Das Leben des Klim Samgin
- Автор: Горький Максим
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Das Leben des Klim Samgin». Краткое содержание книги:
»Dies ist allerdings die Hauptrichtung der Spaltung«, fuhr Radejew noch sonorer und sanfter fort: »aber man kann noch eine zweite, ebenso wertvolle feststellen: es treten Jünglinge hervor, die sich nicht nur mit den Kümmernissen des Volkes, sondern auch mit den Geschicken des russischen Staates, mit der großen sibirischen Eisenbahn nach dem Stillen Ozean und anderen ebenso interessanten Dingen beschäftigen.«
Der Müller legte eine Pause ein, offenbar, damit man sich ganz mit der Bedeutsamkeit des von ihm Gesagten durchdringe, scharrte mit seinen kurzen Beinchen und fuhr fort:
»Die individualistische Stimmung von manchen unter den jungen Leuten ist auch nicht ganz ohne Nutzen, vielleicht verbirgt sich dahinter eine sokratische Besinnung auf sich selbst und eine Abwehr gegen die Sophisten. Nein, unsere Jugend entwickelt sich sehr interessant und vielversprechend. Sehr bezeichnend ist, daß Leo Tolstois verbohrte Lehre unter den Jungen keine Schüler und Apostel findet, absolut nicht findet, wie wir sehen.«
»Gewiß«, sagte der Redakteur, nahm die Brille ab und zeigte dahinter zwei sanfte Augen mit verschwommenen, fliederfarbenen Pupillen.
Radejew erfreute sich stets allgemeiner Aufmerksamkeit. Besonders Warawka saugte sich mit seinem spitzen Blick an dem Honiggesicht und den straffen, an Blutegel erinnernden Lippen des Müllers fest.
»Prachtvoll, wie der Müller die ›O's‹ rollt«, sagte er und lächelte freundselig. »Ein bestialisch kindliches Gemüt!«
Klim Samgin fand bei Warawka und Radejew etwas Gemeinsames heraus: Warawkas Arme waren kurz; der Müller hatte lächerlich kurze Beinchen.
Inokow meinte bezüglich Radejews:
»Den müßte man im Bade sehen. Nackt sieht er wahrscheinlich wie ein Samowar aus.«
Inokow kehrte soeben von einer Reise nach Orenburg, dem Turgai-Gebiet, Krassnowodsk und Persien zurück. Absonderlich in Segeltuch gekleidet, grau und wie bis auf die Knochen mit Staub durchtränkt, Sandalen an den nackten Füßen, einen breitrandigen Strohhut auf dem langherabhängenden Haar, war er das lebendig gewordene Porträt Robinson Crusoes auf dem Umschlag einer billigen Ausgabe dieses Evangeliums der Unüberwindlichen. Während er wie ein Kranich im Eßzimmer auf und ab stelzte, zupfte er mit dem Fingernagel kleine Hautschuppen von der sonnverbrannten Nase und erklärte energisch:
»Alle diese Baschkiren und Kalmücken beflecken ganz unnütz die Erde. Arbeiten können sie nicht, zum Lernen sind sie untauglich. Auch die Perser haben sich überlebt.«
Radejew sah leutselig zu ihm hin und bewegte die glattgekämmten Brauen. Warawka hänselte ihn:
»Und wohin mit ihnen nach Ihrer Meinung? Niedermetzeln? Aushungern?«
»Herbstlaub«, beharrte Inokow und schnaubte durch die Nase, als bliese er den heißen Staub der Steppe hinaus.
»Herbstlaub«, wiederholte Klim in Gedanken, während er die unergründlichen Menschen beobachtete, und fand, daß irgendeine Kraft ihre natürlichen Stellungen verrückt hatte. Jeder von ihnen bedurfte, um deutlicher sichtbar zu sein, gewisser Ergänzungen und Korrekturen. Immer mehr solcher Menschen traten in sein Blickfeld. Es wurde vollkommen unerträglich, im Reigen der nutzlos und ermüdend Klugen einherzustampfen.
Lida kam die Treppe herunter. Sie setzte sich in die Ecke, wo der Flügel stand, hüllte nach ihrer Gewohnheit die Brust eng in ihren Voileschleier und sah mit fremden Augen zu den Anwesenden hinüber. Der Schleier war blau und warf unangenehme Schatten auf die untere Gesichtshälfte, Klim war zufrieden, daß sie schwieg. Er fühlte, daß er ihr widersprechen müßte, sobald sie den Mund auftäte. Am Tage und in der Gesellschaft Dritter liebte er sie nicht.
Die Mutter trug gegenüber den Gästen ein würdevolles Benehmen zur Schau, lächelte ihnen gütig zu, und in ihrer Haltung lag etwas nicht zu ihr Gehöriges, Gezwungenes und Trauriges.
