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Das Leben des Klim Samgin

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Das Leben des Klim Samgin
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»Gräber schaufeln«, knurrte Ljutow.

Der Diakon sah ihn an, darauf Klim, preßte seinen dreifachen Bart in der Faust zusammen und sagte:

»Herr, der du ein eifriger Gott, ein Gott der Rache bist, räche dich an deinen Widersachern und rotte aus, die sich gegen dich erheben ...«

Klim blickte ihn mit Befremden an. Wollte und konnte der Diakon wirklich das Geschehene rechtfertigen?

Aber der fuhr kopfschüttelnd fort:

»Grausame, satanische Worte hat der Prophet Nahum gesagt. Blickt euch um, Jünglinge, wohin ihr wollt: Strafe und Rache sind bei uns vorzüglich ausgebildet. Die Belohnungen? Von den Belohnungen wird nichts gesagt. Dante, Milton und alle die anderen bis zu unserem eigenen Volk selbst, haben die Hölle eingehend und in den düstersten Farben geschildert, das Paradies aber? Über das Paradies ist uns nichts gesagt, als daß dort die Engel dem Zebaoth Hosianna singen.«

Er schlug jählings mit der Faust auf den Tisch, so daß das gläserne Beben des Geschirrs das Zimmer erfüllte, rollte wild die Augen und schrie mit betrunkener Stimme:

»Wofür denn Hosianna? Ich frage: Wofür Hosianna? Das ist die Frage, Jünglinge: Wofür Hosianna? Und für wen Anathema, wenn dem Erschaffer der Hölle Hosianna gejubelt wird?«

Ljutow winkte ärgerlich ab.

»Hör auf!« bat er.

»Nein, warte: wir haben zweierlei Arten von Kritik. Die eine – aus Sehnsucht nach Wahrheit, die andere aus Ehrgeiz. Christus ist aus der Sehnsucht nach Wahrheit geboren, Zebaoth aber? Wie, wenn im Garten Gethsemane nicht Zebaoth Christus den Leidenskelch gezeigt hat, sondern Satan? Vielleicht war es auch kein Kelch, sondern eine höhnende Faust? Jünglinge, dies zu entscheiden, steht euch zu ...«

Makarow kam sehr rasch zurück und sagte zu Klim:

»Er sagt, er hat dort Onkel Chrisanf und diesen ... Diomidow gesehen. Du verstehst?«

Makarow schlug sich schallend mit der Faust auf die Handfläche. Sein Gesicht wurde bleich.

»Man muß in Erfahrung bringen ... Hinfahren ...«

»Zu Lida«, ergänzte Klim.

»Fahren wir zusammen. Wladimir, hol' den Arzt. Marakujew hat blutigen Auswurf.«

Im Vorzimmer teilte er aus irgendeinem Grunde noch mit:

»Sein Name ist Pjotr.«

Die Straßen waren belebt und laut. Der Lärm stieg, als sie auf die Twerskaja hinaustraten. Ohne Ende zog die Menge abgerissener, zerzauster und schmutziger Menschen vorüber. Ein Murren, nicht laut, aber beharrlich, stand in der Luft, zerrissen von den hysterischen Stimmen der Frauen. Die Menschen marschierten der Sonne entgegen und senkten die Köpfe, als fühlten sie sich schuldig. Aber oft, wenn einer von ihnen aufblickte, bemerkte Samgin in seinem erschöpften Gesicht den Ausdruck stiller Freude.

Samgin war abgestumpft von der Fülle der Eindrücke. Alle diese kummervollen, erschrockenen, von Neugier erhellten oder einfach schwachsinnigen Gesichter, die auf der reich mit dreifarbigen Fahnen geschmückten Straße unaufhörlich vorüberzogen, vermochten ihn nicht mehr zu erregen. Diese Eindrücke erlaubten Klim, sich seines geistigen Gewichts und seiner Realität voll bewußt zu werden. Über die Ursache der Katastrophe dachte er nicht weiter nach. Im Grunde ging ja die Ursache auch einleuchtend aus Marakujews Bericht hervor: die Leute hatten sich auf das »Konfekt« gestürzt und einander dabei erdrückt. Diese Erklärung setzte Klim in die Lage, von der Höhe seiner Equipage gleichmütig und verachtungsvoll auf sie herabzublicken.

Makarow saß neben ihm. Er hatte den Fuß auf das Trittbrett der Droschke gesetzt, als mache er sich bereit, auf den Fahrdamm zu springen. Er knurrte:

»Weiß der Teufel, wie diese idiotischen Flaggen einem in die Augen stechen!«

»Wahrscheinlich wird der Zar die Familien der Getöteten großherzig entschädigen«, mutmaßte Klim. Makarow bat den Kutscher, rascher zuzufahren, und erinnerte Klim daran, daß auch bei der Hochzeit der Marie Antoinette ein Unglück passiert sei.

