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Das Leben des Klim Samgin

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Das Leben des Klim Samgin
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»Zu trinken, Samgin! Ich habe entsetzlichen Durst ...«

Ihre Pupillen waren geweitet und trübe. Die geschwollenen Lider, die überanstrengt zwinkerten, wurden immer röter. Sie weinte, zerriß ihr tränenfeuchtes Taschentuch und schrie:

»Er stand mir näher als die Mutter ... so komisch war er, so lieb. Und seine Liebe zum Volk, wie war sie gut ... Auf dem Friedhof erzählt man sich, die Studenten hätten Löcher gegraben, um das Volk gegen den Zaren aufzuhetzen. O mein Gott!«

Samgin war ratlos. Er verstand es noch nicht, weinende Mädchen zu trösten und fand, daß Warwaras Tränen zu malerisch waren, um aufrichtig zu sein. Aber sie beruhigte sich auch von selbst, sobald die gewaltige Anfimowna gekommen war und liebevoll, aber geschäftig zu berichten begann.

»Man hat ihn in die Kapelle überführt. Ihn nach Hause zu nehmen, erlauben sie nicht. Sie haben sehr darum gebeten, Chrisanf Wassiljewitsch nicht nach Hause zu schaffen. ›Urteilen Sie doch selbst‹, haben sie mir gesagt, ›man kann doch keine Beerdigung machen, jetzt, wo die Feierlichkeiten sind‹.«

Mit kummervoller Miene sagte die Köchin:

»Und wahrhaftig, Warja, was für einen Zweck hat es, den Zaren zu ärgern? Gott mit ihnen! Sie haben gesündigt, sie werden es auch verantworten!«

Warwara nickte schweigend, bat, Tee zu bringen, verschwand in ihr Zimmer und erschien einige Minuten später in einem schwarzen Kleid, gekämmt und mit einem traurigen, aber gefaßten Gesicht.

Beim Tee warf Klim einen Blick auf die Uhr und fragte beunruhigt:

»Was meinen Sie, wird Lida diesen Diomidow finden?«

»Woher soll ich es wissen?« fragte sie trocken und erklärte im prophetischen Ton eines Menschen, der über große Lebenserfahrung verfügt:

»Ich billige ihre Neigung für ihn nicht. Sie kann Liebe nicht von Mitleid unterscheiden, und ihrer harrt ein furchtbarer Irrtum. Diomidow weckt Erstaunen, aber kann man denn so einen lieben? Frauen lieben Starke und Kühne, diese lieben sie aufrichtig und lange. Sie lieben natürlich auch Sonderlinge. Ein gelehrter Deutscher hat einmal gesagt: ›Um bemerkt zu werden, muß man auf Grillen verfallen‹.«

Als habe sie den Tod ihres Stiefvaters ganz vergessen, redete sie fünf Minuten lang kritisch und anzüglich über Lida, und Klim begriff, daß sie die Freundin nicht liebte. Es setzte ihn in Erstaunen, wie gut sie es bis zu diesem Augenblick verstanden hatte, ihre Abneigung gegen Lida zu verbergen, und dieses Staunen hob das grünäugige Mädchen ein wenig in seinen Augen. Dann erinnerte sie sich, daß sie von ihrem Stiefvater sprechen mußte, und bemerkte, wenn auch Menschen seines Schlages sich überlebt hätten, so seien sie doch von eigentümlichem Reiz.

Klim fühlte sich immer stärker beunruhigt und unbehaglich. Er verstand, daß er überhaupt Lida gegenüber anständiger und taktischer gehandelt haben würde, wenn er die Straßen nach ihr abgesucht hätte, statt hier zu sitzen und Tee zu trinken. Aber jetzt wäre es auch unschicklich gewesen, fortzugehen.

Es war schon ganz finster, als Lida ins Zimmer stürzte, hinter ihr Makarow, der am Arm Diomidow hereinführte. Samgin schien, daß alles im Zimmer erbebte, und die Zimmerdecke sich senkte. Diomidow hinkte. Seine linke Hand war in Makarows Mütze gewickelt und mit einem Fetzen irgendeines Halsbesatzes verbunden. Keuchend, mit fremder Stimme, sagte er:

»Ich wußte es ja, ich wollte nicht...«

Sein lichtes Haar hing ihm, zum Wollklumpen geballt, herab. Das eine Auge war hinter einer dunklen Geschwulst verschwunden, das andere, weit geöffnet und trübe, glotzte schreckenerregend. Er war vom Kopf bis zu den Füßen zerlumpt. Ein Hosenbein war über die ganze Fläche aufgerissen, im Loch zitterte das nackte Knie, und dieses Zittern des runden, von schmutziger Haut überzogenen Knochens war widerwärtig.

