Das Leben des Klim Samgin
- Автор: Горький Максим
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Das Leben des Klim Samgin». Краткое содержание книги:
»Sie kommt nicht. Sie hat sich anders besonnen.«
Aber Lida kam. Als die Tür lautlos aufging und auf der Schwelle die weiße Gestalt erschien, erhob er sich und näherte sich ihr. Er hörte ein zorniges Flüstern:
»Mach doch das Fenster zu!«
Das Zimmer füllte sich mit undurchdringlicher Finsternis, in der Lida verschwand. Samgin suchte sie mit ausgestreckten Armen, ohne sie zu finden und zündete ein Streichholz an.
»Laß! Du sollst nicht! Kein Licht«, vernahm er.
Es gelang ihm noch, wahrzunehmen, daß Lida auf dem Bett saß und sich hastig ihres Schlafrocks entledigte. Die Umrisse ihrer Hände schimmerten vage auf. Er trat zu ihr und kniete nieder.
»Schnell, schnell«, hauchte sie.
Im Schutz der Dunkelheit gab sie sich schamloser Raserei hin, biß ihn in die Schultern, stöhnte und forderte keuchend:
»Spüren will ich, spüren ...«
Sie weckte seine Sinnlichkeit wie eine erfahrene Frau, gieriger, als die geübte und ihrer Sache mechanisch sichere Margarita, wütender als die hungrige, ohnmächtige Nechajew. Zuweilen fühlte er, daß er jetzt gleich das Bewußtsein verlieren und sein Herz aussetzen würde. Es gab einen Augenblick, wo ihm schien, daß sie weinte. Ihr unnatürlich heißer Körper zuckte minutenlang wie in verhaltenem, lautlosem Schluchzen. Aber er war nicht sicher, daß dem so war, wenngleich sie danach aufhörte, ihm stürmisch in die Ohren zu flüstern:
»Spüren ... spüren ...«
Er konnte sich nicht erinnern, wann sie gegangen war, schlief wie ein Toter und verbrachte, zwischen Glauben und Zweifel an der Wirklichkeit des Geschehenen schwankend, den ganzen folgenden Tag wie im Traum. Er faßte nur das eine: in dieser Nacht hatte er Unbeschreibliches, noch nie Erlebtes erfahren, aber – nicht das, was er erwartet und nicht so, wie er es sich ausgemalt hatte. Die folgenden gleich stürmischen Nächte überzeugten ihn endgültig davon.
In seinen Umarmungen vergaß Lida sich nicht für einen Augenblick. Sie sagte ihm nicht ein einziges jener lieben Worte der Freude, an denen die Nechajew so reich war. Auch Margarita, mochte ihre Art, die Liebkosungen zu genießen, auch roh sein, hatte etwas Tönendes und Dankbares. Lida liebte mit geschlossenen Augen, unersättlich, aber freudlos und finster. Eine Falte des Zorns zerschnitt ihre hohe Stirn, sie entzog sich seinen Küssen mit abgewandtem Gesicht und zusammengepreßten Lippen, und wenn sie ihre langen Wimpern aufschlug, sah Klim in ihren dunklen Augen einen bösen, versengenden Schein. Aber das alles beengte ihn schon nicht mehr, kühlte seine Wollust nicht ab, sondern entflammte sie mit jedem neuen Zusammensein nur noch heftiger. Was ihn jedoch immer mehr verwirrte und störte, das war Lidas hartnäckige, bohrende Wißbegier. Zuerst belustigten ihre Fragen ihn nur durch ihre Kindlichkeit. Klim mußte an die derb gewürzten Novellen des Mittelalters denken und konnte sich eines Lächelns nicht erwehren. Allmählich nahm diese Naivität einen zynischen Charakter an, und Klim fühlte hinter den Worten des Mädchens ein eigensinniges Bestreben, etwas ihm Unbekannten und Gleichgültigen auf den Grund zu gehen. Er redete sich ein, Lidas unschickliche Neugier rühre von französischen Büchern her, und sie würde ihrer bald müde werden und verstummen. Aber Lida ermüdete nicht. Während sie ihm fordernd in die Augen sah, forschte sie in hitzigem Ton:
»Was empfindest du? Du kannst doch nicht leben, ohne dieses zu empfinden, nicht wahr?«
Er empfahl ihr:
»Lieben muß man stumm.«
»Um nicht zu lügen?« fragte sie.
»Schweigen ist nicht Lüge.«
»Dann ist es Feigheit«, sagte Lida und drang wieder in ihn:
»Wenn du genießt, erkennst du mich dann auf eine besondere Weise? Hat sich dann für dich in mir etwas verändert?«
»Gewiß«, antwortete Klim, um es sogleich zu bedauern, denn sie fragte:
»Wie denn? Was?«
Auf diese Fragen wußte er keine Antwort, fühlte, daß dieses Unvermögen ihn in den Augen des Mädchens herabsetzte, und dachte voll Verdruß:
»Vielleicht ist es auch nur der Zweck ihrer Fragen, mich zu sich herunterzuziehen.«
»Laß das«, sagte er schon nicht mehr freundlich. »Das sind unpassende Fragen in diesem Augenblick. Und sie sind kindisch.«
»Nun und? Wir sind beide einmal Kinder gewesen.«
Klim begann an ihr auch etwas wahrzunehmen, was den unfruchtbaren Grübeleien ähnelte, an denen er selbst einst gekrankt hatte. Es gab Augenblicke, wo sie plötzlich in einen Zustand halber Bewußtlosigkeit sank und minutenlang starr und stumm dalag. In diesen Minuten ruhte er aus und bestärkte sich in dem Gedanken, daß Lida anormal war und ihre Raserei ihr nur als Einleitung zu den Gesprächen diente. Sie liebkoste ihn mit wütender Leidenschaft, zuweilen schien es sogar, daß sie sich gewalttätig Qualen zufügte. Aber nach diesen Anfällen sah Klim, daß ihre Augen ihn feindselig oder fragend anschauten, und immer häufiger bemerkte er in ihren Pupillen böse Funken. Um diese Funken zu löschen, begann Klim Samgin sie gezwungen und bewußt von neuem zu liebkosen. Zuweilen jedoch stieg in ihm der Wunsch auf, ihr Schmerzen zuzufügen und sich für diese bösen Funken zu rächen. Es war fatal, sich daran zu erinnern, daß sie ihm einmal körperlos und hauchzart erschienen war, daß er gerade mit diesem Mädchen eine ganz besondere, reine und tiefe Freundschaft schließen wollte und nur sie allein ihm helfen sollte, sich selbst zu finden und festen Boden unter den Füßen zu gewinnen. Ja, nicht ihre seltsame und unheimliche Liebe suchte er, sondern ihre Freundschaft. Und nun war er betrogen. Als Antwort auf seine Versuche, ihr sein Fühlen nahe zu bringen, hielt sie ihm ein Schweigen entgegen und manchmal ein spöttisches Lächeln, das ihn verletzte und seine Worte schon im Beginn auslöschte.
Es hatte den Anschein, als ob Lida selbst Furcht vor ihrem höhnischen Lächeln und dem bösen Feuer in ihren Augen habe. Wenn er Licht machte, verlangte sie:
»Lösch es aus.«
Und in der Dunkelheit hörte er sie flüstern:
»Und dies ist alles? Für alle dasselbe: für Dichter, Kutscher und Hunde?«
»Höre«, sagte Klim, »du bist eine Dekadente. Das ist etwas Krankhaftes bei dir ...«
»Aber Klim, es kann ja nicht sein, daß dich dieses befriedigt? Es kann nicht sein, daß um dessentwillen Romeo, Werther, Ortis, Julia und Manon zugrunde gingen!«
»Ich bin kein Romantiker«, knurrte Klim und wiederholte: »Es ist etwas Degeneriertes ...«
Da fragte sie ihn:
»Ich bin erbärmlich, nicht wahr? Mir fehlt etwas? Sag, was mir fehlt!«
»Einfachheit«, antwortete Klim, der nichts anderes zu sagen wußte.
»Die der Katzen?«
Er getraute sich nicht, ihr zu sagen:
»Das, was die Katzen auszeichnet, besitzest du im Überfluß.«
Während er sie rasend, ja, wuterfüllt liebkoste, befahl er ihr in Gedanken:
»Weine! Du sollst weinen!«
Sie stöhnte, aber sie weinte nicht, und Klim bezwang von neuem mit Mühe den Wunsch, sie bis zu Tränen zu beleidigen und zu demütigen.
Einmal begann sie ihn im Finstern hartnäckig zuzusetzen: Was er empfunden habe, als er zum erstenmal eine Frau besaß.
Klim dachte nach und antwortete:
»Furcht. Und – Scham. Und du? Dort, oben?«
»Schmerz und Abscheu«, erwiderte sie, ohne sich zu besinnen. »Das Furchtbare empfand ich hier, als ich selbst zu dir kam.«
Sie rückte von ihm weg und fuhr nach einer Weile fort:
»Es war eigentlich nicht furchtbar, es war mehr. Es war wie das Sterben, So muß man in der letzten Minute seines Lebens fühlen, wenn der Schmerz aufgehört hat, und man nur noch stürzt. Ein Sturz ins Unbekannte, Unbegreifliche.«
Wieder schwieg sie und hauchte dann:
»Es gab einen Augenblick, wo in mir etwas starb, zugrunde ging, Hoffnungen, oder – ich weiß es nicht. Später die Verachtung vor mir selbst. Nicht Mitleid. Nein, Verachtung. Deshalb weinte ich, erinnerst du dich?«