Das Leben des Klim Samgin
- Автор: Горький Максим
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Das Leben des Klim Samgin». Краткое содержание книги:
»Wenn es die Freude ist, mit dem Leben davongekommen zu sein, dann freut er sich auf läppische Weise. Vielleicht redet er bloß, um nicht denken zu müssen?«
»Es ist drückend heiß hier, Kinder, gehen wir auf die Straße«, schlug Marakujew vor.
»Ich will nach Hause«, sagte Pojarkow finster. »Ich habe genug.«
Klim hatte noch keine Lust, schlafen zu gehen, aber er wäre gern aus der düsteren Unrast des Tages in ein Reich freundlicherer Eindrücke hinübergewandert. Er machte daher Marakujew den Vorschlag, auf die Sperlingsberge zu fahren. Marakujew nickte wortlos.
»Wissen Sie«, sagte er, nachdem sie in einer Droschke Platz genommen hatten, »die meisten der Erstickten und Zerquetschten sind sogenanntes besseres Publikum. Moskauer und – junge Leute. Jawohl. Ein Polizeiarzt, ein Verwandter von mir, hat mich darauf aufmerksam gemacht. Auch Kollegen, Mediziner, sagten es mir. Ich habe es ja auch selbst beobachtet. Im Kampf ums Dasein siegen die Robusteren. Die instinktiv Handelnden...«
Er murmelte noch etwas, was vom Rasseln und Klirren der alten, ausgeleierten Equipage übertönt wurde, hustete, schneuzte sich mit abgewandtem Gesicht, und als sie außerhalb der Stadt angelangt waren, schlug er vor:
»Wollen wir nicht aussteigen?«
Vor ihnen, auf schwarzen Hügeln, blinkten die Lichter der Restaurants. Hinter ihnen wogte über den Steinmassen der Stadt, die sich über einem unsichtbaren Boden ausbreiteten, ein rötlich gelber Flammenschein. Klim fiel plötzlich ein, daß er Pojarkow noch nichts von Onkel Chrisanf und Diomidow gesagt hatte. Dies versetzte ihn in heftige Verlegenheit. Wie konnte er es nur vergessen! Aber er führte sogleich zu seiner Entschuldigung an, daß Marakujew sich ja auch nicht nach Onkel Chrisanf erkundigt hatte, obwohl er doch selbst erzählt hatte, daß er ihn in der Menge gesehen habe. Samgin suchte nach eindrucksvollen Worten, fand jedoch keine, und sagte einfach:
»Onkel Chrisanf ist erdrückt worden, Diomidow verstümmelt und hat, wie es scheint, jetzt vollständig den Verstand verloren.«
»Nein!« rief Marakujew ganz leise aus, blieb stehen, starrte sekundenlang wortlos Klim ins Gesicht und zwinkerte angstvoll.
»Tödlich?« fragte er dann.
Klim nickte. Marakujew verließ die Straße, stellte sich unter einen Baum, drückte sein Gesicht an den Stamm und sagte:
»Ich gehe nicht weiter.«
»Ist Ihnen schlecht?« fragte Klim.
»Wundern Sie sich nicht. Lachen Sie nicht«, antwortete keuchend und mit gepreßter Stimme Pjotr Marakujew. »Die Nerven, wissen Sie. Ich habe soviel gesehen. Es ist unerklärlich! Welch ein Zynismus! Welch eine Niedertracht!«
Klim schien, daß dem lustigen Studenten die Beine einknickten. Er stützte ihn am Ellenbogen. Marakujew riß sich mit einer schroffen Bewegung der Hand die Binde vom Gesicht, rieb sich damit Stirn, Schläfen und Wangen und tupfte sich die Augen.
»Zum Teufel, beide sind ja noch Säuglinge!« schrie er.
»Er weint. Er weint«, wiederholte Klim für sich. Es war unerwartet, unbegreiflich und machte ihn stumm vor Staunen. Dieser begeisterte Schreihals, unermüdliche Kampfhahn und Meister im Lachen, dieser kräftige, hübsche Junge, der einem kecken Harmonikaspieler aus dem Dorf glich, schluchzte am Straßengraben unter einem verkrüppelten Baum, vor den Augen des endlosen Zuges schwarzer Menschen mit Zigaretten zwischen den Zähnen, wie eine Frau.
Ein zottiger Kerl, der wahrscheinlich für eine Sekunde haltgemacht hatte, um ein Bedürfnis zu verrichten, musterte Marakujew und rief lustig:
»Hast schon gerade Kummer, um Tränen zu vergießen, Student! Hätte ich bloß soviel!«
»Ich weiß, es ist lächerlich zu heulen«, stammelte Marakujew.
