Das Leben des Klim Samgin
- Автор: Горький Максим
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Das Leben des Klim Samgin». Краткое содержание книги:
Klim trat an sein Bett, reckte den Hals, drohte ihm mit der Faust und sagte leise:
»Schweig, du schwachsinnige Laus!«
Klim verspürte zum erstenmal in seinem Leben die berauschende Süßigkeit der Wut. Er weidete sich an dem erschrockenen Gesicht Diomidows, an seinen vorquellenden Augen und den Zuckungen seines Arms, der sich abmühte, das Kissen unter dem Kopf hervorzuziehen, während sein Kopf das Kissen nur noch fester ans Bett preßte.
»Schweig! Hörst du?« wiederholte er und ging aus dem Zimmer.
Lida saß im Eßzimmer auf dem Sofa, in der Hand eine Zeitung, sah aber über sie hinweg auf den Boden.
»Was macht er?«
»Fiebert«, sagte Klim geistesgegenwärtig. »Fürchtet jemanden. Phantasiert von Läusen und Flöhen...«
Samgin, der einem Menschen, wenn es auch nur ein armseliger war, Schrecken eingejagt hatte, fühlte sich stark. Er nahm an Lidas Seite Platz und sagte kühn:
»Lida, Täubchen, das alles mußt du aufgeben, es ist nichts als Einbildung, hat keinen Wert und reißt dich nur ins Verderben.«
Sie hob mahnend die Hand.
»Pst«, machte sie und blickte besorgt auf die Tür. Er dämpfte die Stimme und fuhr, während er ihr ins erschöpfte Gesicht sah, fort:
»Verlasse diese kranken, theatralischen und verpfuschten Menschen und versuche einfach zu leben, einfach zu lieben ...«
Er redete lange, ohne klar zu verstehen, was er sagte. An Lidas Augen sah er, daß sie ihm vertrauensvoll und aufmerksam zuhörte. Sie nickte sogar unwillkürlich mit dem Kopf, auf ihren Wangen erschien und verschwand tiefe Röte, manchmal schlug sie schuldbewußt die Augen nieder, und dies alles erfüllte ihn mit wachsendem Mut.
»Ja, ja«, flüsterte sie, »aber nicht so laut! »Er erschien mir so ungewöhnlich. Aber gestern, im Schmutz ... Und ich wußte nicht, daß er feige ist. Aber er ist ja feige. Er tut mir leid, aber das ist nicht mehr dasselbe. Auf einmal ist es nicht mehr dasselbe. Ich schäme mich sehr. Ich bin natürlich schuldig ... ich weiß!«
Sie legte zögernd ihren Arm auf seine Schulter:
»Ich täusche mich immer. Auch du bist ja ein anderer, als ich gewohnt war, in dir zu sehen.«
Klim versuchte, sie zu umarmen, aber sie entzog sich ihm, erhob sich, stieß mit dem Fuß die Zeitung zur Seite und trat an Warwaras Zimmertür, vor der sie lauschend stehenblieb.
Durchs offene Fenster drang aus dem Hof das aufdringlich klagende Pfeifen eines Leierkastens herein. Und der neiderfüllte und spöttische Ausruf:
»Ach, werden die Sargtischler ein schönes Geld verdienen!«
»Sie scheint zu schlafen«, sagte Lida leise und entfernte sich von der Tür.
Klim begann ihr ernsthaft klarzumachen, daß man Diomidow ins Krankenhaus schaffen müsse.
»Und du, Lida, solltest dir die Schule aus dem Kopf schlagen. Ohnehin lernst du gar nicht. Höre lieber Vorlesungen. Wir brauchen nicht Schauspieler, sondern gebildete Menschen, Du siehst ja, in was für einem wilden Land wir leben.«
Er wies mit der Hand nach dem Fenster, hinter dem die Drehorgel träge einen neuen Gassenhauer leierte.
Lida schwieg gedankenvoll. Als Klim sich von ihr verabschiedete, sagte er:
»Du solltest trotz alledem nicht vergessen, daß ich dich liebe. Meine Liebe verpflichtet dich zu nichts, aber sie ist tief und ernst.«
Klim schritt rüstig, ohne den Entgegenkommenden auszuweichen, durch die Straßen. Zuweilen streiften Stücke dreifarbigen Fahnentuchs seine Mütze. Überall lärmten festlich die Menschen, deren glückliche Natur ihnen erlaubte, das Unglück ihrer Nächsten schnell zu vergessen. Samgin studierte ihre angeregten, triumphierenden Gesichter, ihren Sonntagsstaat und verachtete sie mehr denn je.
»In Diomidows tierischer Furcht vor den Menschen ist etwas Richtiges ...«
Während er eine menschenleere und schmale Gasse passierte, kam er zu dem Endergebnis, daß es sich mit Lida und den Anschauungen eines Preis friedlich und gut leben ließ.
