Das Leben des Klim Samgin
- Автор: Горький Максим
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Das Leben des Klim Samgin». Краткое содержание книги:
Samgin wollte unwillig werden, als er aber sah, daß Inokow Käse kaute, wie ein Hammel Gras, fand er, daß es sinnlos wäre, sich aufzuregen.
»Wo ist die Somow?« fragte er.
»Ich weiß nicht«, antwortete Inokow gleichgültig. »Ich glaube im Kaukasus bei einem Hebammenkursus. Wir haben uns ja getrennt. Ihre einzige Sorge ist die Konstitution und die Revolution. Ich hingegen bin mir noch im unklaren darüber, ob eine Revolution überhaupt nötig ist ...«
»So ein Flegel!« dachte Klim, während er die dumpfe, zänkische Stimme an sein Ohr klingen ließ.
»Wenn man um der Sattheit willen für die Revolution ist, so bin ich dagegen, denn ich fühle mich satt schlechter als hungrig.«
Klim überlegte, auf welche Weise er diesen schlauen Strolch, der so gewandt die Rolle des gutherzigen Jungen spielte, aus dem Konzept bringen und entlarven könnte. Doch ehe er etwas ersinnen konnte, versetzte Inokow ihm einen leichten Schlag auf die Schulter und sagte:
»Es interessiert mich, zu wissen, Samgin, woran Sie denken, wenn Sie ein solches Hechtgesicht machen.«
Klim runzelte die Stirn und rückte von ihm weg. Aber Inokow bestrich unbekümmert ein Stück Roggenbrot mit Butter und fuhr nachdenklich fort:
»So vor einer Woche ungefähr sitze ich mit einem lieben Mädel im Stadtpark, Es ist schon spät, still, der Mond segelt am Himmel, die Wolken fliehen, von den Bäumen fallen Blätter auf den mit Lichtflecken gescheckten Erdboden. Das Mädchen, eine Gespielin meiner Kindheit, eine alleinstehende Prostituierte, ist traurig, klagt, bereut, überhaupt ein Roman, wie er sein soll. Ich tröste sie: ›Hör auf‹, sagte ich ihr, ›laß sein! Die Türen der Reue öffnen sich leicht, aber was hat es für einen Zweck?‹ Trinken Sie einen? Na, ich werde mir einen zu Gemüte führen.«
Er kniff das linke Auge zu, leerte das Glas und schob ein kleines Stück Brot mit Butter in den Mund, was ihn nicht hinderte, weiterzusprechen.
»Plötzlich kommen Sie des Weges mit genau so einem Hechtgesicht wie eben jetzt. Aha, denke ich, am Ende sage ich Annita nicht das Richtige. Der dort aber weiß, was man sagen muß. Was hätten Sie, Samgin, einem solchen Mädel gesagt?«
»Wahrscheinlich dasselbe wie Sie!« erwiderte Klim liebenswürdig. Er hatte die Lust verloren, Inokows Verschlagenheit zu entlarven.
»Dasselbe?« wunderte sich Inokow, »Ich kann es nicht glauben. Nein, Sie haben was ganz Eigenes, so etwas ...«
Klim lächelte, da er fand, daß ein Lächeln in diesem Fall bedeutender war als Worte. Inokow streckte abermals die Hände nach der Flasche aus, machte jedoch eine abwinkende Geste und kehrte zu den Damen zurück.
»Ein Weiberfreund«, dachte Klim, aber bereits gnädig.
Wie früher begegnete er Inokow häufig auf der Straße, am Flußufer unter den Lastträgern oder abseits von den Menschen. Er stand bis an die Knöchel im Sand eingegraben, kaute an einem Strohhalm, zerbiß ihn, spuckte die Stücke aus oder verfolgte rauchend und mit nachdenklich zugekniffenen Augen das emsige Schaffen der Leute. Stets war er mit Staub bedeckt und sah in seinem breiten, zerdrückten Hut wie ein Fackelträger aus. Er sah ihn auch in Dronows Gesellschaft aus einer Bierschenke treten. Dronow kicherte und vollführte mit der rechten Hand runde Gesten, als schleife er einen Unsichtbaren an den Haaren hinter sich drein. Inokow sagte:
»Ganz recht. Vielleicht scheint uns nur, daß wir uns nicht vom Fleck bewegen, während wir in Wirklichkeit spiralenförmig emporsteigen.«
Er sprach auf der Straße ebenso laut und rücksichtslos wie im Zimmer und fixierte jeden Vorübergehenden wie jemand, der sich verlaufen hat und nicht weiß, wen er nach dem Weg fragen soll.
Es war unbegreiflich, weshalb die Spiwak soviel Wesens von Inokow machte, weshalb die Mutter und Warawka ihm offensichtlich zugetan waren und Lida ganze Stunden plaudernd mit ihm im Garten verbrachte und ihm freundschaftlich zulächelte. Sie lachte auch jetzt, während sie am Fenster vor Inokow stand, der sich mit einer Zigarette in der Hand auf der Fensterbank niedergelassen hatte.
