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Das Leben des Klim Samgin

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Das Leben des Klim Samgin
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»Die Verse sind miserabel, außerdem werden überall in Europa die Kinder mit Prügeln gestraft«, erklärte die Kosakow im bestimmtem Ton.

Doktor Ljubomudrow wagte es zu bezweifeln:

»Überall? Und, wenn ich mich nicht irre, prügelt man nicht, sondern schlägt mit dem Lineal auf die Hände.«

»Doch, man prügelt«, beharrte die Kosakow. »In England prügelt man.«

Tomilin, bekleidet mit einem blauen Flauschrock und schweren, über die stumpfen Stiefel fallenden Hosen, schlenderte durch das Eßzimmer wie über einen Markt, wischte sich mit dem Tuch sein heftig schwitzendes, fuchsiges Gesicht, beobachtete, stand für einen Moment still, um zuzuhören, und geruhte nur selten, einige herablassende, kurze Sätze fallen zu lassen. Als Prawdin, ein leidenschaftlicher Freund des Theaters, jemandem zurief: »Erlauben Sie, es ist ein Vorurteil, daß das Theater eine Schule sein soll, das Theater ist ein Schauspiel für das Auge!« sagte Tomilin ironisch lächelnd:

»Das ganze Leben ist ein Schauspiel für das Auge.«

Kapitän Gortalow, der Erzieher in einer Kadettenschule gewesen und dem die Erlaubnis zur Ausübung einer pädagogischen Tätigkeit entzogen worden war, ein vorzüglicher Kenner seiner Heimat und ein tüchtiger Botaniker und Gärtner, mager, sehnig, mit brennenden Augen, bewies dem Redakteur, daß die Protuberanzen das Ergebnis des Falls fester Körper in die Sonne und der Aufschüttelung ihrer Masse seien, während am Teetisch Radejew sockelfest dasaß und den Damen erzählte:

»Da ich ein wenig, übrigens nur in sehr geringem Maße, belesen bin und Europa kenne, finde ich, daß Rußland in der Gestalt seiner Intelligenz etwas Einzigartiges von ungeheurem Wert hervorgebracht hat. Unsere Landärzte, Statistiker, Dorflehrer, Schriftsteller und überhaupt geistig Schaffenden sind ein Schatz von ungewöhnlicher Kostbarkeit ...«

»Scherzt er? Meint er es ironisch?« riet Klim Samgin, während er seinem glatten, schwachen Stimmchen lauschte.

Kapitän Gortalow marschierte in militärischem Paradeschritt an Radejew heran und streckte ihm seine lange Hand hin.

»Ein treffendes Urteil. Eine ausgezeichnete Idee. Meine Idee. Und darum: die russische Intelligenz muß sich als einheitliches Ganzes fühlen. Das ist es. So wie die Orden der Johanniter und Jesuiten, Jawohl! Die ganze Intelligenz hat eine einzige Partei zu werden, nicht aber sich zu zersplittern! Das lehrt uns der ganze Gang der Zeitgeschichte. Das sollte uns auch der Selbsterhaltungstrieb lehren. Wir haben keine Freunde. Wir sind Ausländer. In der Tat. Die Bürokraten und Kapitalisten knechten uns. Für das Volk sind wir Sonderlinge und Fremde.«

»Sehr wahr, Fremde!« rief gefühlvoll der Schriftsteller Katin, der bereits angeheitert war.

Die Sprechweise des Kapitäns hatte etwas von einem Trommelwirbel, seine Stimme betäubte. Radejew nickte, rückte vorsichtig mit dem Stuhl von ihm weg und murmelte:

»Dies bedarf einer kleinen Richtigstellung.«

Spiwak kam zurück, beugte sich zu seiner Frau hinab und sagte:

»Es schläft. Ganz fest.«

Diese Leute, die noch einmal jenes Kindheitserlebnis: die von dem betrunkenen Fischer gefangenen, mit knirschenden Schwänzen nach allen Seiten über den Küchenboden strebenden Krebse, heraufbeschworen, interessierten Klim nicht im geringsten. Er hörte gleichgültig ihre Reden an, wich geflissentlich einer Teilnahme an ihren Streitigkeiten aus und betrachtete mit scharfen Augen Inokow. Es mißfiel ihm, daß er zusammen mit Lida aufs Land hinausgefahren war, um den Schriftsteller Katin einzuladen, mißfiel auch, daß dieser grobschlächtige Bursche so familiär zwischen Lida und der Spiwak hin und her schaukelte, während er sich mit spöttischem Lächeln bald zu der einen bald zu der anderen hinüberneigte. Zu Beginn des Abends war Inokow mit demselben spöttischen Lächeln an ihn herangetreten und hatte gefragt:

»Von der Universität entfernt?«

Diese unerwartete Frage und ihre Form schlugen Klim vor den Kopf. Fragend starrte er in das verunglückte Gesicht des Burschen.

