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Das Leben des Klim Samgin

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Das Leben des Klim Samgin
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»Morgen werde ich mich mit ihr aussprechen«, beschloß er, während er das Fenster zumachte und sich wieder ins Bett legte. »Genug der Launen und des Geredes ...«

Er fand Lidas Stimmung nachgerade unberechenbar, und er nannte das bereits schizophren. Zum zweitenmal, seit er Lida kannte, bemerkte er auch, daß sie sich sogar physisch spaltete: wieder trat durch ihre vertrauten Züge das hinter ihnen verborgene fremde Antlitz. Sie hatte plötzlich Anfälle von Zärtlichkeit für ihren Vater und Wera Petrowna und backfischhafter Verliebtheit in Jelisaweta Spiwak. Es gab Tage, wo sie die Menschen mit den Augen einer anderen ansah: sanft, teilnahmsvoll und so traurig, daß Klim besorgte, daß sie, von Reue übermannt, gleich ihr Liebesverhältnis mit ihm eingestehen und schwarze Tränen weinen würde. Der Ausdruck »schwarze Tränen« gefiel ihm sehr. Er fand, daß sie eins seiner glücklichen Bilder seien.

Besonders stutzig machte es ihn, zu sehen, wie liebevoll Lida um seine Mutter bemüht war, die trotzdem fortfuhr, lehrhaft und gleichsam aus Gnade mit ihr zu sprechen, wobei sie nicht in das Gesicht des Mädchens blickte, sondern auf ihre Stirn oder über sie hinweg.

Doch plötzlich entlud sich dieses Liebeswerben in einem überraschenden und beinahe rohen Ausfall.

Eines Abends beim Tee erteilte Wera Petrowna Lida herablassende Ermahnungen:

»Das Recht zu kritisieren beruht entweder auf starkem Glauben oder auf sicherem Wissen. Von Glauben spüre ich nichts bei dir, und was dein Wissen betrifft, so wirst du zugeben, daß es ungenügend ist ...«

Lida ließ sie nicht ausreden und warf nachdenklich dazwischen:

»Der Kutscher Michail schreit die Leute an, sieht aber selber nicht, wo er fahren muß, und man hat Angst, daß ihm jemand unter seinen Wagen gerät. Er ist schon fast blind. Weshalb wollen Sie ihn nicht heilen?«

Wera Petrowna blickte Warawka fragend an und zuckte die Achseln. Warawka murmelte:

»Heilen? Er ist vierundsechzig Jahre alt. Dagegen gibt es keine Heilung.«

Lida ging aus dem Zimmer, erschien aber einige Minuten darauf im Garten in lebhaftem Gespräch mit der Spiwak und Klim hörte sie fragen:

»Aber weshalb muß ich fremde Fehler verbessern?«

Zuweilen fühlte Klim, daß sie ihm so trocken und gezwungen begegnete, als habe er sich gegen sie etwas zuschulden kommen lassen, und als sei ihm zwar schon verziehen, aber die Verzeihung Lida nicht leicht gefallen. Nachdem er sich all dies hatte durch den Kopf gehen lassen, beschloß er noch einmaclass="underline"

»Morgen führe ich eine Aussprache herbei.«

Am nächsten Morgen, beim Frühstück, teilte Warawka, während er Brotkrümel aus seinem Bart schüttelte, Klim mit:

»Heute werde ich die Redaktion mit den kulturfördernden Kräften der Stadt bekannt machen. Auf siebzigtausend Einwohner kommen rund vierzehn Kräfte, jawohl, mein Lieber! Drei von diesen Kräften stehen unter unmittelbarer Polizeiaufsicht und die übrigen wahrscheinlich so gut wie alle unter geheimer.« Deutsch sagte er: »Sehr komisch.«

Er sann nach, drückte eine halbe Zitrone in seinen Tee aus, seufzte und fuhr fort:

»Unser Staat, Bruder, ist wahrlich das Originellste, was man sich vorstellen kann. Sein Köpfchen ist für diesen Rumpf zu klein. Ich habe Lida aufs Land hinausgeschickt, um den Schriftsteller Katin einzuladen. Wie ist es nun mit dir, gedenkst du, Kritiken zu schreiben?«

»Ich will es versuchen«, antwortete Klim.

Die Abendgesellschaft mit den vierzehn »Kräften« erinnerte ihn an die Sonnabendsitzungen rund um Onkel Chrisanfs Fischpasteten.

Der sehr gealterte Rechtsanwalt Gussew hatte sich einen Bauch angemästet. Er stemmte ihn gegen die gebrechliche kleine Figur Spiwaks und gab mit matten Worten seiner Empörung über die Verbreitung von Balalaikas im Heere Ausdruck.

»Die Schalmei, das Horn und die Harfe – das sind wirkliche Volksinstrumente. Unser Volk ist lyrisch, die Balalaika entspricht nicht seinem Geiste.«

Spiwaks schwarze Brillengläser sahen auf seine Brust. Er antwortete furchtsam:

»Ich glaube, das ist nicht wahr, sondern nur die Unart, für ›schlecht‹ ›Volk‹ oder ›volkstümlich‹ zu sagen.«

Und zu seiner Frau gewandt:

»Ich will gehen und nachsehen, ob es auch nicht weint.«

Er lief fort, und Gussew begann jetzt, auf den Statistiker Kostin einzureden, einen Menschen mit einem vollen, weibischen Gesicht.

»Ich gebe Ihnen natürlich zu, daß Alexander III. ein dummer Zar gewesen ist, aber immerhin hat er uns den rechten Weg zur Vertiefung in unsere nationale Eigenart gewiesen.«

Der Statistiker, stadtbekannt durch seine Gewohnheit, sich im Gefängnis aufzuhalten, lachte gutmütig, während er aufzählte:

»Pfarrschulen, Wassermonopol ...«

Robinson mischte sich ein.

»Ja, wenn man sich schon in die nationale Eigenart zu vertiefen beabsichtigt, darf man auch die Balalaika nicht ablehnen.«

Kostin fiel Robinson ins Wort und schrie mit hoher Stimme heraus: »Das ganze ist nur die Politik, dem Rad der Geschichte Strohhalme zwischen die Speichen zu schieben.«

Inokow sagte mit finsterem Lächeln zu Klim:

»Dieser Gefängnisinsasse spricht über Geschichte, wie ein treuer Sklave von seiner Herrin.«

Inokow war unheilverkündend schwarz gekleidet: schwarzes Wollhemd, gegürtet mit einem breiten Riemen, und schwarze Hosen, die er in die Stiefel geschoben hatte. Er war stark abgemagert, musterte alle Anwesenden mit zornigen Blicken und lenkte seine Schritte gemeinsam mit Robinson häufig zum Spirituosentisch. Und immer folgte ihnen, schief seitwärts trottend wie ein Krebs, der Redakteur. Klim war zweimal Zeuge, wie er den Feuilletonisten ermahnte:

»Narokow, legen Sie sich nicht zu stark ins Zeug. Es schadet Ihnen.«

Am Tisch führte der Schriftsteller Katin das Kommando. Die Jahre hatten auf seinem Gesicht keine Spuren zurückgelassen, nur an den Schläfen waren die Spitzen seiner Haare ergraut, und über seine straffen Bäckchen liefen die Muster roter Äderchen. Er hüpfte wie ein Gummiball von einer Ecke in die andere, fing die Menschen ein, schleppte sie zur Wodka und hänselte mit seiner kleinen lebhaften Tenorstimme den Redakteur:

»Rütteln wir den Spießer auf, Maximitsch? Sagen wir ihm gründlich die Meinung, wie? Laß nur keine Marxisten ran! Du wirst sie doch nicht ranlassen? Nun, sieh dich nur vor! Ich bin einer von den Alten ...«

Während er einen Imbiß zum Schnaps nahm, sagte er, vor Vergnügen blinzelnd:

»Ach, das sind doch nur fabrikmäßig eingemachte Pilze, sie begeistern nicht! Die Schwester meiner Frau sollten Sie sehen, die hat gelernt, Pilze zu marinieren – einfach fabelhaft!«

Gussews Gehilfe, der junge Advokat Prawdin, in einem elegant geschnittenen Gehrock, gescheitelt und parfümiert wie ein Friseur, suchte eindringlich Tomilin und Kostin zu überzeugen.

»Die unbestreitbaren Normen des Rechts ...«

Tomilin lächelte metallisch, während Kostin zärtlich seine abnorm entwickelten Backenknochen rieb und in sanftem Tenor Einwände erhob.

»Gerade in diesen Ihren Normen stecken alle Grundlagen des sozialen Konservativismus.«

Die Witwe des Notars Kosakow, eine ehemalige Studentin, die für die Erziehung außerhalb der Schule tätig war, eine Frau mit einem Kneifer auf der Nase und einem schönen, strengen Gesicht, bewies dem Redakteur, daß die Theorien Pestalozzis und Fröbels in Rußland nicht anwendbar seien.

»Wir haben einen Pirogow, haben einen ...«

Robinson unterbrach sie, indem er sie darauf aufmerksam machte, daß Pirogow ein Anhänger der Prügelstrafe sei, und deklamierte die Verse Dobroljubows:

»Doch nicht mit jenen gewöhnlichen Hieben,

Womit man überall die Dummen gerbt,

Sondern mit denen, die für ehrenwert erachtet

Nikolai Iwanowitsch Pirogow ...«

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