Das Leben des Klim Samgin
- Автор: Горький Максим
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Das Leben des Klim Samgin». Краткое содержание книги:
Als er jetzt durch den Spalt der angelehnten Tür in den Korridor blickte, sah er, wie der schwarze Mensch die üppige kleine Schwester der Zimmerwirtin in sein Zimmer zwängte, wie ein Kissen in einen Koffer, und dabei durch die Nase gurrte:
»Was laufen Sie denn weg, he? Warum laufen Sie weg von mir?«
Klim Samgin schlug protestierend die Tür zu, setzte sich grinsend auf sein Bett und plötzlich erleuchtete und durchwärmte ihn eine glückliche Erkenntnis.
»Warum läufst du weg von mir?« wiederholte er die eindringlichen Worte des »Virtuosen auf Holzblasinstrumenten«. Einen Tag darauf reiste er mit der festen Gewißheit, sich gegen Lida dumm wie ein Gymnasiast benommen zu haben, nach Hause.
»Liebe bedarf der Geste!«
Ganz ohne Zweifel lief Lida vor ihm weg, nur dadurch allein erklärte sich ihre plötzliche Abreise.
»Zuweilen flüstert einem das Leben sehr zur rechten Zeit Erkenntnisse ein.«
Die Mutter empfing ihn mit hastigen Zärtlichkeiten und fuhr sogleich mit der Spiwak fort, wie sie erklärte, um den Gouverneur zum Gottesdienst anläßlich der Einweihung der Schule einzuladen.
Warawka saß im Eßzimmer am Frühstückstisch. Er trug einen blau und goldfarbig gewürfelten chinesischen Schlafrock und eine violette, ärmellose tatarische Jacke, spielte mit seinem Bart, schnaubte bekümmert und sagte:
»Wir leben in einem Dreieck von Extremen.«
Ihm gegenüber hatte ein bejahrter, kahlköpfiger Mann mit breitem Gesicht und einer sehr scharfen Brille auf der weichen Nase die Ellenbogen ungezwungen auf den Tisch gestützt und es sich auf seinem Platz bequem gemacht. Er war mit einem grauen Jackett über einem bunten Phantasiehemd bekleidet und trug statt einer Krawatte eine schwarze Quastenschnur. Er war ins Essen vertieft und schwieg. Warawka nannte einen langen Doppelnamen und fügte hinzu:
»Unser Redakteur.«
Er begann, wie immer, ohne erst lange nach Worten zu suchen:
»Die Seiten des Dreiecks sind: der Bürokratismus, die sich neu bildende Volkstümlerbewegung und der Marxismus mit seiner Behandlung der Arbeiterfrage ...«
Der Redakteur neigte den Kopf.
»Vollkommen einverstanden«, sagte er. Die Quasten der Schnur glitten unter der Weste hervor und hingen auf den Teller herab. Der Redakteur stopfte sie mit hastigen Bewegungen seiner kurzen roten Finger an ihren Platz zurück.
Er aß in sehr bemerkenswerter Weise und mit großer Vorsicht. Aufmerksam wachte er darüber, daß die Scheiben kalten Fleisches und Schinken gleich groß waren, beschnitt mit dem Messer sorgfältig den überragenden Rand, durchbohrte beide Scheiben mit der Gabel, hob, bevor er sie in den Mund und auf die breiten, stumpfen Zähne legte, die Gabel an die Brille und prüfte forschend die zweifarbigen Stückchen. Sogar die Gurke verzehrte er mit unendlicher Behutsamkeit wie einen Fisch, als erwarte er eine Gräte darin zu finden. Er kaute langsam, wobei die grauen Haare auf seinen Backenknochen sich sträubten und sein straffes, akkurat gestutztes Kinnbärtchen sich hob und senkte. Er erweckte den Eindruck eines starken, zuverlässigen Mannes, der gewohnt war und es verstand, alles mit der gleichen Behutsamkeit und Sicherheit zu erledigen, mit der er aß.
Die lustigen Bärenäuglein in Warawkas knallrotem Gesicht betrachteten wohlwollend die hohe, glatte Stirn, die solid spiegelnde Glatze und die starken, unbeweglichen grauen Augenbrauen. Am bemerkenswertesten an dem umfangreichen Gesicht des Redakteurs fand Klim die beleidigt herabhängende, violette Unterlippe. Diese bizarre Lippe verlieh seinem plüschfarbenen Gesicht einen verzogenen Ausdruck. Mit einer solchen Schmolllippe pflegen Kinder unter Erwachsenen zu sitzen, überzeugt, daß man sie ungerecht bestraft habe. Die Sprechweise des Redakteurs war bedächtig, sehr klar und leicht stotternd. Vor die Vokale setzte er gleichsam ein Apostroph.
»Das h'eißt: die ›R'ussischen N'achrichten‹, aber ohne ihren Akademismus und, wie Sie sagten, mit einem Maximum an lebendigem Verständnis für die wahren Kulturbedürfnisse unseres Gouvernements.«
»Sehr richtig, sehr richtig!« sagte Warawka und zog schnuppernd die Luft ein.
Irgendwo ganz in der Nähe dröhnte und krachte es ohrenbetäubend, als würde ein hölzernes Haus aus einer Kanone beschossen. Der Redakteur warf einen mißbilligenden Blick aus dem Fenster und verkündete:
»Ein viel zu regnerischer Sommer.«
Klim stand auf und schloß die Fenster. Ein Regenschauer prasselte stürmisch gegen die Scheiben. Durch das nasse Rauschen hindurch hörte Klim die deutlichen Worte:
»Als Feuilletonredakteur haben wir einen erfahrenen Journalisten – Robinson. Er hat einen Namen. Was wir brauchen, ist ein Literaturkritiker mit gesundem Menschenverstand, der gegen die krankhaften Strömungen in der zeitgenössischen Literatur zu kämpfen versteht. Aber einen solchen Mitarbeiter vermag ich nicht zu entdecken.«
Warawka zwinkerte Klim zu und fragte:
»Na, Klim?«
Samgin zuckte schweigend die Achseln. Ihm kam es so vor, als hänge die Lippe des Redakteurs noch beleidigter herab.
Man trug Kaffee auf. In das Hallen des Donners und das wütende Klatschen des Regens mischten sich die Klänge eines Flügels.
»Nun, versuch es mal«, drängte Warawka.
»Ich werde es mir überlegen«, antwortete Klim leise. Alles war jetzt uninteressant und überflüssig geworden: Warawka, der Redakteur, der Regen und der Donner. Eine Gewalt hob ihn empor und trug ihn nach oben.
Als er ins Vorzimmer hinaustrat, zeigte der Spiegel ihm ein bleich gewordenes, trockenes und zorniges Gesicht. Er nahm die Brille ab, rieb sich mit beiden Händen fest die Wangen und konstatierte nun, daß seine Züge weicher und gefühlvoller geworden waren.
Lida saß am Flügel und spielte »Solveigs Lied«.
»Oh, bist du gekommen?« fragte sie und streckte ihm die Hand hin. Sie war ganz in Weiß, sonderbar klein und lächelte. Samgin fühlte, daß ihre Hand unnatürlich heiß war und zitterte. Ihre Augen blickten liebevoll. Ihre Bluse stand offen und entblößte tief ihre dunkle Brust.
»Während des Gewitters wirkt Musik besonders erregend«, sagte Lida, ohne ihm ihre Hand zu entziehen. Sie fügte noch etwas hinzu, was Klim nicht mehr hörte. Er fragte dumpf und streng: »Warum bist du so plötzlich abgereist?« hob sie mit ungewöhnlicher Leichtigkeit vom Stuhl und umarmte sie.
Er hatte etwas anderes fragen wollen, aber keine Worte gefunden. Er handelte wie in tiefer Dunkelheit. Lida schreckte zurück, er umarmte sie fester und bedeckte ihre Schulter und ihre Brust mit Küssen.
»Wage es nicht!« sagte sie und stieß ihn mit Armen und Knien zurück. »Wag' es nicht, hörst du!«
Sie riß sich aus seiner Umarmung. Klim wankte, setzte sich vor den Flügel und neigte sich über die Klaviatur. Wogen eines erschütternden Bebens überfluteten ihn, er glaubte, in Ohnmacht zu sinken. Lida war irgendwo weit hinter ihm, er hörte ihre empörte Stimme, das Klopfen ihrer Hand gegen den Tisch.
»Ich liebe sie wahnsinnig«, beteuerte er in Gedanken, »wahnsinnig«, beharrte er, als stritte er mit jemand.
Dann fühlte er ihre leichte Hand auf seinem Kopf, hörte ihre bange Frage:
»Was hast du?«
Er umschlang von neuem mit beiden Armen ihre Taille und drückte seine Wange an ihre Hüfte. »Ich weiß nicht«, sagte er.
»Oh mein Gott«, sagte Lida still. Sie versuchte nicht mehr, sich zu befreien. Im Gegenteil, sie schien sich noch inniger an ihn zu schmiegen, obwohl dies unmöglich war.
»Was soll nun werden?« fragte Klim.
Sie löste vorsichtig seine Arme von ihrem Körper und verließ ihn. In dem Zimmer, in dem ihre Mutter gewohnt hatte, blieb sie stehen, ließ die Arme am Körper herabsinken und neigte den Kopf, als ob sie bete. Der Regen schlug immer wütender gegen die Fenster, man hörte die röchelnden Laute des Wassers in den Abflußrohren.