Das Leben des Klim Samgin
- Автор: Горький Максим
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Das Leben des Klim Samgin». Краткое содержание книги:
»Im Grunde ist die Stadt wehrlos«, sagte Klim, aber Makarow war nicht mehr auf dem Dach, er war unbemerkt hinuntergestiegen.
Dröhnend galoppierten schwarze Pferde, die vor grüne Wagen gespannt waren, über das graue Steinpflaster des Fahrdamms. Die Messingköpfe der Feuerwehrleute blitzten, und alles dies war sonderbar wie ein Traum. Klim stieg vom Dach hinab und trat in die kühle Stille des Hauses. Makarow saß hinter einer Zeitung am Tisch und las, während er starken Tee schlürfte.
»Nun, wie steht es?« fragte er, ohne die Augen vom Zeitungsblatt zu erheben.
»Ich weiß nicht, aber es scheint, als ob ...«
»Wahrscheinlich eine Schlägerei«, sagte Makarow und schnippte mit den Fingern gegen die Zeitung, »Was für Abgeschmacktheiten die schreiben ...«
Fünf Minuten lang tranken beide schweigend ihren Tee. Klim horchte auf das Scharren und Stampfen auf der Straße, auf die übermütigen und bangen Stimmen, Plötzlich, als habe sich ein unmerklicher, aber starker Wind erhoben, war der ganze Lärm der Straße wie fortgeblasen, und nur das schwere Dröhnen eines Fuhrwerks und Schellengeläute blieb zurück. Makarow stand auf, trat ans Fenster und sagte von dorther laut:
»Da hast du auch die Lösung. Sieh nur!«
Durch die flaggengeschmückte Straße schritt mit festem Hufschlag ein schweres, langmähniges braunes Pferd mit zottigen Beinen. Es schüttelte betrübt seinen großen Kopf und ließ den Stirnschopf tanzen. Am Kummet ging ein breitschultriger, bärtiger Kutscher. Er hatte seinen kahlen Kopf entblößt. Ein Teil der Zügel hing ihm über die Schulter. Er blickte vor sich hin, und alle Leute blieben stehen und nahmen vor ihm ihre Mützen und Hüte ab. Unter der neuen Wagendecke streckte sich ein bis zur Schulter nackter, grau und rot gefärbter Arm hervor und wackelte, als flehe er um ein Almosen. An einem Finger der Hand glänzte ein goldener Ring. Neben dem Arm schaukelte ein rothaariger, zerzauster Zopf. Am Hinterteil des Wagens zuckte in einem staubigen Stiefel ein widernatürlich auf die Seite gedrehter Fuß.
»Sechs Mann«, murmelte Makarow. »Es ist klar, daß es sich um eine Schlägerei handelt.«
Er sagte noch etwas, aber obwohl im Zimmer und auf der Straße Stille herrschte, verstand Klim ihn nicht, beschäftigt, den Wagen mit den Augen zu begleiten und zu verfolgen, wie seine langsame Bewegung die entgegenkommenden Fußgänger zwang, auf dem Trottoir zu erstarren und die Köpfe zu entblößen.
Es folgte noch ein altes, wackeliges Fuhrwerk, beladen mit zerdrückten Menschen. Sie lagen frei, ihre Kleider hingen in Fetzen und zeigten staub- und kotbedeckte Körperteile. Dem Wagen schlössen sich in stetig wachsender Zahl zerlumpte, bettlergleiche Gestalten mit zerzaustem Haar und geschwollenen Gesichtern an. Sie gingen schweigend. Die Fragen der ihnen begegnenden Menschen beantworteten sie wortkarg und widerwillig. Viele lahmten. Ein Mann mit abgerissenem Bart und dem blauen Gesicht eines Erhängten hatte sich den rechten Arm auf die Schulter gelegt, wie der Kutscher die Zügel. Mit der linken Hand stützte er den Arm am Ellenbogen. Er schien etwas zu sagen, denn die Reste seines Bartes hoben und senkten sich. Fast alle diese Verstümmelten hielten sich auf der Schattenseite der Straße, als schämten sie sich oder scheuten die Sonne. Und alle schienen sie amorph und mit einer trüben Flüssigkeit gefüllt. Klim war darauf gefaßt, daß einige von ihnen beim nächsten Schritt hinfallen und als Schmutzbäche über die Straße rinnen würden. Doch sie fielen nicht, sondern schritten immerfort, und bald sah man deutlich, daß die ihnen entgegenkommenden, nicht zerschlagenen Menschen kehrtmachten und in gleicher Richtung mit ihnen marschierten. Samgin fühlte, daß gerade dieser Umstand auf ihn einen besonders niederschmetternden Eindruck machte.