»Ja, ich muß mich unbedingt mit ihr aussprechen ...«
Er tat das am anderen Tag. Gleich nach dem Frühstück suchte er sie in ihrem Zimmer auf und fand sie in Mantel und Hut, den Sonnenschirm in der Hand, zum Weggehen bereit. Ein feiner Regen leckte die Fensterscheiben.
»Wohin willst du?«
»In die Kanzlei des Gouverneurs. Wegen meines Passes.«
Sie lächelte.
»Wie komisch deine Verwunderung war! Ich habe dir doch mitgeteilt, daß Alina mich nach Paris ruft und mein Vater mich fortgelassen hat ...«
»Das ist nicht wahr!« entgegnete Klim zornig. Er fühlte, wie ihm die Knie zitterten. »Kein Wort hast du mir gesagt. Ich höre es zum erstenmal. Was tust du?« fragte er aufgebracht.
Lida warf ihren Schirm auf das Sofa und ließ sich auf einen Stuhl sinken. Ihr bräunliches, sehr erschöpftes Gesicht lächelte fassungslos, und in ihren Augen bemerkte Klim ungeheucheltes Staunen.
»Wie ist das seltsam!« sagte sie leise und blickte blinzelnd in sein Gesicht. »Ich war überzeugt, es dir gesagt ... dir Alinas Brief vorgelesen zu haben. Hast du es auch nicht vergessen?«
Klim schüttelte den Kopf. Sie stand auf und sagte, während sie im Zimmer auf und ab schritt:
»Siehst du, das kam so ... Ich rede und streite so viel mit dir, wenn ich allein bin, daß mir scheint, du weißt alles, hast alles verstanden ...«
»Ich würde mit dir reisen«, murmelte Klim, der ihr nicht glaubte.
»Und dein Studium? Es ist für dich Zeit, nach Moskau zu fahren ... Nein, wie sonderbar sich das mit mir ereignet hat! Ich sage dir, ich hätte schwören können ...«
»Ja, aber wann werden wir uns trauen lassen?« fragte Klim zornig und ohne sie anzublicken.
»Was?« Sie blieb stehen. »Mußt du ..., müssen wir es denn?« hörte er sie bang flüstern.
Sie stand mit weitgeöffneten Augen vor ihm. Ihre Lippen bebten, und in ihr Gesicht schoß das Blut.
»Warum trauen lassen? Ich bin ja nicht schwanger.«
Dies klang so gekränkt, als hätte nicht sie es gesagt. Sie ging fort und ließ ihn in dem leeren, nicht aufgeräumten Zimmer zurück, in einer Stille, die kaum von dem zaghaften Rauschen des Regens gestört wurde. Lidas plötzlicher Entschluß, abzureisen, vor allem aber ihr Schreck, als er fragte, wann sie heiraten wollten, entmutigten Klim so sehr, daß er im ersten Augenblick nicht einmal beleidigt war. Erst als er mehrere Minuten im Zustand völliger Niedergeschlagenheit zugebracht hatte, riß er sich die Brille von der Nase, schritt erregt im Zimmer auf und ab, zupfte so heftig an seinem Schnurrbart, daß es schmerzte, und fragte sich:
»Das Ende?«
Sogleich erinnerte er sich daran, daß er ja selbst die Möglichkeit eines Bruches erwogen habe.
»Ja, ich habe sie erwogen! Aber nur in den Augenblicken, wo sie mich mit ihren absurden Fragen marterte. Ich habe mit dem Gedanken gespielt, aber ich wollte es nicht, ich will sie nicht verlieren!«
Vor dem Spiegel stehenbleibend, rief er aus:
»Wenn schon auseinander gegangen sein muß, dann soll die Initiative von mir ausgehen und nicht von ihr!«
Er blickte sich um, ihm schien, daß er diese Worte laut und mit erhobener Stimme gesagt habe. Das Stubenmädchen, das ruhig den Tisch abwischte, überzeugte ihn davon, daß er nur in Gedanken geschrien hatte. Aus dem Spiegel starrte ihm ein bleiches Gesicht entgegen, und seine kurzsichtigen Augen blinzelten hilflos. Er setzte eilig die Brille auf und rannte in sein Zimmer. Sich auf die Lippen beißend und die Hände an die Schläfen pressend, legte er sich hin.
Eine halbe Stunde später hatte er sich von der eigentlichen Ursache seines Schmerzes überzeugt: Er hatte es nicht vermocht, Lida vor Seligkeit schluchzen, ihm dankbar die Hände küssen, erstaunte Worte der Zärtlichkeit flüstern zu lassen, wie es die Nechajew getan hatte. Nicht ein einziges Mal, nicht für eine Minute ließ Lida ihn den Stolz des Mannes genießen, der einer Frau das Glück gibt. Es wäre leichter gewesen, mit ihr zu brechen, wenn es ihm vergönnt gewesen wäre, diese Wollust zu verspüren.