Doch einige Zeit darauf erzählte Preis Klim vom Streik der Weber in Petersburg.Die Petersburger Textilarbeiter traten nach dem Krönungsrummel in den ersten Streik, da ihnen der Lohn für die »Festtage« abgezogen wurde. D. Ü. Er erzählte davon mit solchem Stolz, als habe er selbst diesen Streik organisiert, und mit solcher Begeisterung, als spräche er von seinem persönlichen Glück.
»Haben Sie vom ›Kampfbund‹ gehört? Das ist seine Arbeit. Eine neue Ära beginnt, Samgin, Sie werden sehen!«
Er blickte ihm mit seinen Sammetaugen freundlich ins Gesicht und fragte:
»Und Sie studieren immer noch die Länge der Wege, die zum Ziel führen? Glauben Sie mir: der Weg, den die Arbeiterklasse geht, ist der kürzeste. Der schwerste und der kürzeste. Soweit ich Sie verstehe, sind Sie kein Idealist, und Ihr Weg ist der unsere, mühselig, aber gerade.«
Samgin schien, daß Preis, der sich sonst immer eines fehlerfreien und reinen Russisch befleißigte, in diesem Augenblick mit Akzent spreche und aus seiner Freude der Haß des Menschen einer anderen Rasse, eines Mißhandelten, klinge, der Rußland rachsüchtig Schwierigkeiten und Unglück wünscht.
Es ergab sich stets, daß Klim gleich nach Preis Marakujew unter die Augen kam. Diese beiden Menschen schritten gleichsam in Kreisen durchs Leben und beschrieben Achterschleifen: jeder rotierte im eigenen Wortkreis, doch an einem Punkt schnitten beide Kreise einander. Dieser Umstand war verdächtig und verführte zu der Annahme, daß die Zusammenstöße zwischen Marakujew und Preis nur zum Schein stattfanden, daß sie ein Spiel zur Belehrung und Verführung der anderen waren, Pokarjew hingegen wurde schweigsamer, stritt weniger, spielte seltener Gitarre, und seine ganze Gestalt bekam etwas Hölzernes und Steifes. Diese Veränderung hatte wahrscheinlich ihren geheimen Grund in der wachsenden Vertraulichkeit zwischen Marakujew und Warwara.
Bei der Beerdigung ihres Stiefvaters führte er sie an seinem Arm durch die Gräberreihen, neigte seinen Kopf gegen ihre Schulter und flüsterte ihr etwas zu, während sie sich umblickte und wie ein hungriges Pferd den Kopf schüttelte, und in ihrem Gesicht erfror eine düstere, drohende Grimasse.
Wenn man sich zu Hause bei Warwara zum Abendessen setzte, nahm Marakujew stets neben ihr Platz, aß von ihrer Lieblingsmarmelade, schlug mit der flachen Hand auf das arg mitgenommene Buch Krawtschinski-Stepnjaks »Das unterirdische Rußland« und sagte schneidig:
»Wir brauchen Hunderte von Helden, um das Volk zum Freiheitskampf aufzurufen.«
Samgin beneidete Marakujew wegen seines Talents, mit Feuer zu reden, wenngleich ihm schien, daß dieser Mensch stets dieselben schlechten Verse in Prosa vortrug. Warwara lauschte ihm stumm und mit zusammengepreßten Lippen. Ihre grünlichen Augen hingen so gebannt am Metall des Samowars, als säße darin jemand, der sie mit bewundernden Blicken betrachtete.
Unangenehm war Lidas Aufmerksamkeit für Marakujews Reden. Sie stützte die Arme auf den Tisch, drückte die Hände an die Schläfen und versenkte sich in das runde Gesicht des Studenten wie in ein Buch. Klim besorgte, daß dieses Buch sie stärker interessierte, als nötig war. Zuweilen, wenn er von Sofia Perowskaja und Wera Figner erzählte, öffnete Lida sogar ein wenig den Mund. Man sah dann einen Saum feiner Zähne, der ihrem Gesicht einen Ausdruck verlieh, der Klim manchmal an ein Raubtier erinnerte. Manchmal aber fand er ihn einfältig.
»So werden Heldinnen erzogen«, dachte er und fand es von Zeit zu Zeit notwendig, die flammenden Reden Marakujews durch ein paar abkühlende Sätze zu unterbrechen.
»Nur Makkabäer sterben, ohne zu siegen. Wir aber müssen siegen ...«
Aber diese Bemerkung wirkte nicht im mindesten abkühlend auf Marakujew. Im Gegenteil, sie entflammte ihn nur noch heftiger.
»Ja, siegen!« schrie er. »Aber in welchem Kampf? Im Kampf um Groschen? Damit die Menschen satt zu essen haben?«
Mit strafender Geste wies er auf Klim als auf ein abschreckendes Beispiel für die Mädchen. Und explodierte wie eine Rakete: