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Das Leben des Klim Samgin

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Das Leben des Klim Samgin
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Klim sah den Glöckner einige Male sein Werk verrichten und entdeckte plötzlich, daß er dem Diakon ähnele. Von dieser Minute an war er überzeugt, daß der Glöckner ein Verbrechen begangen habe und jetzt schweigend büße. Klim hätte gern den Diakon an seiner Stelle gesehen.

Im übrigen verbrachte Samgin die Tage in stiller Ergriffenheit vor der Überfülle und Vielgestaltigkeit der Dinge und Waren, die von eben den schlichten Menschlein der verschiedensten Art geschaffen worden waren, Menschen, die sich bedächtig auf den mit sauberem Sand bestreuten Pfaden bewegten, bescheiden die Erzeugnisse ihres Fleißes besichtigten, ohne viel Aufhebens lobten, was sie sahen, und mehr noch, nachdenklich schwiegen. In Samgin meldete sich ein Gefühl der Schuld gegen diese stillen, bescheidenen Menschen, er betrachtete sie freundschaftlich, ja mit einer Nuance von Achtung vor ihrer äußeren Unscheinbarkeit, hinter der sich eine märchenhafte, allerschaffende Kraft verbarg.

»Das ist die Universität«, dachte er, damit beschäftigt, seine Eindrücke abzuwägen. »Die Erkenntnis Rußlands – das ist die wichtigste lebendige Wissenschaft!«

Sehr lästig fiel ihm Inokow, dessen alberne Figur im weiten Cape mit dem Fackelträgerhut schon von fern die Aufmerksamkeit auf sich lenkte und überall auftauchte, wie ein phantastischer, hungriger Vogel auf der Nahrungssuche. Inokow sah jetzt bedeutend männlicher aus, seine Wangen hatten sich mit feinen Ringen dunkler Barthaare bedeckt, was die Züge seines breitknochigen und groben Gesichts ein wenig milderte.

Klim konnte sich indessen nicht dazu entschließen, Inokow zu meiden, weil dieser keineswegs sympathische Bursche genau wie sein Bruder Dmitri eine Menge wußte und recht vernünftig über das Kustargewerbe, den Fischfang, die chemische Industrie und die Schiffahrt zu erzählen verstand. Samgin konnte davon profitieren, nur beeinträchtigten Inokows Reden stets bis zu einem gewissen Grade seine aufgeräumte und gefühlsselige Stimmung.

»Diese ganze Herrlichkeit hat etwas von einer Witwe ...«, sagte Inokow. »Wissen Sie, so eine bejahrte und augenscheinlich nicht sehr kluge Witwe von zweifelhafter Schönheit, die mit ihrer Mitgift prahlt, um einen Mann zur Ehe mit ihr zu verlocken ...«

Als beschäftige er sich damit, eine schwierige Aufgabe zu lösen, biß er sich die Lippen, wobei sein Mund sich zu einem feinen Strich spannte.

Darauf schimpfte er polternd:

»Diese Tölpel! Haben den Einfall gehabt, die Ausstellung ihrer Schätze auf Sand und Moor aufzubauen! Auf der einen Seite die Ausstellung, auf der anderen die Messe und in der Mitte das urfidele Dorf Kupawino, wo unter drei Häusern zwei mit Bettlern und Hafendieben vollgestopft sind, und das dritte mit öffentlichen Dirnen.«

Wenn Klim Samgin seiner Begeisterung über die Entwicklung der Textilindustrie Ausdruck verlieh, machte Inokow ihn darauf aufmerksam, daß das Dorf, sowohl was die Qualität als auch was die Farben der Stoffe betraf, sich immer schlechter kleidete, und daß man die Baumwolle aus Mittelasien nach Moskau schickte, um sie dort zu verarbeiten und dann nach Mittelasien zurückzuschicken. Weiter hielt er ihm vor Augen, daß ungeachtet des Holzreichtums in Rußland Papier in Millionen Pud in Finnland eingekauft wurde.

»Zedern gibt es im Ural in Hülle und Fülle, Graphit ebenfalls, aber Bleistifte zu fabrizieren, verstehen wir nicht.«

Noch peinlicher war es, anzuhören, was Inokow über gewisse erfolglose Erfinder vorbrachte.

