Das Leben des Klim Samgin
- Автор: Горький Максим
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Das Leben des Klim Samgin». Краткое содержание книги:
Ljutow kam nach zwanzig Minuten zurück, und lief im Speisezimmer auf und ab, wobei er die Hände in den Taschen bewegte, aus seinen schiefen Augen Blitze schleuderte und die Lippen krümmte.
»Volkstümler?« fragte Klim.
»So etwas Ähnliches.«
»Und du ... scheinst sie zu unterstützen?«
»Es muß sein. Die Väter opferten für die Kirche, die Kinder – für die Revolution. Ein halsbrecherischer Sprung, aber was soll man machen, Bruder? Das Leben der Rinde des ungenießbaren Brotlaibs, Rußland genannt, kann man folgendermaßen betiteln: ›Geschichte der halsbrecherischen Sprünge der russischen Intelligenz‹. Nur die patentierten Geschichtsschreiber sind ja beruflich verpflichtet, zu beweisen, daß es so etwas wie Kontinuität, Folgerichtigkeit und wie diese Schlagworte sonst heißen, gibt. Denn von was für einer Kontinuität kann bei uns die Rede sein? Man tut einen Sprung oder man erstickt.«
Er blieb mitten im Zimmer stehen, zog mit einer heftigen Bewegung die Hände aus den Taschen, faßte sich an den Kopf und brach in lautes Lachen aus.
»Wir haben uns mit der Atmosphäre vollgepumpt! Der verfluchte Diakon hat recht! Doch laß uns trinken! Ich werde dich mit einem Bordeaux bewirten – das Herz wird dir im Leibe lachen! Dunjascha!«
Er setzte sich unter fortwährendem Händereiben und Lippenbeißen an den Tisch, befahl dem Dienstmädchen, Wein herbeizubringen, rieb das dunkle Barthaar auf den Wangen und begann zu schnattern:
»Ich liebe den Diakon. Er ist klug. Tapfer. Er tut mir leid. Vorgestern mußte er seinen Sohn ins Krankenhaus bringen, und er weiß, aus dem Krankenhaus trägt er ihn nur noch auf den Friedhof. Und dabei liebt er ihn, der Diakon. Ich habe seinen Sohn gesehen. Ein Jüngling von flammender Beredsamkeit. So muß Saint Just gewesen sein.«
Klim hörte ihm zu und fühlte zu seinem grenzenlosen Erstaunen, daß Ljutow ihm heute sympathisch war.
»Vielleicht, weil ich beleidigt bin?« fragte er sich und lächelte bei dem Gedanken. Er fühlte, daß die Kränkung in ihm noch lebendig war, erinnerte sich an den Hof und das achtlose, die Genehmigung hinwerfende: »Können gehen!« des Ochranaagenten.
Dann kam Makarow, müde und finster, setzte sich an den Tisch und leerte gierig mit einem Zug ein Glas Wein.
»Ich habe ein junges Mädchen seziert, ein Dienstmädchen«, erzählte er und starrte dabei auf den Tisch. »Sie ist beim Dekorieren des Hauses aus dem Fenster gestürzt. Ein wunderbarer Bruch der Beckenknochen. In Stücke zerschlagen.«
»Laß die Toten«, sagte Ljutow. Und nach einem Blick aus dem Fenster:
»Gestern sah ich im Traum Odysseus, so wie er in der Vignette zur ersten Aufgabe von Gneditsch's ›Ilias‹ dargestellt ist. Odysseus hat den Sand aufgepflügt und besät ihn mit Salz. Mein Vater, Samgin, war Soldat, hat vor Sebastopol gekämpft, ist in die Franzosen verliebt, liest die ›Ilias‹ und ist voll Lobes: ›So ritterlich schlug man sich im Altertum!‹ Ja ...«
Er blieb mitten im Zimmer stehen, machte eine resignierte Geste mit der Hand und schickte sich an, noch etwas zu sagen, als der Diakon erschien. Er sah komisch aus in einer ärmellosen, für seine Länge viel zu kurzen Jacke und war darüber sehr betreten. Makarow begann, ihn zu necken. Er lächelte wehmütig und sagte mit seiner hallenden Stimme:
»Ich mußte den Kriegsrock der streitbaren Kirche ausziehen. Man wird sich an das weltliche Leben gewöhnen müssen. Bewirte mich mit Tee, Hausherr!«
Nach dem Tee trank man Kognak. Dann setzten der Diakon und Makarow sich ans Damebrett, während Ljutow fortfuhr, ruhelos mit zuckenden Schultern im Zimmer auf und ab zu laufen. Er trat an die Fenster, blickte vorsichtig auf die Straße hinunter und murmelte:
»Sie marschieren. Marschieren immer noch.«
Dann ließ er sich am Tisch nieder, schraubte das Licht der Lampe tiefer und schloß die Augen. Samgin, der fühlte, daß Ljutows Stimmung sich auf ihn übertrug, wollte fortgehen. Aber Ljutow redete ihn aus irgendeinem Grunde sehr zu, über Nacht bei ihm zu bleiben.
