Das Leben des Klim Samgin
- Автор: Горький Максим
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Das Leben des Klim Samgin». Краткое содержание книги:
»Warte mal, wo habe ich das gelesen?«
Sie besann sich und sagte im Ton der Gewißheit:
»Es ist aus Stendhals Buch ›Über die Liebe‹.«
Sie sprang aus dem Bett und ging rasch durchs Zimmer, über die tiefen und vollen Schatten auf dem Fußboden. Ihre mit schwarzen Strümpfen bekleideten Beine verschmolzen in seltsamer Weise mit den Schatten, die auch über ihr vom Mondschein bläulich getöntes Hemd glitten. Es sah so aus, als habe sie keine Beine und schwebe durch den Raum. Sie warf einen Blick aus dem Fenster und stellte sich dann mit streng gefurchten Brauen vor den Spiegel. Sie betrachtete sich so oft und so eingehend im Spiegel, daß Klim es zuletzt als sonderbar und lächerlich empfand. Sie stand da, biß sich die Lippen, zog die Augenbrauen hinauf und strich sich über Brust, Leib und Hüften. Hinter ihrem nackten Körper zeigte der Spiegel die dunkle Tapete der Wand, und es war sehr unangenehm, Lida verdoppelt zu sehen: die eine, die lebendige, schaukelte über dem Boden, die andere glitt durch die reglose Leere des Spiegels.
Klim fragte sie unfreundlich:
»Glaubst du, schon schwanger zu sein?«
Sie ließ die Arme am Körper hinabgleiten, wandte sich heftig herum und fragte erschrocken:
»Was?«
Sie sank auf einen Stuhl und flüsterte kläglich:
»Ja, aber es kommen doch nicht immer Kinder? Und es sind ja noch nicht sechs Wochen ...«
»Was hast du nur? Fürchtest du dich davor, ein Kind zu kriegen?« Es bereitete Klim Vergnügen, sie zu verhöhnen. »Und was sollen hier die Wochen?«
Sie antwortete nicht, sondern begann sich hastig anzukleiden.
»Und erinnerst du dich: du wolltest ja einen Knaben und ein Mädchen haben?«
Sie schlüpfte so eilig in ihre Kleider, als könne sie sich nicht schnell genug vor ihm verbergen.
»Wollte ich es?« murmelte sie. »Ich erinnere mich nicht.«
»Du warst damals zehn Jahre alt.«
»Heute gefallen mir Knaben und Mädchen nicht mehr.«
Sie bückte sich, um die Schuhe anzuziehen, und sagte:
»Nicht alle haben das Recht, Kinder in die Welt zu setzen.«
»Hu, wie philosophisch!«
»Jawohl«, fuhr sie fort, während sie sich dem Bett näherte, »nicht alle. Wenn man schlechte Bücher schreibt oder miserable Bilder malt, so ist das kein großes Unglück, aber für schlechte Kinder verdient man Strafe.«
Klim war entrüstet.
»Woher hast du diese greisenhaften Einbildungen? Es ist lächerlich, sie anzuhören. Sagt das die Spiwak?«
Sie verließ ihn mit ihrem leichten Schritt, sich vorsichtig auf die Zehenspitzen erhebend. Es fehlte nur noch, daß sie den Rock aufnahm, dann hätte es so ausgesehen, als ob sie über eine schmutzige Straße ginge.
Klim mußte untätig zuschauen, wie diese fatalen Gespräche zwischen ihm und Lida unaufhaltsam zunahmen, ohne daß er ihnen aus dem Wege gehen konnte.
Eines Nachts ergab es sich, daß er ihr auf eine ihrer gewöhnlichen Fragen hin den Rat gab:
»Lies die ›Hygiene der Ehe‹, es gibt ein solches Buch, oder nimm dir ein Lehrbuch der Geburtshilfe vor.«
Lida kauerte auf dem Bett, sie hatte die Arme um ihre Knie geschlungen und ihr Kinn darauf gelegt.
»Warum«, fragte sie, »läuft bei dir alles auf Geburtshilfe hinaus? Wozu dann Gedichte? Was ruft Gedichte hervor?«
»Das solltest du lieber Makarow fragen.«
Mit höhnischem Lächeln fügte er hinzu:
»Marakujew nennt Makarow sehr glücklich einen Troubadour aus der Hintergasse.«
Lida wandte sich zu ihm um, glättete mit dem spitzen Nagel ihres kleinen Fingers seine Brauen und sagte:
»Du sprichst dumm. Und immer so, als ob du ein Examen ablegtest.«
»So ist es auch«, antwortete Klim. »Weil du mich immerfort examinierst.
Ihre Stimme brach sich in zwei Noten, wie in der Kindheit.
»Ich gebe dir häufig recht, aber nur, um nicht mit dir streiten zu müssen. Mit dir kann man über alles streiten, aber ich weiß, daß es nutzlos ist. Du bist schlüpfrig. Du hast keine Worte, die dir teuer wären.«
»Es ist mir unverständlich, wozu du dies sagst«, murmelte Klim böse, da er ahnte, daß ein entscheidender Augenblick eintrat.
»Wozu ich es sage?« fragte sie nach einer Pause. »In einem Operettenschlager heißt es: ›Liebe? Ja, was ist denn Liebe?‹ Ich grüble darüber seit meinem dreizehnten Jahr, seit dem Tage, an dem ich mich zum erstenmal Weib fühlte. Es war sehr entwürdigend. Ich bin unfähig, an etwas anderes zu denken, als daran.«
Samgin hatte den Eindruck, daß sie ratlos und schuldbewußt sprach. Er wünschte ihr Gesicht zu sehen und zündete ein Streichholz an. Aber Lida bedeckte ihr Gesicht mit der Hand und sagte in gereiztem Ton ihr gewohntes:
»Du sollst kein Licht machen.«
»Du liebst das Spiel im Dunkeln«, scherzte Klim, bereute es aber sogleich. Es war dumm.
Im Garten brauste der Wind. Die Bäume scheuerten sich an den Scheiben, ihre Zweige stießen mit kurzen Lauten gegen die Läden, und man hörte noch ein rätselhaftes, seufzendes Geräusch, als winselte ein Hündchen im Schlaf. Diese Laute vermischten sich mit Lidas Geflüster und gaben ihren Worten einen kummervollen Ton.
»Man darf einander nicht belügen«, vernahm Klim. »Man lügt, um bequemer zu leben, ich aber suche nicht Bequemlichkeit, versteh mich doch! Ich weiß nicht, was ich will. Vielleicht hast du recht, es ist wirklich etwas Greisenhaftes in mir, und dies ist der Grund, warum ich nichts lieben kann, und alles mir verkehrt und nicht so, wie es sein sollte, erscheint.«
Zum erstenmal seit ihrem Verhältnis sprach zu Klim aus Lidas Worten etwas Verständliches und Vertrautes.
»Ja«, sagte er, »vieles ist nur erdacht, ich weiß es.«
Und zum erstenmal kam ihm der Wunsch, Lida auf ganz besondere Art zu liebkosen, sie zu Tränen zu rühren und zu ungewöhnlichen Geständnissen geneigt zu machen, damit sie ihm ihre Seele ebenso willig enthülle, wie sie gewohnt war, ihren empörerischen Körper zu enthüllen. Er war sicher, daß sie gleich etwas erschütternd Einfaches und Weises sagen und aus allem, was er erfahren hatte, einen bitteren, aber heilkräftigen Saft für ihn und sie pressen würde.
»Mir scheint, siehst du, die glücklichen Menschen sind nicht jung, sondern betrunken«, fuhr sie fort zu flüstern. »Niemand von euch hat Diomidow verstanden, ihr hieltet ihn für irr, aber wie erstaunlich wahr ist sein Ausspruch: ›Vielleicht ist Gott eine Erfindung, aber die Kirchen sind Wirklichkeit. Es sollte aber nur Gott und den Menschen geben, steinerne Kirchen sind unnötig. Das Wirkliche beengt‹.«
»Der Anarchismus eines Schwachsinnigen«, warf Klim hastig ein. »Ich kenne das, ich habe gehört: ›Der Baum ist ein Dummkopf, der Stein ist ein Dummkopf‹ und so fort. Ein Unsinn!«
Er fühlte, daß ungeheuer bedeutende Gedanken in ihm reiften. Aber um ihnen Ausdruck zu verleihen, gab ihm sein boshaftes Gedächtnis nur fremde Worte ein, die Lida wahrscheinlich schon kannte. Auf der Suche nach eigener Sprache und um Lidas Flüstern ein Ende zu machen, legte er einen Arm um ihre Schulter, aber sie ließ die Schulter so jäh abfallen, daß seine Hand auf ihren Ellenbogen hinunterglitt, und als er ihn drückte, verlangte Lida:
»Laß mich los.«
»Warum?«
»Ich will fort.«
Und sie ging und ließ ihn wie immer in der Finsternis und im Schweigen zurück.
Oft war es auch so, daß sie ganz plötzlich fortging, wie erschreckt durch seine Worte, doch diesmal hatte ihre Flucht etwas besonders Verletzendes, denn wie ihren Schatten nahm sie alles mit sich, was er ihr sagen wollte. Klim stieg aus dem Bett und öffnete das Fenster. Ein Windstoß fuhr ins Zimmer, erfüllte es mit Staubgeruch, blätterte unwillig in den Seiten eines Buches, das auf dem Tisch lag, und half Klim dabei, sich zu empören.