»Langen Sie zu«, forderte sie den Redakteur, Inokow und Robinson auf und schob ihnen mit einem Finger Teller mit Brot, Butter und Käse und Gläser mit Eingemachtem hin. Sie nannte die Spiwak Lisa und wechselte mit ihr Blicke des Einverständnisses. Die Spiwak stritt angeregt mit jedermann, mit Inokow häufiger als mit den anderen, wahrscheinlich, weil er sie umkreiste wie ein Kalb, das mit einem Strick an einen Pfahl gebunden ist.
Die Spiwak betrachtete sich mehr als Hausherrin denn als Gast, was Klim bestimmte, sie argwöhnisch zu beobachten. Wenn alle Außenstehenden aufgebrochen waren, ging die Spiwak mit Lida im Garten spazieren oder hielt sich oben in ihrem Zimmer auf. Sie unterhielten sich erregt, und Klim hatte stets Lust, heimlich zu horchen, wovon.
»Sehen Sie sich sie an – sehr interessant«, sagte sie zu Klim und drückte ihm die gelben Bändchen von René Doumic, Pellissier und Anatole France in die Hand.
»Wozu erzieht sie mich?« grübelte Klim und besann sich darauf, daß die Nechajew ihm Reproduktionen von Gemälden der Präraffaeliten, von Rochegrosse, Stuck und Klinger und Gedichte der Dekadenten zu schenken pflegte.
»Jeder versucht, einem etwas von sich aufzudrängen, damit man ihm ähnlich und um so verständlicher werde. Ich hingegen dränge niemand etwas auf«, dachte er mit Stolz, lauschte aber sehr aufmerksam den Urteilen der Spiwak über Literatur. Ihre Art, über die jüngste russische Dichtung zu sprechen, gefiel ihm.
»Diese jungen Leute haben es sehr eilig, sich von der humanitären Tradition der russischen Literatur frei zu machen. Im Grunde übersetzen und kopieren sie vorderhand nur die französischen Dichter und kritisieren sodann wohlwollend einander, um bei Gelegenheit kleiner literarischer Diebstähle von großen Ereignissen in der russischen Literatur zu schwatzen. Ich glaube, nach einem Tjutschew zeugt es von einer gewissen Unbildung, über die Dekadenten vom Montmartre in Begeisterung zu geraten.«
Dann und wann betrat Iwan Dronow, eine Aktentasche unterm Arm, reinlich gekleidet und mit unnatürlich knarrenden Stiefeln – in der scheuen Art eines geprügelten Katers – Warawkas Kabinett. Er grüßte Klim wie ein Untergebener den Sohn seines strengen Vorgesetzten und verzog sein stumpfnasiges Gesicht zu einer scheinheiligen Miene.
»Wie geht es dir?« fragte Samgin.
»Ich danke Ihnen, nicht schlecht«, antwortete Dronow, indem er den Nachdruck auf das »Ihnen« legte. Klim war verlegen. Im weiteren Verlauf ihres Gespräches redeten beide sich mit »Sie« an. Als Dronow sich verabschiedete, teilte er noch mit:
»Margarita läßt Sie grüßen. Sie erteilt jetzt Handarbeitunterricht in der Klosterschule.«
»In der Tat?« fragte Klim.
»Ja. Ich sehe sie häufig.«
»Warum hat er mir das gesagt?« dachte Klim beunruhigt, während er ihm durch die Brillengläser einen scheelen Blick nachsandte.
Er vergaß Dronow sofort. Lida verschlang alle seine Gedanken. Sie erfüllte ihn mit immer qualvollerer Bangigkeit. Es blieb ihm kein Zweifel daran, daß sie nicht das Mädchen war, von dem er geträumt hatte. Eine ganz andere. Während sie körperlich von Tag zu Tag berauschender wurde, begann sie schon, ihn mit verletzender Herablassung zu behandeln, und mehr als einmal schlug ihm aus ihren Fragen Ironie entgegen.
»Sag mir doch, was ist eigentlich bei dir anders geworden?«
Er wollte sagen:
»Nichts.«
Konnte auch sagen:
»Ich habe erkannt, daß ich mich geirrt habe.«
Aber es fehlte ihm an Mut, ihr die Wahrheit zu sagen, und er war auch nicht voll überzeugt, daß es die Wahrheit sei, und daß er sie ihr sagen mußte.
Er antwortete:
»Es ist zu früh, davon zu sprechen.«
»Bei mir ist nichts anders geworden«, deutete Lida flüsternd an, und ihr Geflüster in der schwülen nächtlichen Dunkelheit wurde ihm zum Albtraum. Es lag etwas Beklemmendes darin, daß sie ihre dummen Fragen stets im Flüstertone stellte, als ob sie selbst sich ihrer schäme, und diese Fragen klangen immer zynischer. Einmal – er sagte ihr etwas Beruhigendes – hielt sie ihn mit den Worten an: