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Das Leben des Klim Samgin

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Das Leben des Klim Samgin
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»Geh jetzt, bitte«, sagte Lida.

Samgin stand auf und näherte sich ihr. Es war, als bitte sie nicht ihn, zu gehen.

»Ich bitte dich doch, geh!« Was nach diesen Worten geschah, war leicht, einfach und dauerte nur eine ganz kurze Zeit, es schienen Sekunden zu sein. Am Fenster stehend, erinnerte sich Samgin mit tiefem Staunen daran, wie er das Mädchen auf den Arm nahm und sie, während sie sich hintenüber aufs Bett warf und seine Ohren und Schläfen zwischen ihren Händen zusammenpreßte, dunkle Worte sagte und ihm mit einem hellen, blendenden Blick in die Augen sah.

Und nun stand sie vor dem Spiegel und ordnete mit zitternden Händen Kleidung und Frisur. Im Spiegelbild waren ihre Augen weit geöffnet, starr und angsterfüllt. Sie biß sich die Lippen, als dränge sie Schmerzen oder Tränen zurück.

»Geliebte«, flüsterte Klim in den Spiegel; er fand in seinem Innern weder Freude noch Stolz, fühlte nicht, daß Lida ihm teurer geworden war und wußte nicht, wie er handeln und was er sagen mußte. Er sah, daß er sich getäuscht hatte: Lida betrachtete sich nicht mit Angst, sondern fragend, erstaunt.

»Laß«, sagte sie und begann die zerdrückten Kissen glattzuklopfen. Da trat er von neuem ans Fenster und sah durch den dichten Regenschleier zu, wie die Blätter der Bäume tanzten und kleine graue Kugeln über das eiserne Dach des Flügels hüpften.

»Ich bin ausdauernd, ich habe es gewollt und erreicht«, sagte er sich, da er das Bedürfnis empfand, sich auf irgendeine Weise zu trösten.

»Du, geh jetzt«, sagte Lida und blickte mit dem gleichen besorgten und fragenden Ausdruck auf das Bett. Samgin küßte ihr wortlos die Hand und ging hinaus.

Alles hatte sich anders abgespielt, als er erwartete. Er fühlte sich betrogen.

»Aber was hoffte ich eigentlich?« fragte er sich. »Nur das eine, daß es dem mit Margarita und der Nechajew Erlebten nicht gleichen würde?«

Und er tröstete sich:

»Vielleicht wird es auch noch so werden.«

Aber der Trost währte nicht lange, schon im nächsten Augenblick kam ihm der kränkende Gedanke:

»Es war, als ob sie mir ein Almosen gereicht hätte ...«

Und zum zehnten Mal fiel ihm ein:

»Ja, war denn ein Junge da? Vielleicht war gar kein Junge da?«

Als er in seinem Zimmer war, schloß er die Tür zu, legte sich hin und lag so bis zum Abendtee. Als er ins Eßzimmer trat, schritt dort die Spiwak wie ein Wachtposten auf und ab, dünn und schlank nach der Entbindung, und mit gerundeter Brust. Sie begrüßte ihn mit der freundlichen Gleichgültigkeit einer alten Bekannten, fand ihn stark abgemagert und wandte sich dann wieder an Wera Petrowna, die am Samowar saß: »Siebzehn Mädchen und neun Knaben, wir brauchen aber unbedingt dreißig Schüler ...«

Von ihren Schultern floß ein leichtes perlfarbiges Gewebe. Die durchschimmernde Haut der Arme hatte die Tönung von Öl. Sie war unvergleichlich viel schöner als Lida, und dies reizte Klim. Ihn reizte auch ihr dozierender und geschäftsmäßiger Ton, ihre Buchsprache und ihre Manier, obwohl sie fünfzehn Jahre jünger als Wera Petrowna war, mit ihr zu sprechen wie die Ältere.

Als die Mutter Klim fragte, ob Warawka ihm angeboten habe, den kritischen Teil und die Bibliographie der Zeitung zu übernehmen, sagte sie, ohne Klims Antwort abzuwarten, lebhaft:

»Erinnern Sie sich, das war meine Idee? Sie besitzen alle Qualitäten für diese Rolle: kritischen Geist, im Zaun gehalten durch ein vorsichtiges Urteil, und guten Geschmack.«

Sie sagte das freundlich und ernsthaft, aber im Bau ihres Satzes schien Klim etwas Spöttisches zu liegen.

»Gewiß«, stimmte seine Mutter zu, wobei sie nickte und mit der Zungenspitze ihre verblichenen Lippen leckte. Klim forschte in dem verjüngten Gesicht der Spiwak und dachte:

»Was will sie von mir? Warum hat die Mutter sich so eng mit ihr angefreundet?«

Eine Flut rosenfarbenen Sonnenlichts wogte durchs Fenster herein. Die Spiwak schloß die Augen, legte den Kopf zurück und schwieg, während ein Lächeln ihre Lippen kräuselte. Man hörte jetzt Lida spielen. Auch Klim schwieg und verlor sich in den Anblick der rauchroten Wolken. Alles war unklar, mit Ausnahme des einen: er mußte Lida heiraten.

»Ich glaube, ich habe mich übereilt«, sagte er sich plötzlich, da er fühlte, daß in seinem Entschluß zu heiraten etwas Gezwungenes lag. Fast hätte er gesagt:

»Ich habe mich geirrt.«

Er hätte es sagen dürfen, denn er verspürte nicht mehr jenen Trieb zu Lida, der ihn so lange und so hartnäckig, wenn auch nicht heftig, bedrängt hatte.

Lida kam nicht zum Tee, sie zeigte sich auch nicht beim Abendessen.

Zwei Tage lang saß Klim zu Hause und wartete aufgeregt darauf, daß Lida im nächsten Augenblick zu ihm kommen oder ihn zu sich rufen werde. Den Mut, selbst zu ihr zu gehen, brachte er nicht auf, und es gab auch einen Vorwand, nicht hinzugehen: Lida hatte erklärt, sie fühle sich nicht wohl, und man brachte ihr das Mittagessen und den Tee auf ihr Zimmer.

»Dieses Unwohlsein ist wahrscheinlich ihr gewöhnlicher Anfall von Misanthropie«, sagte die Mutter mit einem Seufzen.

»Seltsame Charaktere bemerke ich unter der Jugend von heute«, fuhr sie fort, während sie Erdbeeren mit Zucker bestreute. »Wir lebten einfacher und heiterer. Diejenigen unter uns, die sich der Revolution zuwandten, bekannten sich mit Versen zu ihr und nicht mit Zahlen ...«

»Na weißt du, Mütterchen, Zahlen sind nicht schlechter als Verse«, brummte Warawka. »Mit Versen trocknest du den Sumpf nicht aus.«

Er nahm einen Schluck Wein, spülte damit den Mund aus, ließ das Naß durch die Gurgel laufen und sagte nach einigem Überlegen:

»Aber unsere Jugend ist wirklich säuerlich! Bei den Musikanten im Flügel verkehrt ein Bekannter von dir, Klim, wie heißt er doch gleich?«

»Inokow.«

»Richtig. Ein sonderbarer Kauz. Ich habe niemals einen Menschen gesehen, der allem und allen so fremd gegenübersteht. Ein Ausländer.«

Er musterte Klim forschend und mit einem spitzen Lächeln in den Augen und fragte:

»Und du – fühlst du dich nicht auch als Ausländer?«

»In einem Staat, in dem das Chodynka-Feld möglich ist«, begann Klim zornig, denn er war sowohl der Mutter wie Warawkas überdrüssig.

Gerade in diesem Augenblick erschien Lida in einem Schlafrock von bizarrer, goldglänzender Farbe, der Klim an die Gewänder der Frauen auf den Bildern Gabriele Rossettis erinnerte. Sie war von ungewohnter Lebhaftigkeit, scherzte über ihre Unpäßlichkeit, schmiegte sich zärtlich an den Vater und erzählte bereitwillig Wera Petrowna, daß Alina ihr den Schlafrock aus Paris gesandt habe. Ihre Lebhaftigkeit erschien Klim verdächtig und vertiefte den Zustand gespannter Erwartung, in dem er sich seit zwei Tagen befand. Er war darauf gefaßt, daß Lida jetzt etwas Ungewöhnliches und vielleicht Skandalöses sagen oder tun würde. Doch, wie immer, beachtete sie ihn fast gar nicht, und erst als sie ihr Zimmer aufsuchte, flüsterte sie ihm zu:

»Schließ deine Tür nicht ab.«

Es war für Klim erniedrigend, sich zu gestehen, daß dieses Flüstern ihn erschreckte, aber er erschrak in der Tat so heftig, daß seine Beine zitterten und er sogar taumelte wie nach einem Schlag. Er war fest davon überzeugt, daß sich in dieser Nacht zwischen ihm und Lida etwas Tragisches, Mörderisches abspielen würde. Mit dieser Gewißheit ging er wie ein zur Folter Verurteilter in sein Zimmer.

Lida ließ ihn lange warten – beinahe bis zum Morgengrauen. Die Nacht begann hell, aber schwül, und durch die geöffneten Fenster ergossen sich aus dem Garten Ströme feuchter Düfte der Erde, der Gräser und der Blumen. Dann verschwand der Mond, doch die Luft wurde noch feuchter und färbte sich dunstig blau. Klim Samgin saß halb entkleidet am Fenster, horchte ins Dunkel und schrak bei den unfaßlichen Geräuschen der Nacht zusammen. Einige Male sagte er sich voll Hoffnung:

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