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Das Leben des Klim Samgin

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Das Leben des Klim Samgin
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Klim bedauerte, daß er ihr Gesicht nicht sehen konnte. Auch er schwieg lange, bevor er die vernünftigen Worte fand, die er ihr sagte:

»Es ist bei dir nicht Liebe, sondern Erforschung der Liebe.«

Sie flüsterte still und gehorsam:

»Umarme mich. Fester.«

Einige Tage lang war sie zahm, fragte ihn nicht aus und schien sogar beherrschter in ihren Zärtlichkeiten. Dann jedoch hörte Klim von neuem in der Dunkelheit ihr heißes, kratzendes Flüstern:

»Aber du mußt doch selbst zugeben, daß dies dem Menschen nicht genügen kann.«

»Was willst du noch mehr?« wollte Klim fragen, drängte aber seine Empörung zurück und stellte die Frage nicht.

Er fand, daß »dies« ihm vollkommen genügte, und alles gut wäre, wenn Lida schwiege. Ihre Liebkosungen übersättigten nicht. Er wunderte sich selbst, daß er in sich die Kraft für ein so tolles Leben fand, und begriff, daß Lida ihm diese Kraft gab, ihr immer rätselhaft glühender und unermüdlicher Körper. Er begann schon, stolz auf seine physiologische Ausdauer zu sein, und dachte bei sich, wenn er Makarow von diesen Nächten erzählte, würde der wunderliche Mensch ihm nicht glauben. Diese Nächte nahmen ihn vollkommen in Anspruch. Von dem Wunsch beherrscht, Lidas Redewut zu bändigen, sie einfacher und handlicher zu machen, dachte er an nichts, außer an sie und wollte nur das eine: sie sollte endlich ihre unsinnigen Fragen vergessen, seinen Honigmond nicht mit diesem aufreizend trüben Gift versetzen.

Aber sie ließ sich nicht bändigen, wenngleich die zornigen Lichter nicht mehr so häufig in ihren Augen zu funkeln schienen. Auch bedrängte sie ihn nicht mehr so stürmisch mit ihren Fragen. Dafür bemächtigte sich ihrer eine neue Stimmung, die sie wie mit einem Schlage packte. Mitten in der Nacht sprang Lida aus dem Bett, lief ans Fenster, öffnete es und kauerte sich, halbnackt, wie sie war, auf die Fensterbank.

»Es ist kühl, du wirst dich erkälten«, warnte Klim sie.

»Welche Trostlosigkeit!« antwortete sie ziemlich laut. »Welche Trostlosigkeit liegt in diesen Nächten, in dieser Stummheit der schläfrigen Erde, in diesem Himmel! Ich komme mir vor wie in einer Grube, wie in einem Abgrund.«

»Nun spielt sie also den gefallenen Engel«, dachte Klim.

Ihn quälte die Vorahnung schwerer Bedrängnisse. Zuweilen flammte unvermittelt die Angst auf, Lida könnte seiner überdrüssig werden und ihn von sich stoßen, manchmal aber wünschte er es selbst. Mehr als einmal hatte er schon bemerken müssen, daß seine Zaghaftigkeit vor Lida zurückgekehrt war, und fast jedesmal wollte er gleich darauf mit ihr brechen, um ihr so die Scheu, mit der sie ihn erfüllte, heimzuzahlen. Er hatte das Gefühl, zu verblöden, und er faßte nur sehr schlecht, was rings um ihn vorging. Ohnehin war es nicht leicht, die Bedeutung des Treibens zu erraten, das Warwara unermüdlich aufpeitschte und anfachte. Beinahe an jedem Abend drängten sich neue Gesichter im Eßzimmer, denen Warawka, mit seinen kurzen Armen fuchtelnd und in seinem ergrauenden Barte spielend, einschärfte:

»Die taktlose Einmischung Wittes in den Weberstreik hat der Bewegung einen politischen Charakter verliehen. Die Regierung tut alles, um die Arbeiter zu überzeugen, daß der Klassenkampf eine Tatsache ist und nicht eine Erfindung der Sozialisten – verstehen Sie?«

Der Redakteur nickte stumm und einverstanden mit seinem blankpolierten Schädel, und seine Lippe hing noch beleidigter herab.

