügerische Wirklichkeit getreten war.

Inokow störte Klim in seinem andächtigen Gefühl, so rein zu sein, wie er es noch niemals war. In den kurzen Pausen zwischen den Erzählungen der Fedossow, wenn sie, neue Kraft schöpfend, sich die dunklen Lippen mit der Zungenspitze leckte, ihre schiefe Hüfte streichelte und an den Zipfeln ihres Kopftuchs zupfte, das unter ihrem, an die Kappe eines Pilzes erinnernden Kinn zusammengebunden war, wenn sie sich seitlich wiegte, lächelte und dem begeisterten Publikum zunickte, – in diesen Minuten zerschlug Inokow Klims Stimmung, indem er rasend Beifall klatschte und mit schluchzender Stimme schrie:

»Danke, Großmütterchen, liebes, danke!«

Er war erregt wie ein Betrunkener, sprang auf seinem Stuhl empor, schneuzte sich ohrenbetäubend, trampelte. Sein Umhang glitt ihm von den Schultern, und er trat mit den Füßen darauf.

Klim verbrachte den Rest des Tages in einem Zustand der Entrücktheit. Sein Gedächtnis raunte ihm eindringlich die uralten Worte und Verse zu, vor seinen Augen wiegte sich die Puppenfigur, schwebte die weiche Wattehand, spielten die Runzeln in dem guten und klugen Gesicht, und lächelten die großen, sehr hellen Augen.

Drei Tage später aber stand er auf der Messe, inmitten der Menge, die sich um die Kapelle drängte, auf der die Fahne gehißt wurde, die die Eröffnung des Allrussischen Jahrmarkts verkündete. Inokow versprach, er wolle sich bemühen, ihm zu der Stunde in die Ausstellung Eingang zu verschaffen, wenn der Zar dort sein würde, doch er glaube, das werde schwerlich gelingen. Auf jeden Fall werde der Zar aber den Messepalast besuchen, und dann könne man ihn dort sehen.

Klim gegenüber und rechts und links von ihm zogen sich zwei endlose Reihen stämmiger, hochgewachsener und gutgekleideter Männer, einige in neuen Wamsen und langschößigen Röcken, die meisten in Jacken. Hier und dort hoben sich scharf die roten Flecke der Bauernkittel ab, glänzten in der Sonne plüschene Pluderhosen, spiegelten die Schäfte blankgeputzter Stiefel. Klim sah zum erstenmal in seinem Leben so nah vor sich und in so großer Masse das Volk, über das er seit seinen Kinderjahren so erbittert hatte streiten hören, und von dessen mühseligem Dasein ihm so viele traurige Erzählungen berichteten. Er betrachtete diese Hunderte von langhaarigen, glattgescheitelten oder kahlen Köpfe, von stumpfnasigen, bärtigen, gesunden und soliden Gesichtern mit sprechenden, freundlichen und strengen, gutmütigen und klugen Augen. Diese Leute standen stramm, Hüfte an Hüfte, und ihre breiten Brüste verwuchsen zu einer einzigen Brust. Es war klar: dies war dasselbe große russische Volk, dessen geschickte Hände jene unermeßlichen Reichtümer hervorgebracht hatten, die drüben auf dem eintönigen Feld so malerisch verstreut waren. Ja, es war eben dieses Volk, das die Auslese seiner Besten in den Vordergrund rückte, und es war gut, daß alle übrigen, stutzerhaft gekleideten, aber weniger ansehnlichen Menschen gehorsam hinter den Rücken dieser Männer der Arbeit zurückgetreten waren und ihnen den ersten Platz eingeräumt hatten. Je genauer Klim sich die Menschen der ersten Reihe ansah, desto höher stieg seine Achtung vor ihnen und versetzte ihn in angenehme Erregung. Es war einfach unmöglich, sich vorzustellen, daß diese einfachen und bescheidenen Menschen, die ein so ruhiges Bewußtsein ihrer Kraft hatten, den »lustigen Studenten« oder irgendwelchen ehrgeizigen Schwachköpfen folgen könnten.

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