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Das Leben des Klim Samgin

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Das Leben des Klim Samgin
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»Wo waren Sie?«

Makarow führte ihn nicht, sondern trug ihn fast ins Haus, drängte ihn ins Badezimmer, entkleidete ihn rasch bis zum Gürtel und begann, ihn zu waschen. Es machte Mühe, den Nacken Marakujews über das Waschbecken zu beugen. Der lustige Student stieß Makarow mit der Schulter zur Seite, weigerte sich eigensinnig, den Rücken krumm zu machen, hielt ihn um so steifer und brüllte:

»Warten Sie, ich tue es selbst! Lassen Sie!«

Es sah so aus, als sei er wasserscheu wie ein von einem tollen Hund Gebissener.

»Such' das Dienstmädchen und bitte sie um Wäsche«, kommandierte Makarow. Klim ging gehorsam hinaus. Er war froh, den plattgedrückten Menschen nicht sehen zu müssen. Auf der Suche nach dem Dienstmädchen, die ihn von einem Zimmer ins andere führte, entdeckte er Ljutow, der, barfüßig, im Nachthemd am Fenster stand und sich den Kopf hielt. Beim Klang der Schritte wandte er sich um, zwinkerte verständnislos, deutete mit einer dummen Geste seiner beiden Hände auf die Straße und fragte:

»Was bedeutet das?«

»Ein Unglück ist geschehen«, antwortete Klim. Das Wort Unglück trat ihm nicht sofort auf die Zunge und klang unsicher. Er fand, daß er einen anderen Ausdruck hätte wählen müssen, aber in seinem Kopf sauste und zischte es, und die Worte wollten ihm nicht über die Lippen.

Als er und Ljutow ins Eßzimmer traten, lag Marakujew bereits lang ausgestreckt und nackt auf dem Sofa. Makarow hatte die Ärmel geschürzt und massierte ihm krächzend Brust, Bauch und Hüften. Marakujew wandte ängstlich den Hals von einer Seite auf die andere, rollte seinen nassen Kopf auf dem ledernen Polster hin und her und sagte hüstelnd, zusammenhanglos und mit leiser Stimme wie ein Fieberkranker:

»Sie haben einander zerquetscht. Ein entsetzlicher Anblick. Haben Sie gesehen? Die Menschenmassen verlaufen sich nach allen Richtungen über das Feld und lassen hinter sich Tote zurück. Haben Sie bemerkt: die Feuerwehr führte Glocken mit, sie fährt und läutet! Ich sage ihnen; ›Man muß sie festbinden, es ist nicht schön!‹ Man antwortet: ›Es geht nicht.‹ Idioten mit Glocken. Überhaupt will ich euch etwas sagen ...«

Er verstummte, bedeckte die Augen und fuhr fort: »Man hat den Eindruck, daß sie in einem fort die Menschen zerquetschen, auf ihnen herumtrampeln und dann weggehen, ohne sich nach ihnen umzuwenden. Sie gehen einfach weg, es ist erstaunlich! Schreiten über sie hinweg wie über Steine. Über mich ...«

Marakujew hob den Kopf, richtete sich dann vorsichtig auf, wobei er sich mit den Ellenbogen aufs Sofa stützte und verzog sein Gesicht zu einer ganz unglaublichen, grinsenden Grimasse, die seinen Mund zu einer Sichel umbog. Sein zerkratztes Gesicht verschwamm, und die Ohren rückten dicht an den Nacken, als er sagte: »Über mich hinweg, verstehen Sie? Nein, das muß man erlebt haben. Der Mensch liegt auf der Erde, und man stellt auf ihn die Beine drauf, wie auf einen Mooshügel! Quetscht ... was? Einen lebendigen Menschen. Unvorstellbar.«

»Ziehen Sie sich an«, sagte Makarow, der ihn aufmerksam musterte, und reichte ihm die Wäsche hin.

Marakujew steckte den Kopf durch die Hemdöffnung und sah daraus hervor wie aus einer Schneegrube, während er fortfuhr: »Leichen – zu Hunderten, Manche liegen am Boden wie Gekreuzigte. Einer Frau haben sie den Kopf in ein Loch hineingetreten.«

»Warum sind Sie hingegangen?« fragte Klim streng. Er hatte plötzlich erraten, weshalb Marakujew als Handwerker verkleidet auf dem Chodynka-Feld gewesen war.

»Ich wollte hören ... erfahren ...« antwortete unter fortwährendem Husten der Student. Er kam sichtlich zu sich. »Staub habe ich geschluckt ...«

Er stellte sich auf die Beine, sah unsicher auf den Fußboden und verbog von neuem seinen Mund zu einer Sichel. Makarow führte ihn zum Tisch und setzte ihn hin. Ljutow goß ein Glas halbvoll mit Wein und sagte:

»Trinken Sie!«

Dies war sein erstes Wort. Bis dahin hatte er schweigend, die Arme auf den Tisch gestützt und die Schläfen zwischen seine Hände gepreßt, dagesessen und Marakujew mit einem Blinzeln – wie gegen grelles Licht – angeschaut.

Marakujew nahm das Glas, sah es an, stellte es wieder auf den Tisch und sagte:

»Die Frau lag neben einem Balken, ihr Kopf ragte über das Ende des Balkens heraus, und man stellte sich mit den Füßen auf ihren Kopf. Und stampfte ihn in den Boden. Geben Sie mir Tee ...«

Er sprach immer weniger gehemmt und nicht mehr so heiser.

»Ich kam gegen Mitternacht dort an und wurde in die Massen hineingezogen. Einige standen schon ohnmächtig im Gewühl. Ja, als ob sie tot wären. Ein Gedränge, wissen Sie, eine drückende Enge. Und die Luft wie aus Blei, atmen unmöglich. Am Morgen waren einige irrsinnig geworden, glaube ich. Ein Schreien. Ganz grauenhaft. Einer stand neben mir und wollte mich immerfort beißen. Man schlug einander mit den Nacken gegen die Schädel, mit den Schädeln gegen die Nacken. Mit den Knien. Trat einander auf die Zehen. Das half natürlich nichts, o nein! Ich weiß es. Ich selbst habe geschlagen«, sagte er mit erstauntem Blinzeln und tippte sich vor die Brust, »Wo sollte ich denn hin? Ich war ringsherum mit Menschen beklebt. Ich schlug ...«

Der Diakon trat ins Zimmer. Er hatte sich soeben gewaschen. Sein Bart war noch feucht. Er wollte etwas fragen. Ljutow deutete mit den Augen auf Marakujew und bedeutete ihm zischend, er solle schweigen. Doch Marakujew beugte sich stumm über den Tisch und rührte in seinem Teeglas. Klim Samgin dachte laut:

»Wie furchtbar muß dem Zaren zumute sein.«

»Hast auch jemand zum Bedauern gefunden«, meinte Ljutow ironisch. Die anderen drei schenkten Klims Worten keine Bedeutung. Makarow erzählte dem Diakon mit finsterem Gesicht und leiser Stimme von der Katastrophe.

»Menschlich tut er mir leid«, fuhr Klim, zu Ljutow gewandt, fort. »Stell dir vor, auf deiner Hochzeit ereignete sich ein Unglück ...«

Das war noch taktloser. Klim, der fühlte, daß er bis an die Ohrenspitzen rot wurde, schalt sich in Gedanken und verstummte, gespannt auf das, was Ljutow erwidern würde. Aber statt dessen sprach Marakujew:

»Wenige sind empört!« sagte er und schüttelte heftig den Kopf. »Ich habe keine Empörten gesehen. Nein. Aber so ein sonderbarer Mann mit einer weißen Mütze holte Freiwillige zusammen, um Gräber zu schaufeln. Er forderte auch mich auf. Er war sehr geschäftig. Er forderte einen in einem Ton auf, als habe er schon lange auf eine Gelegenheit gewartet, ein Grab zu schaufeln. Und ein großes – für viele.«

Er trank seinen Tee aus, aß und nahm einen Kognak. Seine kastanienbraunen Locken waren trocken geworden und hatten sich gelockert. Die trüben Augen bekamen einen helleren Glanz.

»Eine ungeheuerliche Kraft legten einige an den Tag«, ging er seinen Erinnerungen nach, während er in sein leeres Glas starrte. »Es ist doch nicht möglich, Makarow, mit der Hand, mit den Fingern, die Haut von einem Schädel herunterzureißen? Nicht die Haare, sondern die Haut?«

»Nein«, sagte Makarow finster und überzeugt.

»Aber einer hat sie heruntergerissen. Er hat sich mit den Nägeln in den Nacken eines Dicken neben mir gekrallt und ein Stück Haut herausgerissen. Der Knochen wurde sichtbar. Er ist es auch gewesen, der als Erster mich geschlagen hat ...« »Sie müssen schlafen«, sagte Makarow. »Kommen Sie mit ...«

»Eine unglaubliche Kraft haben sie an den Tag gelegt«, murmelte der Student, während er gehorsam Makarow folgte.

»Wie hat sich das alles abgespielt?« fragte der Diakon am Fenster.

Man antwortete ihm nicht. Klim fragte sich, wie wohl der Zar handeln werde, und fühlte, daß er zum erstenmal an den Zaren wie an ein reales Wesen dachte.

»Was werden wir denn jetzt tun?« fragte wieder der Diakon, wobei er das Fürwort scharf betonte.

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