»Morgen früh gehen wir dann alle aufs Chodynka-Feld, es ist trotz alledem interessant. Übrigens kann man es sich auch vom Dach aus ansehen. Kostja, wo haben wir das Fernrohr?«
Klim blieb. Man begann, Rotwein zu trinken. Später verschwanden Ljutow und der Diakon unbemerkt, Ljutow übte auf der Gitarre, und Klim, der berauscht war, ging hinauf und legte sich schlafen. Am Morgen weckte ihn Makarow. Er war mit einem Fernrohr bewaffnet.
»Auf der Chodynka ist etwas geschehen, die Massen strömen zurück. Ich gehe aufs Dach. Kommst du mit?«
Samgin hatte nicht ausgeschlafen und keine Lust, auf die Straße zu gehen. Auch auf das Dach stieg er nur ungern. Von dort aus sähen auch unbewaffnete Augen eine graugelbe Nebelwolke über dem Feld. Makarow sah durch das Rohr, gab es Klim weiter und sagte, verschlafen blinzelnd:
»Kaviar.«
In der Tat, das von jener rätselhaften Wolke bedeckte Feld schien mit einer dicken Kaviarschicht bestrichen, in deren Masse, zwischen den feinen, runden Körnchen, die roten und weißen Flecke der Häute durchschimmerten.
»Rote Hemden, wie Wunden«, murmelte Makarow und gähnte mit einem heulenden Laut. »Man hat also gelogen, es ist nichts vorgefallen«, fuhr er nach einer Weile fort. »Diese konzentrierte Dummheit ist ein langweiliger Anblick.«
Er strich sich über das ungekämmte Haar, setzte sich neben den Kamin und sagte:
»Wladimir hat nicht im Haus übernachtet. Er ist soeben erst erschienen. Aber nüchtern ...«
Die ungeheure, bunte Stadt summte und brüllte. Unaufhörlich läuteten Hunderte von Glocken. Trocken und deutlich ratterten die Räder der Equipagen über das ausgebeulte Pflaster. Alle Laute verschmolzen zu einem einzigen, mächtigen Orgelton. Das schwarze Netz der Vögel kreiste geräuschvoll über der Stadt, doch nicht einer unter ihnen flog in der Richtung zum Chodynka-Feld. Dort, weit fort auf dem ungeheuren Feld, unter der schmutzigen Nebelhaube, war die eng zusammengepreßte Kaviarmasse der Menschen noch kompakter geworden. Sie schien nunmehr ein einziger Körper, und nur wenn man die Augen sehr stark anstrengte, konnte man ein kaum merkliches Beben der Kaviarkörnchen wahrnehmen. Zuweilen sah es so aus, als schlüge sie Blasen, die aber rasch wieder in dem zähen Teig versanken. Auch von dort drang Lärm zum Dach hinauf, aber nicht der jubelnde Lärm der Stadt, sondern ein winterliches Geräusch, das an das Heulen des Schneesturms erinnerte. Es schwebte langsam und unaufhörlich heran, ertrank aber rasch im Glockenläuten, Dröhnen und Heulen.
Samgin sah, ohne das Auge vom Messingring des Fernrohrs loszureißen, verzaubert auf das Feld. Die unermeßliche Menge ließ ihn an die Kreuzzüge denken, die ihn in seiner Kindheit geschreckt hatten. An die vieltausendköpfigen Wallfahrten zum wundertätigen Bild der Mutter Gottes von Oran. Durch den Sturzbach des Lärms drang Onkel Chrisanfs Ausruf in sein Gedächtnis:
»Kommet, auf daß wir anbeten und niederfallen!«
Er unterschied, wie die Erde unter der Schwere der Massen wellenförmig schwankte, und wie die Bälle der Köpfe emporhüpften gleich Kaffeebohnen auf einer heißen Röstpfanne. In diesen Zuckungen lag etwas Unheimliches, und der Lärm verwandelte sich allmählich in den klagenden und drohenden Gesang eines ungeheuren Chors.
Man hatte das Gefühl, wenn diese Masse plötzlich in die Stadt flutete, würden die Straßen dem Ansturm dieser dunklen menschlichen Wogen nicht standhalten können, die Menschen würden die Häuser umstürzen, ihre Trümmer zu Staub zerstampfen und die ganze Stadt vom Erdboden wegfegen, wie eine Bürste den Schmutz.
Klim richtete jetzt das Fernrohr auf die unermeßliche Anhäufung der mannigfachsten Gebäude Moskaus. Die Luft über der Stadt war klar. Die goldenen Kreuze der Kirchen, in denen sich die Sonne spiegelte, durchbohrten sie mit spitzen Strahlen, die sie unter den roten und grünen Vierecken der Dächer verstreuten. Die Stadt erinnerte an eine alte, unsaubere und an einigen Stellen zerrissene Decke, die bunt mit Stücken Zitz geflickt ist. In ihren länglichen Rissen wimmelten die kleinen Figuren der Menschen, und es schien, als würde ihre Bewegung immer unruhiger und planloser. Sie begegneten einander, blieben stehen, sammelten sich in kleinen Gruppen und gingen dann alle in einer Richtung weiter oder rannten auseinander wie Erschreckte. In einem Spalt der Stadt tauchte eine blaue Abteilung Berittener auf. Wie Spielzeug aus Gummi hüpften sie zusammen mit ihren Pferden über den Straßendamm. Über ihren Köpfen schaukelten gleich Angelruten die dünnen Schäfte der Lanzen, die Pikenspitzen, die wie Fische aussahen, blitzten in der Luft.