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Das Leben des Klim Samgin

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Das Leben des Klim Samgin
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»Sie haben einander zerquetscht und ergötzen sich jetzt an Leuchtraketen und Blendwerk. Makarow hat recht: die Menschen sind Kaviar. Warum habe nicht ich es gesagt, sondern er? Auch Diomidow hat recht, wenn er auch dumm ist: die Menschen müssen Raum zwischen sich lassen, dann sind sie auffälliger und einander verständlicher. Und jeder muß Platz für einen Zweikampf haben. Einer gegen einen sind die Menschen Leichtbesiegbare ...«

Samgin gefiel das Wort, halblaut wiederholte er:

»Leichtbesiegbare ... so ist es!«

In seiner Erinnerung tauchte für eine Sekunde ein unangenehmes Bild auf: die Küche, mitten darin, auf den Knien, der betrunkene Fischer. Am Boden kriechen nach allen Seiten blind und sinnlos die Krebse auseinander. Der kleine Klim drückt sich ängstlich an die Wand.

»Die Krebse – das sind Ljutow, der Diakon und überhaupt alle diese Anormalen ... die Turobojews und Inokows. Sie erwartet natürlich das Schicksal des unterirdischen Menschen Jakow Platonowitsch. Sie müssen ja umkommen, wie sollte es auch anders sein?«

Samgin fühlte, daß die Menschen dieses Schlages ihm heute besonders verhaßt waren. Man mußte mit ihnen ein Ende machen. Jeder von ihnen verlangte besondere Einschätzung, jeder trug in sich etwas Absurdes und Unklares. Gleich knorrigen Holzscheiten leisteten sie jedem Versuch Widerstand, sie so fest aneinander zu legen, wie notwendig war, um sich über sie zu erhöhen. Ja man mußte sie an einem besonders starken Faden aufreihen. Das war ebenso notwendig wie die Kenntnis der Gangart jeder Figur eines Schachspiels. An diesem Punkt angelangt, glitten Samgins Gedanken zum »Kutusowismus« hinüber. Er beschleunigte seine Schritte, denn er erinnerte sich, daß er nicht zum erstenmal an den Kutusowismus dachte, ja, daß er im Grunde immer nur dieses eine im Kopfe hatte.

»Diese zerzausten und verrenkten Menschen fühlen sich recht wohl in ihrer Haut ... in ihrer Rolle. Ich habe gleichfalls ein Anrecht auf einen bequemen Platz im Leben«, entschied Samgin und fühlte sich verjüngt, erstarkt und unabhängig.

Mit diesem Gefühl der Unabhängigkeit und Stärke saß er am nächsten Abend in Lidas Zimmer und berichtete in leicht ironischem Ton über alles, was er in der letzten Nacht erlebt hatte, Lida fühlte sich schlecht, sie hatte Fieber. Auf ihren bräunlichen Schläfen perlte der Schweiß, aber sie wickelte sich nur um so fester in ihren flaumigen Pensaer Schal, wobei sie die Arme um ihre Schultern schlang. Ihre dunklen Augen blickten ratlos und angstvoll. Von Zeit zu Zeit richtete sie den Blick auf ihr Bett. Dort lag Diomidow auf dem Rücken, hatte die Brauen hoch emporgezogen und starrte gegen die Zimmerdecke. Sein gesunder Arm lag unter dem Kopf, und die Finger irrten fieberhaft durch den Kranz goldener Haare. Er schwieg. Sein Mund stand offen, und sein zerschlagenes Gesicht schien zu schreien. Er trug ein weites Nachthemd, dessen Ärmel bis zu den Schultern geschürzt waren und wie Fittiche von ihnen abstanden. Der klaffende Kragen entblößte die Brust. Sein Körper hatte etwas Kaltes, Fischgleiches. Ein tiefer Striemen am Hals erinnerte an Kiemen.

Warwara trat herein, ungekämmt, mit Pantoffeln an den Füßen und in einer zerknüllten Bluse. Mit düster blitzenden Augen hörte sie ein paar Minuten lang Klims Bericht an, verschwand und erschien von neuem.

»Ich weiß nicht, was ich tun soll«, sagte sie. »Ich habe nicht genug Geld für das Begräbnis ...«

Diomidow hob den Kopf und fragte mit einem pfeifenden Geräusch:

»Sterbe ich denn?«

Er schrie und fuchtelte mit dem Arm:

»Ich sterbe nicht! Geht weg, geht alle weg!«

Warwara und Klim gingen hinaus. Lida blieb und versuchte, den Kranken zu beruhigen. Ins Eßzimmer drang sein Geschrei:

»Bringt mich ins Krankenhaus ...«

»Ich glaube nicht an seinen Irrsinn«, sagte Warwara laut. »Ich liebe ihn nicht und glaube nicht daran.«

Jetzt kam auch Lida, Sie preßte die Hände an die Schläfen und setzte sich schweigend ans Fenster.

Klim fragte:

»Was hat der Arzt festgestellt?«

Lida sah ihn mit verständnislosem Blick an. Die blauen Schatten in den Höhlen ließen ihre Augen heller erscheinen.

Klim wiederholte seine Frage.

»Die Rippen sind gequetscht. Ein Arm ausgerenkt. Aber das schlimmste ist die Erschütterung der Nerven. Er hat die ganze Nacht im Fieber geschrien: ›Zerdrückt mich nicht!‹ und verlangt, man solle die Leute weiter auseinander jagen. Nein, sag du mir, was das ist!«

»Eine fixe Idee«, sagte Klim.

Das Mädchen blickte ihn wieder verständnislos an und sagte dann:

»Das meine ich nicht. Nicht ihn. Übrigens weiß ich selbst nicht, was ich meine.«

»Er war auch vorher nicht normal«, bemerkte Klim hartnäckig.

»Was heißt hier normal? Daß die Menschen einander erst zerquetschen und dann Harmonika spielen? Nebenan wurde bis zum Morgen Harmonika gespielt.«

Mit Paketen behängt, trat Makarow ins Zimmer. Er blickte Lida scheel an:

»Habt ihr schlafen können?«

Ohne ihn eines Blickes zu würdigen und ohne zu antworten, fuhr sie mit gedämpfter Stimme fort:

»Normal bedeutet, wenn alles ruhig ist, nicht wahr? Aber das Leben wird ja immer unruhiger.«

»Ein normaler Organismus verlangt Beseitigung krankhafter und unangenehmer Erregungen«, knurrte böse Makarow, während er die Pakete mit Verbandstoff und Watte aufschnürte. »Das ist ein biologisches Gesetz. Wir dagegen begrüßen vor Langerweile und Nichtstun die krankhaften Erregungen wie Feiertage. Deshalb, weil einige Schwachköpfe ...«

Lida sprang auf und schrie gepreßt:

»Unterstehen Sie sich nicht, in meiner Gegenwart so zu sprechen!«

»Und in Ihrer Abwesenheit darf ich es?«

Sie lief hinaus in Warwaras Zimmer.

»Neigung zur Hysterie!« bellte Makarow hinter ihr drein. »Gehen wir, Klim, hilf mir, ihm seine Kompresse zu machen.«

Diomidow drehte sich stumm und gehorsam unter seinen Händen, aber Samgin bemerkte, daß die leeren Augen des Kranken Makarows Gesicht auswichen, und als Makarow ihn aufforderte, einen Löffel Brom zu nehmen, wandte Diomidow das Gesicht zur Wand.

»Ich will nicht. Geht weg.«

Makarow zwang sich, ihm zuzureden, und blickte dabei aus dem Fenster, ohne zu bemerken, daß die Flüssigkeit vom Löffel auf Diomidows Schulter tropfte. Da hob Diomidow den Kopf und fragte, während sein geschwollenes Gesicht sich verzerrte:

»Warum quält ihr mich?«

»Sie müssen trinken«, sagte Makarow gleichmütig.

In den Augen des Kranken erschienen blaue Fünkchen. Er schluckte die Mixtur hinunter und spuckte gegen die Wand.

Makarow verweilte noch eine Minute an seinem Bett. Er hatte ein vollkommen fremdes Aussehen, zog die Schultern hinauf, krümmte den Rücken und krachte mit den Fingern. Dann seufzte er und bat Klim:

»Sag Lida, diese Nacht werde ich Wache halten...«

Damit ging er.

Diomidow lag ausgestreckt, mit geschlossenen Augen, aber sein Mund stand offen, und sein Gesicht schrie wieder wortlos. Man konnte glauben, er habe den Mund absichtlich geöffnet, weil er wußte, daß sein Gesicht dann tot und unheimlich aussah. Auf der Straße rasselten ohrenbetäubend die Trommeln. Der gleichmäßige Tritt von Hunderten von Soldatenstiefeln erschütterte den Boden. Hysterisch bellte ein erschrockener Hund. Es war unbehaglich im Zimmer. Es war nicht aufgeräumt und erfüllt von schwerem Alkoholgeruch. In Lidas Bett lag ein Schwachsinniger.

»Vielleicht lag er auch darin, als er gesund war ...«

Klim zuckte zusammen, als er sich Lidas Körper in diesen kalten, sonderbar weißen Armen vorstellte. Er stand auf und begann im Zimmer auf und ab zu schreiten, wobei er rücksichtslos laut auftrat. Er stampfte noch heftiger, als er sah, daß Diomidow seine bläuliche Nase zu ihm hinwandte, die Augen öffnete und sagte:

»Ich will nicht, daß er wacht, Lida soll es tun. Ich liebe ihn nicht.«

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