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Das Leben des Klim Samgin

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Das Leben des Klim Samgin
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»Dieses Geschütz wird an diesem Ende geladen, mit diesem Geschoß hier, das Sie nicht mal heben können, und feuert in dieser Richtung aufs Ziel, also auf den Feind. Sie, Herr, rühren Sie nicht mit dem Stock daran, das ist verboten!«

Goldbrokat leuchtete wie ein Roggenfeld an einem Juliabend, wenn die Sonne untergeht, Glanzstoff streifen erinnerten an das bläuliche Licht der Mondnächte im Winter, buntfarbige Stoffe an die herbstliche Pracht der Wälder. Diese poetischen Vergleiche kamen Klim nach einem Besuch der Gemäldeabteilung, wo ein »erklärender Herr« mit ausgeprägter Stirn, langer Mähne und magerem, klapprigem Rumpf dem Publikum begeistert von den Landschaften Nesterows und Lewitans erzählte, Rußland abwechselnd die Prädikate ›brokaten‹ und ›baumwollen‹ gab und es schließlich auf dem Gipfel seiner Ekstase wie folgt schilderte:

»Auf irdischem Samt wundervolle Stickereien in farbenprächtiger Seide von der Hand des größten der Künstler – Gottes!«

Klim empfand den Stolz des Patrioten, als er im mittelasiatischen Pavillon die für Chiwa und Buchara bestimmten groben deutschen Nachahmungen des russischen Brokats, des leuchtenden Zitz der Firma Morosow und des blütenweißen Porzellans der Kusnezows besah.

Spielzeug und Maschinen, Glocken und Equipagen, Juwelierarbeiten und Flügel, blumiger Saffian aus Kasan, unendlich zart anzufühlen, Zuckerberge, gewaltige Haufen Hanfseil und geteerter Taue, eine Kapelle aus Stearinkerzen, wunderbares Rauchwerk von Sorokoumowski und Eisenerz aus dem Ural, vortrefflich gegerbte Häute, Borstenfabrikate – vor diesen unermeßlichen Schätzen sammelten sich kleine Gruppen, betrachteten gleichmütig die großartigen Leistungen ihrer Heimat und verstimmten Klim Samgin einigermaßen, indem sie durch ihr Schweigen abkühlend auf seine gehobene Stimmung wirkten.

Selten hörte er Ausrufe des Entzückens, und wenn sie ertönten, so fast immer aus dem Munde der Frauen vor den Vitrinen des Textilgewerbes, der Böttcher, Parfümfabrikanten, Juweliere und Kürschner. Übrigens konnte man vermuten, daß die Mehrzahl der Besucher dank einem Übermaß von Eindrücken die Sprache verloren hatte. Doch bisweilen wollte es Klim scheinen, als klinge einzig aus dem Lob der Frauen ehrliche Freude, während die Urteile der Männer nur schlecht über ihren Neid hinwegtäuschten. Er gelangte sogar zu dem Ergebnis, daß Makarow am Ende recht haben könnte. Die Frau begriff besser als der Mann, daß alles auf der Welt für sie da war.

Die Wogen seines Patriotismus stiegen besonders hoch, wenn er Gruppen von Angehörigen fremdstämmiger Völkerschaften begegnete, die aus allen Gegenden vom Weißen Meer bis zum Kaspi-See und Schwarzen Meer, von Helsingfors bis Wladiwostok zum Fest der über sie gebietenden Nation zusammengeströmt waren. Würdevoll bewegten sich die Bewohner Chiwas und Bucharas und die dicken Sarten, deren weite Gesten nur denen schlaff erschienen, die nicht wußten, daß Geschwindigkeit eine Eigenschaft des Teufels war. Verweichlichte Perser mit gefärbten Barten standen malerisch vor Blumenbeeten. Ein hoher Greis mit einem orangegelben Bart und purpurnen Fingernägeln deutete mit dem langen Finger seiner gepflegten Hand auf die Blumen und wandte sich in getragenem Ton, als spreche er Verse, an sein Gefolge. Ein unförmig großer Ring mit einem Rubin blitzte an seinem Finger und zog die gebannten Blicke eines schmächtigen Menschen in einer schwarzen, schräg geschnittenen Persianerkappe an. Ohne seine roten, schwimmenden Augen vom Rubin loszureißen, bewegte der Mensch seine dicken Lippen, und seine Miene schien Angst auszudrücken, daß der Stein aus seiner schweren, goldenen Fassung herausspringen könnte.

Häufig begegnete man gut gewachsenen Wolgatataren, Krimtataren, die wie rumänische Musikanten aussahen, Georgiern und Armeniern von geräuschvoller Lebhaftigkeit, sowie finsteren, bedächtigen Finnen mit heller Haut, die bei der städtischen Straßenbahn beschäftigt waren. Vor dem Pavillon der Archangelsker Eisenbahn, der von dem Mäzen Sawwa Mamontow, dem Erbauer der Bahn, im Stil der alten Kirchen des Nordlands errichtet worden war, hatte sich eine Familie stülpnasiger Samojeden angesiedelt, die dem Publikum ein Walroß zeigten, das in einem an dem Pavillon angebauten Bassin hauste und in aufgeräumter Stimmung »Danke, Sawwa!« sagen sollte.

In der Filzjurte hockten mit untergeschlagenen Beinen zehn Kirgisen mit gußeisenbraunen Gesichtern. Sieben bliesen mit gewaltiger Kraft in lange Rohre aus irgendeinem, den Klang dämpfenden Holz. Ein Jüngling mit unwahrscheinlich breiter Nasenwurzel und schwarzen Augen, die irgendwo in der Nähe der Ohren saßen, schlug schläfrig auf ein Tambourin, während ein zwerghaft kleiner Greis mit einem von grünlichem Moos überwucherten Gesicht mit beiden Händen kindisch auf einen mit Eselshaut bespannten Kessel schlug. Zuweilen öffnete er weit seinen zahnlosen, vor spärlichen Schnurrbarthaaren eingesponnenen Mund und stieß minutenlang mit dünner, schneidender Kehlstimme ein langgezogenes Klagen aus.

Hirten aus dem Gouvernement Wladimir mit asketischen Heiligengesichtern und Raubvogelaugen spielten auf ihren Schalmeien meisterhaft russische Volkslieder. Auf einer anderen Estrade gegenüber dem Pavillon der Kriegsmarine exekutierte ein Orchester aus Saiteninstrumenten unter der Leitung des Beaus Glawatsch eine seltsame Nummer, die im Programm die Bezeichnung »Musik der Himmelssphären« trug. Dieses Musikstück gab Glawatsch, dreimal täglich, es war beim Publikum sehr beliebt, während Leute mit Forschungstrieb sich im Pavillon anhören konnten, wie die leise Musik in der Stahlmündung eines langen Geschützes widertönte.

»Ein bemerkenswertes akustisches Phänomen«, belehrte Klim ein sehr liebenswürdiger, weiblich aussehender Mann mit schönen Augen. Klim glaubte nicht, daß die »Musik der Himmelssphären« sich der Kanone mitteilen könnte, aber da er in leutseliger Stimmung war, ließ er sich verlocken, dem Phänomen beizuwohnen. Er vernahm in der kalten Höhlung des Geschützes nicht das mindeste, kam sich sehr dumm vor und beschloß gewitzigt, der Stimme des Volkes, die Orina Fedossow, eine Erzählerin alter Nordlandssagen, pries, nicht Gehör zu schenken.

Täglich, um die Stunde des Abendgottesdienstes, näherte sich den Holzgerüsten, an denen die Glocken von Okonischnikow und anderen Gießereien hingen, ein älterer Mann in einer ärmellosen Jacke und mit einer gefütterten Mütze. Er entblößte seinen kahlen Schädel von der Form einer Melone, blickte mit weit aufgerissenen Augen, die weiß und leer wie die eines Blinden waren, zum Himmel empor und bekreuzigte sich dreimal. Dann verneigte er sich bis zum Gürtel vor den Zuschauern und Zuhörern, die schon auf ihn warteten, bestieg das eine Gerüst und schwang den fünfpudschweren Klöppel der großen Glocke. Feierlich bewegten die sanft anschwellenden, tiefen Seufzer des empfindlichen Metalls die Luft. Es war, als ob der eiserne schwarze Klöppel lebendig geworden sei, aus eigener Kraft die Glocke schwingen ließ und gierig am Metall leckte, während der Glöckner ihn vergeblich mit seinen langen Armen zu fangen suchte und aus Verzweiflung darüber mit dem kahlen Schädel gegen den Glockenrand schlug.

Endlich gelang es ihm, den in Schwung geratenen Klöppel zum Stehen zu bringen, worauf er sich zum Gerüst mit den kleinen Glocken wandte. Man sah seine schwarze Gestalt krampfhaft mit Armen und Beinen strampeln, während er »Rühme dich, rühme dich, russischer Zar« läutete. Der Glöckner zappelte so heftig, daß der Eindruck entstand, als hänge er in der Schlinge eines unsichtbaren Strickes, mühte sich ab, sich daraus zu befreien, und schüttelte wild den Kopf. Sein langes Gesicht schwoll auf und füllte sich mit Blut, doch je länger dies währte, desto volltönender rühmte das gehorsame Metall der Glocken den Zaren. Nachdem er ausgeläutet hatte, trocknete er sich den triefenden Schädel und das nasse Gesicht mit einem blau und weiß gewürfelten Taschentuch ab, starrte wieder mit furchtbaren, weißen Augen in den Himmel, verneigte sich vor dem Publikum und entfernte sich, ohne auf lobende Bemerkungen und Fragen zu antworten. Man erzählte sich, er sei von einem großen Leid heimgesucht worden und habe das Gelübde getan, bis ans Ende seiner Tage zu schweigen.

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