Ein Mann in einer Samtjoppe, mit einer pompösen Halsschleife, der mächtigen Nase eines Spechts und hektischen Flecken auf den gelben Wangen schalt leise:

»Der Klassenkampf ist keine Utopie, wenn der eine ein Haus besitzt, der andere hingegen nur die Tuberkulose.«

Als Klim ihm vorgestellt wurde, reichte er ihm seine feuchte Hand, blickte ihm mit fiebrigen Augen ins Gesicht und sagte:

»Narokow – Robinson – haben Sie den Namen gehört?«

Er war unstät, sprang häufig und stürmisch von seinem Platz auf, sah stirnrunzelnd auf seine schwarze Uhr, zwirbelte sein dünnes Bärtchen zu einem Korkenzieher, stopfte es zwischen seine zerfressenen Zähne und verkürzte krankhaft die Haut seines Gesichts durch ein ironisches Lächeln, wobei er die Augen schloß und die Nasenflügel weit aufblähte, als wehre er einen störenden Geruch ab. Bei der zweiten Begegnung mit Klim teilte er ihm mit, daß dank der Feuilletons Robinsons eine Zeitung unterdrückt, eine andere auf drei Monate verboten worden war und eine Reihe weiterer Blätter »Verwarnungen« erhalten hatten, und daß in allen Städten, in denen er gearbeitet hatte, immer die Gouverneure seine Feinde waren.

»Mein Freund, ein Statistiker – er ist kürzlich im Gefängnis am Typhus gestorben –, gab mir den Spitznamen ›Geißel der Gouverneure‹.«

Man konnte nicht daraus schlau werden, ob er scherzte oder im Ernst sprach.

Klim erhaschte an ihm sogleich einen unangenehmen Zug: dieser Mensch betrachtete jedermann ironisch und feindselig hinter halbgeschlossenen Wimpern hervor.

Tief in seinem Sessel saß Warawkas Kompagnon im Zeitungsgeschäft, Pawlin Saweljewitsch Radejew, Eigentümer zweier Dampfmühlen, ein rundliches Männchen mit einem Tatarengesicht, das in ein sorgfältig gestutztes Bärtchen eingefügt war, und freundlichen, klugen Augen unter einer gewölbten Stirn. Warawka hatte offensichtlich eine sehr hohe Meinung von ihm und hing mit fragenden und erwartungsvollen Blicken an seinem Gesicht. Warawkas Unwillen über den politischen Zynismus Konstantin Pobedonoszews begegnete Radejew mit den Worten:

»Es macht die Wanze schon glücklich, daß sie stinkt.«

Dies war der erste Satz, den Klim aus dem Munde Radejews vernahm. Er setzte ihn um so mehr in Erstaunen, als er in einer so seltsamen Weise gesagt wurde, daß zwischen dem Gesprochenen und dem stämmigen, soliden Figürchen des Müllers mit dem straffen, festen wachsgelben oder, richtiger, honigfarbenen Gesicht keinerlei Übereinstimmung bestand. Sein Stimmchen war ausdruckslos und schwach.

»Sind Sie es nicht, den Boborykin zum Vorbild für seinen Kornspeicher – Sokrates Wassili Terkin genommen hat?« fragte Robinson ihn rücksichtslos.

»Ein schlechtes Buch, aber nicht ganz ohne Wahrheit«, antwortete Radejew. Er hielt seine runden Händchen auf dem Bauch gefaltet und drehte die Daumen. »Ich bin es natürlich nicht, aber ich nehme doch an, daß er nach der Natur geschildert ist. Auch unter der Kaufmannschaft finden sich neuerdings Nachdenkende.«

Samgin war zunächst geneigt zu glauben, daß dieser Kaufmann verschlagen und hartherzig sei. Als man von den Reliquien des Serafim von Sarow zu sprechen begann, sagte Radejew mit einem Seufzer:

»O weh, aus diesem Werk toter Gerechter wird uns nichts Gutes erstehen, noch weniger aus dem der lebendigen! Tun wir das doch wahrhaftig nicht freiwillig und nicht aus Not, sondern aus Gewohnheit! Wir sollten lieber zugeben, daß wir allzumal Sünder und alle im selben sündigen Erdenleben befangen sind.«

Er fand Vergnügen am Reden und rühmte sich, über alles mit seinen eigenen Worten sprechen zu können. Samgin horchte sich in sein farbloses Stimmchen, in seine stillen, abgewogenen Worte hinein und entdeckte in Radejew etwas Sympathisches, das mit seiner Erscheinung versöhnte.

»Sie bemerken sehr richtig, Timofej Stepanowitsch: in unserer jungen Generation reift eine mächtige Spaltung heran. Soll man darüber zürnen?« fragte er mit einem Lächeln seiner bernsteingelben Äuglein und antwortete gleich selbst zum Redakteur gewandt:

»Ich meine, man soll es nicht. Mir scheint von überaus großem Nutzen für unseren Staat der Zusammenstoß derer, die sich zu Herzen und den Slawophilen bekennen und sich auf Nikolaus den Wundertäter und auf die Bauern stützen, mit denen, die an Marx und Hegel glauben und auf Darwin fußen.«

Er holte Atem, beschleunigte die Drehung seiner kurzen Finger und liebkoste den Redakteur mit einem Lächeln. Der Redakteur raffte die Unterlippe auf und spannte die Oberlippe zu einer geraden Linie, so daß sein Gesicht kürzer, aber breiter wurde und auch so etwas wie ein Lächeln zeigte. Hinter seinen Brillengläsern regten sich formlose, trübe Flecke.

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