Das Leben des Klim Samgin
- Автор: Горький Максим
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Das Leben des Klim Samgin». Краткое содержание книги:
»Jedem sein Raum«, stammelte er. »Weg voneinander. Ich bin kein Spielzeug ...«
»Isaak«, fiel Klim Samgin nicht ganz am rechten Platz ein. Aber er verbesserte sich sofort: »Schlachtopfer.«
Die Köchin Anfimowna stand am Herd und sah zu, wie das Wasser aus dem Hahn mit schnaubendem Geräusch in den Kessel spritzte.
»Ganz wirr geworden ist der Bengel«, sagte sie mißbilligend und warf scheele Blicke zu Diomidow hin. »Von einfacher Herkunft und so verzärtelt. Mit Launen. Nimmt da einen Krug mit Wasser und gießt ihn Lidotschka ins Gesicht ...«
Samgin vernahm ein seltsames Geräusch. Als knirsche Makarow mit den Zähnen. Er hatte seine Litewka abgelegt und begann vorsichtig und gewandt, wie eine Mutter ihr Kind, Diomidow abzuwaschen, wobei er vor ihm niederkniete.
Und plötzlich fühlte Klim sich wie verbrannt von Empörung: Wie, diesen verpfuschten Körper würde Lida umarmen, hatte sie vielleicht schon umarmt? Dieser Gedanke jagte ihn augenblicklich aus der Küche hinaus. Er ging eilig in Warwaras Zimmer, entschlossen, Lida einige vernichtende Worte zu sagen.
Lida saß auf dem Bett. Sie hatte mit der einen Hand Warwara umschlungen und hielt ihr ein geschliffenes Flakon unter die Nase. Das Lampenlicht ließ das Flakon in Regenbogenfarben schillern.
»Was gibt es?« fragte sie.
»Er wäscht ihn«, antwortete Klim trocken.
»Hat er Schmerzen?«
»Anscheinend nicht.«
»Warja«, sagte Lida, »ich verstehe mich nicht aufs Trösten. Und überhaupt, brauchst du denn Trost? Ich weiß nicht...«
»Gehen Sie hinaus, Samgin«, schrie Warwara und ließ sich mit der Hüfte aufs Bett fallen.
Klim ging fort, ohne Lida ein Wort gesagt zu haben.
»Sie hat ein so gequältes Gesicht. Vielleicht ist sie jetzt – geheilt.«
In Kübeln prasselten und qualmten die Flammen der Fettlampen. Samgin fand die Illumination dürftig und selbst im Licht etwas Zauderndes, den Lärm der Stadt aber wenig festlich, vielmehr zornig und übelgelaunt. Auf dem Twerski Boulevard bildeten sich kleine Menschenansammlungen. In der einen wurde erbittert gestritten, ob man das Feuerwerk brennen lassen werde oder nicht. Jemand beteuerte hitzig:
»Man wird es.«
Ein langer Mensch mit Hut sagte überzeugt und streng:
»Seine Majestät, der Kaiser, wird keine Scherze zulassen.«
Eine dritte Stimme versuchte die Gegensätze auszusöhnen:
»Das Feuerwerk ist auf morgen verschoben worden.«
»Seine Majestät der Kaiser ...«
Von irgendwoher, hinter den Bäumen hervor, rief jemand klingend:
»Der tanzt jetzt gerade auf dem Adelsball, Seine Majestät der Kaiser!«
Alles blickte in die Richtung, aus der die Worte kamen, und zwei Männer gingen in so entschlossener Haltung darauf zu, daß Klim es vorzog, sich zu entfernen.
»Wenn es wahr ist, daß der Zar zum Ball gefahren ist, dann bedeutet das, daß er Charakter hat, ein kühner Mensch ist, Diomidow hat recht.«
Er schlug den Weg zum Strastnaja-Platz ein und bewegte sich inmitten eines Chaos von Stimmen. Mechanisch fing er einzelne Sätze, auf. Mit verwegener Stimme rief jemand aus:
»Ach, denke ich mir, du willst doch nicht umkommen!«
»Wahrscheinlich ist er auf einen Menschen draufgetreten, vielleicht auf Marakujew«, mutmaßte er. Aber im übrigen arbeiteten seine Gedanken schlecht, wie es immer zu sein pflegt, wenn man mit Eindrücken überlastet ist und ihr Gewicht schwer auf das Denken drückt. Überdies war er hungrig und durstig.
Am Puschkin-Denkmal hielt jemand vor einem Menschenhäufchen eine Ansprache.
»Denkt nur über unsere ganze Ordnung nach. Wie werden wir regiert?«
Samgin sah sich den Redner an und erkannte am krausen Bart und am Lächeln im zottigen Gesicht seinen redseligen Pritschennachbar in Jakow Platonows Keller.