Ganz in der Nähe stieg zischend eine Rakete empor, platzte prasselnd und übertönte die begeisterten Hurrarufe der Kinder. Dann flammte bengalisches Feuer auf, sein Widerschein verlief sich über den Himmel. Marakujews Gesicht nahm eine unnatürlich weiße, quecksilberne Färbung an, wurde dann leichenhaft grün und schließlich blutrot, als hätte man ihm die Haut vom Gesicht gerissen.
»Natürlich ist es lächerlich«, wiederholte er und wischte sich mit den schnellen Gesten eines Hasen die Wangen ab. »Hingegen haben Sie hier die Illumination, die Kinder freuen sich. Niemand begreift, niemand versteht etwas ...«
Der zottige Mensch befand sich auf einmal neben Klim und zwinkerte ihm zu.
»Nein, sie verstehen ausgezeichnet, daß das Volk ein Dummkopf ist«, begann er mit halblauter Stimme zu reden und schmunzelte in den Klim wohlbekannten krausen Bart. »Es sind Apotheker, sie verstehen sich darauf, mit harmlosem Zeug zu heilen.«
Marakujew trat so unvermittelt an ihn heran, als wolle er ihn schlagen.
»Heilen? Wen?« fragte er laut, und begann so hitzig zu reden wie im Eßzimmer bei Onkel Chrisanf. Schon nach zwei oder drei Minuten umringten ihn sechs dunkle Menschen. Sie verhielten sich schweigend und drehten die Köpfe mechanisch gleichmäßig bald nach der Seite, wo die Feuerwirbel die Wirtshäuser auf den Hügel emporhüpfen und herabstürzen, erscheinen und verschwinden ließen, bald zu Marakujew hin, dem sie auf den Mund sahen.
»Er spricht mutig«, bemerkte jemand hinter dem Rücken Klims. Eine andere Stimme sagte gleichmütig:
»Es ist ein Student, was macht es ihm aus? Gehen wir.«
Klim Samgin entfernte sich. Er sagte sich, daß ein beliebiger unter Marakujews Zuhörern ihn beim Kragen nehmen und auf die Polizei schaffen konnte.
Samgin fühlte sich sehr sicher. In Marakujews Tränen lag etwas, das ihn tief befriedigte. Er sah, daß seine Tränen echt waren und sehr gut die Schwermut Pojarkows, dem seine abgehackte und brüske Sprechweise abhanden gekommen war, das verwunderte und schuldige Gesicht Lidas, die hinter ihren Händen eine Grimasse des Ekels versteckt hatte, und das Zähneknirschen Makarows erklärten. Klim zweifelte nicht mehr daran, daß Makarow wirklich mit den Zähnen geknirscht hatte, er hatte gar nicht anders können.
Dies alles, was die Menschen unvermittelt und gegen ihren Willen offenbarten, war die reine Wahrheit, und sie zu kennen, war von ebenso großem Wert, wie den nackten, zerschlagenen und schmutzigen Körper Diomidows zu sehen.
Klim kehrte mit raschen Schritten in die Stadt zurück. Kühne Gedanken beflügelten ihn und trieben ihn an:
»Ich bin der Stärkere. Ich würde es mir nicht erlauben, mitten auf der Straße zu weinen, überhaupt zu weinen. Ich weine nicht, weil ich nicht fähig bin, mich zu vergewaltigen. Jene knirschen mit den Zähnen, weil sie sich zwingen. Aus demselben Grunde schneiden sie Grimassen. Es sind sehr schwache Menschen. In allen und jedem steckt etwas von der Nechajew. Der Nechajewismus – das ist es!«
Der Feuerschein über Moskau beleuchtete die goldenen Kuppeln und Kirchen. Sie funkelten wie die Helme der gleichgültigen Feuerwehrleute. Die Häuser sahen aus wie Klumpen Erde, aufgewühlt von einem ungeheuren Pflug, der tiefe Furchen durch die Scholle gezogen und das Gold des Feuers in ihr bloßgelegt hat. Samgin fühlte, daß auch in ihm geradlinig ein starker Pflug arbeitete und dunkle Zweifel und Ängste aufriß.
Ein Mann mit einem Spazierstock in der Hand stieß ihn an und rief:
»Sind Sie blind geworden? Wie die Kerle gehen!«
Weder der Stoß in den Rücken noch der ärgerliche Zuruf vermochten den frischen Gedankengang Samgins zu verscheuchen oder zu verwirren.
»Marakujew wird vermutlich mit dem kraushaarigen Arbeiter Freundschaft schließen. Wie albern ist es, von der Revolution zu träumen in einem Lande, dessen Menschen einander im Kampf um den Besitz eines Päckchen billigen Konfekts oder Pfefferkuchens zu Tausenden totdrücken. Selbstmörder.«
Dieses Wort erklärte Klim in vollkommen zufriedenstellender Weise die Katastrophe, an die er nicht zu denken wünschte.