»Waren sie im landwirtschaftlichen Pavillon?« fragte er und krümmte spöttisch die Lippen. »Dort hat so ein russisches Genie ein Fahrrad ausgestellt, genau das gleiche, auf dem die Engländer schon im 18. Jahrhundert vergeblich zu fahren versuchten. Ein anderer Esel hat ein Klavier ausgetüftelt, und alles, Klaviatur, Saiten, mit eigener Hand gemacht. Zwei Drittel der Saiten sind selbstredend aus Darm. Klappern tut dieser Musikkasten wie eine alte Dorfkalesche. Irgendein abgedankter Notar exponiert eine Klatsche, um die Pferdebremsen totzuschlagen. Die Klatsche wird an der vorderen Achse des Wagens befestigt, was bewirkt, daß sie das Pferd schlägt, das natürlich wild wird. Im tiefsten Wald sollte man diese Trottel verstecken, wir aber haben nichts Eiligeres zu tun, als uns vor allem Volk mit ihnen zu brüsten!«

Samgin nahm täglich mit ihm das Frühstück in einem schwedischen Papphaus am Eingang der Ausstellung. Inokow nährte sich bescheiden mit einem Stück Schinken und einer Menge Brot, und trank dazu eine Flasche Schwarzbier. Während er sein Gesicht mit der Hand streichelte, als wische er die Sommersprossen ab, erzählte er:

»Die Leinwand eines gewissen Wrubel, eines offenbar hochbegabten Künstlers, wurde von der Ausstellung zurückgewiesen. Ich verstehe nichts von Malerei, eine Kraft vermag ich aber auf jedem Gebiet zu erkennen. Sawwa Mamontow hat für Wrubel eine besondere Bude außerhalb der Ausstellung errichten lassen, sehen Sie dort drüben! Der Eintritt ist unentgeltlich, aber der Besuch ist schlecht, selbst an den Tagen, wenn dort Mamontows Opernchor singt. Ich sitze dort häufig und wundere mich über den Anblick, der sich mir bietet: an der einen Wand »Prinzessin Traum«, an der anderen Mikula Seljaninowitsch und die Wolga. Eigenartig. Ein Zeitungsmann hat sich die ›Prinzessin‹ und Mikula angeschaut und gerügt: ›Politik. Alliance franco-russe. Kein Verständnis dafür. Kunst muß von Politik frei sein‹.«

Inokow lächelte gezwungen spöttisch, wischte aber das Lächeln sofort mit der Hand von den Lippen. Er teilte Klim beständig die verschiedensten Neuigkeiten mit:

»Witte ist angekommen. Gestern geht er mit dem Ingenieur von Kasi und Quintiliana und zitiert: ›Es ist leichter, mehr zu tun als gerade soviel.‹ Ein selbstgefälliger Bauer. Man schafft Arbeiter herbei, um den Zaren zu begrüßen. Hier am Ort gibt es entweder zu wenig oder sie sind nicht zuverlässig genug. Übrigens wirbt man in Sormowo und in Nishni, bei Dobrow-Nabgolz, Leute an.«

»Wie stehen Sie eigentlich zum Zaren?« fragte Klim.

Inokow sah ihn erstaunt an.

»Habe mir nie darüber den Kopf zerbrochen.«

Klim Samgin erwartete den Zaren mit einer Unruhe, die ihn selbst irritierte, die er sich aber nicht verhehlen konnte. Er fühlte, daß er den Mann sehen mußte, der an der Spitze dieses ungeheuren, reichen Rußland stand, eines Landes, mit einem merkwürdig glatten Volk, über das etwas Bestimmtes auszusagen schwierig war, schwierig deshalb, weil dieses Volk allzu reichliche Einspritzungen mit skandalsüchtigen Elementen erhalten hatte. Samgin hatte die dunkle Hoffnung, daß in dem Augenblick, wo er den Zaren sehen würde, alles, was er erlebt und durchdacht hatte, seinen endgültigen Abschluß erhielt. Vielleicht würde diese Begegnung dem ersten Sonnenstrahl gleichkommen, mit dem der Tag beginnt, vielleicht aber auch dem letzten, hinter dem schon die warme Sommernacht sanft die Erde umfängt. Vielleicht hatte Diomidow recht: der Zar war kein Durchschnittsmensch, nicht so einer, wie sein Vater. Er, der mit solcher Kühnheit die Hoffnungen der Menschen, die seine Gewalt einschränken wollten, zunichte gemacht hatte, mußte auch einen energischeren Charakter haben als sein Großvater. Ja, es war möglich, daß Nikolaus II. die Kraft besaß, allein gegen alle zu stehen, und seine junge Hand stark genug war, um sich mit dem Eichenknüppel Peters des Großen zu bewaffnen und den Leuten zuzurufen:

»Was soll der Unfug!«

Zwei Tage später drängte Inokow seine Gedanken in eine andere Richtung.

»Sie wollen sich nicht Orina Fedossow anhören?« fragte er befremdet. »Aber sie ist ja ein Wunder.«

»Ich bin kein Freund von Wundern«, sagte Samgin, der sich an die Kanone und die »Musik der Himmelssphären« erinnerte.

Aber Inokow fuchtelte mit dem Arm und sagte erregt:

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