»Revoltiert?« fragte dieser abermals. Als aber Klim ihm erklärte, daß er in diesem Semester nicht studiert habe, stellte Inokow eine dritte Frage:

»Aus Vorsicht nicht studiert?«

»Was hat die Vorsicht damit zu schaffen?« erkundigte sich Klim trocken.

»Um nicht in eine Affäre hineingerissen zu werden«, erläuterte Inokow und drehte ihm den Rücken.

Einige Minuten darauf erzählte er Wera Petrowna, Lida und der Spiwak:

»Drei Monate später, er kam gerade aus Paris zurück, trifft er mich auf der Straße und ladet mich ein: ›Kommen Sie zu uns, meine Frau und ich haben eine wunderschöne Sache gekauft!‹ Ich ging, will mich setzen, da schiebt er mir ein leichtes Stühlchen von seltsamem Aussehen hin, mit vergoldeten Beinen und Samtpolster. ›Bitte, Platz zu nehmen!‹ Ich weigere mich, aus Furcht, einen so zierlichen Gegenstand zu zerbrechen. ›Nein, nehmen Sie nur Platz!‹ bittet er. Kaum sitze ich, beginnt unter mir eine Musik etwas sehr Lustiges zu spielen! Ich sitze und fühle, daß ich rot werde, er und seine Frau aber sehen mich mit seligen Blicken an und lachen, freuen sich wie Kinder! Ich stand auf, und die Musik verstummte. ›Nein!‹ sage ich, ›das gefällt mir nicht. Ich bin gewohnt, Musik mit den Ohren zu hören.‹ Da waren sie beleidigt.«

Diese simple Erzählung erheiterte die Mutter und die Spiwak und entlockte Lida ein Lächeln. Samgin fand, daß Inokow mit großem Geschick den Harmlosen spielte, während er in der Tat verschlagen und böse sein mußte. Nun sprach er wieder und ließ dabei seine kalten Augen blinken:

»Ja, da sind nun die Leute in die herrlichste Stadt Europas gereist, haben dort die abgeschmackteste Sache erstanden, die sie finden konnten, und sind glücklich. Dies hier aber –« er reichte der Spiwak sein Zigarettenetui – »ist das Geschenk eines schwindsüchtigen Tischlers mit Frau und vier Kindern.«

Das Zigarettenetui erregte Entzücken. Auch Klim nahm es in die Hand. Es war aus der Wurzel des Wacholderstrauchs gedrechselt. In den Deckel hatte der Meister kunstvoll einen kleinen Teufel eingebrannt, der Teufel hockte auf einem Mooshügel und kitzelte mit einem Schilfrohr einen Reiher.

»Zwei Tage und zwei Nächte hat er daran geschnitzt«, sagte Inokow, wobei er sich die Stirn rieb und alle fragend ansah. Zwischen dem musikalischen Stuhl und diesem Ding scheint mir ein Zusammenhang zu bestehen, den ich nicht begreife. Ich begreife überhaupt vieles nicht.«

Er grinste breit, schüttelte den Kopf und zündete sich eine Zigarette an. Das Streichholz löschte er erst zwischen seinen Fingern und warf es erst dann auf eine Untertasse.

»Zuerst siehst du die Dinge an und dann sie dich. Du – mit Interesse, sie fordernd: ›Rate, was wir wert sind!‹ Nicht in Geld, sondern für die Seele. Na, ich werde mal gehen und einen Schnaps trinken ...«

Samgin folgte ihm. Am Imbißtisch herrschte ein Gedränge. Warawka frönte seiner Redelust. In der einen Hand hielt er ein Glas Wein, mit der anderen zog er seinen Bart über die Schulter und hielt ihn dort fest.

»Die Studentenunruhen sind ein Ausdruck gefühlsmäßiger Opposition. In der Jugend dünken die Menschen sich begabt, und diese Einbildung erlaubt ihnen, zu glauben, daß sie von Stümpern regiert werden.«

Er nahm einen Schluck Wein und fuhr mit erhöhter Stimme fort:

»Aber da unsere Regierung in der Tat stümperhaft ist, findet die gefühlsmäßige Opposition unserer Jugend eine glänzende Rechtfertigung. Wir wären friedlicher und klüger, hätten wir so talentvolle Staatsmänner wie zum Beispiel England. Aber Köpfe haben wir unter unseren Staatsmännern nicht, und so heben wir denn einen Mann wie Witte auf den Schild.«

Inokow stieß rücksichtslos die Umstehenden auseinander, ging an den Tisch, schenkte sich Wodka ein und sagte halblaut zu Klim:

»Ein handfester Kerl ist Ihr Stiefvater. Und wer ist dieser Rote?«

»Mein alter Lehrer, ein Philosoph.«

»Ein Hanswurst vermutlich.«

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