Das Leben des Klim Samgin
- Автор: Горький Максим
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Das Leben des Klim Samgin». Краткое содержание книги:
»Er gehört zu denen, die glauben, daß nur der Hunger die Welt regiert, daß uns nur das Gesetz des Kampfes um ein Stück Brot beherrscht, und daß für die Liebe kein Raum im Leben ist. Den Materialisten ist die Schönheit der selbstlosen Tat verschlossen. Lächerlich erscheint ihnen die heilige Torheit eines Don Quixote, lächerlich die Vermessenheit eines Prometheus, die der Welt ihren Glanz gibt.«
Marakujew schleuderte die Namen Fra Dolcino, Johann Hus und Masaniello hinaus, und sein lyrischer Tenor heulte dabei aufreizend.
»Vergessen Sie ja nicht den Herostrat«, sagte Samgin ärgerlich.
Wie sich das nicht selten bei ihm ereignete, waren diese Worte ihm selbst eine Überraschung. Er staunte und hörte auf, die entrüsteten Schreie seines Gegners zu beachten.
»Wie, wenn alle diese gepriesenen Toren nicht frei von Herostratentum wären?« grübelte er. »Sollten nicht viele unter ihnen nur darum Tempel zerstören, um durch die Trümmer ihren Namen zu verewigen? Gewiß gibt es unter ihnen auch solche, die die Tempel zerstören, um sie in drei Tagen aufzubauen. Aber sie bauen sie nicht wieder auf.«
Marakujew schrie:
»Sie hätten hören sollen, wie und was der Arbeiter sagte, dem wir – Sie erinnern sich? – damals begegneten? ...«
»Ich erinnere mich«, sagte Klim. »Das war damals, als Sie ...«
Marakujew errötete bis an die Ohrenspitzen und fuhr von seinem Stuhl auf:
»Ja, ganz recht! Als ich weinte, jawohl! Sie denken vielleicht, daß ich mich dieser Tränen schäme? Da irren Sie sich sehr.«
Klim zuckte die Achseln.
»Was soll man machen?« entgegnete er. »Ich versuche ja auch nicht, mit meinen Gedanken zu prunken.«
Nachdem sie einander noch etwa ein Dutzend Steinchen an den Kopf geworfen hatten, nötigten die versöhnlichen Bemerkungen der jungen Mädchen sie zum Schweigen. Dann gingen Marakujew und Warwara fort, und Klim fragte Lida:
»Wie ist es also, gedenkt sie die Rolle der Perowskaja zu spielen?«
»Ärgere dich nicht«, sagte Lida und blickte nachdenklich aus dem Fenster. »Marakujew hat recht: um leben zu können, muß es Helden geben. Das begreift sogar Konstantin, der mir neulich sagte: ›Nichts kristallisiert anders als am Kristall.‹ Also bedarf selbst das Salz des Helden.«
Klim trat zu ihr.
»Er liebt dich noch immer«, sagte er.
»Ich begreife nicht warum? Er ist so ein ... Er ist nicht dafür bestimmt. Nein, rühre mich nicht an«, sagte sie, als Klim versuchte, sie zu umarmen. »Konstantin tut mir so leid, daß ich ihn manchmal hasse, weil er nur Mitleid in mir weckt.«
Lida stellte sich vor den Spiegel, betrachtete mit einem Klim rätselhaften Ausdruck ihr Gesicht und fuhr leise fort:
»Auch die Liebe verlangt Heldentum. Und ich kann keine Heldin sein. Warwara kann es. Für sie ist auch die Liebe Theater. Ein unsichtbares Publikum weidet sich gelassen an den Liebesqualen der Menschen, an ihren verzweifelten Anstrengungen zu lieben. Marakujew meint, dieses Publikum sei die Natur. Das verstehe ich nicht. Ich glaube, auch Marakujew versteht nichts, außer dem einen, daß es notwendig ist zu lieben.«
Klim hatte kein Verlangen mehr, ihren Körper zu berühren, und dies beunruhigte ihn sehr.
Es war noch nicht spät. Soeben war die Sonne untergegangen, und ihr rötlicher Widerschein stand noch in den Kuppeln der Kirchen. Von Norden zog Gewölk heran, es donnerte gedämpft, als setze ein Bär träge seine weichen Tatzen über die Eisendächer der Häuser.
»Weißt du«, vernahm Klim, »ich glaube längst nicht mehr an Gott, aber jedesmal, wenn ich etwas Kränkendes und Böses erlebe, denke ich an ihn. Ist das nicht eigentümlich? Ich weiß wirklich nicht, was aus mir werden soll.«
Über diesen Gegenstand wußte Klim ganz und gar nicht zu reden. Aber er sagte mit soviel Überzeugungskraft, wie er aufbringen konnte:
»Unsere Zeit bedarf der schlichten, tapferen Arbeit, um der kulturellen Bereicherung des Landes willen ...«
Er hielt inne, da er sah, daß das Mädchen ihre Arme um den Nacken geschlungen hatte und ihre dunklen Augen ihn mit einem Lächeln ansahen, das ihn wieder so sehr verwirrte, wie schon lange nicht mehr.