»Der Stein ist ein Dummkopf...«
Auf dem Platz holte ihn Pojarkow ein, der wie ein Kranich einherstelzte. Samgin rief ihn zögernd an:
»Wohin?«
Pojarkow paßte sich seinem Schritt an und berichtete mit matter und leiser Stimme:
»Seit dem Morgen bin ich unterwegs, mache die Augen auf, höre. Ich versuchte, aufzuklären. Aber es dringt gar nicht bis zu ihrem Bewußtsein. Dabei ist es so einfach: man braucht bloß mit der ganzen Masse vom Feld geradewegs zum Kreml zu rücken und fertig! In Brüssel soll das Publikum sich vom Theater aus, nach der Aufführung des ›Propheten‹, in Marsch gesetzt und die Konstitution erzwungen haben. Man hat sie gegeben.«
Er blieb vor dem Eingang eines kleinen Restaurants stehen und schlug vor:
»Gehen wir in diesen ›Hafen kummervoller Herzen‹. Marakujew und ich sind häufig hier.«
Als Klim ihm von Marakujew erzählte, seufzte er:
»Es konnte schlimmer kommen. Man sagt, fünftausend sollen umgekommen sein. Eine wahre Schlacht.«
Pojarkow sprach mit dumpfer Stimme. Sein Gesicht zog sich unnatürlich in die Länge, und Samgin entdeckte heute zum erstenmal unter der langen, griesgrämigen Nase Pojarkows einen rötlichen Schnurrbart.
»Es ist ganz überflüssig, daß er sich das Kinn rasiert«, dachte Klim.
»Dieser Tage sagte mir ein Kaufmann, dem ich Unterricht erteile: ›Ich möchte gern BlinyBuchweizenpfannkuchen. Russisches Nationalgericht, beliebte Fastnachtspeise. D. Ü. essen, aber die Bekannten wollen nicht sterben.‹ Ich frage: ›Warum wollen Sie denn, daß sie sterben?‹ ›Weil‹, entgegnet er, ›die Bliny auf Totenfeiern besonders gut zu sein pflegen.‹ Wahrscheinlich wird er jetzt Bliny essen können...«
Klim aß kaltes Fleisch und trank Bier dazu. Ohne große Aufmerksamkeit folgte er Pojarkows Worten, die vom Wirtshauslärm übertönt wurden, aus dem er einzelne Sätze auffing. Ein dicker, bärtiger Mann im schwarzen Anzug schrie:
»Man darf das Volksunglück nicht dazu mißbrauchen, um heimlich falsches Geld in Umlauf zu bringen ...«
»Gut gesagt«, lobte Pojarkow. »Man spricht bei uns gut und lebt schlecht. Unlängst las ich bei Tatjana Passek: ›Friede den Gebeinen derer, die im Leben nichts taten, weder Gutes noch Schlechtes‹ Wie gefällt Ihnen das?«
»Sonderbar«, antwortete Klim mit vollem Munde.
Pojarkow schwieg, trank sein Bier und sagte darauf seufzend:
»Es liegt eine stille Verzweiflung darin...«
An ihrem Tisch erschien Marakujew. Seine Backe war mit einem weißen Tuch verbunden. Unter seinem krausen Haar sahen komisch ein Knoten und zwei weiße Ohren hervor.
»Ich war sicher, dich hier zu treffen«, sagte er zu Pojarkow und setzte sich an den Tisch.
Beide beugten sich dicht zueinander und flüsterten.
»Störe ich?« fragte Klim.
Pojarkow sah ihn von der Seite an und murmelte:
»Ja, wobei könnten Sie wohl stören?«
Seufzend fuhr er fort:
»Ich sagte ihm also, die Marxisten wollen Flugblätter herausgeben, während wir ...«
Marakujew unterbrach seine verdrossene Rede:
»Samgin, kennen Sie Ljutow gut? Eine interessante Type. Ebenso der Diakon. Aber wie bestialisch saufen die beiden! Ich schlief bis fünf Uhr nachmittags, dann stellten sie mich auf die Beine und fingen an, mich vollzupumpen. Ich ergriff die Flucht, und seitdem treibe ich mich in Moskau herum. Ich war schon zweimal hier ...«
Er bekam einen Hustenanfall, schnitt Grimassen und hielt sich die Hüfte.
»Staub habe ich geschluckt – fürs ganze Leben«, sagte er.
Im Gegensatz zu Pojarkow befand er sich in angeregter und geschwätziger Stimmung. Er blickte um sich, wie jemand, der soeben erwacht ist und noch nicht weiß, wo er sich befindet, und griff aus den Wirtshausgesprächen einzelne Sätze und Worte heraus, um sie mit Anekdoten zu illustrieren. Er war ein wenig angeheitert, aber Klim begriff, daß dieser Umstand allein seine merkwürdige, ja, sogar ein wenig beängstigende Gemütsverfassung nicht erklären konnte.