Makarow setzte ihn sorglich auf den Stuhl an der Tür, den gewohnten Platz Diomidows in diesem Zimmer. Der Requisitenmacher stemmte sein zuckendes Bein gegen den Fußboden, schüttelte mit der Hand den Staub aus dem Haar und bellte heiser:

»Ich sagte, man muß die Massen spalten, aufteilen, damit sie einander nicht zerdrücken. O mein Gott!«

»Nun, was soll jetzt geschehen?« fragte Makarow Lida in scharfem Ton. »Wir brauchen warmes Wasser, Wäsche. Man hätte ihn ins Krankenhaus bringen sollen, aber nicht hierher ...«

»Schweigen Sie! Oder – gehen Sie hinaus«, schrie Lida und lief in die Küche. Ihr böses Schreien ließ Warwara im Ton eines epileptischen Bauernweibes aufheulen:

»Man muß sie richten, verfluchen, strafen!«

Sie starrte auf Diomidow, griff sich an den Kopf, wiegte sich auf ihrem Stuhl und stampfte mit den Füßen. Auch Diomidow glotzte sie an und schrie:

»Jedem sein Raum! Wagt es nicht! Keinerlei Köder! Kein Konfekt! Keinen Schnaps!«

Sein Bein begann von neuem zu hüpfen, es trommelte gegen den Boden, und das Knie sprang aus dem Riß hervor. Ein erstickender Kotgeruch ging von ihm aus. Makarow stützte ihn an der Schulter und sagte mit lauter, finsterer Stimme zu Warwara:

»Geben Sie Wäsche her, Handtücher ... Und lassen Sie das Schreien! Man wird sie schon richten, beunruhigen Sie sich nicht.«

»Jeder für sich!« stieß Diomidow schreiend hervor. Aus seinen Augen liefen in zwei ununterbrochenen Bächen die Tränen.

Lida stürzte ins Zimmer, stieß Makarow zurück, stellte Diomidow mit leichter Hand auf die Füße und führte ihn in die Küche.

»Wird sie ihn wirklich selbst waschen?« fragte Klim. Er verzog angeekelt sein Gesicht und schüttelte sich.

Warwara warf heftig den Kopf zurück, so daß ihre üppigen roten Haare ihre ganze Schulter zudeckten und ging rasch in das Zimmer ihres Stiefvaters. Samgin, der ihr mit den Blicken folgte, fand, daß der Moment zum Auflösen des Haares schlecht gewählt war. Sie hätte es früher tun müssen. Makarow öffnete die Fenster und murmelte:

»Ich fand sie auf der Chaussee. Dieser Kerl steht da, brüllt und predigt: ›Auseinanderjagen! Zerstreuen!‹ Während Lida ihm zuredet, mitzukommen. ›Ich hasse alle die Deinen‹, brüllt er ...«

In der Stadt ächzte und heulte es, als gerieten in einem ungeheuren Ofen feuchte Holzscheite heftig in Brand.

»Ich bin neugierig, ob die Illumination stattfinden wird«, sagte Klim.

»Natürlich wird sie abgesagt, was glaubst du denn?« bemerkte Makarow unwillig.

»Weshalb denn?« wandte Klim ein. »Es lenkt doch ab. Es wäre eine Dummheit, wenn sie sie absagten.«

Makarow setzte sich auf die Fensterbank, zupfte am Schnurrbart und schwieg.

»Hat Diomidow den Verstand verloren?« fragte Klim, nicht ohne Hoffnung auf eine bejahende Antwort. Makarow, der erst nach einer Weile antwortete, enttäuschte ihn:

»Schwerlich. Mir scheint, er gehört zu jener Sorte Menschen, die ihr ganzes Leben an der Schwelle des Wahnsinns zubringen, ohne sie zu überschreiten.«

In der Tür zeigte sich Lida. Es sah so aus, als sei sie über eine Schwelle gestolpert, die nicht da war. Mit der einen Hand griff sie nach dem Türpfosten, mit der anderen bedeckte sie die Augen.

»Ich kann nicht«, sagte sie und wankte dabei, als ob sie einen Platz zum Hinfallen suche. Die Ärmel ihrer Bluse waren bis zu den Ellenbogen umgeschlagen. Vom nassen Rock tropfte Wasser auf den Fußboden.

»Ich kann nicht«, wiederholte sie in sehr seltsamem Ton, schuldbewußt und mit offenkundigem Staunen, Sie bedeckte ihr Gesicht mit beiden Händen.

»Geht ihr hin und wascht ihn«, bat sie.

»Gehen wir. Du kannst mir helfen«, sagte Makarow zu Klim.

In der Küche, auf dem Fußboden, saß vor einer großen Waschschüssel Diomidow. Er war nackt, drückte den linken Arm an die Brust und stützte ihn mit dem rechten. Aus seinem nassen Haar rann das Wasser, und es schien, als ob er schmelze und sich auflöse. Seine sehr weiße Haut war mit Kot besudelt, mit blauen Flecken bedeckt und von Striemen zerrissen. Mit einer unsicheren Bewegung seiner rechten Hand schöpfte er Wasser aus der Schüssel und sprengte es sich ins Gesicht und auf das geschwollene Auge. Das Wasser rann die Brust hinunter, ohne die dunklen Flecke fortzuwaschen.

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