»Warum siehst du mich so an?« murmelte er.
Lida antwortete sehr ruhig:
»Ich bin überzeugt, daß du an deine Worte nicht glaubst.«
»Warum denn?«
Sie gab keine Antwort. Eine Minute darauf sagte sie:
»Es wird regnen. Heftig.«
Klim erriet ihren Wink und ging. Am anderen Tag, auf dem Wege zu ihr, traf er auf dem Boulevard Warwara in weißem Rock und rosa Bluse und mit einer roten Feder am Hut.
»Wollen Sie zu uns?« fragte sie, und Klim bemerkte in ihren Augen spöttische Fünkchen. »Ich gehe nach Sokolniki. Kommen Sie mit? Lida? Aber die ist ja gestern nach Hause gefahren, wissen Sie das denn nicht?«
»Schon?« fragte Klim, der seine Betretenheit und Enttäuschung geschickt verbarg. »Sie wollte doch erst morgen reisen.«
»Ich glaube, sie wollte überhaupt nicht fort, aber sie ist dieses Diomidows mit seinen Zettelchen und Klagen überdrüssig geworden.«
Klim verstand nur mit Mühe ihr Vogelgezwitscher, das vom Lärm der Räder und vom Kreischen der Straßenbahnen in den Schienenkurven übertönt wurde.
»Sie reisen wahrscheinlich auch bald ab?«
»Ja, übermorgen.«
»Werden Sie sich von mir verabschieden?«
»Natürlich«, sagte Klim und dachte: »Von dir, buntscheckige Kuh, würde ich mich mit Freuden fürs ganze Leben verabschieden.«
Es war wirklich Zeit, heimzufahren. Die Mutter schrieb ganz ungewohnt lange Briefe, in denen sie vorsichtig die Umsicht und Energie der Spiwak lobte und mitteilte, daß die Herausgabe der Zeitung Warawka sehr in Anspruch nehme. Am Schluß des Briefes beklagte sie sich noch einmaclass="underline"
»Auch im Hause ist mehr zu tun, seit Tanja Kulikow gestorben ist. Dies hat sich unerwartet und auf unerklärliche Weise ereignet. So zerbricht zuweilen aus unbekannten Gründen ein gläserner Gegenstand, ohne daß man ihn berührt hat. Beichte und Abendmahl hat sie zurückgewiesen. In Menschen wie sie schlagen Vorurteile sehr tief Wurzel. Ich betrachte Gottlosigkeit als ein Vorurteil.«
Vor Klims Augen erstand die farblose kleine Gestalt dieses Wesen, das, ohne zu klagen und ohne für sich etwas zu verlangen, sein ganzes Leben lang fremden Menschen gedient hatte. Es stimmte einen sogar ein wenig traurig, an Tanja Kulikow zu denken, dieses seltsame Menschenkind, das nicht philosphierte, sich nicht mit Worten schminkte, sondern sich nur darum sorgte, daß die Menschen es gut hatten.
»Das war eine christliche Natur«, dachte er, »eine wahrhaft christliche.«
Aber er erkannte sogleich, daß er bei diesem Epitaph nicht stehenbleiben durfte: »Auch Tiere, zum Beispiel Hunde, dienen ja den Menschen hingebend. Gewiß sind Menschen wie Tanja Kulikow nützlicher als diejenigen, die in schmutzigen Kellern über die Dummheit von Stein und Holz predigen, notwendiger, als die schwachsinnigen Diomidows, aber ...«
Er fand nicht die Zeit, diesen Gedanken zu Ende zu führen, denn im Korridor ertönten schwere Schritte, Gelaufe und die zwitschernde Stimme seines Zimmernachbarn. Dieser Nachbar war ein stämmiger Mann von dreißig Jahren. Er ging immer in Schwarz, hatte schwarze Augen und blaue Backen, sein dichter schwarzer Schnurrbart war kurz geschnitten und von wulstigen, grellroten Lippen untermalt. Er nannte sich einen »Virtuosen auf Holzblasinstrumenten«, aber Samgin hatte ihn niemals auf einer Klarinette, einer Hoboe oder einem Fagott spielen hören. Der schwarze Mensch führte ein geheimnisvolles Nachtleben. Bis Mittag schlief er, raschelte bis zum Abend mit Karten auf dem Tisch und sang mit zwitschernder Stimme halblaut immer eine und dieselbe Romanze:
»Warum folgt er mir nach,
Sucht mich überall?«
Abends verließ er mit einem dicken Spazierstock in der Hand und in die Stirn gerückter Melone das Haus. Wenn Samgin ihm auf dem Korridor oder auf der Straße begegnete, dachte er, so müßten Agenten der Geheimpolizei und Schwindler aussehen.