»Er bleibt sich treu«, dachte Klim. »Selbst hier steht bei ihm an erster Stelle die Frau, als hätte es einen Ludwig gar nicht gegeben.«

Onkel Chrisanfs Wohnung war zugeschlossen. Auch an der Küchentür hing ein Schloß. Makarow prüfte es, nahm die Mütze ab und wischte sich die nasse Stirn. Er faßte augenscheinlich die zugesperrte Wohnung als ein unheilverkündendes Zeichen auf. Als sie aus dem dunklen Hausflur auf den Hof traten, sah Klim, daß Makarows Gesicht eingefallen und bleich war.

»Wir müssen uns erkundigen, wohin die ... Verwundeten gebracht werden. Wir müssen die Krankenhäuser absuchen. Gehen wir.«

»Du glaubst ...«

Aber Makarow ließ Klim nicht ausreden.

»Gehen wir«, sagte er grob.

Bis zum Abend hatten sie bei einem Dutzend Krankenhäuser nachgeforscht und waren zwanzigmal zur eisernen Faust des Schlosses an der Küchentür Onkel Chrisanfs zurückgekehrt. Es war schon dunkel, als Klim leise vorschlug, auf den Kirchhof hinauszufahren.

»Unsinn«, sagte Makarow scharf. »Schweig du nur.«

Und eine Minute später fügte er empört hinzu;

»Das ist nicht möglich.«

Seine Backenknochen hatten sich auf völlig unnatürliche Weise zugespitzt. Er bewegte die Kiefer, als knirsche er mit den Zähnen, drehte fortwährend den Kopf hin und her und verfolgte die Hast der verstörten Menschen. Die Leute wurden immer stiller, sprachen übellauniger, und der Abend ließ sie erblassen.

Makarows Stimmung, aus der die Sorge um Lida sprach, wirkte auf Klim niederdrückend Er war physisch erschöpft und fühlte sich nach dem Anblick von Hunderten zerschlagener und abgerissener Menschen vergiftet und abgestumpft.

Sie gingen gerade zu Fuß, als aus einer Nebengasse eine Droschke herausfuhr. Im Wagen saß Warwara in völlig zerzaustem Zustand und hielt Hut und Schirm auf den Knien.

»Sie haben meinen Stiefvater erdrückt«, rief sie aus, während sie dem Kutscher einen Stoß in den Rücken gab. Klim hatte den Eindruck, als ob sie es mit Stolz rief.

»Wo ist Lida?« fragte Makarow, noch ehe Klim es tun konnte. Das Mädchen sprang auf das Trottoir, steckte dem Kutscher mechanisch, aber dennoch mit einer schönen Geste Geld in die Hand und ging auf ihr Haus zu. Es lag jetzt nichts Schönes mehr in der Art, wie sie in der einen Hand den Sonnenschirm, in der anderen den Hut schwenkte und hysterisch laut erzählte:

»Er war unkenntlich. Ich fand ihn an den Stiefeln heraus und an dem Ring, wissen Sie? Mit dem Karneolstein. Grauenvoll. Das Gesicht verschwunden.«

Ihr Gesicht war verweint, das Kinn zitterte, aber Klim schien, daß ihre grünlichen Augen wütend funkelten.

»Wo ist Lida?« wiederholte Makarow hartnäckig und kam Klim zum zweitenmal zuvor.

»Sie sucht Diomidow. Ein Schauspieler hat ihn in der Nähe des Alexander-Bahnhofs gesehen und erzählt, er, Diomidow, habe den Verstand verloren ...«

Warwaras laute Stimme sammelte eine Schar neugieriger, festlich gekleideter Menschen um sie. Ein Herr mit Stöckchen und Strohhut drängte Samgin zur Seite, blickte dem jungen Mädchen ins Gesicht und fragte:

»Sind es wirklich zehntausend? Und viele Verrückte?«

Er nahm den Hut ab und rief fast mit Begeisterung:

»Welch ein außergewöhnliches Unglück!«

Klim blickte sich um, befremdet, daß Makarow diesen Idioten nicht fortjagte. Aber Makarow war verschwunden.

Bei sich in ihrem Zimmer verstreute Warwara mit schroffen Gesten den Schirm, den Hut, ein nasses Taschentuch und ihr Portemonnaie über Tisch und Bett und redete dazu in abgerissenen Sätzen:

»Eine Backe ist zerfetzt, die Zunge hängt aus der Wunde heraus. Ich sah nicht weniger als dreihundert Leichen, Mehr. Was soll das nun bedeuten, Samgin? Sie konnten doch nicht sich selbst ...«

Sie schritt rasch und leichtfüßig durchs Zimmer, als würde sie vom Wind getragen, trocknete ihr Gesicht mit einem nassen Handtuch und suchte immerfort etwas, indem sie bald Kämme, bald Bürsten vom Toilettentisch nahm und sie sogleich wieder hinwarf. Sie leckte sich die Lippen, biß darauf.

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