»Für eine Schlägerei sind es zu viele ...« sagte Makarow mit fremder Stimme. »Ich werde gehen und mich erkundigen ...«
Samgin begleitete ihn. Als sie auf die Straße traten, schritt am Tor vorbei ein schwankender großer Mann mit vortretendem Bauch, roter Weste und bis an den Knien zerrissenen Hosen. In der Hand trug er einen zerknüllten Hut, den er mit zitternden Fingern geraderichtete, wobei er den Kopf senkte. Makarow hielt ihn am Ellenbogen an und fragte:
»Was ist geschehen?«
Der Mann öffnete seinen behaarten Mund, sah Makarow mit trüben Augen an, machte eine abwinkende Bewegung mit der Hand und ging weiter. Aber nachdem er drei Schritte getan hatte, wandte er sich mit einem Ruck um und sagte laut:
»Alle sind schuldig. Alle.«
»Die Antwort eines Verbrechers«, knurrte Makarow und spuckte wie ein Handwerker durch die Zähne.
Nun kamen aufgeregte, mitteilsame und wirre Leute. Sie schrien und heulten, aber es war schwer zu verstehen, was sie sagten. Einige lachten sogar, sie hatten schlaue und glückliche Gesichter.
Nach ihnen erschien ein hügelig beladener grüner Wagen der Feuerwehr. Am Kummet schaukelte ein Glöckchen und läutete fröhlich. Die beiden fuchsigen Pferde lenkte ein Soldat mit rotem Gesicht. Er trug ein blaues Hemd. Sein den Kopf umschließender Messinghelm leuchtete blendend. Das fröhliche Glöckchen und dieser festlich strahlende Messingkopf machten auf Samgin einen sonderbaren Eindruck. Hinter diesem Wagen folgte ein zweiter, ein dritter und dann noch einer, und über jedem erhob sich feierlich ein Messinghaupt.
»Die Trojaner«, murmelte Makarow.
Klim begleitete bestürzt eins dieser Fuhrwerke mit den Augen. Obendrauf lag ein Überzähliger, den man achtlos quer über die ordentlich der Länge nach im Wagen aufgeschichteten Leichen geworfen hatte. Er streckte nackte, ungleiche Arme unter der Segeltuchdecke hervor: der eine war kurz und ragte hölzern, mit strahlenförmig gespreizten Fingern heraus. Der andere war lang und offenbar im Armgelenk gebrochen. Er hing über den Wagenrand herab und schaukelte elastisch. Seine Hand, an der zwei Finger fehlten, glich einer Krebsschere.
»Der Stein ist ein Dummkopf. Das Holz ist ein Dummkopf«, erinnerte Klim sich.
»Ich kann nicht mehr«, sagte er und trat in den Hof zurück. Hinter dem Tor blieb er stehen, nahm seine Brille ab, wischte einen Anflug von Staub aus den Augen und dachte: »Weshalb mußte er hingehen? Er hätte es nicht dürfen ...«
Dann fiel ihm ein verunglückter Witz des Gymnasiasten Iwan Dronow ein, der das Substantivum Arm vom Verbum zerstören ableitete.
Er hörte Makarow, der vor dem Tor stand, erstaunt und fragend ausrufen:
»Halt, wohin wollen Sie?«
Gleich darauf stieß er Marakujew auf den Hof. Marakujew war barhäuptig, sein Haar zerzaust. Quer über sein dunkles Gesicht lief vom Ohr zur Nase eine eingetrocknete, rote Kratzwunde. Marakujew hielt sich unnatürlich steif, blickte Makarow aus trüben, blutunterlaufenen Augen an und fragte heiser und zwischen den Zähnen hindurch:
»Wo waren Sie? Haben Sie gesehen?«
In seinen stieren Augen, in der hölzernen Gestalt lag etwas Schreckliches, Irres. Von seinen Schultern hing ihm eine viel zu weite Jacke herab, deren eine Tasche abgerissen war. Auch sein buntes, baumwollenes Hemd war auf der Brust zerfetzt, die billige Lüsterhose mit grüner Farbe verschmiert. Am furchtbarsten erschien Klim die hölzerne Starrheit Marakujews: er stand so gewaltsam gereckt, als fürchte er, daß sein Körper in Stücke zerbrechen und sich in Staub auflösen würde, sobald er den Kopf beugte oder den Rücken krümmte. Er stand regungslos und fragte immer mit den gleichen Worten: